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Archive for the ‘Geschichte’ Category

Tom Cribb (2)

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10.12.1810 trafen Cribb und Molineaux in Shenington Hollow, Oxfordshire das erste Mal aufeinander. In Molineauxs Ecke stand Bill Richmond, der 1805 nur knapp gegen Cribb verloren hatte. Die Boxfans und wohl auch Cribb erwarteten einen Kampf, der nicht lange dauern sollte. Aber hier hatten sie den US-Amerikaner unterschätzt. Dieser war ein starker und intelligenter Boxer. Es kam zu einer Ringschlacht, in der beide Boxer viele schwere und harte Treffer nehmen mussten. In der 19ten Runde entstand eine Pattsituation, die in einen Tumult mündete. Molineaux und Cribb hielten sich gegenseitig in einem Ringergriff, was zu jener Zeit, den Regeln entsprach. Keiner von beiden konnte den anderen schlagen und keiner sich konnte sich aus dem Griff des anderen befreien.
Der Ringrichter war mit der Situation überfordert – auch damals gab es schlechte Ringrichter. Er konnte sich nicht dazu durchringen, die beiden Kämpfer zu trennen. Die unzufriedenen Zuschauer drückten in den Ring hinein. Dabei verletzte Molineaux sich die linke Hand. Später gab es noch einen Disput darüber, ob Cribb sich rechtzeitig nach einer Rundenpause von 30 Sekunden wieder zum Kampf gestellt hatte. Wenn ein Boxer sich damals nicht innerhalb der vorgeschriebenen Zeit zum Kampf stellte, hatte er verloren. Aber auch hier zeigte sich der Ringrichter als nicht souverän. Nach der 34ten Runde wollte Molineaux nicht mehr antreten, aber sein Sekundant Richmond überredeten ihn, sich wieder zu stellen. In Runde 35 ging er dann KO. Cribb wurde durch diesen Sieg zum englischen Meister, was gleich bedeutend mit Weltmeister war. – Offiziell gab es noch keine Weltmeisterschaft und auch keine britischen Meisterschaften. Denn offiziell war auch das Boxen, was noch mit bloßer Faust gemacht wurde, verboten.
1811 trat Cribb wieder gegen Molineaux an. Der Kampf fand in Thistleton Gap in Lancashire vor einer großen Menschenmenge statt. Diesmal unterschätzte Cribb seinen Gegner nicht. Er war sogar vorher nach Schottland gereist, um sich neun Wochen auf den Kampf vorzubereiten. Das gute Leben in London hatte ihn fett und kurzatmig gemacht. Er begann mit langen Spaziergängen und steigerte dann sein Pensum. Er verzichtete auch auf Alkohol, was ihm besonders schwer gefallen sein soll. Sichtbar leichter und austrainierter trat er an. 15.000 Zuschauer waren gekommen, um das zweite Aufeinandertreffen der beiden großen Boxer zu sehen. Der Kampf war, für damalige Zeit sehr kurz – dafür aber brutal. Molineaux dominierte die ersten Runden. Cribb blutete aus Nase und Mund und seine Augen waren geschwollen. Danach verlegte er sich darauf, zum Körper zu gehen. In der neunten Runde traf er Molineaux mit einer Linken am Kiefer, die diesen brach und den Amerikaner zu Boden schickte. Molineaux schaffte es nicht früh genug wieder hoch zu kommen, doch Cribb erlaubte es, dass der Kampf weiter geführt wurde. In der 11. Runde ging Molineaux endgültig KO.
Nach dem Kampf trennten sich die Wege von Molineaux und seinem Trainer Bill Richmond. Molineaux starb bereits 1815 mit 34 Jahren in bitterer Armut an Leberzirrhose.
Cribb bestritt in den folgenden Jahren sowohl einige Kämpfe als auch Schaukämpfe. Gerade die Schaukämpfe fanden vor den „Reichen und Schönen” der Zeit statt. Viele Adlige waren Förderer des Boxsports in England. Am 19.07.1821 wurde George IV in Westminster Abbey zum König gekrönt. 18 der führenden Boxer der Zeit waren durch den König ausgesucht worden, als Diener und Pagen dabei zu sein. Unter ihnen befand sich auch Tom Cribb.
1822 zog sich Cribb vom Boxsport zück. Er wurde erst Kohlenhändler. Danach machte er einen Pub, dass „Kings Arms”, auf, den er aber bald schon wieder aufgab. Später, nämlich 1820, eröffnete er das „Union Arms“, dass heutige „Tom Cribb“. Das Union Arms, oder auch „Cribbs´s Parlour“ genannt, wurde ein Treffpunkt für Boxer und Aristokraten. Die Gegend rund um den Pub, war eine Hochburg des Boxens im 19ten Jahrhundert. Die Wände der Gaststätte waren, im Geschmack der Zeit, dicht mit vielen Bildern behängt, vorwiegend Portraits und Szenen aus dem Sport.
Cribb gab 1838/39 den Pub, wohl aufgrund finanzieller Probleme, auf und zog zu einem seiner Söhne, William Frederick Cribb. Er starb am 11.05.1848 mit 68 Jahren. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: “The actions still there but the steams all gone.” Er wurde auf dem Friedhof von St. Mary`s Church in Woolwich, in den Dockland von London beigesetzt. Zu seinen Ehren wurde ein großer steinerner Löwe aufgestellt, der auch heute noch zu sehen ist.
Cribb war einer von Englands gefeiertsten Champions. Er war es, der das das Boxen im Rückwärtsgang, das „milling on the retreat“ zu einer akzeptierten Kampfform machte. Einige behaupten sogar, dass er der Erfinder des Trainingslagers ist. Er wurde 1991 in die International Boxing Hall of Fame aufgenommen.
Das „Tom Cribb“ ist ein ausgesprochen angenehmer und ruhiger Pub. Hier kann man bei einem schönen Pinte Ale überlegen, ob man nicht am nächsten Tag in die National Portrait Gallery geht, um sich dort das sehr schöne Molineaux Portrait von George MacDonald Fraser anzusehen.
© Uwe Betker

Written by betker

20. November 2011 at 23:59

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Tom Cribb (1)

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Wer als Reisender nach London kommt, steht irgendwann unweigerlich auf dem Piccadilly Circus. Der Piccadilly Circus, der ja mal so etwas wie das Zentrum der Welt war, ist heute einfach nur aufdringlich laut und voll. Es werden die gleichen Produkte angeboten wie überall sonst auf der Welt, und außerdem natürlich noch die unvermeidlichen London-Souvenirs. Aber unweit von diesem Un-Ort gibt es das Tom Cribb, einen bemerkenswerten Pub.
Der Pub ist nach Tom bzw. Thomas Cribb benannt, dem es einmal gehörte. Cribb wurde am 02.07.1781 in Hanaham, Gloucestershire, England, in der Nähe von Bristol, geboren. Er lebte die ersten Jahre zusammen mit seinen Eltern Thomas und Hannah und mit seinen sechs Geschwistern Abraham, Ann, Daniel, Elizabeth, Ester und George. Bereits mit 13 Jahren ging er allein nach London. Dort arbeitete er zunächst bei einem Verwandten als Türglockenaufhänger. Aber bereits kurze Zeit später arbeitete er als Träger bei den Kais in den Docklands von London, wo er die Ladung der Lastkähne löschte. In diese Zeit fielen auch zwei Unfälle, die beide zum vorzeitigen Tod von Cribb hätten führen können. Das eine Mal fiel er zwischen zwei Kohle-Kähne, die ihn zu zerquetschen drohten. Das andere Mal rutschte er aus und die sehr schweren Pakete mit Orangen, die er trug, stürzten auf seinen Brustkasten. Noch Tage später spuckte er Blut.
Er diente auch eine Zeitlang bei der königlichen Marine, von der er 1804 entlassen wurde. Hiernach arbeitet er weiter als Kohleträger in den Docks, was ihm den Namen „The Black Diamond“ eintrug. Unter diesem Kampfnamen absolvierte er auch seinen ersten Kampf am 07.01.1805. Cribb gewann seinen ersten öffentlichen Kampf gegen George Maddox in Wood Green in Middlesex in der Nähe von Highgate, heute ein Teil von London. Der Kampf dauerte zwei ein viertel Stunde und ging über 76 Runden.
George Cribb, ein Bruder von Tom Cribb, versuchte sich auch als Profiboxer. Er boxte wohl fünf Mal. Er verlor alle seine Kämpfe.
Einen Monat später, am 15.02.1805, schlug Thomas Cribb Tom „Tough“ Blake und gewann eine Börse von 40 Guineas, was in dieser Zeit ein kleines Vermögen war. Diesmal boxte er „nur“ eineinhalb Stunden, bzw. 20 Runden lang. Seine Siege und seine Börse überzeugten ihn, von nun an Profiboxer zu sein. In der gleichen Zeit lernte er Robert Barclay Allardice, besser bekannt als Captain Robert Barclay, kennen. Barclay erkannte das Potential von Cribb und wurde sein Betreuer, Berater und Trainer. Im Juli des gleichen Jahres musste Cribb gegen George Nichols eine der wenigen Niederlagen seiner Karriere hinnehmen. Der Kampf dauerte eineinhalb Stunden und ging über 52 Runden.
Am 08.10.1805 besiegte er knapp William „Bill“ Richmond, genant „Black Terror“ in einem eineinhalb Stunden dauernden Kampf. 1807 schlug er dann Jem Belcher, den ehemaligen All England Champion, der zu jener Zeit eine lebende Legende war. 1809 wurde er zum British Champion ernannt, weil „Titelinhaber“ John Gully zurücktrat. Im selben Jahr, am 12.12.1809, heiratete er Elizabeth Warr in der St. Pancras Old Church, im Stadtteil Camden in London. Vermutlich hatten die Beiden sieben Kinder.
Unsterblich wurde Cribb durch seine zwei Kämpfe mit dem großen Tom Molineaux. Molineaux wurde 1784 als Sklave in Virginia, USA geboren. Er boxte mit anderen Sklaven um die Plantagenbesitzer zu unterhalten. Er gewann seinem Besitzer so viel Geld durch Wetten auf ihn, dass dieser ihm die Freiheit schenkte. Hiernach ging Molineaux nach England und verdingte sich als Profiboxer.

(C) Uwe Betker

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19. November 2011 at 23:59

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Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (3)

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Pimentel konnte, nachdem seine Sperre endlich aufgehoben worden war, nach Los Angeles zurückkehren, um dort am 06.12.1965 auf einen weiteren harten Brocken zu treffen, Joe Medel aus Mexiko. Pimentel konnte zwar sein Gegenüber früh niederschlagen, ging dann aber selber zweimal in der neunten Runde zu Boden. Die harte Schlussrunde konnte Medel nur mit viel Geschick und Glück durchstehen. „Der Medel-Kampf machte mich erst richtig bekannt. Meine Leute akzeptierten mich von nun an wirklich, obwohl ich durch eine Mehrheitsentscheidung verlor. Obwohl er kein ausgesprochener Puncher war, war er der einzige Gegner in meiner Boxkarriere, der mir wirklich in einem Kampf Schmerzen zufügte. Er war der einzige Boxer, dessen Schläge ich wirklich spürte. Alle Medien gaben mir den Sieg, nur die Punktrichter nicht.“ Diese Entscheidung der Punktrichter ist für ihn bis heute die schmerzhafteste Erinnerung an seine Zeit als Boxer, zumal Medel ihm keinen Rückkampf gab. Das Boxmagazin „The Ring“ kürte den Kampf zum viertbesten des Jahres.
Im folgenden Jahr, 1966, stieg er sechsmal in den Ring und gewann immer durch KO. Unter seinen Opfern waren Boxer, die zur Spitzenklasse zählten: Kackie Burke aus Kanada und der Japaner Katsuo Saito. Beide schlug er KO.
Am 11. Juni 1967 verlor Pimentel wieder einen Kampf. Sein Bezwinger in San Antonio war Yoshio Nakano aus Japan. „Yoshio Nakano – ein schwierig zu boxender Kämpfer. Bis heute weiß oder verstehe ich nicht, wie er mich geschlagen hat. Ich erinnere mich ganz deutlich, wie der Ringrichter, ein sehr ehrenwerter Offizieller, in unsere Ecke kam und meinem Manager sagte, dass er mich klar nach Punkten vorne hat. Und was war? Er war einer derjenigen, die den Kampf Nakano gaben.“
Der nächste Gegner war Mimoun Ben Ali aus Spanien, auf den er am 26.07.1967 traf. Ali war zu diesem Zeitpunkt zum dritten Mal Europameister. Er war von 1958 bis 1962 im Fliegengewicht und von 1963 bis 1967 im Bantamgewicht unter den besten zehn der Welt. In seinen bisherigen 62 Kämpfen war er niemals KO gegangen. Pimentel bezeichnet ihn gerne als seinen zähesten Gegner. Der Kampf wurde verbissen und hart geführt. Pimentel lag nach der achten Runde nach Punkten hinten. In der neunten zählte dann aber die Boxlegende Archie Moore, der als Ringrichter fungierte, Ali aus. Diese Begegnung wurde 1999 zum größten Kampf von San Antonio gewählt.
Mitte 1968 verlor der Boxstern Pimentel Zusehens an Leuchtkraft. Am 14.06.1968 traf er in Los Angeles auf Chucho Castillo, den amtierenden mexikanischen Meister im Bantamgewicht, der zwei Jahre später gegen Ruben Olivares Weltmeister werden sollte. Pimentel unterlag klar nach Punkten. „Chucho kämpfte diese Nacht den Kampf seines Lebens. Er führte einen sehr-sehr cleveren Kampf. Er flog wie eine Fliege und stach wie eine Biene – wie Cassius Clay zu sagen pflegte. Ich persönlich hatte viele Probleme gegen technische Boxer und besonders in dieser Nacht. Chucho Castillo kämpfte gegen mich, wie er es später gegen Ruben Olivares tat. Er war sehr anmutig und clever. Ich ziehe meinen Hut vor ihm.“ Pimentel verschweigt, dass er sich während des Kampfes seine Schlaghand mehrfach brach.
Nach der Niederlage gegen Castillo erwog Pimentel, sein Handwerk dranzugeben, zumal auch Castillo ihm keine Revanche geben wollte. Aber noch immer lockte das große Ziel: die Weltmeisterschaft. Pimentel boxte weiter. Am 10.03.1969 folgte wieder eine Niederlage. Kazuyoshi Kanazawa, der vierte der Weltrangliste „boxte mir die Ohren ab“. In diesem Kampf, der in der Korakuen Hall in Tokio stattfand, musste Pimentel viel einstecken. In der dritten Runde erlitt er eine Cutverletzung an der rechten Augenbraue, in der fünften kam ein weiterer Cut an der anderen Braue hinzu. In der neunten Runde stoppte der Ringrichter den Kampf wegen der stark blutenden Platzwunden.
Nach diesen Niederlagen fing sich Pimentel wieder, und es folgten 15 Siege mit 13 KOs in Folge. Unter seinen Opfern war auch der starke Kanadier Billy McGrandle, den er am 17.12.1969 in der siebten Runde KO schlug („er konnte meine Körpertreffer nicht nehmen“). Dieser Sieg brachte ihm den Titel des nordamerikanischen Meisters ein. „Der Sieg war eine große Befriedigung für mich. Obwohl es nicht der Weltmeistertitel war, hatte ich nun den schönsten Gürtel für meinen Trophäenschrank.“
Den Titel verteidigte er zweimal erfolgreich. Kuniaki Shimad schlug er am 01.07.1970 und Ushiwakamaru Harada am 14.09.1970 KO. Trotz dieser beeindruckenden Siege war Pimentel schon lange nicht mehr der Boxer, der er einst gewesen war. Es war offensichtlich, dass er sich dem Ende seiner Karriere näherte. Nun erst, am Ende seiner Laufbahn als Preisboxer und nach sieben Jahren des Wartens, bekam er schließlich doch noch die Chance, um die Weltmeisterschaft zu boxen.
Sein Gegner am 14.12.1971 in Los Angeles war der große Ruben Olivares. „Ich wollte, als ich gegen Ruben Olivares antrat, nicht meine Karriere mit einer Niederlage beenden, wie die meisten Boxer es tun. Aber als ich gegen Ruben Olivares kämpfte, wusste ich, dass meine Karriere zu Ende ist. Ich spürte die Schläge, denen ich früher so einfach ausweichen konnte. Nun spürte ich sie, und ich konnte ihnen nicht ausweichen.“
Olivares und Pimentel, die hier aufeinander trafen, hatten eine erschreckende KO-Bilanz. Zusammen verbuchten sie 134 KOs. Olivares war jünger, größer und hatte einen Reichweitenvorteil. Pimentel hatte dafür ein Mehr an Erfahrung und das Herz eines wahren Kriegers: Es war eine der großen Ringschlachten der Boxgeschichte.
„Als ich gegen Ruben kämpfte, war ich schon 32 Jahre alt und auf dem absteigenden Ast. Aber ich gab ihm trotzdem eine Hölle an Kampf.“ Die amerikanische „Boxing Illustrated“ schrieb, im Vergleich zu diesem Krieg sei der erste Kampf Ali gegen Frazier ein Langeweiler-Kampf gewesen.
Bereits in der ersten Runde hatten beide Kontrahenten ihren Kampfrhythmus gefunden. Olivares kam immer wieder mit seinen gefürchteten linken Haken durch und konnte Rechts-Links-Rechts-Kombinationen zum Körper und zum Kopf anbringen. Pimentel ließ den Kopf seines Gegenübers immer wieder mit seinem harten Jab zurückschnappen und landete krachende Rechte an den Kopf. Beide gingen ein mörderisches Tempo.
Die zweite Runde folgte diesem Muster, und es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste zu Boden gehen würde. Am Ende des dritten Durchgangs zog sich Olivares nach einem Zusammenstoß mit den Köpfen eine große und stark blutende Platzwunde über dem linken Auge zu. Heute würde eine solche Verletzung automatisch zum Abbruch führen. Aber hier führte sie nur dazu, dass sich das Tempo des Kampfes noch verschärfte. Die fünfte Runde war ein einziger Schlagabtausch. Pimentel kam wieder mit einer harten Links-Rechts-Links-Kombination durch, die Olivares beeindruckte. Es folgten ein Jab – ein rechter Haken zum Kinn. Der Weltmeister war schwer angeschlagen. Plötzlich kam dann aber Olivares mit einem rechten Cross durch, und Pimentel ging zu Boden. Er kam wieder hoch und schenkte Olivares in den folgenden Runden nichts. Aber Olivares war auf der Siegerstraße. Systematisch bearbeitete er Körper und Kopf seines Gegners. Lediglich die achte Runde konnte Pimentel noch für sich entscheiden. Als Pimentel am Ende der zehnten Runde in seine Ecke ging, war sein Gesicht verschwollen und sein Körper übersät mit blauen Flecken. „Ich sagte meinem Manager: Harry, ich fühle meine Beine nicht mehr. Er sagte zu mir: Geh raus in die nächste Runde, und wenn du ihn nicht KO haust, stoppe ich den Kampf – was er dann auch tat.“ Pimentel hatte seinen einzigen Titelkampf verloren. Noch im Ring erklärte er seinen Rücktritt vom Boxen.
„Ich bin mir sehr sicher, dass ich Ruben Olivares und Eder Jofre hätte KO schlagen können. Ich wünschte mir, ich hätte früher gegen Ruben kämpfen können. Ich wünschte mir, ich hätte Eder boxen können. Ich hätte ein Champion werden können.“ Selbst Parnassus, der dieses Aufeinandertreffen veranstaltet hatte, sagte nach dem Kampf zur Presse, dass, hätte der Kampf nur zwei Jahre früher stattgefunden, Pimentel wohl durch KO gewonnen hätte. Dieser Kampf war so schwer und kostete auch seinen Sieger soviel Substanz, dass Olivares bereits in seinem nächsten Kampf den Titel wieder verlor.
Nach dem Ende seiner Karriere als Preiskämpfer veranstaltete Pimentel zusammen mit seinem ehemaligen Manager Kabakoff Boxkämpfe in Mexiko. Heute betreibt er eine Firma für Garten- und Landschaftsbau in Northridge/Kalifornien. Dem Boxen ist er immer noch verbunden – als Trainer im Northridge Athletic Club.
Pimentel ist mit seiner Jugendliebe Maria Elena verheiratet („Ich war in meinem ganzen Leben noch nie ein Playboy“). Er hat zwei Söhne, Jesus Jr. und Melville (benannt nach seinem Manager), sowie zwei Töchter Deborah und Esenia.
Obwohl es Jesus Pimentel nicht vergönnt war, einen Weltmeistergürtel zu erringen, so ist er aber doch ein wahrer Champion. In seinem Haus hat er einen Gürtel, der mehr aussagt als einer der protzigen Weltmeistergürtel, die heute so freigiebig verteilt werden. Auf diesem Gürtel steht „The Greatest Knockout Punching Bantamweight In Boxing History“. Er wurde ihm von Nat Fleischer, dem Gründer und Herausgeber des Ring Magazin, der wichtigsten Boxzeitschrift der Welt, überreicht.
© Uwe Betker

Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (2)

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Seine KO-Erfolge ließen den Bantamgewichtler Pimentel zu einem Zuschauermagneten werden. Zunächst musste er jedoch am 16.08.1963 gegen einen anderen Liebling der Fans antreten, den Ranglistenboxer Jose „Portillo“ Lopez. Lopez hatte zuvor von 38 Kämpfen nur einen verloren, und er war wie Pimentel ein KO-König. 8.500 Zuschauer kamen ins Olympic Auditorium in Los Angeles, um das Aufeinandertreffen der beiden zu verfolgen. „Ich hatte alle gegen mich: Der Promoter [George Parnassus, der später eine entscheidende Rolle in Pimentels Karriere spielen sollte] war gegen mich, weil Lopez einer seiner Fighter war. Die Punktrichter waren gegen mich. Was aber am allerschlimmsten war, die Boxfans waren auch gegen mich. Ich musste als erster in den Ring steigen, und sie buhten mich aus. Aber Gott sei Dank endete der Kampf damit, dass meine Hand nach acht großartigen Runden hochgehalten wurde.“ Diese Begegnung hielt, was das Publikum von ihm versprechen konnte. Es war ein offener Schlagabtausch, der klären sollte, wer der Härtere war. In der achten Runde schlug Pimentel im Infight Lopez KO. Dabei waren seine Fäuste nur fünf Zentimeter vom Kopf seines Gegners entfernt, als er die entscheidenden Schläge abfeuerte. Damit wurde Pimentel zum Star und zum Liebling der Boxfans links und rechts der mexikanischen Grenze.
Als er am 05.10.1963 das nächste Mal in den Ring stieg, traf er auf seinen alten Bekannten Trino Savala. Diesmal überließ er die Entscheidung nicht den Punktrichtern. Er gewann durch KO in Runde 2.
Am Ende des Jahres, am 18. Dezember, füllte er erneut eine Riesenhalle, die Los Angeles Sports Arena, bis auf den letzten Platz. Dort schlug er den Spitzenboxer Ray Asis von den Philippinen. Pimentel war zu diesem Zeitpunkt die Nummer sechs und Asis die Nummer zehn der Weltrangliste. „Vor dem Kampf, in der Umkleidekabine, sagte ich zu Kabakoff und zu meinem Bruder Joe [Jose Luis], dass ich Asis KO geschlagen habe. Kabakoff schaute meinen Bruder an und meinte, dass ich zu viele Schläge abbekommen hätte. Einen Tag später druckten die Zeitungen das Photo, auf dem Ringrichter John Thomas meine Hand zum Sieg hebt und Ray Asis auf dem Boden liegt.“ Pimentel war auf dem Höhepunkt seines Könnens, er schien unschlagbar, und ein Kampf um die Weltmeisterschaft im Bantamgewicht erschien nur folgerichtig.
Der Promoter Tony Padilla aus San Antonio/Texas, wollte einen Kampf zwischen Pimentel und dem amtierenden brasilianischen Weltmeister Eder Jofre Mitte 1964 veranstalten. Er war aber nur ein Strohmann für den einflussreichen und mächtigen Promoter George Parnassus. Pimentel bereitete sich in seinem Trainingslager vor. Der Vorverkauf für den Kampf in San Antonio zwischen einem südamerikanischen Weltmeister und einem mexikanischen Herausforderer, die beide niemals zuvor in Texas aufgetreten waren, lief sehr schlecht. Kurz vor dem Kampf hatte Jofre noch fast 5 kg Übergewicht. Es sah alles danach aus, als ob Jofre nicht mehr rechtzeitig das Limit würde bringen können. Parnassus, „der Don King der 60er“, teilte Pimentel deshalb mit, dass er aufgrund des schlechten Vorverkaufs seine und Jofres Börse halbieren müsste, damit der Kampf überhaupt stattfinden könnte. Pimentel reiste daraufhin einen Tag vor der offiziellen Absage des Kampftermins ab. Diese Abreise gab Parnassus die Möglichkeit, Pimentel für den geplatzten Kampf verantwortlich zu machen. Er behauptete, Pimentel habe seinen Gegner beim Training gesehen und Angst bekommen. Er ließ seine Beziehungen zum Präsidenten der WBC spielen, der Pimentel für ein Jahr sperrte.
Pimentel sagt dazu: „Tatsache ist: Jesus Pimentel hätte der neue Champion werden können. George Parnasssus ist dafür verantwortlich, dass ich nicht Weltmeister wurde. Er und der Präsident der WBC hielten mich bis zu meinem letzten Kampf von einem Titelkampf fern. Parnassus kontrollierte alle Manager und alle Boxer aus Mexiko, aber nicht meinen Manager Harry Kabakoff.“
Wenn Pimentel Parnasssus als „den Don King der 60er“ Jahre beschreibt, ist dies eine Untertreibung. Denn was den Einfluss angeht, so ist Don King im Vergleich zu George Parnasssus ein Kleinringveranstalter. Parnasssus war der Initiator für die Gründung des WBC (World Boxing Council). Er brachte die Seuche der Gründungen immer neuer Boxverbände in die Welt, unter der der Sport noch heute leidet. Der WBC gilt heute als ein seriöser Verband. Jedoch waren die Anfänge alles andere als das. Thomas Hauser, einer der renommiertesten Boxkenner der Welt, brachte es auf den Punkt, als er schrieb, dass der WBC in jener Zeit „nicht mehr als ein korrupter Scherz“ war.
Die Sperre jedenfalls verhinderte, dass Pimentel in der Folgezeit bei großen Veranstaltungen boxen konnte. Das wiederum kostete ihn seinen Platz als Nummer eins der Weltrangliste. Pimentel blieb jedoch fleißig und umging die Sperre, indem er in Mexiko weiterboxte. Er boxte jeden, der ihm vorgesetzt wurde, und viele seiner Gegner waren Boxer der Weltspitze. Dennoch kam er seinem Titelkampf nicht näher. Man ließ ihn mehr als sieben Jahre warten! In diesen sieben Jahren war er ununterbrochen unter den ersten zehn im Bantamgewicht.
Am 30. August 1964 in Culican endete Pimentels KO-Serie. Sein Gegner Mauro Miranda schaffte es, den Schlussgong stehend zu erreichen. Pimentel gewann nach Punkten. Weitere Spitzenboxer, die er in der Folgezeit besiegte, waren Rudolfo Cruz („Der Rudolfo-Cruz-Kampf war ein sehr harter Kampf. Ich habe noch nicht einmal Geld dafür bekommen, wegen meiner Sperre“), Fernando Soto und Alex Benitez.
In der Zwischenzeit war der Japaner Masahiko „Fighting“ Harada Weltmeister geworden. Doch auch er trat nicht gegen Pimentel an und das, obwohl Pimentel einen Vertrag mit Harada hatte, der ihn zu einem Kampf verpflichtete. Schon Anfang 1964 sollten beide gegeneinander antreten. Der Kampf fand jedoch nicht statt, weil Pimentel sich vorher verletzt hatte. Der Veranstalter des geplanten Kampfes Pimentel-Harada war – Parnassus. Parnassus wollte den Weltmeisterschaftskampf mit Jofre vorziehen und den Kampf mit Harada dann nachholen. Aber beide Kämpfe fanden nie statt.
© Uwe Betker

Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (1)

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In der heutigen Zeit, in der es nahezu so viele Titel im Profiboxen gibt wie das Alphabet an Buchstabenkombinationen zulässt, gibt es kaum jemanden, der die Weltmeister aller Weltverbände in allen Gewichtsklassen kennt. Daher ist es heute auch kaum vorstellbar, dass es möglich sein könnte, dass ein Boxer der absoluten Extraklasse – einer der besten Bantamgewichtler aller Zeiten, ein Fighter, der in der World Hall Of Fame Of Boxing aufgenommen wurde und dem dieser Platz in der Hall Of Fame Of Boxing zusteht, einer, den die amerikanische Zeitschrift Sports Illustrated unter die 50 härtesten Puncher aller Zeiten wählte – niemals Weltmeister wurde. Ein solcher Boxer war Jesus Pimentel.
Die Kindheit und Jugend Pimentels verlief so, wie sie eigentlich nur ein zu Kitsch und Plattitüden neigender Autor erfinden kann. Pimentel wurde am 17.02.1940 in einem kleinen Ort namens Sayula Salisco in Mexiko geboren. Er wuchs zusammen mit sieben Geschwistern in El Camiche, Michoacan auf. Sein Vater war zunächst Soldat in der mexikanischen Armee, bis er 1948 beschloss, in die USA zu gehen, um „Arbeit und ein besseres Leben zu suchen.“ Zwei Jahre nachdem sein Vater die Familie verlassen hatte, holte er einen Teil seiner Familie nach: Seine Mutter, seine drei älteren Brüder und er fuhren nach Tijuana, Mexiko. Dort krochen sie unter dem Stacheldrahtzaun durch und liefen über die Eisenbahngleise, um in Santiago California in den USA anzukommen. Dort wurden sie von einem Onkel mit einem Wagen erwartet und nach Los Angeles gefahren. Die sechsköpfige Familie lebte in einer Garage den amerikanischen Traum. Die Kinder gingen schon bald zur Schule. In den Schulferien nahm ihr Vater sie mit auf die Felder, um Baumwolle und Obst zu pflücken. Sieben Jahre ging das so, bis die Einwanderungsbehörde sie erwischte und nach Tijuana abschob.
Die Familie Pimentel verdingte sich wieder als Tagelöhner, nunmehr auf den Feldern von Mexiko. Ende 1958 hatte Jesus Pimentel genug. „Ich sagte mir selbst: Nein, nein, ich will nicht mein ganzes Leben lang Baumwolle pflücken. Ich gehe in die Stadt und suche mir einen Job, “ und seine Familie folgte ihm.
Er fand eine Anstellung an der Tankstelle von Nick Rodriguez, wo er 125 Pesos (10 Dollar) die Woche verdiente und ein Zweizimmerappartement bezog, in dem er zusammen mit seiner ganzen Familie lebte. Nach einer Woche bemerkte er, dass alle seine Arbeitskollegen Boxer oder ehemalige Boxer waren und sein Arbeitgeber ein lokaler Boxpromoter. Einer dieser Kollegen, ein Amateurboxer, überredete ihn, mit ins Gym zu kommen. Was er dort sah, begeisterte ihn aber nicht. Wenige Tage später begleitete Pimentel diesen Arbeitskollegen zur lokalen Stierkampfarena, wo er einen Kampf bestreiten sollte. Der Gegner erschien jedoch nicht und man überredete Pimentel, in den Ring zu steigen. „Was passierte, war: Die Stierkampfarena war schon mit Fans gefüllt, die meinen Freund Arturo kämpfen sehen wollten. Die Boxkommission akzeptierte mich. Sie gaben mir eine Hose, Schuhe, einen Mundschutz und alles, was ich brauchte. Ich stieg mit meiner weißen Hose in den Ring. In der zweiten Runde war die Hose rot von dem Blut, das mir aus der Nase lief. Nach dem Kampf sagte ich mir: Nein, das ist nichts für mich!“
Der Vorsatz hielt nicht lange. Bereits eine Woche später wurde er wieder überredet, ins Gym zu gehen. „Wenn ich schon in den Krieg ziehe, dann als Profi. Diesmal versprach ich mir: Ich werde mich dem Boxen vollständig verschreiben.“ Der Boxer Jesus Pimentel war geboren.
Pimentel trainierte zwei Monate, bevor er seine ersten Amateurkämpfe bestritt. Nachdem er in der ersten Runde der nationalen Meisterschaften ausschied, wechselte er nach wenigen Monaten ins Profilager, um für seine Familie und sich selbst den Lebensunterhalt zu verdienen. Er hatte bis dahin 20 Kämpfe bestritten, von denen er 18 für sich entscheiden konnte.
An der Tankstelle lernte er auch Harry Kabakoff kennen, der ihn während seiner ganzen aktiven Preisboxerzeit als Manager vertrat und bei allen Kämpfen als Sekundant in seiner Ecke stand. Karbakoff hatte schon vorher unter anderen mit dem Schwergewichtsweltmeister Floyd Patterson und den Weltergewichtweltmeistern Don Jordan und Kid Gavillan zusammengearbeitet. Er gab ihm seinen Kampfnamen „Little Poison“ und seinem Zwillingsbruder Jose Luis den Namen „Big Poison“ nach erfolgreichen Zwillingen, die in der amerikanischen Profi-Baseballliga spielten. Die beiden sahen sich so ähnlich, dass Jose Luis in späteren Jahren für Jesus gehalten und um Autogramme gebeten wurde – ein Wunsch, dem Joe auch mit Freuden nachkam. Er sollte später ein ebenfalls erfolgreicher Boxer werden, der um die Weltmeisterschaft im Federgewicht nach Version WBA gegen den Japaner Shojo Swaijyo kämpfte.
Pimentel war ein typischer Vertreter des mexikanischen Boxstils. Er hatte eine exzellente Führhand. Er ging zum Körper. Er wollte seine Gegner KO schlagen, und er schlug sie KO. Er hatte einen unglaublichen Punch, konnte aber auch selber gut Schläge absorbieren. Er ging niemals KO. Obwohl er selbst technisch versiert war, hatte er mit rein technisch boxenden Gegnern seine Schwierigkeiten.
Am 18.07.1960 bestritt er in Mexicali gegen Jose Mendoza sein Profidebüt. Er gewann den Sechsrundenkampf nach Punkten. Bereits sein sechster Kampf war auf 10 Runden angesetzt. Wie die meisten, mit denen er in den Ring stieg, schlug er seinen Gegner Francisco Vasquez bereits in der ersten Runde KO.
Seinen 12. Kampf bestritt er am 17.07.1961 gegen den viel erfahreneren Trino Savala. Die Begegnung war wieder auf zehn Runden angesetzt. „Die Punktrichter gaben Trino den Sieg. Alle Sportreporter und Fans wussten, dass ich den Kampf gewonnen hatte. Das Wichtigste war aber, dass ich von der ersten bis zur letzten Runde durchkämpfte. Nach dem Kampf urinierte ich in der Umkleidekabine Blut, wegen der Körpertreffer. Ich stellte mir vor, wie Trino wohl auch Blut ausscheidet, da ich ihn wirklich mit Körpertreffern bombardiert hatte.“ Die Punktniederlage war die erste in seiner Karriere, und sie sollte für lange Zeit auch seine letzte bleiben. Er brauchte sich nur noch sehr selten auf die Urteilsfähigkeit der Punktrichter verlassen. Die nächsten 29 Kämpfe in Folge gewann er durch KO. Damit brach er den alten KO-Rekord von Henry Armstrong, der 27 seiner Gegner hintereinander auf die Bretter schickte.
© Uwe Betker

Das Tier ist wieder eingesperrt (2)

