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Zehn Profiboxkämpfe in Gummersbach

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Am 01.12.2018 war die Schwalbe Arena in Gummersbach Austragungsort einer Veranstaltung von Sauerland Event. Es gab zehn Profiboxkämpfe und zwei nationale Boxverbände zu sehen. Die Mehrheit der Kämpfe wurde sanktioniert von dem Faustkämpferverband Austria. Die Deutsche Meisterschaft im Weltergewicht und die zwei Kämpfe des „The Next Rocky“ Turniers wurden aber vom Bund Deutscher Berufsboxer sanktioniert.

Den Anfang machten zwei Damen im Bantamgewicht: Alicia Holzken gab ihr Profidebüt gegen Gabriella Mezei (30 Kämpfe, 9 Siege, 3 durch KO, 17 Niederlagen, 6 durch KO, 4 Unentschieden). Holzken versuchte immer wieder, mit weiten rechten Haken durchzukommen. Der Kampf war hektisch und wurde in der zweiten Runde unsauber. Man drückte einander runter, steckte durch, schlug auch nach dem „Break“ und schubste sich zu Boden. Der FVA Ringrichter Alexander Plumanns hatte alle Hände voll zu tun. In der dritten und vierten Runde wurde etwas sauberer geboxt und dadurch gab es dann auch mehr Schlagabtäusche, bei denen beide Boxerinnen harte Treffer nahmen. Einstimmige Siegerin nach Punkten: Alicia Holzken.

Es folgte ein Vierrundenkampf im Mittelgewicht mit Simon Zachenhuber (5 Kämpfe, 4 Siege, 1 durch KO) und Danail Stoyanov (7 Kämpfe, 2 Siege, 1 durch KO, 5 Niederlagen). Zachenhuber boxte schön gerade und verteilte gut. Immer wieder bearbeitete er den Körper seines Gegenübers, um die Deckung herunterzuziehen. Ab der zweiten Runde blutete Stoyanov aus der Nase. Immer wieder wurde er in einer Ecke gestellt, aber er schaffte es, auch immer wieder rauszukommen. Einstimmiger Sieger nach Punkten (40:36, 40:36 und 40:36): Simon Zachenhuber.

Im Super Mittelgewicht bestritt Yusuf Kanguel (21 Kämpfe, 17 Siege, 11 durch KO, 3 Niederlagen, 1 durch KO, 1 Unentschieden) einen Sechsrunder gegen Slavisa Simeunovic (66 Kämpfe, 31 Siege, 28 durch KO, 35 Niederlagen, 27 durch KO). Kanguel machte von Anfang an sehr beherrscht und souverän Druck. Er verteilte gut und kam mehrfach mit harten Rechten zum Kopf durch. Ende der ersten Runde schien Simeunovic beeindruckt. In der zweiten Runde nahm er viele harte Schläge. Irgendwann ging er dann zu Boden und ließ sich von Ringrichter Bayasgalan Sandag ausgezählt. Sieger durch KO in Runde 2, nach 2:33 Minuten: Yusuf Kanguel.

Im Super Weltergewicht boxten Nick Klappert (29 Kämpfe, 26 Siege, 15 durch KO, 3 Niederlagen, 1 durch KO) und Sergej Wotschel (16 Kämpfe, 11 Siege, 5 durch KO, 4 Niederlagen, 1 Unentschieden) gegeneinander. Wotschel beherrschte die Ringmitte. Klappert kreiste um ihn herum. Wotschel arbeitete mehr, Klappert hatte die saubereren Treffer. Am Anfang der zweiten Runde ging Wotschel zu Boden, aber es war nur ein Ausrutscher. In der dritten Runde wurde er mehrfach mit der Rechten zum Kopf abgekontert. Es bildete sich eine Schwellung unter dem linken Auge, die Runde für Runde größer wurde. Die folgenden Runden dominierte Klappert mit seinem Reichweitenvorteil. Im sechsten Durchgang schaffte es Wotschel mehrfach, sein Gegenüber in einen Schlagabtausch zu verwickeln. In der siebten knickte er dann nach einem harten Konter ein. Die achte Runde war nochmal hart umkämpft. Einstimmiger Sieger nach Punkten (79:73, 79:73 und 79:73): Nick Klappert.

