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Frauen arbeiten härter – oder wie Özlem Sahin sich auf ihre Doppelweltmeisterschaft vorbereitet

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Wenn sich Boxer, die wir aus dem Fernsehen kennen, auf einen wichtigen Kampf vorbereiten, dann können wir davon ausgehen, dass alles getan worden ist, damit sie sich auch auf ihre Vorbereitung konzentrieren können. Beispielsweise bereitet sich Wladimir Klitschko schon seit 10 Jahren gerne beim Stangelwirt in Kitzbühl vor. Die Boxer von Sauerland Event GmbH, unter der Führung von Trainer Ulli Wegner, trainieren in ihrem eigenen Gym beim Olympiastadion Berlin, aber sie schlagen auch gerne ihr Trainingslager im Bundesleistungszentrum Kienbaum oder in Zinnowitz auf Usedom auf. Auf jeden Fall brauchen sich die Boxer um nichts anderes zu kümmern, als darum zu trainieren und sich auf ihre Kämpfe zu konzentrieren.
Aber machen wir uns nichts vor: Das ist die Ausnahme. Die meisten Profiboxerinnen und Profiboxer sind in einer deutlich weniger privilegierten Lage. Sie haben üblicherweise einen normalen Beruf und müssen für ihren Lebensunterhalt arbeiten, um sich das Profiboxen überhaupt leisten zu können. Wladimir Klitschko ist eine Ausnahme, und mit seinem Trainingslager im Bio-Hotel mit fünf Sternen und dem ganzen zugehörigen Aufwand ist er sicher an dem einen Ende der Skala anzusiedeln. Özlem Sahin findet sich im Gegensatz dazu mit ihrer Vorbereitung für ihre WM am 07. November in Ludwigsburg am anderen Ende des Spektrums.
Asiye Özlem Sahin wurde 1976 in Trabzon in der Türkei geboren. Sie kam mit 11 Jahren nach Deutschland. Mittlerweile hat sie die deutsche Staatsangehörigkeit und sprich mit einem leicht schwäbischen Tonfall. Für Baden-Württemberg fungierte sie als Botschafterin bei der letzten Einbürgerungskampagne „Mein deutscher Pass“. Sahin ist Boschlerin. Sie ist Werk-Verpackungsbeauftragte bei Bosch, d.h. sie ist die oberste „Verpackerin“ von Bosch und dafür verantwortlich, dass alle Waren vom Bosch Werk Waiblingen unbeschädigt zu den Kunden kommen. Es ist ein verantwortungsvoller Beruf, den sie gerne und mit Verve ausübt. Gleichzeitig ist sie aber auch noch Profiboxerin. Und in diesem Bereich hat sie es bis zur Doppelweltmeisterin im Minimumgewicht gebracht. Letztes Jahr errang sie in Wien die Titel der WIBF und GBU. Man muss dazu ganz klar sagen: Ohne die Unterstützung ihres Arbeitgebers könnte die 39jährige gar nicht als Profiboxerin in den Ring steigen. Sahin profitiert von dem Diversity Programm von Bosch. Ihr Arbeitgeber ermöglicht es ihr, ihre Arbeitszeiten flexibel zu gestalten und gegebenenfalls auch unbezahlten Urlaub zu nehmen.
„Ich liebe das Boxen. Ich liebe fast alles daran. Ich liebe es zu trainieren und im Augenblick kann ich mir ein Leben ohne Training nicht vorstellen. Auch die Kampfvorbereitungen liebe ich, obwohl ich irgendwann wie in einem Tunnel bin und nur noch auf den Moment hin fiebere, wenn ich endlich im Ring stehe. Man sagt mir, dass ich manchmal etwas gereizt und dünnhäutig bin. Aber ich liebe es einfach. Lediglich den Weg von der Umkleidekabine zum Ring, den mag ich nicht. Da will ich dann nichts und niemanden sehen. Daher trage ich gerne einen Mantel mit einer großen Kapuze, unter der ich mich verstecken kann. Aber kaum stehe ich im Ring, ist alles wieder gut.“
Worüber Sahin weniger gerne spricht, ist die Tatsache, dass ihre Liebe zum Boxen ziemlich einseitig ist. Materiell lohnt sich ihr Tun nämlich nicht. Sie hat weder einen Manager, noch einen Veranstalter, geschweige denn einen Fernsehsender, der sie unterstützt. Sie macht alles selbst. Sie sucht sich Veranstaltungen, auf denen sie ihre Kämpfe einbringen kann. Sie hat nur einen Sponsor (GAZI), der sie darin unterstützt, ihre Kämpfe zu finanzieren. Man stellt sich gemeinhin vor, dass man als Weltmeisterin im Profiboxen doch gutes Geld verdienen müsste. Und die Veranstalter sollten dafür zahlen, sie in ihrer Show auftreten zu lassen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Sahin boxt in der Regel für umsonst auf den Veranstaltungen und trägt alle Kosten selber. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sie eine Frau ist. Deutsche TV-Anstalten wollen in der Regel keine boxenden Frauen zeigen. Angeblich gibt es hierfür keine Zuschauer. Aber das ist ein Thema, über das Sahin ungern spricht.
