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Archive for the ‘Rezensionen’ Category

Tom Spring

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So schön auch das World Wide Web ist, die reale und analoge Welt ziehe ich ihm vor. Man kann zwar Bücher von überall auf der Welt beziehen. Und das ist ja auch schön, aber es ist doch ziemlich unsinnlich. Das Buch – und mit ihm der Boxer, den ich hier vorstellen möchte – kam nicht übers Internet, sondern in London zu mir. An einem sonnigen Sonntagnachmittag schlenderte ich auf einem Spaziergang an einem kleinen Antiquariat vorbei. Ich ging hinein, stöberte etwas herum und fand dort “Tom Spring” von John Hurley – ein sehr schönes und empfehlenswertes Buch. Mit meiner Neuerwerbung versehen, fand ich wenig später einen Platz auf einer Bank vor einem netten alten und altmodischen Pub, wo ich dann in der Nachmittagssonne, ein Real Ale vor mir auf dem Tisch, anfing, mich mit Tom Spring zu beschäftigen. So etwas passiert in der realen Welt, das World Wide Web kann einem das nicht bieten.
Tom Spring, geboren als Thomas Winter (22. Februar 1795 – 20. August 1851), war ein englischer Bare-Knuckle Boxer – einer der ganz Großen. Er war Schwergewichtschampion von England von 1821 bis 1824. Spring gilt als einer der „wissenschaftlichsten“ der frühen englischen Boxer. Es setzte sich mit der Technik des Boxens auseinander, was zu seiner Zeit unüblich war. Da er keinen harten Punch hatte, war er darauf angewiesen, dass seine Deckung hielt. Er hatte eine gute Beinarbeit. Er musste seine Gegner ermüden, um sie dann mit seinen relativ starken linken Haken eventuell doch zu fällen. Seine Hände waren sehr verletzungsanfällig.

Geboren wurde Winter in Witchend in Fownhope, Herefordshire. Er kam aus einer Boxerfamilie; sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren Boxer. Wie sein Vater wurde auch er Metzger von Beruf. Der in der Nähe in Fownhope Court residierende elfte Duke of Norfolk veranstaltete für seine Gäste gerne Boxkämpfe mit den lokalen Boxern. Winter begeisterte den Adligen, der ihn von nun an unterstützte.
1811 verlor Winter seinen Trainer und Mentor, seinen Vater. Der wurde nämlich wegen seiner Schulden ins Gefängnis gesteckt. Im Frühjahr 1814 traf er dann auf den legendären und damals amtierenden Schwergewichtschampion Tom Cribb. (https://betker.wordpress.com/2011/11/19/tom-cribb-1/) Schon bald überzeugte er diesen von seinem Können. Winter ging mit Cribb (https://betker.wordpress.com/2011/11/20/tom-cribb-2/) nach London, der sein Trainer und Promoter wurde, und aus Winter wurde Spring.
1818 kämpfte Spring zweimal gegen den sehr erfahrenen Ned Painter. Der ersten Kampf, am 01. April 1818, wurde nach 31 Runden, einer Stunde und neunundzwanzig Minuten abgebrochen und Spring zum Sieger erklärt. Painter war vorher mehrfach ohne Schlagwirkung zu Boden gegangen. Mit diesem Sieg beanspruchte Spring den Titel des englischen Schwergewichtschampions.
Im Rückkampf, am 07. August 1818, unterlag er dann nach 42 Runden, einer Stunde und vier Minuten. Bereits in der ersten Runde war er nach einer sehr harten Rechten zum Kopf zu Boden gegangen. Von diesem Niederschlag erholte er sich nicht mehr. In Runde 42 gelang es ihm nicht mehr, auf die Beine zu kommen. Spring wollte unbedingt einen Rückkampf, aber Painter trat gegen ihn nie wieder an, woraufhin sich Spring wieder zum Titelhalter erklärte.
1822 hängte Springs Promoter, Mentor und Trainer Tom Cribb seine Handschuhe an den Nagel, wodurch der Britische Schwergewichtstitel vakant wurde. Cribb nominierte seinen Boxer Spring als seinen Nachfolger. Um diesen Titel zu verteidigen, bot Spring an, gegen jeden in England anzutreten. Aber niemand forderte ihn bis 1823 heraus.
Am 20 Mai 1823 trat er dann gegen Bill Neat an. Dieser hatte sich vorher über Springs Schlagstärke lustig gemacht und ihn als „Dienstmädchen der Dame“ bezeichnet. Der Kampf dauerte nur 37 Minuten. Spring schickte Neat bereits in der ersten Runde zu Boden. Danach verteidigte er (1824) zweimal erfolgreich seinen Titel gegen den Iren Jack Langan. Am 07. Januar brauchte er 77 Runden, zwei Stunden neunundzwanzig Minuten und am 08. Juni 76 Runden, eine Stunde und neunundvierzig Minuten.
Hiernach stieg er nicht mehr als Preisboxer in den Ring. Er erwarb das „Castle Inn“ in Holborn, das dem Boxer Bob Gregson gehört hatte. Hier traf sich nun das Boxen in England. Kämpfe wurden organisiert und Verträge unter seiner Aufsicht unterzeichnet. Spring suchte nach Kräften, der Korruption im englischen Boxen entgegenzutreten. Am 25. September 1828 wurde eine als „Fair Play Club“ bekannte Organisation gegründet, die sich zur Aufgabe setzte, das Boxen von kriminellen Machenschaften zu säubern. Spring wurde zum ersten Schatzmeister des Clubs gewählt.
Überschattet wurde seine Tätigkeit von zwei Kämpfen, die er für den irischen Champion im Schwergewicht, Simon Byrne, arrangierte. Im zweiten Kampf kämpfte Byrne am 30. Mai 1833 gegen James Burke um den Titel im Schwergewicht. Dieser Kampf wurde der zweitlängste Kampf der Boxgeschichte, nur der berühmte Kampf zwischen Andy Bowen und Jack Burke im Jahr 1893 dauerte länger. (https://betker.wordpress.com/2016/03/05/andy-bowen-vs-jack-burke-der-laengste-boxkampf-aller-zeiten/) Das Aufeinandertreffen der beiden gestaltete sich brutal und blutig. Und es wurden riesige Summen auf den Ausgang des Kampfes gesetzt. In der 99. Runde, Spring war Sekundant von Byrne, trug er seinen fast bewusstlosen Schützling in die Ringmitte. – Dazu muss man wissen, dass der Boxer in der Ringpause häufig auf dem Schoss seines Sekundanten saß. – Byrne wurde erneut niedergeschlagen und starb drei Tage später. Dazu ist allerdings anzumerken, dass derlei zu jener Zeit nicht selten vorkam.
Hatte Spring als Boxer schon gutes Geld verdient, so wurde er im Ruhestand reich. Dennoch galt er als großzügig und Boxern gegenüber, die weniger Glück gehabt hatten als er, als freigebig; er war hoch geachtet. Offensichtlich konnte er aber nicht mit Geld umgehen. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Später trennte er sich von seiner Frau. Sie starb mittellos im Holborn-Arbeitshaus. Spring starb am 20. August 1851 mit 56 Jahren. Er wurde unter seinem richtigen Namen Thomas Winter begraben.
Das Buch von Jon Hurley über Tom Spring ist ohne Einschränkung zu empfehlen. Es ist offensichtlich gut recherchiert und lässt sich gut herunter lesen. Seine besondere Stärke besteht darin, immer wieder ein anschauliches Bild von den Menschen dieser Zeit und ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu zeichnen.
Auch Sir Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes, schrieb eine Kurzgeschichte „Der Lord von Falconbridge“ mit Spring als Protagonisten. Hierzu aber später mehr.
(C) Uwe Betker

