Box-Blog

Über das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Boxer am Beispiel von Torsten Schmitz

with 2 comments

Den Boxtrainer Torsten Schmitz zieht es weiter – auf zu neuen Ufern. Es ist ihm nicht zu verdenken, denn eine Festanstellung bei dem größten deutschen Veranstalter, Sauerland Event, ist schon verlockend. Na ja, und so eine freiberufliche Trainertätigkeit dürfte auch kein Zuckerschlecken sein. Dementsprechend stellt sie keine Verpflichtung dar, der man nachkommen muss. Jedenfalls verlässt er nun seinen Weltmeister Robert Stieglitz kurz vor einem entscheidenden Kampf, um zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln. Der Eindruck, den mir Schmitz damit vermittelt, könnte folgendermaßen zusammengefasst werden: Meine Rolle in der Vorbereitung auf einen Kampf, auch auf einen WM-Kampf, ist so unbedeutend, dass ich, Torsten Schmitz, jederzeit ausgewechselt werden kann, ohne dass dies irgendwelche Folgen für meinen Kämpfer hätte. – Als Außenstehender fragt man sich dann aber natürlich schon: Wieso engagiert jemand Schmitz dann überhaupt als Trainer?
Nach einer relativ langen und erfolgreichen Amateurkarriere (250 Kämpfe mit 215 Siegen, Junioreneuropameister 1982, WM-Dritter 1986 und 1991 und WM-Zweiter 1989, DDR-Meister 1983, 1984, 1987 und 1989). 1996 wurde Schmitz Trainer bei Universum Box-Promotion. Er betreute u. a. Bert Schenk, Regina Halmich, Michel Trabant und Luan Krasniqi. Das Karriereende von Regina Halmich im November 2007 bedeutete für ihn zugleich den Verlust der Anstellung beim hamburger Boxstall. Danach betreute er freiberuflich Robert Stieglitz, der für Sport Events Steinforth (SES) boxt.
Robert Stieglitz (40 Kämpfe, 38 Siege, 23 durch KO, 2 Niederlagen, 2 durch KO), eigentlich Sergei Stieglitz, in Jeisk, im heutigen Russland, geboren, wurde mit seinem Trainer Schmitz am 22. August 2009 gegen den Universum-Boxer Károly Balzsay WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht. Nur wenige Tage vor der dritten Titelverteidigung am 20.11.2010 gegen Enrique Ornelas (36 Kämpfe, 30 Siege, 20 durch KO, 6 Niederlagen, 1 durch KO) in Dresden verlässt Schmitz jetzt seinen Schützling und wechselt zum Boxstall des Promoters Wilfried Sauerland nach Berlin.
Das Thema Fairness spielt nun im Profiboxen inzwischen eine so untergeordnete Rolle, dass ich in diesem Zusammenhang darauf nicht eingehen möchte. Eine andere Sache ist allerdings das besondere Verhältnis zwischen Trainer und Boxer, von dem man doch so gerne spricht. Welches Signal sendet Torsten Schmitz da eigentlich mit einer solchen Handlungsweise an seine künftigen Boxer? Für mich heißt das: So lange ich kein besseres Angebot bekomme, bin ich auf deiner Seite, in deiner Ecke. Bekomme ich aber ein besseres Angebot, bin ich sofort weg. Seine Begründung kann ich mir auch schon vorstellen. Sie wird dann wohl wieder lauten: „Job ist Job. Ich muss am Sonnabend XY in XY betreuen.“ Ich persönlich bin mir aber sehr sicher, dass ich einem solchen Trainer meinen Sohn oder meine Tochter bestimmt nicht anvertrauen würde, wenn denn meine Kinder, bzw. mein Sohn boxen würde. Ob also ein solches Verhalten, oder soll man sagen, ein solcher Charakter, die Grundlage für ein vertrauensvolles Trainer-Boxer-Verhältnis sein kann, sei dahin gestellt.
Ein anderer interessanter Aspekt ist, dass es schon verwunderlich ist, dass der größte Box-Veranstalter Deutschlands sich überhaupt die Mühe macht, einem Mitbewerber so zu schaden. Denn SES spielt doch offensichtlich nicht in derselben Liga wie Sauerland Event, auch wenn Ulf Steinforth das nun behauptet.
Man kann sich schlechterdings nicht vorstellen, dass dem berliner Veranstalter der WM-Kampf von Robert Stieglitz entgangen sein sollte. Also, wieso macht Sauerland Event so etwas? Machen sie es nur, weil sie es können? Wenn sich ein solcher Riese mit solcher Wucht auf einen im Vergleich zu ihm so viel Kleineren und Schwächeren stürzt, sieht das jedenfalls irgendwie nicht sonderlich souverän an.
Sauerland hätte ja Größe zeigen können und Torsten Schmitz unter Vertrag nehmen, um ihn bis nach dem WM-Kampf freizustellen. Das in Verbindung mit ein paar netten Presseerklärungen und guten Wünschen für Stieglitz („Wir drücken Stieglitz die Daumen!“), das hätte Klasse gehabt. Aber diese Form von Klasse und Souveränität ist wohl nicht en vogue.
Ob es nun Skrupellosigkeit von Torsten Schmitz war, oder eiskaltes Kalkül von Sauerland Events, oder knallharter Egoismus oder nur Unachtsamkeit Beider -, was auch immer es gewesen sein mag, ein solches Verhalten ist in meinen Augen, auch wenn es vielleicht üblich ist, ganz schlechter Stil.
© Uwe Betker

2 Antworten

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  1. Welch ein Unterschied zu einem solchen Trainer wie Angelo Dundee. Zugegeben einer der ganz großen Trainer überhaupt. Angelo hatte das Talent von Cassius Clay (aka Muhammad Ali) schon frühzeitig gesehen und sollte ihn trainieren. Er lehnte es aber erst einmal ab, da er seine bisherigen Kämpfer hätte vernachlässigen müssen. Dabei erahnte er seinerzeit die sportlichen und finanziellen Möglichkeiten.
    Er wollte erst einmal seine Kämpfer so gut wie möglich betreuen, ließ sie nicht im Stich. Soviel Größe wäre heute wohl undenkbar. Warum eigentlich?

    Benno Roick

    19. November 2010 at 23:59

    • Das ist der Punkt. Warum kann ein T.S. nicht zu S.E. sagen: „Ja ich komme gerne zu euch, aber ich habe eine Verpflichtung der ich vorher nachkommen muss.“ – Ich bin mir nicht sicher, ob es an meinem Alter oder an meiner sog. Sozialisation liegt, dass es so viele Dinge im Boxen gibt, die ich stil-, würde-, ehr- und was weis ich für -los halte. Letztlich ist dies auch eine der Batterien, die mich antreiben den Blog jeden Tag zu schreiben.

      betker

      19. November 2010 at 23:59


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