Sahin lässt sich von solchen Widrigkeiten nicht beirren. Sie boxt am 07. November in ihrer Heimatstadt Ludwigsburg auf der Charity Veranstaltung „Blaue Flecke für soziale Zwecke“. Den Hauptkampf des Abends bestreitet natürlich ein Mann, nämlich Uwe Hück, der Konzern-Betriebsratsvorsitzende und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Porsche AG. Der Hobbyboxer Hück boxt gegen den 46-jährigen Schwergewichtler Francois Botha, der vor 19 Jahren mal gegen Axel Schulz und vor 13 Jahren gegen Wladimir Klitschko boxte.
Für ihren Auftritt bei dieser Show musste Sahin, wie schon so oft, sich selbst die Gegnerin suchen bzw. von Freuden suchen lassen – ein nicht einfaches Unterfangen. Sie boxt schließlich im Minimumgewicht, und es gibt praktisch keine Frauen in der Gewichtsklasse bis 47,627 kg in Europa. Ihre nächste Gegnerin, Gretchen Abaniel, kommt von den Philippinen. Sie wird von Womens Boxing, der Internetseite für Frauenboxen, auf Platz sieben ihrer Weltrangliste geführt. Das heißt nun aber nichts anderes, als dass Abaniel eine sehr gefährliche Gegnerin ist. Aber das will Sahin auch. „Wenn ich um die Weltmeisterschaft boxe, muss meine Gegnerin auch einer Weltmeisterschaft würdig sein. Wenn jemand Geld für eine Eintrittskarte ausgibt, um mich boxen zu sehen, muss ich ihm auch etwas dafür bieten. Das bin ich meinen Fans und mir schuldig.“
Für ihren WM Kampf im November nimmt sie viel auf sich. Die Vorbereitungszeit beträgt acht Wochen. Die ersten vier Wochen sehen so aus: Montags bis mittwochs arbeitet sie Vollzeit in ihrem Büro bei Bosch Waiblingen. Montags hat sie nach der Arbeit frei. Dienstags läuft sie nach der Arbeit 6 Km. Mittwochs fährt sie nach der Arbeit 395 Km nach Kerpen, wo ihr Wettkampftrainer Frank Lubitz, der auch Eisenmeister genannt wird, sein Gym hat. Von Donnerstag bis Samstag trainiert sie dreimal pro Tag. Sonntags trainiert sie nur zweimal, weil sie ja nachmittags wieder zurück nach Ludwigsburg muss. Donnerstag und Freitag arbeitet sie dann noch im Homeoffice in ihrer für zwei Monate gemieteten Wohnung.
„Leider fand ich keine Möglichkeit, bei mir in der Nähe zu trainieren und Sparring zu machen. So kam ich dann zum Eisenmeister. Frank Lubitz ist einer der besten Boxtrainer der Welt, und für mich ist er sowieso der beste. Aber er ist auch einer der härtesten Trainer der Welt. Ich wurde noch nie so gequält, wie von ihm. Für ihn und sein Training stehe ich sogar früh auf und es gibt nichts Schlimmeres mich, als früh aufzustehen.“
Für die letzten vier Wochen hat sie sich unbezahlten Urlaub genommen und konzentriert sich nur noch auf den Kampf. Der größte Teil ihres Lebens findet dann im Boxgym des Eisenmeisters statt. Dies befindet sich in einem privaten Industriegelände auf der ersten Etage eines alten Panzerausbesserungswerkes der belgischen Armee. Ihre einzige Abwechselung besteht dann in den Orten für die Läufe, oder den Ausflügen zu den Sparrings mit Männern und Frauen.
Als ob das noch nicht genug wäre! Darüber hinaus kümmert sich Sahin zwischenzeitlich aber auch noch um die Einladung für ihre Gegnerin, damit diese ein Visum bekommt. Dann bucht sie noch deren Flüge, klärt Details mit dem Veranstalter, absolviert Pressetermine, versucht Sponsoren für die Veranstaltung zu akquirieren und verkauft Eintrittskarten für das Charity Event.
Wenn Özlem Sahin also am 07. November in den Ring steigt, um ihre zwei WM Gürtel zu verteidigen, liegen zwei Monate mit Training und Dauerstress hinter ihr. Wenn Wladimir Klitschko demnächst wieder in den Ring steigt, hat er ein Trainingslager in einem fünf Sterne Bio Hotel hinter sich, bei dem er sich ganz auf sein Training, seine Regeneration und ein paar Pressetermine konzentrieren konnte. – Frauen arbeiten einfach härter.
© Uwe Betker

Written by betker

7. November 2015 um 23:59

Veröffentlicht in Boxen, Frauenboxen

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