Box-Blog

Eine Verteidigung von Arthur Abraham

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Anlässlich der zweiten Niederlage in Folge (27.03.2010 gegen Andre Direll durch DQ 11 und 27.11.2010 gegen Carl Froch durch DU 12) wird die Kritik an Arthur Abraham immer lauter. Es wurde und wird darauf hingewiesen, dass Abraham ein technisch limitierter und eindimensionaler Boxer ist, dass seine statische Doppeldeckung ihn behindert, dass er die ersten Runden immer verschläft, dass er zu klein ist und noch vieles mehr. Alles ist absolut richtig. Hinzu kommt eine generelle Kritik an deutschen Boxern bzw. am Boxen in Deutschland, die besagt, dass hiesige Boxer immer überbewertet, schwächer als dargestellt und wahrgenommen und durch clevere Promoter und ahnungslose TV-Sender geschützt würden. Die grundsätzliche Kritik lasse ich außen vor, aber der Kritik an Abraham möchte etwas entgegen halten.
Ich halte Abraham, obwohl er sich in seinem letzten Kampf wirklich nicht mit Ruhm bekleckert hat, für einen Boxer, der das Potential hat, ein ganz Großer zu werden. Heute spreche ich es aus: Ich habe schon immer gewusst, dass aus Arthur Abraham ein ganz großer Boxer wird.
Natürlich ist das gelogen. Ich habe es nicht schon immer gewusst. Aber ich habe es mir schon gedacht, als Abraham erst ganz wenige Profikämpfe absolviert hatte. Das Gym von Sauerland Event befand sich damals in einer umgebauten Schwimmhalle in unmittelbarer Nähe des Müngersdorfer Stadions in Köln. Ich war mit Markus Beyer zu einem Interview verabredet. Wenn es sich einrichten ließ, habe ich mir immer das ganze Training angesehen, um einen Eindruck von den einzelnen Boxern und von der Gruppendynamik zu bekommen.
Ein Sparring sollte die morgendliche Trainingseinheit abschließen. Arthur Abraham war als Letzter dran. Acht Runden Sparring standen auf dem Trainingsplan, der mit Tesafilm an eine Glastüre geklebt war. Die ersten vier Runden sparrte Abraham, der Mittelgewichtler, mit dem Sparringspartner von Markus Beyer, also einem Super Mittelgewichtler. Abraham sah gut aus, aber er beeindruckte mich nicht wirklich. Danach sparrte er mit dem Sparringspartner von Kai Kurzawa, also einem Halbschwergewichtler. Auch hier sah er gut aus, sogar besser als in den vorangegangenen Runden. Er ging sichtlich bis an seine Grenze und am Ende der achten und letzten Runde schnappte er schwer nach Luft.
Abraham kletterte gerade durch die Seile, als sein Trainer Ulli Wegner rief: „Arthur was machst du da? Du bist noch nicht fertig. Du musst noch vier Runden machen!“ Es folgte eines von jenen Geplänkeln zwischen Wegner und Abraham, die heute Kult sind. Abraham blieb im Ring.
Jetzt wurde es wirklich interessant. Zum einen hatte sich Abraham schon vorher komplett verausgabt. Zum anderen bekam er als Gegner einen Cruisergewichtler, also jemanden, der drei Gewichtsklassen höher boxt. Er quälte sich. Er war am Ende, aber immer wenn sein Gegenüber nur eine Sekunde inne hielt, um Luft zu holen oder einen Fehler machte, explodierte er. Abraham war sichtlich wütend auf seinen Trainer. Er kämpfte seinen Gegner, der größer, schwerer und erholter war als er, nieder. Er begnügte sich nicht damit, jede Runde zu gewinnen, er wollte seinen Sparringspartner zu Boden schlagen. Das schaffte er zwar nicht, aber ich war trotzdem sehr beeindruckt. Es war das beeindruckenste Training, das ich jemals gesehen habe.
Von diesem Tag an wusste ich: Arthur Abraham hat das Zeug dazu, ein ganz Großer werden. Abraham war ein Boxer, der anderen, auch wenn sie besser waren, seinen Willen aufzwingen konnte und dadurch in der Lage, sie zu besiegen. Wenn Abraham es schafft, wieder dieser harte und hungrige Boxer zu werden, dann wird er es auch wieder schaffen, erfolgreich zu sein, auch gegen sehr gute Gegner.
© Uwe Betker

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