„Boxing Cuba“

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Das Stadthaus in Ulm zeigt bis zum 26. Mai 2019 Fotografien von Katharina Alt. Die Ausstellung trägt den Titel „Boxing Cuba“. Die Münchner Fotografin Katharina Alt wurde 1980 in Frankfurt am Main geboren. Schon frühzeitig legte sie den Schwerpunkt ihrer Arbeit fest. Sie interessiert sich für bestimmte gesellschaftliche Gruppen: Sie schloss ihr Studium an der Fachhochschule in München mit einem Bilderzyklus über eine Roma-Siedlung in der Ostslowakei ab. Es folgten soziokulturelle Studien und Porträts. Alt unterhielt für ein halbes Jahr ein kleines Studio in Indien, in dem klassische Porträts in Schwarz-Weiß entstanden.

Yampier Hernández, 2015 © Katharina Alt


Ohne Titel, 2015 Rafael Trejo Gym, Habana Vieja © Katharina Alt


Dayamaivis Ruiz Pérez, 2015 Kid Chocolate Gym, Centro Habana © Katharina Alt


In „Boxing Cuba“ wird eine Auswahl von Fotos gezeigt von Boxern, die Katharina Alt auf Kuba porträtiert hat. Ihre Arbeiten tragen den Namen des jeweiligen Sportlers. Entstanden sind sie spontan und mit einfachen technischen Mitteln. Sie zeigen Individuen: Boxer, boxende Frauen, Kinder, Trainer, Ringrichter und Situationen aus Training und Kampf.

Ohne Titel, 2015 Roberto Balado Gym, La Lisa, Habana © Katharina Alt


Ohne Titel, 2015 San Miguel del Padrón Gym © Katharina Alt


Kuba ist ein Sehnsuchtsort, ein Ort für Projektionen: Ein Ort für Karibikurlauber, Revolutionsromantiker, Freunde von Oldtimern, Rum und Zigarren, Liebhaber des Son und Rumba und – natürlich auch für Boxfans. Denn Boxen gehört zur kubanischen Kultur wie hierzulande der Fußball. Namen wie Eligio Sardiñas Montalvo alias „Kid Chocolate“, Teófilo Stevenson und Félix Savón wecken bei Boxfans Erinnerungen, wie die Namen Cohiba Robusto, Montecristo und Trinidad Coloniales bei Zigarrenrauchern.

Ohne Titel, 2015 San Miguel del Padrón Gym © Katharina Alt


Pedro Orlando Reyes, 2015 Goldmedaille bei der Weltmeisterschaft 1986 in Reno und Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft 1989 in Moskau © Katharina Alt


Die Fotografin Katharina Alt reiste 2015/16 nach Kuba, um zu dokumentieren, was Boxen dort bedeutet. Aber diese Fotografien haben über das Dokumentarische und Exotische hinaus auch noch eine besondere ästhetische Stärke. Sie zeigen eine Schönheit, die gerade diejenigen, die regelmäßig trainieren, boxen oder zum Boxen gehen, schon mal aus den Augen verlieren. Die Ausstellung „Boxing Cuba“, Fotografien von Katharina Alt, im Stadthaus in Ulm läuft bis zum 26. Mai 2019 und ist sehr sehenswert.
© Uwe Betker

„Kino der Moderne“ – Boxen und Kino

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Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt bis zum 24. März 2019 die sehr sehenswerte Ausstellung „Kino der Moderne“ über „Film in der Weimarer Republik“. Sport und besonders das Boxen hatte in dieser Zeit eine große Bedeutung und dementsprechend finden sich in der Ausstellung auch Exponate hierzu.

