Box-Blog

Posts Tagged ‘Belgien

Kelmis ist immer wieder eine Reise wert

leave a comment »

Kelmis, im deutschsprachigen Teil von Belgien gelegen, war zum dritten Mal der Austragungsort einer Boxgala. Hier wird versucht, dem Boxen in diesen Teil von Belgien eine neue/alte Heimat zu geben. Es gab, wie immer in unserem Nachbarland, Demonstrationskämpfe, Amateurkämpfe und Profiboxkämpfe – alles auf einer Veranstaltung. Genauer gesagt gab es vier Demonstrationskämpfe, fünf Amateurkämpfe und zwei Profikämpfe. Die Nicht-Profikämpfe waren durch die Bank weg gut und unterhaltsam.
Den ersten Profiboxkampf des Abends bestritten im Super Federgewicht Lucas Astorino (2 Kämpfe, 2 Siege, 1 durch KO) und Boujamaa Afantrous Kalai (4 Kämpfe, 4 Niederlagen). Astorino machte von der ersten Sekunde an deutlich, wer der Herr im Ring ist. Dreimal schlug er eine steife Grade durch die Mitte zum Körper, die auch trafen. Danach fing er an, seine Schläge gut zu verteilen. Es gab viele harte Schlagabtäusche, und das blieb auch so bis zum Schlussgong. Am Ende der Runde kam Astorino noch mal mit einer schönen Rechten zum Körper, gefolgt von zwei linken Haken zum Kopf, durch, die Afantrous sichtlich in Bedrängnis brachten. In der zweiten Runde suchte Astorino den KO. Er machte Druck. Afantrous hielt jedoch dagegen. Er arbeitete viel und versuchte es mit Haken, die er aber etwas zu weit ausholte. Gefährlich waren seine Aufwärtshaken. Häufig traf er aber nur die Deckung von Astorino, der insgesamt einfach die besseren Treffer ins Ziel bringen konnte. In der folgenden Runde nahm Afantrous noch mehr Schläge. Am Anfang wäre er sogar beinahe durch die Seile aus dem Ring gefallen. Er steckte viele Schläge ein, aber zwischendurch bäumte er sich immer wieder auf und versuchte, seinerseits mit Gewalt Schläge ins Ziel zu bringen. Dabei wurde er immer wieder abgekontert. In der vierten Runde war allen Beteiligen, samt Zuschauern, klar, dass es keinen KO geben würde. Astorino zeigte weiter seine beste Waffe, den linken Kopfhaken. Aber er hatte Konditionsprobleme und verlor dadurch die boxerische Linie. Deshalb musste er zuletzt mehr Treffer nehmen, als in den vorangegangenen Runden zusammen.
Einstimmiger Punktsieger: Lucas Astorino.
Den Hauptkampf des Abends bestritten zwei Damen. Djemilla Gontaruk (15 Kämpfe, 11 Siege, 3 Niederlagen, 1 Unentschieden) und Wendy Gervois (11 Kämpfe, 2 Siege, 9 Niederlagen) trafen im Federgewicht für einen Sechsrunder aufeinander. Gontaruk, Ex-Europameisterin, trägt den Kampfnamen Pitbull. Und so ähnlich boxte sie auch. Sie war kleiner als ihre Gegnerin, wodurch sich auch das Kampfmuster ergab. Gontaruk versuchte, an ihre Gegnerin herankommen, und Gervois mühte sich, sie sich vom Hals zu halten. Gontaruk suchte die Halbdistanz und Gervois versuchte, lang zu bleiben. Wenn dies nicht gelang, versuchte sie zu klammern.
Gontaruk hielt sich nicht viel mit Anboxen auf. In der Regel schlug sie ein bis zwei Führhände, ging dann rein und schlug Haken zu Körper und Kopf. Gervois konnte nur selten ihren Reichweitenvorteil nutzen und sich durch lange Hände Gontaruk auf Distanz halten. Hinzu kam, dass sie kein einziges Mal einen Aufwärtshaken schlug. Beide führten sie einen harten Kampf. Gontaruk gewann die ersten drei Runden. Dann wurde Gervois stärker und konnte zwei Runden für sich entscheiden. Die sechste und letzte Runde ging wieder an Gontaruk. Einstimmige Punktsiegerin: Djemilla Gontaruk. Im Februar soll sie in Texas eine Weltmeisterschaft bestreiten.
Einen Ausflug nach Kelmis kann ich nur jedem empfehlen. Von der Stimmung her sind die Veranstaltungen dort mit keinen anderen zu vergleichen. Im Publikum sitzen viele Frauen und Kinder. Es gibt Tische, an denen man zusammen isst. – Es ist so etwas wie Dinnerboxing, nur nicht so förmlich. – Es gibt auch eine Tombola.
Ich freue mich schon auf die nächste Veranstaltung und hoffe, dass mehr Zuschauer aus dem Grenzgebiet den Weg über die Grenze schaffen.
© Uwe Betker