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Das Tier ist wieder eingesperrt (2)
Mit seiner vierten Titelverteidigung am 13. Februar 1983 in Philadelphia gegen Wilford Scypion endete Fletchers Siegesserie. „Er verhinderte, dass ich Weltmeister im Mittelgewicht wurde. Mir wurde gesagt, dass ich auf meinen Titelkampf noch warten müsste, weil Marvin Hagler [der neue amtierende Weltmeister] erst Tony Sibson [die Nummer zehn der Weltrangliste] boxen wollte. Ich konnte aber nicht ein Jahr warten, also nahm ich Wilford Scypion.“ Fletcher verlor nach Punkten und damit rückte die Möglichkeit, um die Weltmeisterschaft zu boxen, erstmals in weite Ferne.
Es folgte ein TKO-Erfolg gegen Curtis Ramsey, der ihn für einen Ausscheidungskampf um die Weltmeisterschaft qualifizierte. Sein Gegner war Juan Domingo Roldan, der ihn am 10. November 1983 in der sechsten Runde durch KO stoppte. Die große Zeit des Tiers war vorbei.
Das Ende von Fletschers Boxkarriere ist schnell erzählt: 1984 folgte ein Punktsieg über Jimmy Sykes. Dann kam am 05. August 1984 in Tampa der Kampf gegen John Mugabi, der Anfang vom endgültigen Ende. Fletcher glaubt, Mugabi hätte nur mit Hilfe des Ringrichters gewonnen. Er unterlag durch TKO in Runde vier. „Mugabi war keine Bedrohung für das Mittelgewicht. Auch die anderen Personen, die mich geschlagen haben, waren das nicht. Die Welt weiß, dass ich der Mann war!“ Seinen letzten Kampf bestritt Fletcher gegen Curtis Parker am 04. Februar 1985 in Atlantic City. „Er war ein jämmerlicher Kämpfer mit einem harten Punch.“ Wieder unterlag er durch TKO, diesmal in Runde zwei. Danach stieg er nie wieder in den Ring – „Ich wollte nicht blind werden“.
Fletcher sagt im Rückblick auf seine Karriere: „Ich bewies es mir und der Welt. Der Mann, der den Mittelgewichtsgürtel hatte, hatte Angst vor mir.“ Fletcher hatte nie die Gelegenheit, um die Weltmeisterschaft zu boxen. Andere bekamen diese Chance. Vier der Gegner, die ihn besiegten, bekamen einen solchen Titelkampf. Zu Unzeiten verlor Fletcher Kämpfe, die er gewinnen musste. Vielleicht kam er aber auch nur zu spät in die Nähe eines Weltmeisterschaftskampfes. Im besten Jahr von Fletcher, 1982, führten die Weltverbände WBA und WBC solche Boxer wie Fulgencio Obelmejias aus Venezuela bzw. Tony Sibson aus England als die Nummer zehn ihrer Rangliste. Beide waren viel schwächer als Fletcher und hatten weniger gute Gegner in ihren Kampfrekorden. Dennoch oder gerade deswegen bekamen beide einen Weltmeisterschaftskampf.
Kaum hatte Fletcher seine Handschuhe an den berühmten Nagel gehängt, eskalierten auch schon wieder seine Probleme mit der Justiz. Auch während seiner Profizeit hatte er gelegentlich Probleme mit den Ordnungshütern. Nun aber folgten diverse Verhaftungen und Anklagen sowie einige Verurteilungen. Bezeichnend für Fletcher ist, dass keine seiner Straftaten als Erwachsener irgendetwas mit Geld oder Drogen zu tun hatte. Alle seine Verhaftungen und Verurteilungen hatten emotionale Gründe. Er trug weiterhin seine Konflikte so aus, wie seine Familie, die Umgebung und die staatlichen Organe es ihn gelehrt hatten, nämlich mit Gewalt.
Nach seiner letzten Entlassung aus dem Käfig von Dallas, Pennsylvania, schien es eine Zeitlang fast so, als ob er ein zivilisiertes Leben führen könnte. Er arbeitete für eine karitative Organisation in Philadelphia und stand der Fletcher Jugend Stiftung vor, die sich um gefährdete Kinder und Jugendliche kümmerte, bis zum 28.07.1993. An diesem Tag wurde er im Büro seines Bewährungshelfers verhaftet, weil im Kofferraum seines Autos eine halbautomatische Pistole gefunden worden war. Das Gericht verurteilte ihn zu 264 Monaten Gefängnis.
Fletcher glaubt fest daran, dass er noch mal aus dem Gefängnis kommen und „Geschichte schreiben“ wird. Er ist davon überzeugt, dass nur jemand seine Biografie schreiben muss. Dann würde sie verfilmt, und dadurch würde er reich und berühmt. Er würde dann eine schöne Frau finden, heiraten und sie mit Brillanten behängen. Aber noch sitzt das Tier im Käfig, in Allenwood, Pennsylvania.
© Uwe Betker

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18. August 2011 at 23:59

Das Tier ist wieder eingesperrt (1)