„Zum 100. Jubiläum der Weimarer Republik präsentieren die Bundeskunsthalle und die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen gemeinsam eine Ausstellung zum Kino in der ersten deutschen Republik, die diese höchst produktive und kreative Zeit überaus facettenreich widerspiegelt. Die gut 14 Jahre zwischen 1918 und 1933 präsentieren sich aus heutiger Sicht als modern und wegweisend. Gleichzeitig wird der Film als wirksames Mittel für gesellschaftliche und politische Einflussnahme entdeckt. Mitunter kündigen sich die Vorboten der nationalsozialistischen Folgezeit bereits an, etwa wenn es um Sport und Körperkult geht. Drei große Themenbereiche – Modernes Leben, Werkstatt Film und Im Kino: „Neues Sehen“ – zeigen durch zahlreiche Filmausschnitte in drei Kinos, anhand von Plakaten, einer Set-Situation mit Kamerawagen und Scheinwerfern, mit Drehbüchern, Originalkostümen, -fotos und -zeichnungen die Wechselwirkungen zwischen Kino, Kunst und Alltag. Darin werden die Impulse und Diskurse, die vom Kino der Weimarer Republik ausgingen und bis heute nachwirken, in allen Facetten präsentiert: Mode und Sport, Mobilität und urbanes Leben, Genderfragen, Avantgarde, Vergnügen, Laster und Exotismus sowie die Popularität der Psychoanalyse und die gesellschaftlichen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges spiegeln sich im Modernen Leben. Werkstatt Film und Im Kino: „Neues Sehen“ präsentieren in der Ausstellung das Kino, das in der Weimarer Republik zum Leitmedium aufsteigt. Die Zahl der Lichtspielhäuser wuchs rasant. 1928 hatte sich die Zahl der Kinos in Deutschland gegenüber dem Jahr 1919 fast verdoppelt, es gab über 5000 Lichtspielhäuser, die jährlich von 353 Millionen Menschen besucht wurden. Der deutsche Film hatte zu dieser Zeit Weltgeltung erlangt, Regisseure, Schauspieler erhielten Engagements in Hollywood. Die deutsche Filmindustrie galt kurzzeitig als ernsthafte Konkurrenz zur US-amerikanischen. Zugleich öffnet sich ein Experimentierfeld zu der Frage, was Film ist und was Film sein könnte. Ästhetische wie erzählerische Möglichkeiten werden erprobt und filmische Konventionen geprägt. Somit bildet das Kino dieser Zeit die Keimzelle der heutigen Filmästhetik. Die ersten Theoretiker erklären den Film zur siebten Kunst und sehen in ihm die einzige Kunstform, die der rasant fortschreitenden Modernisierung Ausdruck verleihen kann. Die Ausstellung präsentiert den Film in seinen Wechselwirkungen mit Literatur, bildender Kunst, Architektur und den gesellschaftlichen Entwicklungen. Ein besonderes Augenmerk wird auf das vielfach in Vergessenheit geratene Schaffen von Frauen hinter der Kamera gerichtet. Zugleich wird das damalige Kinopublikum in den Blick genommen. Denn die Reaktionen der zahlenden Zuschauer oder Filmkritiker tragen wesentlich zur Entwicklung der modernen Filmsprache bei.“ (Pressetext)

Plakat zu „Liebe im Ring“ (Reinhold Schünzel, 1930), Entwurf von Josef Fenneker, 1930, Quelle: Deutsche Kinemathek – Plakatarchiv, © Stadt Bocholt (Stadtmuseum Bocholt/Josef Fenneker)



In den 1920er-Jahren entwickelt sich Sport zum Massenphänomen. Aufgrund kürzerer Arbeitszeiten hat die erwerbstätige Bevölkerung deutlich mehr Freizeit. Sportliche Betätigungen, allen voran Fußball, Boxen, Bergsteigen sowie Rad- und Motorsport, sind beliebte Freizeitbeschäftigungen und finden Eingang in den Film. Der Boxweltmeister Max Schmeling erobert mit LIEBE IM RING (1930) die Leinwand. Seine Fans kommen aus allen Schichten der Gesellschaft. Der Arbeitersport erlebt in dieser Zeit einen großen Aufschwung. Die Wohlhabenden richten sich derweil zu Hause private Fitnessstudios ein, was insbesondere in Komödien wiederholt persifliert wird. Die rhythmische Sportgymnastik feiert in WEGE ZU KRAFT UND SCHÖNHEIT (1925) das Ornament der Masse.“ (Pressetext)

[Fitness-Raum]
Szenenbildentwurf von Franz Schroedter „Die große Pause“ (Carl Froelich, 1927), Quelle: Deutsche Kinemathek – Grafikarchiv/caption

Die Fernsehwelt ist bunt: Tyron Zeuge in „Beginner gegen Gewinner“

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Es gibt Fernsehformate, die sind einfach nur seltsam. Da habe ich z.B. auf PRO7 eine Art Showformat entdeckt, das den Titel „Beginner gegen Gewinner“ trägt. „Joko Winterscheidt lässt hier Hobbysportler gegen Champions in ihren Paradedisziplinen antreten. Um das Leistungsgefälle etwas abzumildern, dürfen die Hobbysportler den Profis vor dem Duell ein schwächendes Handicap verpassen.“ Der TV-Sender bewirbt die Sendung im Internet wie folgt: „Was ist spannender als der Wettkampf David gegen Goliath?