Es folgten zwei Kämpfe aus dem „The Next Rocky“ Turnier. Beides waren Dreirunder – warum die Kämpfe des Turniers unter der Rundenzahl von Debütanten liegen müssen und daher auch nicht bei Boxrec eingetragen werden, erschließt sich mir nicht.

In dem ersten Dreirunder im Halbschwergewicht trafen Arton Berisha (8 Kämpfe, 8 Siege, 7 durch KO) und Serdar Kuran, der sein Profidebüt gab, aufeinander. Kuran trug seinem Gegenüber den Kampf an. Dieser versuchte, seinen Reichweitenvorteil zu nutzen und zu kontern. Beide standen mit zunehmender Kampfdauer häufiger Fuß und Fuß und schlugen aufeinander ein. Die dritte Runde wurde sehr verbissen geführt. Kuran zog sich dabei einen Cut über dem linken Auge zu. Die Ringrichterin Jana Melanie machte einen guten Job. Sieger nach Punkten durch Mehrheitsentscheidung: 29:28, 28:29 und 29:28): Serdar Kuran.

Den zweite Dreirunder bestritten Ronny Lopez (5 Kämpfe, 5 Siege, 3 durch KO) und Enis Agushi (6 Kämpfe, 6 Siege, 4 durch KO) im Super Mittelgewicht. Agushi begann stark. Er konnte seine physische Überlegenheit zunächst gut nutzen und machte den Kampf. Dann aber wurde er von Lopez an den Seilen gestellt und nahm. In der zweiten Runde stellte nun Agushi Lopez in einer neutralen Ecke und deckte ihn ein. Lopez machte kaum Anstalten, daran etwas zu ändern. Er kam zwar wieder heraus, wurde aber direkt anschließend an den Seilen gestellt und weiter eingedeckt. Als er wieder keine Anstalten machte, sich zu wehren, nahm Ringrichterin Melanie ihn zu Recht aus dem Kampf. Sieger durch TKO in Runde 2, nach 1:42 Minuten: Enis Agushi.

Serdar Kuran und Enis Agushi sind offenbar ins Finale „The Next Rocky“ in ihrer jeweiligen Gewichtsklasse eingezogen. Sie werden im Januar wieder Dreirundenkämpfe bestreiten.

Es folgte ein Achtrunder im Halbschwergewicht mit Leon Bunn (12 Kämpfe, 12 Siege, 7 durch KO) und Yannick N’Galeu (10 Kämpfe, 5 Siege, 3 durch KO, 5 Niederlagen, 1 durch KO). Bunn war dominant. Er trieb seinen Gegner vor sich her, zeigte schnelle Hände und eine gute Technik. Ende der zweiten Runde kam er mit einer schönen Rechten, gefolgt von einem linken Kopfhaken durch. Die nächste Runde gestaltete sich munter. Beide wollten den Schlagabtausch und nahmen die Angebote ihres Gegenübers an. Am Ende der Runde kam Bunn mehrfach mit einer harten Rechten zum Kopf durch. Die folgenden Runden erarbeitete sich Bunn immer wieder Vorteile. In der siebten Runde zog er sich dann einen kleinen Cut über dem rechten Auge zu. In der letzten Runde kam N’Galeu auf, konnte Bunn aber nicht gefährden. Der Ringrichter Jörg Milke hatte praktisch nichts zu tun. Einstimmiger Punktsieger (79:73, 79:73 und 79:73): Leon Bunn.

Im Mittelgewicht maßen sodann Denis Radovan (12 Kämpfe, 11 Siege, 5 durch KO, 1 Unentschieden) und Ronny Mittag (36 Kämpfe, 30 Siege, 15 durch KO, 3 Niederlagen, 3 Unentschieden) in einem Zehnrunder ihre Kräfte. Es war der erwartet gute Kampf. Beide Boxer zeigten technisch gutes Boxen. Radovan war allerdings der Bessere. Mittag kompensierte das durch seine Physis. Beide beherrschten abwechselnd die Ringmitte und damit das Kampfgeschehen. Die dritte Runde begann und verlief spektakulär. Es begann mit einem harten Abtausch, den Mittag für sich entscheiden konnte. Dann kam Radovan und deckte Mittag mit mehreren langen und harten Kombinationen ein, bei denen vielen Hände ihr Ziel fanden. Es schien als wäre Mittag beeindruckt. Er ging auch zu Boden, aber dies war eher die Folge eines Stoßes. Intensiv ging es dann weiter. In der fünften Runde schien der Kampf zu kippen. Mittag kam auf. Gleichzeitig schwoll sein Gesicht immer mehr an. Unter seinem rechten Auge wurde die Schwellung immer größer und behinderte damit  auch immer stärker seine Sicht. Radovan kam dann wieder zurück und erarbeitete sich Vorteile in den nächsten zwei Durchgängen. In der achten Runde kam Mittag nochmal auf. In der neunten Runde konnte dann Radovan erhöhen und punkte mit langen Links-Rechts-Kombinationen zum Kopf durch die Mitte. Der verbissen und hart geführte Kampf wurde souverän von Ringrichter Alexander Plumanns geleitet. Die Punktrichter werten 96:94, 94:96 und 95:95 – Unentschieden. Ich sah den Ausgang des Kampfes anders.