Zwei Profiboxkämpfe in Kelmis/Belgien

leave a comment »

Kelmis ist eine der neun Gemeinden der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien. Es liegt der belgischen Provinz Lüttich, praktisch direkt hinter Aachen. Hier nun fand am 25. April 2015 in der Halle des Sportzentrums eine Boxveranstaltung statt. Nicht nur war es die erste Veranstaltung mit Profis überhaupt in Kelmis, sondern damit sollte auch die Wiedergeburt des Profiboxens im deutschsprachigen Belgien eingeleitet werden. Bislang gab es zwar noch keine Profiboxer aus der Region, aber dies soll sich bald ändern. Es gab zunächst 8 Amateurkämpfe zu sehen, die zum Teil sehr gut waren. Dann gab es eine Pause, in der der größere Teil des Publikums, der sich eine VIP Karte gegönnt hatte, erst einmal aß. Es gab Krabbencocktail, Geflügelbraten, Gratins, Gemüseplatte, Nudelspezialitäten mit frischen Soßen und Mousse au Chocolat. Dazu wurden Wein und Wasser gereicht. Es trat auch eine Gruppe von jungen Frauen auf, deren Show eine Mischung aus Tanz, Gymnastik und Aerobic war. Den Abschluss der Veranstaltung bildeten dann zwei Profikämpfe. Im ersten trafen im Mittelgewicht Mohamed Sidi Slimani (13 Kämpfe, 7 Siege, 4 durch KO, 5 Niederlagen, 3 durch KO, 1 Unentschieden) und Varujan Martirosyan (4 Kämpfe, 3 Siege, 1 Niederlage) aufeinander. Ihr Kampf war auf vier Runden angesetzt. In der ersten Runde besetzte Martirosyan die Ringmitte. Von dort agierte er. Slimani war passiv und hatte nur wenige Momente. In der zweiten Runde wurde er mehrfach in den Seilen gestellt und mit Schlagkombinationen eingedeckt. Im folgenden Durchgang wurde er dann zwar stärker, konnte aber den technisch besser boxenden Martirosyan nicht in Gefahr bringen. In der letzten Runde hatte keiner der Beiden noch Kraft und es gab zum Schluss eine unterhaltsame Keilerei, mit vielen Schwingern, die ihr Ziel verfehlten. Am Ende werteten die Punktrichter 39:38, 39:38 und 39:37 für Slimani: für mich ein klares Fehlurteil. Den zweiten Profikampf des Abends bestritten Alexandru Jur (14 Kämpfe, 14 Siege, 5 durch KO) und Istvan Orsos (40 Kämpfe, 9 Siege, 3 durch KO, 29 Niederlagen, 9 durch KO, 2 Unentschieden) einen Sechsrunder im Cruisergewicht. Jur gewann jede Runde. Von Runde zu Runde wurde er stärker. Die einzige Frage, die es zu beantworten galt, lautete: Schafft es Jur Orsos KO zu schlagen? – Um es kurz zu machen, er schaffte es nicht. Orsos war wie ein menschlicher Sandsack. Er nahm Schlag um Schlag und zeigte keine Wirkung. Am Ende werteten alle Punktrichter 60:52 für Jur. Es wurde verkündet, dass diese Veranstaltung in Kelmis den Auftakt darstellen sollte für viele weitere, die folgen sollen. Ich jedenfalls fände es durchaus wünschenswert, wenn hier ein Zentrum für Amateur- und Profiboxen entstünde. Noch lieber stelle ich mir vor, es könnte hier für die Euregio, also das Gebiet zwischen Belgien, den Niederlanden und Deutschland, ein Ort sich etablieren, an dem Boxer aus dieser Region regelmäßig boxen könnten. © Uwe Betker