Am 04. August wurde die zweite Episode der zweiten Staffel ausgestrahlt. Offensichtlich handelte es sich um eine Aufzeichnung, denn der dort auftretende Tyron Zeuge wurde noch als amtierender und ungeschlagener Weltmeister der WBA im Super Mittelgewicht angekündigt. Zeuge hat seinen Titel aber am 14. Juli in Offenburg gegen Michael Rocky Fielding (28 Kämpfe, 27 Siege, 15 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch KO) durch TKO in Runde 5 verloren.

Es begann mit einem Einspieler, elegisch dramatische Musik und eine markante Stimme aus dem Off, die, wenn ich denn richtig gehört habe, sowas sagt wie: „Boxen – Mann gegen Mann – linker Jab – rechte Grade – Aufwärtshaken – Seitwärtshaken – Verteidigung – Angriff – Knock Out. Die wichtigste Regel: Triff deinen Gegner, bevor er dich trifft. Wer im Ring überleben will, braucht Ausdauer wie ein Marathonläufer, Schlagschnelligkeit, Kraft wie ein Bodybuilder und einen unerschütterlichen Siegeswillen.“

Anschließend wurden die beiden Teilnehmer vorgestellt. Zuerst war das „Boxwunderkind“ Zeuge an der Reihe. Glaubt man einer Einblendung, so hatte Zeuge bis dahin alle seine 22 Profikämpfe gewonnen. Seinen ersten Kampf gegen Giovanni De Carolis, am 16.07.2016, haben die Punktrichter allerdings als Unentschieden gewertet. Danach wurde Vadim, seines Zeichens Chemiekant und Barkeeper, vorgestellt. Man erfährt über ihn, dass er mit sieben Jahren von Kasachstan nach Altötting gezogen ist, wo er, neunjährig, mit dem Boxen anfing, was er zwischenzeiltlich wieder aufgegeben hat. Wie lange Vadim nun geboxt hat, habe ich nicht mitbekommen. Etwas seltsam erschien mir, dass man Vadim Nachnamen nicht erfuhr. Vadim hieß immer nur Vadim und so boxte dann also Vadim gegen Tyron Zeuge. Lediglich bei der Michael Buffer Kopie, die der Moderator der Sendung Joachim „Joko“ Winterscheid darstellte, brüllte dieser wahrscheinlich einmal den Nachnamen von Vadim. Aber zu verstehen war er nicht. Der Kommentator des Kampfes, Elmar Paulke, sagte mal Vadim Silev (?), aber ich kann mich auch verhört haben. – Ich persönlich finde, es zeugt von schlechtem Stil, jemanden nicht richtig vorzustellen. Aber vermutlich habe ich dazu gar nichts anzumerken, weil ich nicht zur Werberelevanten Zielgruppe von Helmut Thoma gehöre.

https://www.prosieben.de/tv/beginner-gegen-gewinner/videos/22-boxen-clip

Vadim durfte nun für Zeuge ein Handicap aussuchen. Zur Auswahl standen: ein „Monohandschuh“, also ein Boxhandschuh, in den beide Hände zusammen gesteckt sind, Gummibänder zwischen Hand- und Fußgelenken und Rollschuhe. Vadim entschied sich für die Rollschuhe, die Zeuge dann anzog.

In einem der Bavaria Studios in München war ein Ring mit drei Seilen aufgebaut. Am Ring saßen Fernsehkoch Tim Mälzer und TV-Moderator Johannes B. Kerner. Die diskutierten dann gemeinsam mit Winterscheidt über die Vor- und Nachteile der einzelnen Handicaps. Mälzer sagte dabei scherzhaft über Zeuge: „ich glaub, der kann gar nicht so doll zuhauen.“ Winterscheidt konterte darauf mit: „Ich bin mir auch ziemlich sicher: Er boxt sonst zwölf Runden. Das sind jetzt nur drei. Wenn er noch Luft hat nachher, er haut dir  noch gerne eine rein.“

Der Kampf war auf drei mal zwei Minuten angesetzt. Beide boxten ohne Kopfschutz. Es gab einen Ringrichter, zwei Punktrichter und einen Kommentator. Zeuge hatte schon seine liebe Müh und Not, auf den Rollschuhen in den Ring reinzurollen. Der weitere Kampfverlauf ist schnell erzählt. Zeuge rutschte beim Schlagen immer weg. Vadim machte Tempo. Keiner wollte dem anderen ernstlich wehtun. Irgendwann waren die sechs Minuten Kampf dann vorbei.

Die Ringrichter erklärten Vadim mit 9:3 zum Punktsieger.

Vermutlich hat den meisten Zuschauern die Spielshow gefallen. Wenn die Einschaltquoten stimmen, wird die Produktionsfirma Florida TV und der TV-Sender ProSieben die Welt noch mit weiteren Folgen beglücken. Tyron Zeuge (24 Kämpfe, 22 Siege, 12 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch KO, 1 Unentschieden) wird gute und wohlüberlegte Gründe gehabt haben, in dieser Show aufzutreten.

Mich allerdings spricht die Show nicht an. Einiges an der Show halte ich für eher problematisch. Vor allem aber wird hier, wie ich finde, ein ziemlich schräges Bild vom Boxen gezeichnet. Schon die Behauptung, ein Boxer habe Kraft wie ein Bodybuilder, ist etwas abstrus. Da wird auch selbstverständlich unterstellt, ein Boxer würde nach einem Kampf einem TV-Koch gerne noch eine rein hauen.

Auch, dass aus einem Unentschieden einfach mal ein Sieg gemacht wurde. Durch den Aufbau eines Rings mit drei Seilen, an Stelle der üblichen vier oder mehr, hat man zudem das Unfallrisiko von Zeuge unnötig erhöht. Und schließlich stellt sich nach der WM-Niederlage von Zeuge auch die Frage: Wann wurde die Show eigentlich aufgenommen? Fiel sie etwa in die Vorbereitungszeit zu Zeuges letztem Kampf?

© Uwe Betker

 

Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Ring Lardner (1) „The Champion“

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Biographischer Hintergrund
Ringgold Wilmer Lardner wurde am sechsten März 1885 in der Stadt Niles im amerikanischen Bundesstaat Michigan als jüngstes von neun Kindern geboren. Er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf und wurde bis zu seinem zwölften Lebensjahr erst von seiner Mutter und später von einem Privatlehrer unterrichtet. Schon als Kind begeisterte er sich für Baseball. Von 1897 bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr besuchte er die High School. Anschließend nahm er verschiedene Stellungen an, studierte auf Drängen des Vaters für kurze Zeit und arbeitete schließlich eineinhalb Jahre für eine Gasgesellschaft. Ab 1905 arbeitete er als Zeitungsreporter. Diesem Medium blieb er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tode treu und machte sich vor allem als Verfasser von Baseballberichten einen Namen. Er begleitete 1908 die Chicago White Socks auf ihrer Tour und bekam nicht zuletzt dadurch einen genauen Einblick in die Welt des Profisports. Neben seiner Reportertätigkeit schrieb er zahlreiche Kurzgeschichten die meist mit humoröser Gesellschaftskritik aber auch mittels bitterbösen Satire menschliche Schwächen aufdeckten. Die kritischste unter ihnen war die Boxgeschichte „The Champion“. Lardner bediente er sich oft Motiven aus der Welt des professionellen Sports, insbesondere des Baseballs und wie in der Geschichte von dem brutalen Kämpfer Midge Kelly, des Boxens.
Vor allem außerhalb der Baseballsaison berichtete Lardner vom Boxen so zum Beispiel 1919 aus Toledo für die Zeitung Tribune vom Schwergewichtskampf um die Weltmeisterschaft zwischen Jack Dempsey und Jess Willard. Er wettete eine größere Summe auf Willard und gab dies auch in der Zeitung bekannt:
“Probably some of you will say to yourself what does this bird know about the manly art of self-defense. Well I don´t know nothing and don´t expect to learn, but I can point with a whole lot of pride to some of my pickings in the past. For instance I thought all along that the Allies would win the war especially after America got into it. I chose Jack Johnson to Lick Jeffries though I didn´t tell nobody for fear of affecting the betting odds.”
und nach der vernichtenden Niederlage Willards schrieb er:
“Well, gents, it was just a kind of practical joke on my part and to make it all the stronger I went and bet a little money on him, so pretty nearly everybody thought I was really in earnest. [Zitiert nach: Donald Elder. Ring Lardner. Garden City, New York: Doubleday, 1956. 159]
Lardners Ansichten über den Profisport, insbesondere aber über Baseball wurde durch die Black Sox – Affäre im Jahre 1919 stark beeinflußt. Einige Spieler der Chicago White Sox hatten sich von einem Wettsyndikat bestechen lassen und die World Series absichtlich verloren. Er empfand dies quasi als Sakrileg und betrachtete danach den Profisport ganz besonders kritisch.
Diese Kritik schlug sich auch in den 1921 geschriebenen Kurzgeschichten „A Frame Up“ und „The Battle of the Century“ und „The Venomous Viper of the Volga“ von 1927 nieder.
Lardner kannte einige Boxer persönlich, darunter Gene Tunney, für den er allerdings wohl keine große Sympathie empfand. Dies lag vielleicht daran, daß er Jack Dempsey, Lardners Boxidol, als Schwergewichtsweltmeister abgelöst hatte und daran, daß der Schriftsteller glaubte bei dem Kampf sei Betrug im Spiel gewesen. [Vergleiche: Elder. 294 f] Er kommentierte die Leistung Dempseys folgendermaßen:
“A man sitting right back of me kept insisting that Mr. Dempsey ought to be disqualified for violating Pennsylvania´s boxing code, which barred the rabbit punch. I was not familiar with the rules, but Jack certainly punched like a rabbit. [Zitiert nach: Elder. 299}
1926 war Lardner an Tuberkulose erkrankt. Er blieb jedoch trotz eines sich ständig verschlechternden Gesundheitszustandes und häufiger Krankenhausaufenthalte weiterhin sehr produktiv. Lardner starb am 25. September 1933 an einem Herzanfall.

