Box-Blog

Reggie Gross (2)

with 6 comments

Der am 01.01.1962 in Baltimore geborene als Reginald Gross lebt heute im Staatsgefängnis Memphis / Tennessee, wo er eine 75-jährige Gefängnisstrafe absitzt – Insassennummer 26215-037. Dabei war Gross ein viel versprechender Boxer in den 80er Jahren.
Gross wurde von seiner allein erziehenden Mutter aufgezogen. Sein Vater Russell Allston wurde in einer Auseinandersetzung auf der Straße erstochen, als Reggie drei Tage alt war. Sie zogen öfters um, einige der Nachbarschaften in den sie lebten, waren bevölkert von Heroin- und Kokainsüchtigen. Mit 13 wurde Gross wegen Taschendiebstahl verhaftet, danach lebte er mehrere Jahre in Wohngruppen für jugendliche Straftäter. Dort lernte er auch die erste Lektion Boxen.
1979 arbeitete er auf dem Bau und träumte davon, der nächste Muhammad Ali zu werden. So fand er seinen Weg zu Mack Lewis. Der legendäre Trainer Lewis, der im November 2010 im Alter von 92 Jahren starb, war eine Institution in Baltimore. Hunderte von Boxern trainierte er in mehreren Jahrzehnten in seinem berühmten Eager Street Gym. Seinen größten Erfolg hatte er mit Vincent Pettway, der unter seiner Führung Weltmeister im Junior Mittelgewicht wurde. Auch Hasim Rahman erlernte bei ihm das Boxen.
Lewis formte aus dem 1 Meter 91 großen, jungen, muskulösen Mann einen guten Halbschwergewichtler. Er hatte nur 22 Amateurkämpfe, von denen er 19 gewann. Dann wurde er Profi (07.01.1982), nach nur 11 Monaten Training. Er lebte bei seinen Großeltern und seine Karriere entwickelte sich gut. Er gewann seine ersten 14 Kämpfe in Folge. Einer von denen, die er hier besiegte, war der spätere Weltmeister im Halbschwergewicht Charles Williams (12.03.1983, KO 1). Diese Erfolge verhinderten aber nicht, dass Gross auch an seiner kriminellen Karriere arbeitete. Der Verkauf von Drogen versprach viel Geld und er nahm Kokain. Zum einen trainierte er im Gym von Mack Lewis. Er wollte den boxerischen Erfolg. Gleichzeitig lockte aber auch das schnelle Geld.
Anfang 1984 passierte etwas, wodurch er dann aufhörte, ein Boxer zu sein. Sein damals 5-jähriger Sohn Philip verbrannte bei einem Feuer im Haus seiner Großeltern. Danach war Gross nicht mehr derselbe. Er bekam zwar noch drei Kinder, und er boxte auch noch weiter, aber er war nicht mehr mit dem Herzen dabei. In dieser Zeit verlor er seine ersten Kämpfe (Anthony Witherspoon, 11.04.1984, L TKO 7 und 1984-05-23 Jack Johnson, 23.05.1984, L10).
Gross gewann und verlor Kämpfe. Diejenigen, gegen die er verlor, kennt man noch heute (Jesse Ferguson, 20.09.1984, TKO 3 und Henry Tillman, 04.03.1986, L 10). Aber er war auch immer noch für eine Überraschung gut. So brachte er dem ungeschlagenen Bert Cooper (31.01.1986) seine erste Niederlage bei (TKO 8).
Dann kam der Kampf gegen den Gegner, den sich alle ambitionierten Schwergewichtler wünschten, der Kampf gegen Mike Tyson, der mehrfach verschoben worden war. Ein Kampf versprach mediale Aufmerksamkeit (HBO), eine gute Börse ($ 50.000) und bei einem Sieg die Chance auf noch mehr Geld. Tyson war auf dem Zenit seines Könnens. Obwohl Gross hart traf und ihn erschütterte, fällte Tyson Gross dann mit zwei linken Haken.
Während Gross aber noch auf seinen Kampf gegen Tyson wartete, nahm seine andere Karriere richtig Schwung auf. Er verübte mehrere Raubüberfälle, zum einen um Drogen, zum anderen um Geld für Drogen zu erbeuten. Er war wohl auch in den blutigen Drogenkrieg verwickelt, der auf den Strassen von Baltimore tobte. Seine Einnahmen als Boxer reichten einfach nicht aus, um seinen Drogenkonsum zu finanzieren.
Es folgten noch ein paar große Kämpfe/Niederlagen gegen Frank Bruno (30.08.1987), Adilson Rodrigues (11.10.1987) und Donovan Ruddock (27.061988). Dann war die Box-Karriere von Gross zu Ende: 27 Kämpfe, 19 Siege, 14 durch KO, 8 Niederlagen, 5 durch KO. Seine andere, die kriminelle, Karriere ging weiter.
Bereits 1986 war er fest genommen und angeklagt worden wegen eines exekutionsähnlichen Mordes an einem Mitglied einer rivalisierenden Gang. Er soll einen Mann niedergeschossen und ihm dann fünf weitere Kugeln in den Kopf geschossen haben, während der Mann um sein Leben bettelte und versuchte weg zu kriechen. Obwohl Zeugen dies im Prozess aussagten, wurde Gross freigesprochen. Gross beteuert bis heute seine Unschuld.
Im Sommer 1989 wurde Gross erneut angeklagt. Das FBI hatte die Drogen-Gang unterwandert. Er musste sich unter anderem wegen Mordes an zwei Drogendealer mit einer Maschinenpistole verantworten. Er bekannte sich schuldig für diese zwei und noch einen weiteren Mord. Heute sagt er, dass er das nur getan hätte, weil er auf Entzug gewesen wäre. Gross wurde zu einer Haftstrafe von 75 Jahren verurteilt.
© Uwe Betker