Großes Boxen in Herstal

leave a comment »

Boxen in Belgien ist immer etwas Besonderes. Es ist vor allem immer, jedenfalls nach meiner Erfahrung, gutes Boxen. Die Hall Omnisports „La Prealle“ in Herstal, in der Provinz Lüttich, war am Samstag Ausgrabungsort eines großen Boxabends. Als Vorprogramm gab es acht Amateurkämpfe.
Im ersten Profikampf traten die beiden Debütanten Jérémy Beccu und Jozef Torac im Super Bantamgewicht aufeinander. Beccu, der als Amateur in der französischen Nationalstaffel geboxt hatte und der Hauptsparringspartner von Stéphane Jamoye gewesen war, machte kurzen Prozess. Er machte von der ersten Sekunde an Druck. Er verteilte seine Schläge schön auf Kopf und Körper. Ein Leberhaken zwang Torac in der neutralen Ecke zu Boden. Zwar stand er bald wieder und der Kampf wurde noch einmal fortgesetzt, aber den dann folgenden Schlägen gegenüber war er hilf- und wehrlos. Der Ringrichter ging dazwischen und brach den Kampf ab. TKO 1.
Im zweiten Kampf traten die beiden bis dahin ungeschlagenen Cruisergewichtler Alexandru Jur (8 Kämpfe, 8 Siege, 4 durch KO) und Fabrice Clément (3 Kämpfe, 2 Siege, 1 Unentschieden) gegeneinander an. Das Gefecht, das sich die Beiden lieferten, war hart und gewiss nichts für Boxästheten. Jus punktete mit seiner linken Führhand, die er schön steif und gerade schlug. Clément versuchte sein Glück in überfallartigen Angriffen. Der Kampf wogte hin und her und war geprägt von harten Schlagabtäuschen. Am Ende gewann Jur den Vierrunder zu Recht einstimmig nach Punkten.
Hiernach betraten Michael Recloux (35 Kämpfe, 21 Siege, 8 durch KO, 12 Niederlagen, 1 durch KO, 2 Unentschieden) und Jessy Moreaux (41 Kämpfe, 7 Siege, 4 durch KO, 31 Niederlagen, 5 durch KO, 3 Unentschieden). Der Kampf fand im Halbschwergewicht statt. Um es vorweg zu sagen: Der Kampf war großartig. Hier standen sich zwei Männer gegenüber, die sich nichts schenkten, dabei aber stets sehr fair boxten. In der dritten Runde ging Moreaux nach einem rechten Körperhaken, der viel zu tief war und dort traf, wo er nicht treffen durfte, zu Boden. Der Ringrichter zählte ihn, die Situation verkennend, an. Seinen Irrtum erkennend, gab er ihm aber anschließend genug Zeit, sich zu erholen.
Recloux und Moreaux boten dem Publikum über acht Runden eine große Ringschlacht. Obwohl Moreaux der schwächere Boxer war, gab er nicht auf. Es bestand zu keiner Sekunde die Gefahr, dass er aus dem Kampf aussteigen würde. Immer wieder suchte er seine Chance. Immer wieder stellte er sich dem Kampf, dem Kampf zweier tapferer Krieger. Diesen Kampf würde ich persönlich jederzeit gegen ein Dutzend sogenannter Weltmeisterschaften eintauschen, die ich im letzten Jahr gesehen habe. Und dabei war dieser Kampf nicht einmal der beste des Abends. Am Ende gewann Recloux einstimmig nach Punkten.
Der nachfolgende Kampf stellte den vorangegangen noch in den Schatten. Steve Jamoye (13 Kämpfe, 13 Siege, 2 durch KO) und Luis Solis (17 Kämpfe, 11 Siege, 9 durch KO, 2 Niederalgen, 1 durch KO, 4 Unentschieden) boxten um den vakanten WBC Youth Silver Titel im Junior Weltergewicht. 10 Runden lang schlugen die beiden aus allen Position aufeinander ein. Dabei gingen sie ein extrem hohes Tempo. So ein Boxen wird dem deutschen Fernsehzuschauer vorenthalten, weil die TV-Sender Angst davor haben den Zuschauern schnelles Boxen in den unteren Gewichtsklassen zu zeigen.
Obwohl es immer wieder so aussah, als ob bald ein KO kommen würde, ging der Kampf über die volle Distanz. Jamoye war zwar der Bessere, aber auch er wackelte ein oder zwei Mal. Am Ende gewann er verdient nach Punkten.
In der gleichen Gewichtsklasse traten Sabrina Giuliani (11 Kämpfe, 11 Siege) und Dalia Vasarhely (5 Kämpfe, 3 Siege, 2 Niederlagen) gegeneinander an. Giuliani verteidigte erfolgreich ihren Europameistertitel der EBU in einem etwas einseitigen Gefecht. Sie musste hierfür über die volle Distanz von 10 Runden gehen.
Hauptkampf und Höhepunkt der gelungenen Veranstaltung war die Europameisterschaft im Bantamgewicht. Der Titelverteidiger Stephane Jamoye (28 Kämpfe, 25 Siege, 15 durch KO, 3 Niederlagen, 1 durch KO) bekam es mit Ashley Sexton (18 Kämpfe, 14 Siege, 5 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO, 2 Unentschieden) zu tun. Stephane Jamoye boxt spektakulär. Er hat schnelle Hände, sehr gute Reflexe und ist schnell auf den Beinen. In den ersten zwei Runde punktete er vor allem mit seiner linken Führhand, die er sehr variabel einsetzte. Aus Gefahrenmomenten tanzte er elegant heraus. In der dritten Runde häuften sich die Schlagabtäusche. Wiederum eine Runde später erlitt er einen Cut, wohl durch einen Kopfstoß unter dem linken Auge, der ihn aber nicht behinderte und auch nicht davon abhielt, Sexton zu jagen.
In den folgenden Runden ging Jamoye mehr zum Körper, was Saxton nicht angenehm war. In der sechsten Runde wurde Saxton ein Punkt für Halten abgezogen. Am Ende der folgenden Runde ging er nach einem Leberhaken runter. Er kam jedoch wieder hoch und rettete sich in die Pause. Bereits in der ersten Aktion nach der Pause musste Saxton wieder zu Boden und wieder schaffte er es, rechtzeitig hoch zu kommen. Dem dann folgenden Schlaghagel hatte er aber nichts mehr entgegenzusetzen. Der Ringrichter ging dazwischen, um ihn vor weiteren Schlägen zu schützen. Stephane Jamoye zeigte eine sehr beeindruckende Leistung. Er wird wohl seinen nächsten Kampf in Las Vegas bestreiten. Er ist bei Oscar de la Hoya unter Vertrag und soll wohl schon bald um einen WM-Titel boxen.
© Uwe Betker