(C) hwikipedia.org/wiki/Ring_Lardner#/media

„The Champion“
Der Hauptdarsteller dieser Kurzgeschichte ist Midge Kelly, der mit siebzehn Jahren seinen verkrüppelten Bruder Connie niederschlägt, um ihm eine 50 Cent-Münze wegzunehmen. Nach dem daraus resultierenden Streit mit seiner Mutter, welche er ebenfalls schlägt verläßt er sein Zuhause. Er geht nach Milwaukee, wo er seinen ersten Kampf als Profiboxer bestreitet und gewinnt. Bereits im nächsten Kampf akzeptiert er Bestechungsgelder und verliert absichtlich. Als Emma Hersch, die unschuldige Schwester eines Mannes, der ihn in der Not aushielt ein Kind von ihm erwartet sieht er sich gezwungen, sie zu heiraten. Noch in der Hochzeitsnacht bekommt die Braut die Fäuste Kellys zu spüren, welcher wiederum alles hinter sich läßt und nach Boston geht. Dort trifft er, völlig abgebrannt, auf Tommy Haley, der sein Manager wird und ihn auf den Weg zum Erfolg bringt.
Einen Brief, den ihm seine Ehefrau schickt und in dem sie ihn bittet ihre Schulden in Höhe von 36 Dollar zu begleichen, weil ihr gemeinsames Kind am verhungern ist zerreißt er. Ebenso unbeantwortet läßt er einen Brief seiner Mutter, in dem sie ihn nur bittet, zu antworten und beiläufig erwähnt, daß der Bruder seit dem Niederschlag vor drei Jahren das Bett nicht verlassen hat. Auf einen Brief seiner Geliebten hin schickt er ihr dagegen 200 Dollar.
Kelly wird Champion und erfreut sich auch großer Beliebtheit beim Publikum, so daß er Vorführungen im Theater gibt bei denen er mit seinem Können prahlt und dabei 500 Dollar pro Woche verdient.
Auf Anraten seiner neuen Freundin verläßt Midge Kelly den Mann, der ihn groß gemacht hat unter Gewaltandrohung und wechselt zu einem anderen Manager, Jerome Harris. Diesen entläßt er bald wieder und macht sich mit dessen Frau nach New York davon. Dort endet die Geschichte am Vorabend eines großen Kampfes.

Bis auf das boxerische Talent ist Midge Kelly das genaue Gegenteil von Londons Pat Glendon. [https://betker.wordpress.com/2018/01/07/gastbeitrag-boxen-in-der-literatur-jack-london-3-the-abysmal-brute/ ] Er ist bösartig, gewalttätig, undankbar, geizig, prahlerisch, gewissenlos, kurz gesagt er ist der Stereotyp des Bösewichts. Die verschiedenen Aspekte seines schlechten Charakters werden in unterschiedlichen Szenen gezeigt. In der ersten die Gewalttätigkeit gegen den wehrlosen Bruder und die Mutter, in der zweiten der Betrug beim Boxkampf, an die Mißhandlung der Ehefrau usw..
Lardner hat Midge Kelly aber sicherlich nicht als den typischen Boxer darstellen wollen. Falls doch so würde das bedeuten, daß er nicht verstand, daß Boxer in den allermeisten Fällen Opfer sind, wie Fleming [https://betker.wordpress.com/2017/12/23/gastbeitrag-boxen-in-der-literatur-jack-london-1-the-game/] oder King [https://betker.wordpress.com/2017/12/25/gastbeitrag-boxen-in-der-literatur-jack-london-2-a-piece-of-steak/] bei Jack London und nicht Übeltäter. Die Gestalt Midge Kellys ist wohl auch zu sehr überzeichnet, als daß man in ihr irgendeinen Boxer wiedererkennen könnte. Christian Messenger sieht das ähnlich:
“Lardner directed the brunt of his message in `Champion´ at the sportswriting profession rather than solely at Kelly, whom he never really attempts to make into a believable villain.” [Messenger. 121]
Der von Walton Patrick angenommene Angriff gegen das Profiboxen, das die üblen Charaktereigenschaften Kellys belohnen würde läßt sich dagegen mit den Textaussagen nicht begründen. [Vergleiche: Walton Patrick. Ring Lardner. New York: Twayne,1963. 87] Was Lardner wohl wirklich zeigen wollte wird deutlich, wenn man den folgenden Sätzen auf den Grund geht, in denen der Manager Kellys seinen Schützling dem Reporter Joe Morgan beschreibt:
“Just a kid; that´s all he is; a regular boy. Get what I mean? Don´t know the meanin´ o´ bad habits. Never tasted liquor in his life and would prob´bly get sick if he smelled it. Clean livin´put him up where he´s at. Get what I mean? And modest and unassumin´ as a school girl. He´s so quiet you would never know he was round. And he´d go to jail before he´d talk about himself. No job at all to get him in shape, ´cause he´s always that way. The only trouble we have with him is gettin´ him to light into these poor bums they match him up with. -he´s scared he´ll hurt somebody.” [Ring Lardner. How To Write Short Stories. New York: Scribner´s, 1925. 175]
Die Beschreibung die hier gegeben wird würde perfekt auf Pat Glendon passen gibt genau das Gegenteil von dem wider was auf Kelly zutrifft. – Die Titel der beiden Geschichten passen eigentlich auch besser zu dem Helden der jeweils anderen Geschichte. Kelly ist ein abysmal brute und Glendon ein wahrer champion. – Mit beißender Ironie soll dargestellt werden, wie leicht die Öffentlichkeit – mit Unterstützung der Presse – von profitgierigen Figuren in der Profisportszene beeinflußt werden kann.
Die Zeitung gibt das wider, was der Manager sagt und unterstützt damit die erfolgreiche Karriere des gewissenlosen Boxers. An ihr wird folglich wohl die größte Kritik geübt aber auch an der Gesellschaft, die es den Reportern unmöglich macht die Wahrheit über Kelly zu schreiben. Der Erzähler der Geschichte läßt den Leser wissen, daß die Reportage der Wahrheit mehr entsprochen hätte hätte man die Mutter, den Bruder, die Ehefrau, den Schwager oder einen der anderen die Kelly übel behandelte interviewt. Dies hätte aber nichts genützt:
“[But] a story built on their evidence would never have passed the sporting editor. `Suppose you can prove it´ that gentleman would have said. `It wouldn´t get us anything but abuse to print it. The people don´t want to see him knocked. He´s champion.´” [Lardner. How.178]
Leverett Smith versteht diese Kurzgeschichte ebenfalls in diesem Sinne wenn er schreibt: „`Champion´ is a polemic on the subject of the moral nature of public figures in sports, and on the moral nature of the community which demands them.“ [Leverett T. Smith, Jr. „`The Diameter of Frank Chance´s Diamond´: Ring Lardner and Professional Sports“. Journal of Popular Culture 6 (1972-73): 148 (133-56)]
Zu beachten ist noch der Satz, den Lardner in How to Write Short Stories dem Text von „Champion“ vorausschickte und mit dem er der Kurzgeschichte wohl etwas an Schärfe nehmen wollte:
“Champion. An example of the mistery story. The mistery is how it came to get printed.” [Lardner. How..143]
© Martin Scheja