Deniz Ilbay (22 Kämpfe, 21 Siege, 9 durch KO, 1 Niederlage) und  Denis Krieger (23 Kämpfe, 14 Siege, 9 durch KO, 7 Niederlagen, 2 Unentschieden) boxten danach im Weltergewicht die vakante Deutsche Meisterschaft nach Version BDB aus. Beide zeigten Boxen auf hohem technischem Niveau. In der ersten Runde tastete man einander ab und es gab nur wenige Aktionen. Beide konnten zu gut antizipieren, was der jeweils andere vorhatte. Von Runde zu Runde wurde es dann aber munterer. In der vierten Runde setzte Ilbay Akzente durch die Geschwindigkeit seiner Hände. Ende der fünften Runde stellte er Krieger in den Seilen und deckte ihn ein. Krieger ging langsam runter und setzte sich auf das zweite Seil von unten. Ringrichter Mustafa Erenay zählte ihn an, worüber Krieger sich beschwerte. Aber bereits in der nächsten Situation wurde Krieger erneut gestellt und musste nehmen. Kurz vor dem Rundenende kam er nochmal zurück und es gab einen harten Schlagabtausch. Die sechste Runde war hart umkämpft. In der siebten Runde wurde Ilbay seinerseits mehrfach gestellt. Es sah sogar so aus, als sei er durchgeschüttelt worden. Auch die achte Runde war wieder hart umkämpft, ebenso die neunte. Hier blockte Krieger einige Schläge mit seinem Gesicht. Offensichtlich wollte er zeigen, dass die Schläge ihm nichts anhaben könnten. Aber auch Ilbay ließ sich ohne Not an Seilen und Ecken stellen. Er deckte sich aber. In der zehnten Runde versuchten beide noch einmal alles. Es war aber keiner dazu fähig, seinen Gegener zu fällen. Einstimmiger Punktsieger (96:91, 98:91 und 99:90): Deniz Ilbay.

Hauptkampf des Abends war ein Zehnrunder im Super Weltergewicht mit Abass Baraou (4 Kämpfe, 4 Siege, 2 durch KO) und Sasha Yengoyan (48 Kämpfe, 41 Siege, 25 durch KO, 6 Niederlagen, 1 Unentschieden). Bemerkenswert war, dass Baraou schon in seinem vierten Kampf einen Zehnrunder bestritt und dass er den Hauptkampf machte. Baraou boxte überlegen und systematisch. Er bereitete seine Aktionen schön mit seiner steifen linken Führhand vor. Besonders schön waren sein rechten Cross oder seine rechten Graden. Yengoyan hielt dagegen und hatte seine Momente, wenn er zum Körper durchkam. Ab der fünften Runde wirkte er jedoch hilflos. Er schob sich an Baraou heran, um Treffer zu setzten und nahm dabei Schlag um Schlag gegen den Kopf. In der sechsten machte Baraou weniger, wodurch sein Gegner wieder stärker wurde. Er ließ sich sogar an den Seilen stellen. Die Schläge von Yengoyan gingen jedoch auf die Deckung. Dann explodierte Baraou, drehte sich raus und schlug mehrere harte Haken zum Kopf. Einer öffnete einen Cut über dem linken Auge von Yengoyan. Die siebte und achte Runde waren hart umkämpft, die neunte sogar noch härter. Yengoyan nahm viele harte Treffer, aber er steckte niemals auf. In der zehnten und letzten Runde versuchte Yengoyan noch einmal den Kampf zu drehen, aber er schaffte es nicht. Einstimmiger Punktsieger (100:90, 100:90 und 100:90): Abass Baraou.