Ein Blick hinüber nach Belgien (2)

leave a comment »

Eine Tombola, die wohl schon Tradition ist und sehr regen Zuspruch fand – leider habe ich weder den Ardennen Schinken noch den alten Wacholderbrand gewonnen -, trennte bei der „gala de box“ in Vise (Belgien) die Amateur- von den Profikämpfen. Zum Abschluss des sehr unterhaltsamen Abends gab es vier gute Profikämpfe zu sehen. Im ersten trafen Adnan Salihu (8 Kämpfe, 6 Siegen, 4 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO) und Mike Algoet (70 Kämpfe, 31 Siege, 13 durch KO, 37 Niederlagen, 4 durch KO, 1 Unentschieden) aufeinander. Bei dem auf acht Runden angesetzten Kampf ging es um die wallonische Meisterschaft im Mittelgewicht. Daher wurde vor dem Kampf im Ring zuerst eine Münze geworfen. Der Gewinner durfte als erster eines von zwei Paaren Boxhandschuhen aussuchen, die auf dem Ringboden lagen. Erst danach wurden den Boxern die Handschuhe im Ring angezogen und die Schnüre abgeklebt.
Der in Schweden geborene Belgier Salihu wurde am Anfang seiner Favoritenrolle durchaus gerecht. Er war von Anfang an der aggressivere Boxer und dominierte die erste Runde. Er holte zwar für seine Schläge zum Teil sehr weit aus, landete aber immer wieder Treffer zum Körper. Im zweiten Durchgang holte Algoet, der Mann aus Brügge, auf. Er punktete mit Ein-Zwei-Kombinationen, wobei auch er versuchte, durch weites Ausholen seinen Schlägen mehr Kraft zu verleihen. In der dritten Runde gewann Salihu wieder die Oberhand. Eine Runde später schickte ihn eine überraschende Rechte zum Kinn zu Boden. Er wurde angezählt, kam aber wieder hoch. Salihu versuchte sich über die Zeit zu retten. Algoet arbeitete ruhig und systematisch weiter und suchte seine Chance. Dann kam er mit einer Linken zum Kinn durch, die sein Gegenüber endgültig fällte. Das unterste Ringseil hielt den Oberkörper des bewusstlosen Salihu noch aufrecht.
Dann brach die Hölle los. Wie aus dem Nichts sprangen mehrere Männer direkt neben mir in dem Ring und attackierten den Sieger. Es entbrannte eine wüste Keilerei, die die Sicherheitskräfte und die Ecke von Algoet für sich entscheiden konnte. Die Herren aus dem Umfeld von Adnan Salihu wurden unter gellenden Pfiffen des Publikums aus der Halle heraus geleitet. Sieger durch KO in Runde 4 Mike Algoet.
Im zweiten Profikampf des Abends bekam es der amtierende belgische Meister im Mittelgewicht Michael Recloux (32 Kämpfe, 19 Siege, 8 durch KO, 11 Niederlagen, 2 Unentschieden) in einem 6-Runder mit dem Deutschen Suleyman Dag (32 Kämpfe, 6 Siege, 3 durch KO, 26 Niederlagen, 18 durch KO) zu tun.