Rezension: Thomas Hauser „Brutal Artistry“

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Thomas Hauser ist einer der ganz Großen des Boxjournalismus. In relativ regelmäßigen Abständen veröffentlicht er Bücher über Boxen. Er hat das ultimative Buch über Muhammad Ali geschrieben: „Muhammad Ali: His Life and Times“, das auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Ein Buch von Hauser zu kaufen, ist eine sichere Sache. Man bekommt guten bis exzellenten Boxjournalismus, und so ist es auch bei „Brutal Artistry“.
Auch wenn es um ein so wichtiges Kulturgut geht, wie Bücher unter die Menschen bringen, so sind Buchverlage doch in erster Linie profitorientierte Firmen. So haben Verlage die Unart entwickelt, bei kommerziell erfolgreichen Autoren, besonders wenn sie Kurzgeschichten, Abhandlungen oder Artikel veröffentlichen, die Anzahl der Buchveröffentlichungen künstlich zu erhöhen. Teile aus mehreren schon veröffentlichten Büchern werden dann schon mal zu einem neuen zusammengestellt. Genau das ist auch bei „Brutal Artistry“ der Fall.
Hausers Buch ist dementsprechend sowohl ein Quell der Freude als auch ein richtiges Ärgernis. Wer „Muhammad Ali: His Life and Times“ schon gelesen hat, kann gut ein Drittel der versammelten Artikel überblättern. Und wer „A Beautyful Sickness“ und „A Year at the Fights“ auch hat, findet in dem hier zu besprechenden Buch buchstäblich nichts Neues.
Hauser versammelt in diesem Buch Artikel u. a. über Muhammad Ali, Henry Cooper, George Foreman, Audley Harrison, Evander Holyfield, Bernard Hopkins, Ray Leonard, Lennox Lewis, Shane Mosley und ganz viel über Mike Tyson. Einige der Artikel sind einfach phantastisch, wie der über die Niederlage von Naseem Hamed gegen Marco Antonio Barrera (am 07.04.2001) und von Michael Grants gegen Lennox Lewis (29.04.2000).
Am Ende bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Alle drei Bücher von Hauser zu kaufen, wäre in, meinen Augen, eigentlich besser. Kennt man sie aber noch nicht alle und es fällt einem „Brutal Artistry“ in die Finger, dann sollte man zugreifen und sei es allein aus dem Grund, dass es ein Buch von Thomas Hauser ist.
© Uwe Betker

Rezension: Szczepan Twardoch „Der Boxer“

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09.04.1988 fand einer der ganz großen Boxkämpfe im Cruisergewicht statt; es boxten Evander Holyfield und Carlos De León gegeneinander. Eine Beschreibung dieses Kampfes, der als brutal und doch als zugleich von einer großen Schönheit bestimmt wird, fungiert im Buch als Schlüsselszene, die man als Bild, das eine pointierte Zusammenfassung des Romangeschehens enthält, lesen kann: „Holyfield bearbeitete de Leóns Rumpf, drückte ihn die ganze Zeit in die Seile, dann verlegte er seine Drescharbeit auf de Leóns Kopf, de León versuchte ein paar Erwiderungen, doch schwach waren seine Schläge, ganz schwach. […]
Den Rest der Wiederholung haben sie gekürzt, gleich nach Tysons Kommentar kam die siebte Runde. Holyfield traf de León mehrmals am Kopf, sodass er sich nur noch mit Mühe auf den Beinen hielt. In der achten ein Massaker: de León nur deshalb noch aufrecht, weil er in den Seilen hing, Holyfield demolierte seinen Kopf, schließlich brach der Ringrichter den Kampf ab.
Ich bewunderte de Leóns Niederlage zutiefst. Solche Prügel einzustecken und weiter auf den Beinen zu bleiben … Das war schon was.“ [Twardoch „Der Boxer, Seite 148f]
Ebendiesen Kampf sieht der Erzähler, Mojzesz Bernstein, während er die/seine Geschichte niederschreibt bzw. sie in Rückblicken erzählt. Er erinnert sich an seine Jugend als armer Jude in Warschau, dem Warschau vor dem Einmarsch der Nazis. Das Zwischenkriegs-Polen des Jahres 1937 bildet den historischen Hintergrund, ein Polen, das nach dem Tod Jozef Pilsudskis (1935) politisch wie ethnisch zerriss. Rechte und Linke, Faschisten, Antisemiten, Juden, Gangster und korrupte Politiker standen sich in einem gnadenlosen Kampf gegenüber, in dem keine Seite auch vor den abscheulichsten Taten nicht zurückschreckte. Diese historische Situation, in der ein Putsch rechtsnationaler und rechtsradikaler Kräfte in der Luft lag, polnische Juden, rund 10 % der polnischen Bevölkerung, immer stärker diskriminiert wurden und es zu Boykotten und Pogromen kam, liefert die aufgeladene Atmosphäre für die Romanhandlung. Wir erfahren auch, dass an Universitäten so genannte „Hörsaal-Ghettos“ eingeführt wurden, d.h. für jüdische Studenten wurden ausgewiesene Bänke eingerichtet, auf denen sie zu sitzen hatten.

Der 17-Jährige Bernstein wird Zeuge, wie sein Vater von dem Titelhelden Jakub Shapiro auf bestialische Weise getötet, zerstückelt und entsorgt wird. Dennoch lässt er sich später von eben jenem Shapiro als Ziehsohn aufnehmen. Den Anfang der Beziehung markiert ein Amateurboxkampf, bei dem der Jude Shapiro auf den katholischen Polen Andrzej Ziembinski trifft, einen Faschisten, blond und groß, „wie die deutschen Sportler, arische Halbgötter auf den Fotos und Zeichnungen, die man manchmal in den Illustrierten fand.“ Shapiro strahlt eine andere Art von Schönheit aus, er ist „anders schön als Ziembinski, eine gleichsam finstere Art von Schönheit.“ Shapiro gewinnt durch KO und verschafft den unterdrückten Juden im Publikum dadurch eine kurzzeitige Genugtuung. Das gibt auch den Ausschlag dafür, dass Bernstein sich ihm anschließt. In der Folge wird er Shapiros Handlanger. Er lernt das Boxen und er begleitet Shapiro, auch zu dem (nicht-jüdischen) Unterwelt-Paten Jan Kaplica, in dessen Diensten der Boxer steht, dessen „rechte Hand“ er ist, sein Mann fürs „Grobe“. Shapiro treibt Schutzgelder ein, führt Straßenschlachten, begeht gelegentlich Morde und beseitigt Leichen. Im Warschau jener Zeit, das wird überdeutlich, geht es in erster Linie ums Überleben.
„Der Boxer“ ist kein Buch für Zartbesaitete. Es ist ein brutales Buch. Es ist sehr brutal. Gegen Ende des Buches meint man, der Brutalität nun endlich entronnen zu sein. Aber weit gefehlt! Die letzten eineinhalb Seiten stellen an Grausamkeit noch mal alles Vorangegangene in den Schatten. Der Autor zerstört hier noch seine letzten überlebenden Figuren. Wie schon gesagt: „Der Boxer“ ist nichts für Zartbesaitete.
„Der Boxer“ von Twardoch kommt daher als rasante, atmosphärisch dichte Gangsterballade, enthüllt dem genaueren Blick aber noch sehr viel mehr. Es geht nämlich hier um Schönheit, um eine Schönheit der Sprache und Schönheit auch im Schrecken.
Twardoch ist nicht nett zu seinen Figuren. Er drückt zwar schon eine gewisse Sympathie für sie aus, gleichwohl versetzt er sie mitleidlos in eine Hölle, in der es keine Zuneigung und kein Miteinander gibt. Alle auftretenden Personen sind mehr oder weniger böse und vor allem leben sie in einer brutalen Welt, die sie nur ihre schlechtesten Eigenschaften entwickeln lässt. Einigen wenigen Figuren gewährt Twardoch ein Überleben, aber damit noch lange kein „Happy End“. Unter dem Schatten des kommenden Holocaust gerät ein solches Überleben noch brutaler, grausamer und härter als der Tod.
Trotz aller Schmissigkeit und Rasanz haben wir es mit einer komplexen Geschichte zu tun. Das Buch bewegt sich auf verschiedenen Ebenen. Zunächst einmal haben wir verschiedene Zeitebenen, 1937 in Warschau und 1988 in Israel. Es hat auch eine metaphysische Ebene, die ihren Ausdruck findet in dem nur für wenige sichtbaren, durch die Luft schwebenden Pottwal, der sich von schwarzer Milch ernährt, womit dann schon gleich diversre literarische Bezüge angedeutet werden (Herman Melville, Thomas Hobbes und Paul Celan – ich höre schon auf). Schließlich verschwimmen die Grenzen der erzählten Realität immer mehr. Im Verlauf der Lektüre gerät man in wachsende Zweifel an der Identität des Erzählers. Ist es wirklich Bernstein, der sich jetzt Mojzesz Inbar nennt, ein ehemaliger Militär und ein alter, gebrochener Mann, der sich da erinnert, oder womöglich Shapiro?
„Der Boxer“ von Szczepan Twardoch ist schlicht ganz große Literatur. Seit ewigen Zeiten ist mir kein literarisches Werk untergekommen, das mit einer solchen sprachlichen Kraft und Intensität auf mich gewirkt hätte. Und ich finde auch, es ist ein Muss für jeden Boxfan, Boxer, Trainer, Leser und Nicht-Leser.
(C) Uwe Betker