Box-Blog

Rache

with 2 comments

Mahmoud Omeirat Charr hat es vor seinem letzten Kampf gemacht. Und damit ist er beileibe nicht der erste und vermutlich auch nicht der letzte Boxer, der dergleichen bringt. Er steht damit tatsächlich in einer langen Tradition, einer nicht enden wollenden Kette von, ich nenne es mal, Peinlichkeiten. Aber lassen wir den in Syrien geborenen Schwergewichtler es selber aussprechen: „Zack Page ist ein sehr erfahrener Kämpfer, der schon über 50 Kämpfe absolviert hat. Im November hat er meinen Stallkollegen Sebastian Köber geschlagen, dafür will ich jetzt Rache nehmen – für unser Land.“ Charr nahm Rache für Köber an Page.
Das Stichwort heißt hier: Rache. Zugegeben, Boxen ist ein recht archaischer Sport. Aber muss man deshalb immer und immer wieder diesen barbarischen und veralteten Begriff benutzen. Im Profiboxen wimmelt es nur so von Menschen, die für irgendetwas an irgendwem und für irgendwen Rache nehmen wollen. Hier eine kleine Auswahl:
Dariusz Michalczewski war gleich mehrfach als Rächer unterwegs. Erst schlug er Virgil Hill (13.06.1997) nach Punkten als „Rache der Tigers“ dafür, dass dieser Henry Maske (23.11.1996) besiegt hatte. Danach „rächte“ er sich selber (15.04.2000), weil er im ersten Kampf, seinem ersten Kampf (10.08.1996) gegen Graciano Rocchigiani seinen WM-Titel behalten hat. Als Michalczewski dann gegen Julio Cesar Gonzalez (18.10.2003) seine erste Niederlage einstecken musste, nahm Zsolt Erdei (17.01.2004) erfolgreich „Rache für den Tiger“.
Brian Minto schlug Axel Schulz (25.11.2006) durch TKO. In seinem nächsten Kampf (17.03.2007) wurde er dann von Luan Krasniqi nach Punkten geschlagen, was dann „Krasniqis Rache“ genannt wurde. Wiederum mehr als drei Jahre später (01.05.2010) boxte Marco Huck auch gegen Minto. Vor dem Kampf schwor Huck feierlich Rache für Axel Schulz und siegte dann auch vorzeitig.
Die „Rache des Bruders“, Vitali Klitschko nimmt Rache für Wladimir Klitschko und umgekehrt, haben wir schon in so vielen Auflagen gesehen, dass es mich schon fast an einen Running Gag, also ein Dauerwitz, erinnert, der überstrapaziert wurde. Seltsam bei den Rächern Klitschko ist aber, dass der doch angekündigte „Rache-Kampf“ gegen den „Klitschko Köpfer“ David Haye noch immer nicht zu Stande kam. Es scheint fast so, als ob hier das archaische Gefühl der Rache auch mal erfolgreich unterdrückt werden kann.
Wo man auch hinsieht, überall geht es um Rache. Dabei wird auch Rache genommen für Dinge, die schon Jahre zurückliegen oder für Boxer konkurrierender Veranstalter oder für Siege, die man selbst zugesprochen bekommen hat. Was ich mich aber immer gefragt habe, ist bei all dem: Wissen die Boxer, die Veranstalter, die PR-Abteilungen und die Journalisten eigentlich überhaupt, was Rache bedeutet?
Wikipedia definiert: „Rache ist eine Handlung, die den Ausgleich erlittenen Unrechts bewirken soll.“ Seit wann ist es ein Unrecht, wenn der eine Boxer den anderen besiegt? Und was soll es mit Unrecht auf sich haben, wenn Dariusz Michalczewski noch einmal gegen Graciano Rocchigiani boxen muss? Das einzige Unrecht, das wohl tatsächlich ausgeglichen gehört, ist die Köpf-Entgleisung von David Haye. Aber gerade hier scheinen Realitäten wie Honorarforderungen oder sportliches Risiko dann doch ein solches Gewicht zu bekommen, dass die sich so häufig rächenden Klitschko-Brüder von einer Rache auch mal absehen können.
© Uwe Betker

2 Antworten

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  1. Eine Rache ist aber gerechtfertigt: Als Rächer der Entnervten könnte doch endlich jemand uns von diesem Mist befreien.

    Vorstellbar wäre auch bei einem Re-Match, dass der im 1. Fight Unterlegene den Flecken im Kampfrekord ausbügeln will. Rache ist das aber auch nicht. Aber alles andere, Rache für befreundete Boxer, Brüder usw. ist stillos und kann gefährliche Angewohnheiten einüben.

    Boxen ist aber ein Einzelsport und kein Mannschaftssport. Daher ist das fehl am Platze.

    Die andere Seite der Medaille ist, dass nach dem Kampf die Spitzenkämpfer dem Publikum geradezu in den Arsch kriechen. „Ihr seid die Besten……….!“ usw. „Ich bedanke mich bei …..“. usw.usf. zusammen mit Jubelgeschrei und Ausflippen der Zuschauer.

    Da lobe ich mir die stille Würde, wie ein George Foreman seinen Sieg entgegengenommen hat. Und wie es großteils noch in den USA üblich ist. Eben mit Stolz, Würde.

    Benno Roick

    16. Dezember 2010 at 23:59

    • George Foreman haat es aber erst spät gelernt. Bei den Olympischen Spielen hielt er nach kleine amerikanische Fähnchen in den Handschuhen um sich von Tommie Smith und John Carlos zu distanzieren.

      betker

      16. Dezember 2010 at 23:59


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