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„The Animal – das Tier“ war der Kampfname, unter dem Frank Fletcher berühmt wurde. Anfang der 80er Jahre elektrisierte er im Mittelgewicht mit seinen Ringschlachten das Publikum. Gewalt war aber nicht nur im Ring, sondern sie war auch in seinem Leben ein zentraler Bestandteil. Man sperrte das Tier dann auch fast sein ganzes Leben in einen Käfig. Auch heute ist er wieder in einem Käfig eingesperrt. Der ehemalige Profiboxer verbüßt eine 25-jährige Haftstrafe.
Franklin Montagues Fletcher hatte nicht darum gebeten, am 07. Mai 1954 in Philadelphia ins Leben geworfen zu werden. Er wuchs zusammen mit sieben Geschwistern auf. Seine Eltern waren beide Alkoholiker und lebten immer wieder getrennt voneinander. Seine Mutter war die erste, die Franklin einsperrte – in den Keller. Sie schlug ihn und zerschnitt ihm mit einem Rasiermesser die Nase. Die Narbe ist noch heute deutlich sichtbar. Aktenkundig ist, dass seine Mutter ihn mehrfach mit schweren Gegenständen, wie Knüppeln oder Rohren, schlug. „Ich liebe sie“, sagt Fletcher über seine Mutter, „und ich glaube, sie liebt mich auch.“
Der kleine Franklin wehrte sich gegen die ihn umgebenden Lebensumstände durch Kriminalität: Stehlen, Autosaufbrechen und einigem anderen. Hinzu kam seine kaum zu bändigende Aggressivität. Schon als Kind und Jugendlicher trug er Konflikte mit den Fäusten aus, auch gegenüber Erwachsenen. Bereits mit acht Jahren wurde er das erste Mal verhaftet. Es folgten bis zu seiner Volljährigkeit 16 weitere Verhaftungen. Die Behörden sperrten Franklin, das wilde Tier, immer wieder in Käfige, nur dass man sie Heime, Besserungsanstalten, Jugendgefängnisse und Gefängnisse nannte. Die wenige Zeit, die er als Jugendlicher in Freiheit verbrachte, war immer nur Zwischenstation und endete in einem anderen Käfigen.
Mit 21 Jahren wurde Fletcher auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen. Er wurde entlassen ohne Schulabschluss – praktisch als Analphabet – und ohne Berufsausbildung. Aber auf den Straßen, in den Erziehungsheimen und auf den Gefängnishöfen hat er das Kämpfen gelernt. Damit wollte er nun Geld verdienen. Vorher hatte er, während seiner kurzen Aufenthalte in Freiheit, 15 Kämpfe als Amateur bestritten, von denen er nur zwei verloren hatte.
„Ich liebte es zu kämpfen,“ sagt Fletcher heute. „Als ich 1979 aus dem Gefängnis entlassen wurde, wollte ich Profi werden. Ich wollte es den Leuten zeigen. Alles, was ich von meiner Mutter hörte, war: Aus dir wird niemals etwas werden! Du wirst jemanden umbringen und dann lebenslänglich im Gefängnis sitzen! Eine Frau wird dich töten, während du schläfst, weil du ihr wehgetan hast!“
Er kämpfte im Ring, wie man es von einem Tier erwarten konnte. Er war von einer unglaublichen Härte gegen sich und andere, und er war willens, auch die größten Schmerzen zu ertragen, um den Sieg zu erringen. Er war kein Techniker. Nahezu ohne Deckung ging er auf seine Gegner los und schlug auf sie ein. Wenn er selbst getroffen wurde, schlug er umso härter zurück. Er war ein Fighter im wahrsten Wortsinn. Fletcher nennt das: „Verfolgen und Zerstören.“
„Eines Tages boxte ich gegen einen harten weißen Jungen in Marty Feldmans Gym“, erzählt Fletcher, „während mein Bruder Anthony [ein sehr guter Leichtgewichtler] mit Herrn Feldman zusah. Niemand hatte diesem Jungen vorher eines auf die Nase gegeben. Mein Bruder sagte zu Herrn Feldman: „Sieh dir dieses Tier an, wie er diesen Kerl verdrischt.“ So kam er zu seinem Spitznamen: The Animal – das Tier. „Ich wollte, dass man mich Frank The Animal Fletcher nennt, weil der Name hat einen Klang und ist wie gemacht für einen Mann, der Geschichte schreibt.“
Seinen ersten Kampf als Preisboxer bestritt Fletcher am 07. Oktober 1976 in Allentown. Er gewann nach Punkten. Es sah alles danach aus, als sollte das Jahr 1980 das große Jahr für das Tier werden. Boxen rückte in diesem Jahr durch einen Streik der Baseballliga ins Blickfeld der Medien. Der TV-Sender ESPN stieg ins Boxgeschäft ein und veranstaltete ein Turnier für junge, aufstrebende Boxer der verschiedenen Gewichtsklassen. Dem Sieger wurde ein Kampf gegen einen Boxer unter den ersten Zehn der Weltrangliste versprochen. Das bedeutete aber soviel, dass der Sieger des letzten Finalkampfes damit automatisch unter die ersten Zehn der Rangliste vorrückte.
Fletcher stieß in letzter Minute als Ersatzmann zum Turnier – er kam wieder einmal aus dem Gefängnis. Nach Punktsiegen über Ben Sarrano (10. April 1980) und Jerome Jackson (08. Juni 1980) traf er am 03. Juli 1980 in Atlantic City auf William „The Kronk’s Caveman“ Lee. „Sein Vater sagte meiner Mutter, was sein Sohn mit mir in zwei Runden machen wollte,“ erzählt Fletcher. „Meine wunderbare Mutter und mein Bruder sagten ihm, dass er nicht darauf wetten sollte.“ So kam es dann auch. Fletcher gewann durch TKO in Runde vier. Es folgte der TKO-Sieg in Runde sieben über Randy Mc Grady am 04. September 1980. Mit diesem Sieg hatte er dann das Turnier gewonnen.
Sein nächster Kampf war gegen den Top-Ten-Fighter Sammy Nesmith aus Indianapolis, den er auch durch TKO besiegte, diesmal in Runde 6. Durch die TV-Übertragungen war das Tier unglaublich populär geworden. Das Publikum liebte ihn. Seine Börsen waren höher als die einiger Weltmeister. Aber er gab das Geld schneller aus als er es einnahm, und ein Weltmeisterschaftskampf kam einfach nicht. Die Platzierung in der Weltrangliste bedeutete nämlich noch lange nicht, dass der amtierende Weltmeister Alan Minter aus Großbritannien auch das Bedürfnis verspürt hätte, gegen Fletcher anzutreten. Daher musste er sich mit einem Kampf um den US-amerikanischen Mittelgewichtstitel begnügen. Er traf am 31. August 1981 auf Ernie Singletary und gewann durch TKO in Runde acht. Der Kampf war brutal und sehr schmerzhaft für ihn. Sein Gegner stieß ihm in der ersten Runde den Daumen ins rechte Auge. Nach dem Kampf ging Fletcher ins Krankenhaus, um sich untersuchen zu lassen. Die Ärzte stellten nichts Ungewöhnliches fest. Wenige Stunden später brach er in seinem Hotelzimmer zusammen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, wo man eine Schwellung des Gehirns feststellte. Er entging nur sehr knapp dem Tod. Der Preis für den Titel des amerikanischen Meisters im Mittelgewicht war sehr hoch, denn seitdem ist er auf dem rechten Auge blind. Erst nach Ende seiner Karriere als Boxer ließ er sich eine Kontaktlinse implantieren.
Gegner in seiner ersten Titelverteidigung am 28. Februar 1982 war ein alter Bekannter: Tony Braxton. Braxton hatte 1979 zweimal nach Punkten gegen Fletcher gewonnen, der glaubte, in den ersten beiden Kämpfen um den Sieg betrogen worden zu sein. „Ich erinnerte mich, wie sie mich bei den ersten beiden Malen beraubt hatten, und ich war nicht bereit, mich dieses Mal von irgendjemandem berauben zu lassen“, sagt Fletcher. Diesmal gewann er nach Punkten. Danach verteidigte er am 20. Juni 1982 erfolgreich seinen Titel durch einen Punktsieg über Clint Jackson.
Am 16. Oktober 1982 stieg Fletcher im Sands Hotel in Atlantic City wieder in den Ring, um seinen Titel zu verteidigen. „James Green war ein harter Puncher.“ Direkt am Anfang der ersten Runde wurde er niedergeschlagen. Aber immer wenn er hart getroffen oder angeschlagen war, wurde das Tier noch gefährlicher: Er richtete sich auf, lächelte „Hard Rock“ Green an und zwang ihm einen Schlagabtausch auf. In der sechsten Runde hatte Fletcher seinen Gegner ermüdet und in einer Ecke gestellt, wo er dann ohne Unterbrechung 94-mal auf sein Opfer eindrosch, bevor der Ringrichter, Franc Capuccino, den Kampf stoppte.
© Uwe Betker