6 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Lieber Uwe,

    dazu fällt mir der Song von Randy Newman ein: „Oh, Baltimore, man it´s hard just to live…“
    Danke für die gute Geschichte, Bertram

    Bertram Job

    27. Dezember 2010 at 23:59

  2. bei dem lebenslauf können sich einem echt die nackenhaare aufstellen. ich weiß ja nicht wie gut du informiert bist, aber es gibt eine serie namens the wire. die figur Omar Little wurde der reellen person Donnie Andrews nachempfunden. andrews war derjenige mit dem gross in der septembernacht losgezogen ist als er den mord mit der maschinenpistole begangen hat.

    würde gerne mal seinen kampf gegen frank bruno sehen, da hat er ja recht lange und gut gegengehalten. weißt du wo man ihn finden kann.

    gross schlagkombos am anfang wirkten auf mich (einen laien) aber bedrohlicher als der von dir angesprochene einzelne linke uppercut.
    meinst du gross hätte gegen eine entschärfte tysonversion ( bruno ruddock kämpfe) gewinnen können?

    war der drogenkrieg in baltimore einer von vielen oder etwa herausragend?

    finde ich gut das sich auch jemand mit den interessanten geschichten der weniger populären boxer beschäftigt.
    die geschichte von mitch blood green würde deine sammlung mit sicherheit bereichern.

    hollywood jack

    13. März 2013 at 23:59

    • Danke für die Blumen.
      Natürlich würde ich am liebsten nur solche Geschichten schreiben, aber mehr als ein Geschichte hin und wieder ist nicht drin. Solche Geschichten brauchen sehr viel Zeit für Recherche und manchmal auch Geld.
      Ich schrieb mal eine Geschichte über Anthony Fletcher, der heute in der Todeszelle sitzt. Bis die Geschichte rund war, hatte ich jahrelang mit ihm Briefe gewechselt, Akten durchgearbeitet und ihn finanziell unterstützt, so dass er überhaupt mit der Außenwelt komunizieren konnte. Zwar wurde sie dann von der FAZ gedruckt, aber das Honorar deckte noch nicht einmal die Portokosten. Nicht falsch verstehen: ich habe es gerne und gemacht und es war mir ein Bedürfnis die Geschichte zu schreiben, aber es unendlich u.a. viel Kraft gekostet.
      Die Geschichte über seinem Bruder (FRank Fletcher) kann man auf meinem Blog lesen.

      Was Gross angeht, so hätte er, wenn den seine Karriere anders gelaufen wäre, Männer wie Bruno und Ruddock schlagen können, Aber …

      Was den Vergleich von Schlagkombos und Uppercuts angeht kommt es auf die Intenstion an. Also werden sie mit „bad intention“ geschlagen oder nicht.

      Die Städte in den USA waren alle drogenversäucht in einem Ausmaß, welches wir uns heute kaum noch vorstellen können. Wir kennen die Städte nur aus Filmen, aber Filme haben die Eigenschaft eine ästhetisch Qualität zu haben. Die Menschen die dort gelebt haben waren deformiert.

      Wenn wir schon bei deformiert sind. Mitch Blood Green ist auch so einer. Ich traf ihn mal, vor langer Zeit im Gleasons Gm in New York. Er macht gerade Sparring und es sah aus wie Krieg. Habe später ein paar Worte mit ihm gewechselt, auch mit der Idde etwas zu schreiben, aber meine innere Stimme sagte zu mir: Finger weg! Und ich versuche auf diese Stimme zu hören.

      betker

      13. März 2013 at 23:59

      • ich meinte die schlagserie unmittelbar bevor tyson mit seinen pendelbewegungen angefangen hat,da wirkte er eher angeschlagen als nach dem aufwärtshaken.

        ich meinte nicht ob er unter anderen voraussetzungen gegen bruno oder ruddock hätte gewinnen können sondern: es ist ja bekannt das tyson nach rooneys entlassung ab 1989 dem ersten bruno kampf die schläge nicht mehr richtig ausgependelt hat.

        wie wäre wohl ein kampf reggie gross (aus eben jener begegnung) gegen die entschärfte tysonversion verlaufen?

        in welchem jahr hast du mitch green besucht und wieso finger weg, wie war er denn drauf?

        noch was: tyson vs spinks
        ko 1. runde das war doch eher ne hinrichtung als n boxkampf.
        das war der letzte kampf von spinks und gleichzeitig das letzte mal das man tyson in der unverfälschten form sehen konnte. danach ging es bergab.
        es ist doch schon ein makaberer zufall das reggie gross letzter kampf gegen ruddock ausgerechnet im vorprgramm dazu stattfand.

        hollywood jack

        14. März 2013 at 23:59

      • Es hört sich seltsam an, aber der Tod von Cus D’Amato leitet das Ende von Tyson ein. Natürlich wurde Tyson erst nach dem Tod von D’Amato Weltmeister, aber D’Amato war der Einzig, dem Tyson einigermaßen vertraute. Das hat wohl auch damit zu tun, dass beide eine ähnliche Persönlichkeitstruktur hatten.

        Mitch Green traf ich irgendwann 1982 im Gleasons Gym in Brooklyn. Dort machte er Sparring, das aussah wie ein Krieg – unglaublich. Damals war er einer der kommenden Schergewichtler. Nach dem Sparring sprach ich ihn an und … Irgendetwas sagte mir: Finger weg! Ich kann gar nicht sagen, was es war, aber ich höre, wenn möglich auf meine innere Stimme. In der Regelfahre ich ganz gut dabei.

        betker

        23. März 2013 at 23:59


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: