Box-Blog

Archive for the ‘Geschichte’ Category

Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (2)

leave a comment »

Seine KO-Erfolge ließen den Bantamgewichtler Pimentel zu einem Zuschauermagneten werden. Zunächst musste er jedoch am 16.08.1963 gegen einen anderen Liebling der Fans antreten, den Ranglistenboxer Jose „Portillo“ Lopez. Lopez hatte zuvor von 38 Kämpfen nur einen verloren, und er war wie Pimentel ein KO-König. 8.500 Zuschauer kamen ins Olympic Auditorium in Los Angeles, um das Aufeinandertreffen der beiden zu verfolgen. „Ich hatte alle gegen mich: Der Promoter [George Parnassus, der später eine entscheidende Rolle in Pimentels Karriere spielen sollte] war gegen mich, weil Lopez einer seiner Fighter war. Die Punktrichter waren gegen mich. Was aber am allerschlimmsten war, die Boxfans waren auch gegen mich. Ich musste als erster in den Ring steigen, und sie buhten mich aus. Aber Gott sei Dank endete der Kampf damit, dass meine Hand nach acht großartigen Runden hochgehalten wurde.“ Diese Begegnung hielt, was das Publikum von ihm versprechen konnte. Es war ein offener Schlagabtausch, der klären sollte, wer der Härtere war. In der achten Runde schlug Pimentel im Infight Lopez KO. Dabei waren seine Fäuste nur fünf Zentimeter vom Kopf seines Gegners entfernt, als er die entscheidenden Schläge abfeuerte. Damit wurde Pimentel zum Star und zum Liebling der Boxfans links und rechts der mexikanischen Grenze.
Als er am 05.10.1963 das nächste Mal in den Ring stieg, traf er auf seinen alten Bekannten Trino Savala. Diesmal überließ er die Entscheidung nicht den Punktrichtern. Er gewann durch KO in Runde 2.
Am Ende des Jahres, am 18. Dezember, füllte er erneut eine Riesenhalle, die Los Angeles Sports Arena, bis auf den letzten Platz. Dort schlug er den Spitzenboxer Ray Asis von den Philippinen. Pimentel war zu diesem Zeitpunkt die Nummer sechs und Asis die Nummer zehn der Weltrangliste. „Vor dem Kampf, in der Umkleidekabine, sagte ich zu Kabakoff und zu meinem Bruder Joe [Jose Luis], dass ich Asis KO geschlagen habe. Kabakoff schaute meinen Bruder an und meinte, dass ich zu viele Schläge abbekommen hätte. Einen Tag später druckten die Zeitungen das Photo, auf dem Ringrichter John Thomas meine Hand zum Sieg hebt und Ray Asis auf dem Boden liegt.“ Pimentel war auf dem Höhepunkt seines Könnens, er schien unschlagbar, und ein Kampf um die Weltmeisterschaft im Bantamgewicht erschien nur folgerichtig.
Der Promoter Tony Padilla aus San Antonio/Texas, wollte einen Kampf zwischen Pimentel und dem amtierenden brasilianischen Weltmeister Eder Jofre Mitte 1964 veranstalten. Er war aber nur ein Strohmann für den einflussreichen und mächtigen Promoter George Parnassus. Pimentel bereitete sich in seinem Trainingslager vor. Der Vorverkauf für den Kampf in San Antonio zwischen einem südamerikanischen Weltmeister und einem mexikanischen Herausforderer, die beide niemals zuvor in Texas aufgetreten waren, lief sehr schlecht. Kurz vor dem Kampf hatte Jofre noch fast 5 kg Übergewicht. Es sah alles danach aus, als ob Jofre nicht mehr rechtzeitig das Limit würde bringen können. Parnassus, „der Don King der 60er“, teilte Pimentel deshalb mit, dass er aufgrund des schlechten Vorverkaufs seine und Jofres Börse halbieren müsste, damit der Kampf überhaupt stattfinden könnte. Pimentel reiste daraufhin einen Tag vor der offiziellen Absage des Kampftermins ab. Diese Abreise gab Parnassus die Möglichkeit, Pimentel für den geplatzten Kampf verantwortlich zu machen. Er behauptete, Pimentel habe seinen Gegner beim Training gesehen und Angst bekommen. Er ließ seine Beziehungen zum Präsidenten der WBC spielen, der Pimentel für ein Jahr sperrte.
Pimentel sagt dazu: „Tatsache ist: Jesus Pimentel hätte der neue Champion werden können. George Parnasssus ist dafür verantwortlich, dass ich nicht Weltmeister wurde. Er und der Präsident der WBC hielten mich bis zu meinem letzten Kampf von einem Titelkampf fern. Parnassus kontrollierte alle Manager und alle Boxer aus Mexiko, aber nicht meinen Manager Harry Kabakoff.“
Wenn Pimentel Parnasssus als „den Don King der 60er“ Jahre beschreibt, ist dies eine Untertreibung. Denn was den Einfluss angeht, so ist Don King im Vergleich zu George Parnasssus ein Kleinringveranstalter. Parnasssus war der Initiator für die Gründung des WBC (World Boxing Council). Er brachte die Seuche der Gründungen immer neuer Boxverbände in die Welt, unter der der Sport noch heute leidet. Der WBC gilt heute als ein seriöser Verband. Jedoch waren die Anfänge alles andere als das. Thomas Hauser, einer der renommiertesten Boxkenner der Welt, brachte es auf den Punkt, als er schrieb, dass der WBC in jener Zeit „nicht mehr als ein korrupter Scherz“ war.
Die Sperre jedenfalls verhinderte, dass Pimentel in der Folgezeit bei großen Veranstaltungen boxen konnte. Das wiederum kostete ihn seinen Platz als Nummer eins der Weltrangliste. Pimentel blieb jedoch fleißig und umging die Sperre, indem er in Mexiko weiterboxte. Er boxte jeden, der ihm vorgesetzt wurde, und viele seiner Gegner waren Boxer der Weltspitze. Dennoch kam er seinem Titelkampf nicht näher. Man ließ ihn mehr als sieben Jahre warten! In diesen sieben Jahren war er ununterbrochen unter den ersten zehn im Bantamgewicht.
Am 30. August 1964 in Culican endete Pimentels KO-Serie. Sein Gegner Mauro Miranda schaffte es, den Schlussgong stehend zu erreichen. Pimentel gewann nach Punkten. Weitere Spitzenboxer, die er in der Folgezeit besiegte, waren Rudolfo Cruz („Der Rudolfo-Cruz-Kampf war ein sehr harter Kampf. Ich habe noch nicht einmal Geld dafür bekommen, wegen meiner Sperre“), Fernando Soto und Alex Benitez.
In der Zwischenzeit war der Japaner Masahiko „Fighting“ Harada Weltmeister geworden. Doch auch er trat nicht gegen Pimentel an und das, obwohl Pimentel einen Vertrag mit Harada hatte, der ihn zu einem Kampf verpflichtete. Schon Anfang 1964 sollten beide gegeneinander antreten. Der Kampf fand jedoch nicht statt, weil Pimentel sich vorher verletzt hatte. Der Veranstalter des geplanten Kampfes Pimentel-Harada war – Parnassus. Parnassus wollte den Weltmeisterschaftskampf mit Jofre vorziehen und den Kampf mit Harada dann nachholen. Aber beide Kämpfe fanden nie statt.
© Uwe Betker

Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (1)

leave a comment »

In der heutigen Zeit, in der es nahezu so viele Titel im Profiboxen gibt wie das Alphabet an Buchstabenkombinationen zulässt, gibt es kaum jemanden, der die Weltmeister aller Weltverbände in allen Gewichtsklassen kennt. Daher ist es heute auch kaum vorstellbar, dass es möglich sein könnte, dass ein Boxer der absoluten Extraklasse – einer der besten Bantamgewichtler aller Zeiten, ein Fighter, der in der World Hall Of Fame Of Boxing aufgenommen wurde und dem dieser Platz in der Hall Of Fame Of Boxing zusteht, einer, den die amerikanische Zeitschrift Sports Illustrated unter die 50 härtesten Puncher aller Zeiten wählte – niemals Weltmeister wurde. Ein solcher Boxer war Jesus Pimentel.
Die Kindheit und Jugend Pimentels verlief so, wie sie eigentlich nur ein zu Kitsch und Plattitüden neigender Autor erfinden kann. Pimentel wurde am 17.02.1940 in einem kleinen Ort namens Sayula Salisco in Mexiko geboren. Er wuchs zusammen mit sieben Geschwistern in El Camiche, Michoacan auf. Sein Vater war zunächst Soldat in der mexikanischen Armee, bis er 1948 beschloss, in die USA zu gehen, um „Arbeit und ein besseres Leben zu suchen.“ Zwei Jahre nachdem sein Vater die Familie verlassen hatte, holte er einen Teil seiner Familie nach: Seine Mutter, seine drei älteren Brüder und er fuhren nach Tijuana, Mexiko. Dort krochen sie unter dem Stacheldrahtzaun durch und liefen über die Eisenbahngleise, um in Santiago California in den USA anzukommen. Dort wurden sie von einem Onkel mit einem Wagen erwartet und nach Los Angeles gefahren. Die sechsköpfige Familie lebte in einer Garage den amerikanischen Traum. Die Kinder gingen schon bald zur Schule. In den Schulferien nahm ihr Vater sie mit auf die Felder, um Baumwolle und Obst zu pflücken. Sieben Jahre ging das so, bis die Einwanderungsbehörde sie erwischte und nach Tijuana abschob.
Die Familie Pimentel verdingte sich wieder als Tagelöhner, nunmehr auf den Feldern von Mexiko. Ende 1958 hatte Jesus Pimentel genug. „Ich sagte mir selbst: Nein, nein, ich will nicht mein ganzes Leben lang Baumwolle pflücken. Ich gehe in die Stadt und suche mir einen Job, “ und seine Familie folgte ihm.
Er fand eine Anstellung an der Tankstelle von Nick Rodriguez, wo er 125 Pesos (10 Dollar) die Woche verdiente und ein Zweizimmerappartement bezog, in dem er zusammen mit seiner ganzen Familie lebte. Nach einer Woche bemerkte er, dass alle seine Arbeitskollegen Boxer oder ehemalige Boxer waren und sein Arbeitgeber ein lokaler Boxpromoter. Einer dieser Kollegen, ein Amateurboxer, überredete ihn, mit ins Gym zu kommen. Was er dort sah, begeisterte ihn aber nicht. Wenige Tage später begleitete Pimentel diesen Arbeitskollegen zur lokalen Stierkampfarena, wo er einen Kampf bestreiten sollte. Der Gegner erschien jedoch nicht und man überredete Pimentel, in den Ring zu steigen. „Was passierte, war: Die Stierkampfarena war schon mit Fans gefüllt, die meinen Freund Arturo kämpfen sehen wollten. Die Boxkommission akzeptierte mich. Sie gaben mir eine Hose, Schuhe, einen Mundschutz und alles, was ich brauchte. Ich stieg mit meiner weißen Hose in den Ring. In der zweiten Runde war die Hose rot von dem Blut, das mir aus der Nase lief. Nach dem Kampf sagte ich mir: Nein, das ist nichts für mich!“
Der Vorsatz hielt nicht lange. Bereits eine Woche später wurde er wieder überredet, ins Gym zu gehen. „Wenn ich schon in den Krieg ziehe, dann als Profi. Diesmal versprach ich mir: Ich werde mich dem Boxen vollständig verschreiben.“ Der Boxer Jesus Pimentel war geboren.
Pimentel trainierte zwei Monate, bevor er seine ersten Amateurkämpfe bestritt. Nachdem er in der ersten Runde der nationalen Meisterschaften ausschied, wechselte er nach wenigen Monaten ins Profilager, um für seine Familie und sich selbst den Lebensunterhalt zu verdienen. Er hatte bis dahin 20 Kämpfe bestritten, von denen er 18 für sich entscheiden konnte.
An der Tankstelle lernte er auch Harry Kabakoff kennen, der ihn während seiner ganzen aktiven Preisboxerzeit als Manager vertrat und bei allen Kämpfen als Sekundant in seiner Ecke stand. Karbakoff hatte schon vorher unter anderen mit dem Schwergewichtsweltmeister Floyd Patterson und den Weltergewichtweltmeistern Don Jordan und Kid Gavillan zusammengearbeitet. Er gab ihm seinen Kampfnamen „Little Poison“ und seinem Zwillingsbruder Jose Luis den Namen „Big Poison“ nach erfolgreichen Zwillingen, die in der amerikanischen Profi-Baseballliga spielten. Die beiden sahen sich so ähnlich, dass Jose Luis in späteren Jahren für Jesus gehalten und um Autogramme gebeten wurde – ein Wunsch, dem Joe auch mit Freuden nachkam. Er sollte später ein ebenfalls erfolgreicher Boxer werden, der um die Weltmeisterschaft im Federgewicht nach Version WBA gegen den Japaner Shojo Swaijyo kämpfte.
Pimentel war ein typischer Vertreter des mexikanischen Boxstils. Er hatte eine exzellente Führhand. Er ging zum Körper. Er wollte seine Gegner KO schlagen, und er schlug sie KO. Er hatte einen unglaublichen Punch, konnte aber auch selber gut Schläge absorbieren. Er ging niemals KO. Obwohl er selbst technisch versiert war, hatte er mit rein technisch boxenden Gegnern seine Schwierigkeiten.
Am 18.07.1960 bestritt er in Mexicali gegen Jose Mendoza sein Profidebüt. Er gewann den Sechsrundenkampf nach Punkten. Bereits sein sechster Kampf war auf 10 Runden angesetzt. Wie die meisten, mit denen er in den Ring stieg, schlug er seinen Gegner Francisco Vasquez bereits in der ersten Runde KO.
Seinen 12. Kampf bestritt er am 17.07.1961 gegen den viel erfahreneren Trino Savala. Die Begegnung war wieder auf zehn Runden angesetzt. „Die Punktrichter gaben Trino den Sieg. Alle Sportreporter und Fans wussten, dass ich den Kampf gewonnen hatte. Das Wichtigste war aber, dass ich von der ersten bis zur letzten Runde durchkämpfte. Nach dem Kampf urinierte ich in der Umkleidekabine Blut, wegen der Körpertreffer. Ich stellte mir vor, wie Trino wohl auch Blut ausscheidet, da ich ihn wirklich mit Körpertreffern bombardiert hatte.“ Die Punktniederlage war die erste in seiner Karriere, und sie sollte für lange Zeit auch seine letzte bleiben. Er brauchte sich nur noch sehr selten auf die Urteilsfähigkeit der Punktrichter verlassen. Die nächsten 29 Kämpfe in Folge gewann er durch KO. Damit brach er den alten KO-Rekord von Henry Armstrong, der 27 seiner Gegner hintereinander auf die Bretter schickte.
© Uwe Betker

Das Tier ist wieder eingesperrt (2)

leave a comment »

Das Tier ist wieder eingesperrt (2)
Mit seiner vierten Titelverteidigung am 13. Februar 1983 in Philadelphia gegen Wilford Scypion endete Fletchers Siegesserie. „Er verhinderte, dass ich Weltmeister im Mittelgewicht wurde. Mir wurde gesagt, dass ich auf meinen Titelkampf noch warten müsste, weil Marvin Hagler [der neue amtierende Weltmeister] erst Tony Sibson [die Nummer zehn der Weltrangliste] boxen wollte. Ich konnte aber nicht ein Jahr warten, also nahm ich Wilford Scypion.“ Fletcher verlor nach Punkten und damit rückte die Möglichkeit, um die Weltmeisterschaft zu boxen, erstmals in weite Ferne.
Es folgte ein TKO-Erfolg gegen Curtis Ramsey, der ihn für einen Ausscheidungskampf um die Weltmeisterschaft qualifizierte. Sein Gegner war Juan Domingo Roldan, der ihn am 10. November 1983 in der sechsten Runde durch KO stoppte. Die große Zeit des Tiers war vorbei.
Das Ende von Fletschers Boxkarriere ist schnell erzählt: 1984 folgte ein Punktsieg über Jimmy Sykes. Dann kam am 05. August 1984 in Tampa der Kampf gegen John Mugabi, der Anfang vom endgültigen Ende. Fletcher glaubt, Mugabi hätte nur mit Hilfe des Ringrichters gewonnen. Er unterlag durch TKO in Runde vier. „Mugabi war keine Bedrohung für das Mittelgewicht. Auch die anderen Personen, die mich geschlagen haben, waren das nicht. Die Welt weiß, dass ich der Mann war!“ Seinen letzten Kampf bestritt Fletcher gegen Curtis Parker am 04. Februar 1985 in Atlantic City. „Er war ein jämmerlicher Kämpfer mit einem harten Punch.“ Wieder unterlag er durch TKO, diesmal in Runde zwei. Danach stieg er nie wieder in den Ring – „Ich wollte nicht blind werden“.
Fletcher sagt im Rückblick auf seine Karriere: „Ich bewies es mir und der Welt. Der Mann, der den Mittelgewichtsgürtel hatte, hatte Angst vor mir.“ Fletcher hatte nie die Gelegenheit, um die Weltmeisterschaft zu boxen. Andere bekamen diese Chance. Vier der Gegner, die ihn besiegten, bekamen einen solchen Titelkampf. Zu Unzeiten verlor Fletcher Kämpfe, die er gewinnen musste. Vielleicht kam er aber auch nur zu spät in die Nähe eines Weltmeisterschaftskampfes. Im besten Jahr von Fletcher, 1982, führten die Weltverbände WBA und WBC solche Boxer wie Fulgencio Obelmejias aus Venezuela bzw. Tony Sibson aus England als die Nummer zehn ihrer Rangliste. Beide waren viel schwächer als Fletcher und hatten weniger gute Gegner in ihren Kampfrekorden. Dennoch oder gerade deswegen bekamen beide einen Weltmeisterschaftskampf.
Kaum hatte Fletcher seine Handschuhe an den berühmten Nagel gehängt, eskalierten auch schon wieder seine Probleme mit der Justiz. Auch während seiner Profizeit hatte er gelegentlich Probleme mit den Ordnungshütern. Nun aber folgten diverse Verhaftungen und Anklagen sowie einige Verurteilungen. Bezeichnend für Fletcher ist, dass keine seiner Straftaten als Erwachsener irgendetwas mit Geld oder Drogen zu tun hatte. Alle seine Verhaftungen und Verurteilungen hatten emotionale Gründe. Er trug weiterhin seine Konflikte so aus, wie seine Familie, die Umgebung und die staatlichen Organe es ihn gelehrt hatten, nämlich mit Gewalt.
Nach seiner letzten Entlassung aus dem Käfig von Dallas, Pennsylvania, schien es eine Zeitlang fast so, als ob er ein zivilisiertes Leben führen könnte. Er arbeitete für eine karitative Organisation in Philadelphia und stand der Fletcher Jugend Stiftung vor, die sich um gefährdete Kinder und Jugendliche kümmerte, bis zum 28.07.1993. An diesem Tag wurde er im Büro seines Bewährungshelfers verhaftet, weil im Kofferraum seines Autos eine halbautomatische Pistole gefunden worden war. Das Gericht verurteilte ihn zu 264 Monaten Gefängnis.
Fletcher glaubt fest daran, dass er noch mal aus dem Gefängnis kommen und „Geschichte schreiben“ wird. Er ist davon überzeugt, dass nur jemand seine Biografie schreiben muss. Dann würde sie verfilmt, und dadurch würde er reich und berühmt. Er würde dann eine schöne Frau finden, heiraten und sie mit Brillanten behängen. Aber noch sitzt das Tier im Käfig, in Allenwood, Pennsylvania.
© Uwe Betker

Written by betker

18. August 2011 at 23:59

Das Tier ist wieder eingesperrt (1)

leave a comment »

„The Animal – das Tier“ war der Kampfname, unter dem Frank Fletcher berühmt wurde. Anfang der 80er Jahre elektrisierte er im Mittelgewicht mit seinen Ringschlachten das Publikum. Gewalt war aber nicht nur im Ring, sondern sie war auch in seinem Leben ein zentraler Bestandteil. Man sperrte das Tier dann auch fast sein ganzes Leben in einen Käfig. Auch heute ist er wieder in einem Käfig eingesperrt. Der ehemalige Profiboxer verbüßt eine 25-jährige Haftstrafe.
Franklin Montagues Fletcher hatte nicht darum gebeten, am 07. Mai 1954 in Philadelphia ins Leben geworfen zu werden. Er wuchs zusammen mit sieben Geschwistern auf. Seine Eltern waren beide Alkoholiker und lebten immer wieder getrennt voneinander. Seine Mutter war die erste, die Franklin einsperrte – in den Keller. Sie schlug ihn und zerschnitt ihm mit einem Rasiermesser die Nase. Die Narbe ist noch heute deutlich sichtbar. Aktenkundig ist, dass seine Mutter ihn mehrfach mit schweren Gegenständen, wie Knüppeln oder Rohren, schlug. „Ich liebe sie“, sagt Fletcher über seine Mutter, „und ich glaube, sie liebt mich auch.“
Der kleine Franklin wehrte sich gegen die ihn umgebenden Lebensumstände durch Kriminalität: Stehlen, Autosaufbrechen und einigem anderen. Hinzu kam seine kaum zu bändigende Aggressivität. Schon als Kind und Jugendlicher trug er Konflikte mit den Fäusten aus, auch gegenüber Erwachsenen. Bereits mit acht Jahren wurde er das erste Mal verhaftet. Es folgten bis zu seiner Volljährigkeit 16 weitere Verhaftungen. Die Behörden sperrten Franklin, das wilde Tier, immer wieder in Käfige, nur dass man sie Heime, Besserungsanstalten, Jugendgefängnisse und Gefängnisse nannte. Die wenige Zeit, die er als Jugendlicher in Freiheit verbrachte, war immer nur Zwischenstation und endete in einem anderen Käfigen.
Mit 21 Jahren wurde Fletcher auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen. Er wurde entlassen ohne Schulabschluss – praktisch als Analphabet – und ohne Berufsausbildung. Aber auf den Straßen, in den Erziehungsheimen und auf den Gefängnishöfen hat er das Kämpfen gelernt. Damit wollte er nun Geld verdienen. Vorher hatte er, während seiner kurzen Aufenthalte in Freiheit, 15 Kämpfe als Amateur bestritten, von denen er nur zwei verloren hatte.
„Ich liebte es zu kämpfen,“ sagt Fletcher heute. „Als ich 1979 aus dem Gefängnis entlassen wurde, wollte ich Profi werden. Ich wollte es den Leuten zeigen. Alles, was ich von meiner Mutter hörte, war: Aus dir wird niemals etwas werden! Du wirst jemanden umbringen und dann lebenslänglich im Gefängnis sitzen! Eine Frau wird dich töten, während du schläfst, weil du ihr wehgetan hast!“
Er kämpfte im Ring, wie man es von einem Tier erwarten konnte. Er war von einer unglaublichen Härte gegen sich und andere, und er war willens, auch die größten Schmerzen zu ertragen, um den Sieg zu erringen. Er war kein Techniker. Nahezu ohne Deckung ging er auf seine Gegner los und schlug auf sie ein. Wenn er selbst getroffen wurde, schlug er umso härter zurück. Er war ein Fighter im wahrsten Wortsinn. Fletcher nennt das: „Verfolgen und Zerstören.“
„Eines Tages boxte ich gegen einen harten weißen Jungen in Marty Feldmans Gym“, erzählt Fletcher, „während mein Bruder Anthony [ein sehr guter Leichtgewichtler] mit Herrn Feldman zusah. Niemand hatte diesem Jungen vorher eines auf die Nase gegeben. Mein Bruder sagte zu Herrn Feldman: „Sieh dir dieses Tier an, wie er diesen Kerl verdrischt.“ So kam er zu seinem Spitznamen: The Animal – das Tier. „Ich wollte, dass man mich Frank The Animal Fletcher nennt, weil der Name hat einen Klang und ist wie gemacht für einen Mann, der Geschichte schreibt.“
Seinen ersten Kampf als Preisboxer bestritt Fletcher am 07. Oktober 1976 in Allentown. Er gewann nach Punkten. Es sah alles danach aus, als sollte das Jahr 1980 das große Jahr für das Tier werden. Boxen rückte in diesem Jahr durch einen Streik der Baseballliga ins Blickfeld der Medien. Der TV-Sender ESPN stieg ins Boxgeschäft ein und veranstaltete ein Turnier für junge, aufstrebende Boxer der verschiedenen Gewichtsklassen. Dem Sieger wurde ein Kampf gegen einen Boxer unter den ersten Zehn der Weltrangliste versprochen. Das bedeutete aber soviel, dass der Sieger des letzten Finalkampfes damit automatisch unter die ersten Zehn der Rangliste vorrückte.
Fletcher stieß in letzter Minute als Ersatzmann zum Turnier – er kam wieder einmal aus dem Gefängnis. Nach Punktsiegen über Ben Sarrano (10. April 1980) und Jerome Jackson (08. Juni 1980) traf er am 03. Juli 1980 in Atlantic City auf William „The Kronk’s Caveman“ Lee. „Sein Vater sagte meiner Mutter, was sein Sohn mit mir in zwei Runden machen wollte,“ erzählt Fletcher. „Meine wunderbare Mutter und mein Bruder sagten ihm, dass er nicht darauf wetten sollte.“ So kam es dann auch. Fletcher gewann durch TKO in Runde vier. Es folgte der TKO-Sieg in Runde sieben über Randy Mc Grady am 04. September 1980. Mit diesem Sieg hatte er dann das Turnier gewonnen.
Sein nächster Kampf war gegen den Top-Ten-Fighter Sammy Nesmith aus Indianapolis, den er auch durch TKO besiegte, diesmal in Runde 6. Durch die TV-Übertragungen war das Tier unglaublich populär geworden. Das Publikum liebte ihn. Seine Börsen waren höher als die einiger Weltmeister. Aber er gab das Geld schneller aus als er es einnahm, und ein Weltmeisterschaftskampf kam einfach nicht. Die Platzierung in der Weltrangliste bedeutete nämlich noch lange nicht, dass der amtierende Weltmeister Alan Minter aus Großbritannien auch das Bedürfnis verspürt hätte, gegen Fletcher anzutreten. Daher musste er sich mit einem Kampf um den US-amerikanischen Mittelgewichtstitel begnügen. Er traf am 31. August 1981 auf Ernie Singletary und gewann durch TKO in Runde acht. Der Kampf war brutal und sehr schmerzhaft für ihn. Sein Gegner stieß ihm in der ersten Runde den Daumen ins rechte Auge. Nach dem Kampf ging Fletcher ins Krankenhaus, um sich untersuchen zu lassen. Die Ärzte stellten nichts Ungewöhnliches fest. Wenige Stunden später brach er in seinem Hotelzimmer zusammen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, wo man eine Schwellung des Gehirns feststellte. Er entging nur sehr knapp dem Tod. Der Preis für den Titel des amerikanischen Meisters im Mittelgewicht war sehr hoch, denn seitdem ist er auf dem rechten Auge blind. Erst nach Ende seiner Karriere als Boxer ließ er sich eine Kontaktlinse implantieren.
Gegner in seiner ersten Titelverteidigung am 28. Februar 1982 war ein alter Bekannter: Tony Braxton. Braxton hatte 1979 zweimal nach Punkten gegen Fletcher gewonnen, der glaubte, in den ersten beiden Kämpfen um den Sieg betrogen worden zu sein. „Ich erinnerte mich, wie sie mich bei den ersten beiden Malen beraubt hatten, und ich war nicht bereit, mich dieses Mal von irgendjemandem berauben zu lassen“, sagt Fletcher. Diesmal gewann er nach Punkten. Danach verteidigte er am 20. Juni 1982 erfolgreich seinen Titel durch einen Punktsieg über Clint Jackson.
Am 16. Oktober 1982 stieg Fletcher im Sands Hotel in Atlantic City wieder in den Ring, um seinen Titel zu verteidigen. „James Green war ein harter Puncher.“ Direkt am Anfang der ersten Runde wurde er niedergeschlagen. Aber immer wenn er hart getroffen oder angeschlagen war, wurde das Tier noch gefährlicher: Er richtete sich auf, lächelte „Hard Rock“ Green an und zwang ihm einen Schlagabtausch auf. In der sechsten Runde hatte Fletcher seinen Gegner ermüdet und in einer Ecke gestellt, wo er dann ohne Unterbrechung 94-mal auf sein Opfer eindrosch, bevor der Ringrichter, Franc Capuccino, den Kampf stoppte.
© Uwe Betker

Die traurige Geschichte des Wilfred Benítez (4)

leave a comment »

Nach dem Sieg über Hope verteidigte Benítez am 14.11.1981 durch einen Punktsieg seinen Titel erfolgreich gegen den ungeschlagenen Carlos Santos, der später Weltmeister im Junior Mittelgewicht werden sollte. Danach maß er seine Kräfte mit der Boxlegende aus Panama Roberto Duran. Die „Manos de Piedra“, die „Hände aus Stein“, hatten vorher schon Sugar Ray Leonard seine erste Niederlage beigebracht und ihm den Titel abgenommen. Benítez zeigte noch ein letztes Mal sein boxerische Klasse. Er gewann einstimmig nach Punkten. Die Punktrichter werteten 143:142,145:141 und 144:141.
Einen Kampf später, am 03.12.1982 traf er auf Thomas Hearns. Hearns war gegen den sehr guten Pipino Cuevas (02.08.1980, TKO 2) Weltmeister der WBA im Weltergewicht geworden, um dann, vier Titelverteidigungen später, gegen Sugar Ray Leonard (16.09.1982, TKO 14) zu unterliegen. Benítez unterlag Hearns nach Punkten. Die Wertung war 137:146, 139:144 und 142:142. Hearns sagte danach: „Nobody makes me miss like that.“
Benítez war erst 24 Jahre alt, aber er war bereits am Ende. Er konnte bis zu seinem Karriereende 1990 nie wieder auch nur annähernd solche Leistungen wie in seiner Jugend bringen. Praktisch gegen alle guten Boxer unterlag er in der Folgezeit. Er versuchte sein Glück im Mittelgewicht unter der Führung seiner neuen Trainer Victor Machado und Cus D´Amato. Aber er unterlag Mustafa Hamsho (16.03.1983, L 12). Wieder mit seinem Vater in der Ecke verlor er gegen und Davey Moore (14.07.1984, TKO 2), wobei er sich den Knöchel brach, und dann noch gegen Matthew Hilton (15.02.1986, KO 9). Kurze Zeit später hängte er die Handschuhe ganz an den Nagel.
Da Benítez aber sein ganzes Geld verschwendet hatte, startete er 1990 ein Comeback, diesmal mit Emanuel Steward in seiner Ecke. Von 4 Kämpfen konnte er nur 2 gewinnen. Hiernach war dann endgültig Schluss. Er war 32 Jahre alt und hatte 14 Jahre als Profi geboxt. Sein Kampfrekord: 62 Kämpfe, 53 Siege, 31 durch KO, 8 Niederlagen, 4 durch KO, 1 Unentschieden. Er war ein technisch guter und aggressiver Boxer mit einem sehr schnellen Jab und herausragenden Defensivfähigkeiten. 1996 wurde er in die International Boxing Hall of Fame aufgenommen. Der Hall of Fame Matchmaker Teddy Brenner nannte ihn: “The best fighter in the world.”
Heute ist Wilfred Benítez ein kleines unstet lächelndes Kind, das seine Körperfunktionen nicht unter Kontrolle hat, im Körper eines 52 Jahre alten Mannes, der auf Almosen angewiesen ist. Eine traurige Geschichte.
© Uwe Betker

Die traurige Geschichte des Wilfred Benítez (3)

leave a comment »

Am 14. Januar 1979 bekam Benítez seine Chance im Weltergewicht gegen den Weltmeister der WBC Carlos Palomino. Palomino war durch einen TKO-Sieg in Runde 12 im Empire Pool (Wembley) gegen den Engländer John H. Stracey Weltmeister geworden. Danach hatte er seinen Titel erfolgreich gegen den guten Armando Muniz (21.01.1977, TKO 15), den Europameister Dave Green (14.06.1977, KO 11), den eher durchschnittlichen Italiener Everaldo Costa Azevedo (13.09.1977, W15), den unterdurchschnittlichen Jose Palacios (10.12.1977, KO 13), gegen den starken Japaner Ryu Sorimachi (11.02.1978, KO 7), gegen den eher schwachen Mimoun Mohatar (18.03.1978, TKO 9) und schließlich erneut gegen Armando Muniz (27.05.1978, W 15) verteidigt. Palomino war einer der Lieblinge der mexikanisch-stämmigen Boxfangemeinde in Süd-Kalifornien.
Für Benítez waren die Vorbereitungen auf dem Kampf überschattet von den Querelen zwischen seinem Vater, der immer noch sein Trainer war, und dem Trainer, den sein Manager Jimmy Jacobs für ihn engagiert hatte. Emile Griffith, selber ein legendärer Boxer und später ein sehr guter Trainer, konnte sich nicht mit Benítez Vater über die Taktik für den Kampf einigen. Griffith setzte sich am Ende durch und Benítez gewann nach Punkten durch Mehrheitsentscheidung. Die Punktrichter werteten 142:145, 146:143 und 146:142.
Nach einer Titelverteidigung gegen den zähen Harold Weston (25.03.1979, W 15) bekam es Benítez mit dem „Golden Boy“ und aufstreben Superstar Sugar Ray Leonard zu tun. Leonard wollte seinen ersten WM-Titel holen, und Benítez wollte überhaupt nicht mehr trainieren. Es ist nicht eindeutig geklärt, ob Benítez 2 oder 9 Tage für diesen Kampf trainiert hatte, fest steht aber, dass seine Vorbereitung unzureichend war. Daher war es schon fast zwangsläufig, dass er am 30.11.1979 in Las Vegas die erste Niederlage seiner Profikarriere hinnehmen musste. Es war ein intensiv geführter Kampf zweier Techniker mit ausgeprägten Defensivkünsten. Benítez musste in der dritten Runde zu Boden und in der sechsten Runde bekam er durch einen unabsichtlichen Zusammenprall der Köpfe einen Cut auf der Stirn. In der 15ten und letzten Runde wurde er erneut zu Boden geschlagen, der Ringrichter Carlos Padilla zählte ihn an und gab den Kampf noch einmal frei. Es folgte ein kurzer Schlagabtausch und der Ringrichter stoppte den Kampf 6 Sekunden vor dem Schlussgong. Leonard zollte ihm und seinen boxerischen Fähigkeiten nach dem Kampf seinen Respekt.
Nach dieser Niederlage stieg Benítez wieder eine Gewichtsklasse auf, in das Halbmittelgewicht. Dort besiegte er am 23. Mai 1981 den WBC-Titelträger Maurice Hope. Dabei handelte es sich um jenen Hope, der als Europameister den späteren Weltmeister im Mittelgewicht Vito Antuofermo (01.10.1976, TKO 15) geschlagen und dem deutschen Weltmeister Eckhard Dagge (15.03.1977) ein Unentschieden abgetrotzt hatte, bevor er Rocky Mattioli, den Bezwinger Dagges, (04.03.1979) durch TKO in Runde 9 besiegte. Danach verteidigte der Rechtsausleger seinen Titel noch drei Mal erfolgreich gegen Mike Baker (25.09.1992, TKO 7), Rocky Mattioli (17.07.1980, TKO 11) und Carlos Maria del Valle Herrera (26.11.1980, W 15).
Der Kampf gegen Hope wurde mit unglaublichen Härte und Verbissenheit geführt. Benítez musste viel einstrecken, aber Hope noch mehr. Benítez schlug Hope zuerst zwei Zähne aus, bevor er ihn dann in der 12ten Runde TKO schlug. Der KO wurde zum KO des Jahres gekürt. Der Kampf war wohl der Höhepunkt von Benítez’ Karriere. Er war 22 Jahre alt und der jüngste Dreifachweltmeister aller Zeiten. Aber seine große Zeit neigte sich schon dem Ende zu.
© Uwe Betker

Die traurige Geschichte des Wilfred Benítez (2)

leave a comment »

Wilfred Benítez wurde am 12. September 1958 in der Bronx in New York als jüngstes von acht Kindern geboren. Er wuchs mit Boxen auf. Sein Vater Gregorio („Goyo“) boxte als Junge in Puerto Rico selber. Er organisierte Boxkämpfe für seine Söhne auf Spielplätzen und nahm von den vorbeikommenden Zuschauern einen Vierteldollar Eintritt. Einer der älteren Brüder wurde ebenfalls später Profi. Frankie Benítez boxte von 1973 bis 1980 im Leichtgewicht (30 Kämpfe, 24 Siege, 15 durch KO, 5 Niederlagen, 2 durch KO, 1 Unentschieden). Wilfred besuchte regelmäßig ein Gym in der Nachbarschaft, wo er das Boxen lernte, indem er seine Brüder und andere Boxer beobachtete.
Mit sieben zog Wilfred Benítez mit seiner Familie nach Puerto Rico, wo er dann an dem regionalen Golden Gloves Turnier teilnahm. Mit 15 Jahren, im November 1973, begann er seine Profikarriere. Nachdem er die ersten 11 Kämpfe in Folge gewonnen hatte, 10 durch KO, ging er zurück nach New York, wo er am 16.09.1974 auf einen gewissen Al Hughes im Felt Forum traf. Der Kampf als solcher ist kaum erwähnenswert. Er gewann durch TKO in Runde 5. Bemerkenswert ist aber, dass Benítez erst ein paar Tage vorher 16 Jahre alt geworden war und er eigentlich gar nicht in New York boxen durfte. Er hatte aber eine gefälschte Geburtsurkunde vorgelegt, die ihn älter machte.
14 Kämpfe später stand er am 6. März 1976 im Hiram Bithorn Stadium (San Juan, Puerto Rico) der kolumbianischen Boxlegende Antonio Cervantes gegenüber. „Kid Pambele“ war der WBA Weltmeister im Junior Weltergewicht. Cervantes war 1972 Weltmeister gegen Alfonso Frazer (28.10.1972, KO 10) geworden und hatte in den folgenden Jahren den Titel neun Mal erfolgreich verteidigt. Besonders seine Ringschlachten gegen die großen Nicolino Locche (17.03.1973, TKO 10) und Esteban De Jesus (17.05.1975, W 15) begründeten seinen Ruf als viertbesten Junior Weltergewichtler aller Zeiten.
Im Kampf zwischen Benítez und Cervantes trafen zwei der größten Defensivkünstler der Boxgeschichte aufeinander. Im Gegensatz zu einigen späteren Kämpfen in seiner Karriere, war er hier optimal vorbereitet, und er war motiviert. So gewann er den auf 15 Runden angesetzten Kampf nach Punkten. Die Punktrichter werteten 148:144, 147:142 und 145:147, alle zu seinen Gunsten. Damit wurde er mit seinen 17 Jahren und 5 Monaten in seinem 26. Profikampf zum jüngsten Boxweltmeister aller Zeiten. Viele High School Klassenkameraden von Benítez saßen im Publikum.
Er verteidigte seinen Titel dreimal (Emiliano Villa, 31.05.1976, W 15; Tony Petronelli, 16.10.1976, TKO 3 und Ray Chavez Guerrero, 03.08.1978, TKO 15) und machte noch vier Nicht-Titelkämpfe, von denen er drei gewann und in einem ein Unentschieden erreichte. Ein angesetzter Rückkampf mit Cervantes fand nicht statt, weil Benítez sich bei einem Autounfall verletzte. Da er es anschließend versäumt hatte, schnell genug einen neuen Termin für den Rückkampf anzusetzen, erkannte ihm die WBA den Titel ab.
Nach dem Titelverlust ging er endgültig eine Gewichtsklasse höher. Die Nicht-Titelkämpfe hatte er bereits im Weltergewicht absolviert. Hier machte sich sein Hang zur laxen Vorbereitung auf seine Kämpfe immer mehr bemerkbar; es wurde sogar mehr und mehr zu einem chronischen Verhalten. Für seinen Kampf gegen Harold Weston (02.02.1977), der immerhin die Nummer 10 der Rangliste war, nahm er sich nur 12 Tage Vorbereitungszeit. Er spielte im Ring den Clown und erreichte nur ein Unentschieden. Für Bruce Curry (18.11.1977), dem Bruder von Donald Curry, der später Weltmeister im Weltergewicht werden sollte, nahm es sich nur knapp eine Woche Zeit. Er musste denn auch gegen die neue Nummer 10 dreimal zu Boden und erreichte nur einen schmeichelhaften Punktsieg durch Mehrheitsentscheidung. Den Rückkampf (04.02.1978) gewann er etwas deutlicher, aber nicht glänzend, nach Punkten.
© Uwe Betker

Die traurige Geschichte des Wilfred Benítez (1)

leave a comment »

Es gibt immer wieder Meldungen die mich an meiner Liebe zum Boxen zweifeln lassen. So las ich unlängst, dass es dem großen Wilfred Benítez sehr schlecht geht. Er zahlt einen unglaublich hohen Preis für seinen Ruhm als Boxer.
Heute lebt Benítez in Sain Just, etwas außerhalb von San Juan, der Hauptstadt von Puerto Rico in einem kleinen und beengten Betonhaus, in einer Kleine-Leute-Gegend. Er leidet unter einer unheilbaren Degenerierung seine Gehirns, die sich Post-Traumatische Encephalitis nennt. Seine Hirnschädigung ist eine direkte Folge der Schläge, die er während seiner Amateur- und Profikarriere nehmen musste. Sein Zustand verschlimmerte sich seit der ersten Diagnose 1989 rapide. 1994 fiel er sogar in seinem Wohnzimmer ins Koma. Vor mehreren Jahren wurde auch noch ein Diabetes festgestellt.
Benítez hat sich mental zurückentwickelt zu einem Kind, das andauernd lächelt und vor sich hin starrt. Es ist nicht sicher, ob er sich überhaupt an irgendetwas aus seiner Vergangenheit erinnern kann. Seine Familie sagt ja, und auf Aufforderung geht er in Boxpose, macht Schattenboxen und zeigt Meidbewegungen. Gleichzeitig aber erkennt er nicht das Haus, in dem er lebt, und fragt immer wieder, ob der andere wisse wo er wohne und ob er ihn nach Hause bringen können.
Auf dem linken Auge ist er nahezu blind. Er kann keinem Gespräch folgen und hat keine Kontrolle mehr über seine Körperfunktionen. Er schläft nur sporadisch und nicht länger als 90 Minuten und wandert ununterbrochen umher. Er muss 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche ununterbrochen betreut werden. Seine Familie hat diese Aufgabe übernommen, besonders seine ältere Schwester Yvonne, die diese Aufgabe von ihrer Mutter Clara Rosa Benítez übernommen hat, die 2008 verstarb.
Die Millionen, die Benítez während seiner Karriere verdient hat, sind verschwunden, ebenso die Weltmeistergürtel. Heute lebt er von einem Stipendium von 14.000 Dollar im Jahr von der Regierung von Puerto Rico und einer Pension von 250 Dollar vom World Boxing Council.
© Uwe Betker

Andreas Sidon gegen Nikolai Valuev

with one comment

Es gibt Fernsehbilder, die man nicht vergessen kann. Einige werden zu einem Teil des Bilderkanons der Gesellschaft (Muhammad Ali steht über dem am Boxen liegenden Sonny Liston). Ein anderer Teil wird zu einer persönlichen Erinnerung. Ein Fernsehbild, das sich mir persönlich besonders eingeprägt hat, stammt aus dem Kampf zwischen Andreas Sidon und Nikolai Valuev. Der Kampf war, soweit ich weiß, noch nie in voller Länge im deutschen Fernsehen zu sehen. Ich sah ihn bei Andreas Sidon zu Hause, der die Masterbände von dem Kampf besitzt.
Für Sidon war der Kampf am 07. Mai 1999 in einem Theater in Prag erst der zweite Auftritt als Profi. Valuev war amtierender russischer Meister im Schwergewicht. Er sah Furcht einflößend aus. Mit seinen 2,17 Metern war er ganze 20 Zentimeter größer als Sidon und in 19 Profikämpfen ungeschlagen geblieben. Nur drei seiner Gegner hatten den Schlussgong stehend erreicht. „Ich wusste durch mein Sparring mit Timo Hoffmann, der auch eine Riesenkante ist, dass große Boxer auch Nachteile haben, z. B. bei der Sauerstoffversorgung“, erzählte Sidon. Sidon schlug sich bravourös. Allein die Tatsache, dass der kleinere und unerfahrene Boxer den Kampf aufnahm und den Sieg suchte, brachte Sidon die Unterstützung der Zuschauer ein. In der dritten Runde passierte dann etwas Unerwartetes: Der Ringrichter brach den Kampf unnötigerweise ab, nachdem Sidon einige Treffer hatte nehmen müssen. Die Situation eskalierte, als das Publikum, das Schiebung vermutete, Gegenstände in den Ring warf. Sidon einigte sich mit Valuev darauf, den Kampf weiterzuführen. Der Referee verließ den Ring. Irgendjemand machte den Zeitnehmer und sogar die Nummerngirls zeigten weiter die Runden an. Die beiden Boxer brachten die angesetzten sechs Runden vor einem begeisterten Publikum zu Ende. Allerdings war die letzte Runde wohl etwas kürzer. Der Fight steht als „no contest“ in den Kampfrekorden von Sidon und Valuev.
Der Kampf der Beiden war einfach spektakulär: Zwei Boxer tragen ihren Kampf inmitten von Chaos aus. Einmal ist ein Mann mit Besen noch zu sehen, der die Flaschen zusammenkehrt, ein anderes Mal ist noch ein Nummerngirl im Ring, während Sidon und Valuev miteinander kämpfen. Aber das Bild, das ich mich am meisten beeindruckte, war, wie Sidon immer wieder den Kopf des wohl völlig erschöpften Valuevs mit der Linken nach unten zog um einen rechten Aufwärtshaken zu landen.
Als dann Valuev als neue Schwergewichtshoffnung und in Richtung WM-Herausforderer aufgebaut wurde, gab es Überlegungen einen Rückkampf zu organisieren. Angeblich ist der dann aber am Veto der ARD gescheitert. Es wurde kolportiert, die ARD hätte Angst gehabt um die Gesundheit von Sidon. Ich persönlich halte diese Entscheidung der ARD für eine ganz schlechte. Sidon hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht seine Niederlagen gegen Alexander Dimitrenko (02.07.2006), Taras Bydenko (28.10.2006) und Odlanier Solis (27.04.2007) hinnehmen müssen. Mir, der ich gesehen habe, mit welcher Leichtigkeit Sidon den Kopf von Valuev herunterzieht um ihn zu schlagen, kann kaum an die Menschliebe der ARD glauben. Ich vermute eher, dass die ARD damals eher Angst um den Kampfrekord „ihres“ Schwergewichtlers hatte. Außerdem hätten sie ja dann auch Sidon Geld für die Aufnahmen des ersten Kampfes geben müssen, um ihn den Zuschauern zu zeigen.
© Uwe Betker