Wenn alle Punkrichter Baraou auch alle Runden gegeben haben, so heißt das noch nicht, dass es eine einseitige Sache gewesen wäre. Es war tatsächlich ein hart erarbeiteter Sieg über einen starken Gegner.

© Uwe Betker

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2. Dezember 2018 at 23:59

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Foto: Sandy Coget

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30. November 2018 at 23:59

Foto: Özlem Sahin

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(C) Marianne Mueller

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11. November 2018 at 23:59

Foto: Elke Beinwachs

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11. November 2018 at 23:59

Foto: Özlem Sahin vs. Elke Beinwachs II.

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14. Oktober 2018 at 23:59

Foto: Özlem Sahin

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5. August 2018 at 23:59

Özlem Sahin vs. Juana Pastrana – eine klassische Tragödie

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Prolog
Tragödien kommen zustande, wenn sich Götter in das Leben der Menschen einmischen. Meist meinen es die Götter sogar gut und wollen ausgewählte Menschen belohnen. Aber dies geht immer schief und endet für den belohnten Menschen schlimm. Der Mensch, den die Götter diesmal belohen wollten, war Özlem Sahin. Die Götter gaben ihr die Chance um ihren WM-Titel, auf Erden heißt er International Boxing Federation Titel, boxen zu dürfen. Es kam wie es kommen musste, es kam zu einer Tragödie.
Die Bühne ist aufgebaut. Die Akteure sind bereit. Gleich ziehen wir den Vorhang zur Seite und wir schauen Özlem Sahin Tragödie.

Erster Akt
Madrid, Mittwoch, der 20. Juni 2018 – Tag der Ankunft
Die Minimumgewichtlerin Özlem Sahin (27 Kämpfe, 24 Siege, 8 durch KO, 2 Niederlagen, 1 Unentschieden) landete um 13:00 Uhr in Madrid. Sie kam nach Spanien, um den vakanten Titel der IBF im Minimumgewicht auszuboxen. Ihre Konkurrentin um den Titel war die Spanierin Juana Pastrana (14 Kämpfe, 13 Siege, 4 durch KO, 1 Niederlage). Der Veranstalter Alvaro Gil Casares, Reiseunternehmer und Sohn eines großen Spirituosenherstellers in Spanien, kam persönlich zum Flughafen, um Sahin, ihren Trainer Sebastian Tlatlik und zwei weitere Mitglieder des Teams Sahin in Empfang zu nehmen und zum Hotel zu fahren.
Das Hotel einer Internationalen Hotelkette lag in einem Gewerbegebiet, verkehrstechnisch gut, unweit der Halle, in der der WM-Kampf später stattfinden sollte. Eine Ausfallstraße war nur einen Steinwurf entfernt und rings herum fanden sich Autohäuser, Autowerkstätten und andere Betriebe und Büros.
Nun begann das große Warten. Abwechslung boten die Ankunft weiterer Teammitglieder, das Essen (Sahin aß ein wenig Kalbfleisch mit Soße) und eine Minitrainingseinheit. Im untersten Deck der Tiefgarage des Hotels gingen Tlatlik und Sahin einmal kurz die Taktik für den Kampf durch. Den Schlusspunkt setzte ein Spaziergang. Bettruhe war um 23:00 Uhr.