Dag versuchte mit überfallartigen Angriffen zum Erfolg zu kommen. Recloux blieb jedoch unbeeindruckt und boxte souverän seinen Kampf herunter. Dag hatte in der zweiten Runde seine besten Momente und kam zweimal durch. In der dritten verließ ihn dann entweder seine Konzentration oder seine Kraft oder beides. Er blieb mehr stehen und bot Recloux nun ein Ziel. Dag nahm mehr und mehr Schläge. In seiner Not spuckte er seinen Mundschutz aus, um Zeit zu gewinnen. Offensichtlich wollte er nicht weitermachen. Aber seine Ecke überredete ihn, es doch noch mal zu versuchen. Kurze Zeit später wurde er wieder gestellt und nahm erneute Treffer. Der Ringrichter zählte ihn im Stehen an und aus.
Im Junior Weltergewicht boxten Steve Jamoye (7 Kämpfe, 7 Siege, 2 KO) und Boris Berg (9 Kämpfe, 4 Siege, 3 durch KO, 4 Niederlagen, 1 durch KO, 1 Unentschieden) gegeneinander. In der ersten Runde war der kleinere Berg der schnellere und aggressivere Boxer. Immer wieder fand er Lücken in der Deckung seines Gegners. Jamoye schien von der Schlaghärte beeindruckt zu sein. Zu keinem Zeitpunkt konnte er seinen Reichweitenvorteil nutzen. In der zweiten Runde kam es zu immer mehr Schlagabtäuschen, wobei Berg nun anfing, seine Deckung zu vernachlässigen und Kopftreffer nehmen musste. In der dritten Runde gewann dann Jamoye die Oberhand. Er schlug harte Körper-Kopf-Kombinationen. In der vierten Runde musste Berg sogar noch mehr nehmen und wurde schließlich auch im Stehen angezählt. Zur fünften Runde trat er nicht mehr an. Später erklärte er, er hätte sich die rechte Schulter so verletzt, dass ein Knochen herausstehen würde.
Der letzte Kampf war auch der beste Kampf des Abends. Stephane Jamoye (24 Kämpfe, 21 Siege, 11 durch KO, 3 Niederlagen, 1 durch KO) traf im Super Federgewicht auf Luis Singo. Er dominierte den Kampf von Anfang an. Seine schnellen Hände bestimmten das Geschehen. Der Mann aus Ecuador konnte jedoch in der ersten Runde noch gut kontern. Im Verlauf des Kampfes wurde die Überlegenheit von Jamoye dann aber immer deutlicher. In der dritten Runde standen Jamoye und Singo minutenlang Fuß an Fuß in einer Ecke und zeigten einen Infight auf ganz hohem Niveau. Im nächsten Durchgang trafen sie sich erneut in derselben Ecke, um dort weiter zu machen, wo sie vorher aufgehört hatten. Dann musste Singo zu Boden. Er wurde angezählt. Wenige Sekunden später nahm er in der gegenüberliegenden Ecke einen Treffer gegen die Stirn, der den Kampf endgültig beendete. So einen langen Infight habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ich möchte an dieser Stelle dem Ringrichter Serge Hendrice ein großes Lob aussprechen, der diesen Infight überhaupt zuließ. Hierzulande wird dergleichen schnell abgebrochen, so dass es leider nur sehr selten zu sehen ist.
Ein Ausflug nach Belgien lohnt sich also: nicht nur wegen der Moules-frites, sondern auch wegen des Boxens. Die Veranstaltung in Vise war sehr unterhaltsam. Es wurde gutes und zum Teil sogar hervorragendes Boxen gezeigt. Ich würde mir wünschen, der deutsche Amateurverband DBV und die deutschen Profiverbände nähmen sich ein Beispiel an Belgien. Sie sollten zusammen und nicht gegeneinander arbeiten. Sieger wäre dann das Boxen und die Zuschauer.
© Uwe Betker