Written by betker

17. April 2011 at 23:59

Der Fall Timothy Anderson (3)

leave a comment »

Timothy „Doc“ Anderson war kein Boxer mehr. Er konnte zurückblicken auf 44 Kämpfe, 27 Siege, 13 durch KO, 16 Niederlagen, 12 durch KO und 1 Unentschieden. Er hatte gegen Jimmy Young (04.06.1988, W 10) gewonnen und gegen George Foreman (21.11.191987, TKO 4), Pierre Coetzer (15.08.1988, KO 2) und Larry Holmes (07.04.1991, TKO 1) verloren. Er war vergiftet worden. Und er litt – und leidet immer noch – an Vergiftungserscheinungen. Es folgte eine Odyssee von Arzt zu Arzt. Im Herbst 1994 teilte ihm ein behandelnder Arzt mit, es sei unmöglich ihn zu heilen, ohne die Substanzen zu kennen, welche ihn vergiftet hätten. Dies brachte Anderson mit Parker an jenem schicksalhaften 28. April 1995 in einem Hotelzimmer in Lake Buena Vista, Florida zusammen.
Angeblich lockte Anderson Parker mit dem Versprechen, ihm 45.000 Dollar für ein Interview zu geben, dass er bräuchte um das Buch, das er schreiben wolle, zu beenden. Anderson hatte Angst vor diesem Treffen. Mittlerweile hieß es von Parker, er sei immer bewaffnet, mache mit der Unterwelt Geschäfte und würde auch morden. Er war sich darüber im Klaren, dass es ein gefährliches Unterfangen sein würde, von Parker das ihm zustehende Geld einzufordern und ihn zu bitten, ihm zu sagen, mit welchen Giften er vergiftet worden war.
Um Zeugen zu haben, aber auch um die Situation zu deeskalieren, erschien er in Begleitung von Parkers Sohn und Schwester. Und er brachte einen Kassettenrekorder mit zu dem Treffen. Er hatte aber auch eine Pistole dabei. Wider Erwarten begann das Treffen freundlich. Es war sogar so, das Parkers Sohn und Schwerster die Beiden alleine in dem Hotelzimmer zurückließen, um ihnen Zeit für eine Aussprache zu geben. Da bekam das Gespräch dann allerdings einen anderen Charakter. Parker fing an zu brüllen und schleuderte den Kassettenrekorder gegen die Wand. Anderson sagte später aus, Parker hätte ihm gedroht, seine querschnittsgelähmte Schwester und ihre Familie umzubringen. Das hatte Parker vorher schon mehrfach getan, wohl auch weil er wusste, dass Parker seiner Schwester Erin sehr nahe stand. Einmal hatte er sogar Männer zu Anderson geschickt, die ihm ein Foto von seiner Schwester im Rollstuhl mit ihren Kindern vor ihrem Haus zeigten und ihm drohten, sie alle umzubringen, wenn er nicht aufhören würde, an seinem Buch mit dem Arbeitstitel „Lügner, Betrügereinen und Huren“ zu arbeiten. Ein anderes Mal wurde er von zwei maskierten Männern mit Baseballschlägern überfallen und schwer verletzt. Anderson seinerseits drohte nun selber Parker umzubringen, wenn er ihm nicht die Zusammensetzung des Gift-Cocktails verraten würde.
Am Ende der Auseinandersetzung zog Anderson seine 38er und schoss auf Parker und leerte dabei das ganze Magazin. Dann lud er die Waffe auch noch nach und schoss noch zweimal auf Parker. Dann drückte er noch mehrfach den Abzug, während er sich die Waffe selbst an den Kopf hielt. Dies haben jedenfalls die ballistischen Untersuchungen zweifelsfrei ergeben. Parker war tot und Anderson blieb unverletzt.
Bezeichnend ist: Als sich die Nachricht verbreitete, Tim “Doc” Anderson hätte seinen ehemaligen Veranstalter ermordet, zeigte sich keiner überrascht. Jedenfalls nicht über die Wahl des Opfers, sondern eher über die Person des Täters. Es gab keine bedauernden Worte, die den Verlust beklagt hätten, sondern nur welche, die ihr Verständnis für Anderson bekundeten. Selbst Parkers Verwandte bestätigten seinen Drogenmissbrauch, seine Skrupellosigkeit in Geschäftsdingen und seine Fixierung auf den einen Millionen-Dollar-Zahltag.
Es stand niemals außer Zweifel, dass Anderson Parker erschossen hat. Er gab dies auch schon gegenüber den Notärzten zu. Jedoch behauptete er, in einem Akt von Notwehr gehandelt zu haben, weil Parker ihn und seine Familie terrorisiert hätte. Fest steht: Timothy „Doc“ Parker erschoss am 28. 04.1995 in einem Hotel in Lake Buena Vista in Florida Rick „Elvis” Parker, indem er achtmal auf ihn schoss.
Der Prozess entwickelte sich dann zu einer Vorführung, die große Ähnlichkeit hatte mit einem von Parker organisierten Kampf. Die Pflichtverteidigerin Trish Cashman war nur bestrebt, ihrem 37-jährigen Mandanten ein Todesurteil zu ersparen. Sie verfolgte dabei eine einfallsreiche, aber auch sehr einseitige Verteidigungsstrategie. Sie stellte Anderson als sympathisches Opfer und Parker als den Bösen dar. Sie heuerte sogar einen PR-Berater an, um diese Darstellung zu verbreiten. Sogar Parkers Schwester sagte für Anderson aus. Es wurde jedoch versäumt, ein psychiatrisches Gutachten erstellen zu lassen. Die Angriffe und die Einschüchterungsversuche von Parker wurden auch nicht als Beweismittel eingebracht.
Die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Lawson Lamar, hielt dem denn auch entgegen, dass Anderson, der schließlich davon gelebt hätte, Menschen bewusstlos zu schlagen, sein Opfer auf grausamste Art und Weise erschossen hätte. Anderson hätte Parker geradezu methodisch erschossen, angefangen bei den Knien und sich dann den Körper weiter hoch arbeitend, wobei er den Penis nicht ausließ. Der Staatsanwalt sagte: „I’ve been here a long time and this is one of the worst I’ve ever seen.”
Die Jury, die sechs Stunden beraten hatte, erkannte Tim “Doc“ Anderson für schuldig des vorsätzlichen Mordes an Rick “Elvis“ Parker. Der Richter verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne das Recht auf vorzeitige Entlassung. Nach der Urteilsverkündung beschwerten sich mehrere Geschworen öffentlich über die Höhe des Urteils. Wenn sie das Strafmaß vorher gewusst hätten, hätten sie anders geurteilt, zumal sie in dem Glauben gehandelt hätten, über das Strafmaß mitentscheiden zu können.
© Uwe Betker

Written by betker

2. Februar 2011 at 23:59