Zweiter Akt
Madrid, Donnerstag, der 21. Juni 2018 -Tag der Waage
Der Tag begann mit einem langen gemeinsamen Frühstück des Teams. Sahin wirkte immer noch entspannt und gelöst. Sie aß Bananen und trank schwarzen Tee im Glas. Nach dem Frühstück machte sie einen zweistündigen Spaziergang. Anschließend zog sie sich auf ihr Zimmer zurück. Um 16 Uhr kamen die Delegierten des spanischen Verbandes ins Hotel. Sahin nutzte die Gelegenheit, um kurz auf die Waage zu steigen. Bis dahin gab es immer noch den Rest an Ungewissheit: Zeigt die eigene Waage das gleiche an wie die offizielle Waage?
Das offizielle Wiegen fand um 17:00 in einem Kellerraum im Hotel statt. Es war sehr voll. Pastrana saß mit einem Teil ihres Teams auf Tischen in dem Kellerraum, als Sahin, eine Flasche Wasser trinkend, mit einem Teil ihres Teams den Raum betrat. Pastrana reagierte darauf nicht sehr entspannt.
Die Prozedur dauerte lange, weil erst die Vorkämpfer gewogen wurden. Dann stieg Sahin auf die Waage, 47,2 KG, schließlich Pastrana, 47,5. Die leerte praktisch noch auf der Waage eine Flasche mit einem blauen isotonischen Getränk. Nachdem beide unter dem Gewichtslimit geblieben waren, folgten Photos für die Presse, ein Showwiegen vor der Sponsorenwand auf Teppichboden für den Internetfernsehsender und Interviews. Dort antwortete Sahin auf die Frage, was sie von ihrer Gegnerin halte: „Sie ist eine Gegnerin wie jede andere. Wie gut sie als Boxerin ist, kann ich erst nach dem Kampf sagen.“
Das anschließende Rulesmeeting dauerte über eine dreiviertel Stunde. Hiernach fuhr das gesamte Team Sahin zu einer Shopping Mall, wo sie alle in einem Burger Restaurant aßen. Danach saß man noch in einem Cafe zusammen. Hier hielt Sahin eine kurze bewegte und sehr bewegende Rede, in der sie sich für die Arbeit, Mühe und Zeit ihrer Teammitglieder bedankte. Man verbrachte die restliche Zeit in der Hotellobby. Sahin ging um 23:30 auf ihr Zimmer.

Dritter Akt
Madrid, Freitag, der 22. Juni 2018 in Madrid – Tag des Kampfes
Um 09:30 gab es das Nachwiegen der IBF im Kellerraum. Sahin wog nun 48,2 Kg und Pastrana 51,8 Kg. Özlem Sahin fuhr mit einem Teil ihres Teams zu einem nahe gelegenen Großsupermarkt, um dort in einem der Cafes zu frühstücken. Sie wirkte sichtlich angespannter als an den vorangegangenen Tage. Auch als sie im Internet den Vorbericht zum Kampf mit dem Titel: „Las provocaciones de Sahin a Pastrana antes del Mundial“ (Die Provokationen von Sahin zu Pastrana vor der WM) sah, besserte sich ihre Laune nicht.


Sahin ging mit ganz wenigen Begleitern bis 15:00 in einer großen klimatisierten Shopping Mall spazieren, wo sie auch aß. Die Aufenthalte in den Tempeln des Konsums waren bei einer Außentemperatur von 30 bis 35 Grad die einzige Option. Hiernach zog sich Sahin auf ihr Zimmer zurück und schlief ein paar Stunden. Um 21:00 wurden sie und ihre Ecke vom Fahrdienst des Veranstalters abgeholt und zum Veranstaltungsort, dem Polideportivo Jose Caballero Alcobendas, gebracht. Dies ist ein Sportzentrum mit vielen verschieden Sportplätzen und Sporthallen. Die Boxveranstaltung fand in einer Multifunktionshalle statt, in der sonst wohl hauptsächlich Roll Hockey gespielt wird. Es waren, vom Veranstalter sehr großzügig geschätzte, 2.000 Zuschauer da.
Während Sahin sich in ihrer Kabine umzog und vorbereitete, lief noch das Vorprogramm. Es gab fünf Amateurkämpfe und vier Profiboxkämpfe zu sehen. Bei den Profis kamen die Gewinner (Juan Hinostroza, Alex Rat, Angel Moreno und David Gonzalez) alle aus der roten Ecke, also der Ecke von Pastrana. Der letzte von ihnen, der Weltergewichtler David Gonzalez (6 Kämpfe, 4 Siege, 2 Niederlagen), wurde von seinem Gegner Carlos Cuesta (3 Kämpfe, 1 Sieg, 1 durch KO, 2 Niederlagen) drei von vier Runden lang regelrecht verprügelt.
Unterdessen gab es Ärger in den Kabinen. Der italienische Supervisor war unzufrieden mit den Bandagen. Er ließ alle wieder aufschneiden, verwies den beaufsichtigenden polnischen Ringrichter Grzegorz Molenda der Kabinen und schickte ihn in die Halle zurück. Dann mussten beide Ecken nacheinander auf dem Gang vor den Kabinen die Hände neu machen.
Sahin ging um 23:30 zum Ring. Ihre Einmarschmusik, die als CD abgegeben worden war, wurde nicht gespielt. Dafür spielte man die erste Strophe des Deutschlandlieds („Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt … Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“). Bei der zweiten Strophe wurde nach „Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang“ ausgeblendet.

Vierter Akt
Madrid, Freitag, der 22. Juni 2018 – der Kampf

Sahin besetzte von Anfang an die Ringmitte und ging vorwärts in Pastrana rein. Diese versuchte ihren Reichweitenvorteil zu nutzen, indem sie viel die Führhand schlug. Sahin ging nach vorne und kam immer wieder mit der Rechten zum Kopf durch. Pastrana konnte sie nur selten abkontern. Die wenigen Schlagabtäusche gingen eindeutig an Sahin. Pastrana schlug sehr hart auf die kompakte Deckung von Sahin.
Zu Anfang der zweiten Runde kam Pastrana zweimal schön zum Körper durch. Am Ende der Runde brachte ein Schlag hinter das rechte Ohr Sahin aus der Balance. Pastrana kam dadurch anschließend mit einer Rechten zum Kopf durch.
In den folgenden zwei Runden trug Sahin Pastrana immer wieder den Kampf ab und kam immer wieder mit Kombinationen durch. In Runde vier wurde Pastranas Hinterkopfschlagen abgemahnt.
In der fünften Runde war Pastrana vor allem damit beschäftigt, wegzulaufen und Schwinger zu schlagen. Kurios war, dass Sahin das Signalklopfen für die letzten zehn Sekunden für den Rundengong hielt. In der sechsten und siebten Runde schlug Pastrana mehr, aber erhöhte dadurch dadurch nicht ihre Trefferzahl. Die dann folgende Runde wurde intensiv geführt. Beide Boxerinnen erhöhten das Tempo und suchten nach dem entscheidenden Schlag.
In den letzten beiden Runden erhöhte Sahin immer weiter den Druck. Pastrana hatte immer größer werdende Probleme, nicht KO zu gehen. In der letzten Runde nahm Pastrana Schlag um Schlag: Sie ging zwar vor Erschöpfung zu Boden, aber der Ringrichter wertete dies als Nierenschlag.

(Der Kampf fängt bei 2:05:00 an.)

Fünfter Akt – Samstag, der 23. Juni 2018 in Madrid
Hier nun haben wir den klassichen Konflikt, den die sterblichen Menschen nicht lösen können: Auf der einen Seite haben wir eine Boxerin aus dem Ausland, die den Kampf bestimmt und mehr Treffer ins Ziel bringt. Auf der anderen Seite haben wir die einheimische Boxerin, die beim einheimischen Veranstalter unter Vertrag ist und deren Kampf von der Internetseite der sehr großen Sporttageszeitung AS übertragen wird. Zehn Runden lang läuft sie weg und trifft zumeist nur die Deckung. Wer soll nun die neue Weltmeisterin der IBF im Minimumgewicht werden?
Bei einer klassischen griechischen Tragödie kommt aus den Bühnenboden ein Deus ex Machina, also es taucht eine Gottheit mit Hilfe der Bühnenmaschinerie auf und löst den Konflikt. Da es sich hier aber um eine spanische Tragödie handelte, kam kein Gott aus dem Bühnenboden und der Ringsprecher verkündete das Urteil: Punktsieg durch Mehrheitsentscheidung (97-93, 95-95, 96-94) für Juana Pastrana.
Die Halle tobte vor Freude.
Sahin brauchte eineinhalb Stunden für die Dopingkontrolle.
Der italienische Supervisor – die Offziellen wohnten im selben Hotel wie Team Sahin – erklärte in der Hotellobby sybellinisch. „Ein Kampf entscheidet sich im Ring.“

Epilog
Man kann wieder einmal feststellen, dass in allen Ländern und bei allen Verbänden Boxerinnen und Boxer um ihre verdienten Siege gebrachte werden. Ja, das werden sie. Aber jede dieser Fehlentscheidungen ist eine Tragödie, eine persönliche Tragödie für die betroffene Sportlerin oder den betroffenen Sportler. Sie haben sich schließlich wochen- und monatelang auf den Kampf vorbereitet. Sie haben Jahre lang auf dieses eine Ziel hin gearbeitet und dann fällt die Entscheidung eben nicht im Ring. Das ist eine Tragödie. Es ist aber auch eine Tragödie für den Sport.
(C) Uwe Betker

Written by betker

24. Juni 2018 at 23:59

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