Ein Blick hinüber nach Belgien (1)

leave a comment »

Nahezu unbemerkt von den Boxfans in Deutschland gibt es in Belgien eine sehr lebendige Boxszene. Fast an jedem Wochenende finden dort Boxveranstaltungen statt. Am Freitag, dem 17. Juni 2011 gab es in Vise, in der Nähe von Lüttich, eine kleine „gala de boxe“. Klein heißt hier, dass insgesamt 13 Boxkämpfe zu sehen waren. Vier davon waren Profikämpfe, der Rest waren Amateurkämpfe. In Belgien gibt es nicht diese, wie ich finde, schwachsinnige strikte Trennung zwischen Amateur- und Profiboxen. Sogar die Punkt- und Ringrichter sind dieselben.
Es gibt kaum Berührungsängste zwischen Amateur- und Profiboxen. Die Regularien der Verbände sehen vor, dass bei Veranstaltungen mindestens 24 Runden Boxen angesetzt sein müssen. Hiermit soll verhindert werden, dass das in den Beneluxländern sehr populäre Kickboxen, das „englische Boxen“ kannibalisiert.
Wenn ein Boxverein eine Veranstaltung organisiert, dann gibt es ganz selbstverständlich zum Schluss Profikämpfe zu sehen, denn die bringen das Publikum. Stichwort Publikum: Zu der „kleinen Boxgala“ kamen ca. 2.500 Zuschauer. Es gibt kaum Profi- und noch seltener Amateurveranstaltungen in Deutschland, die mit so viel Zuspruch rechnen können. Das Publikum bestand aus den üblichen Boxfans und aus vielen Paaren und nicht wenigen Kindern. Offensichtlich geht man als Paar mit Freunden zum Boxen. Bei der Show in Vise konnte man auch an Tischen sitzen, wo man ein kleines Menü mit Getränken bekam, einem Dinnerboxing nicht unähnlich, nur sehr viel weniger förmlich.
Die Show begann mit einer Tanzeinlage von kleinen Kindern, die das Publikum offensichtlich sehr mochte. Während ich mir die Amateurkämpfe, darunter auch einen mit Frauen, ansah, fragte ich mich, warum ich diese Kämpfe so gut fand. Dann fiel mir auf, dass zwei Dinge fehlten: Punktmaschinen und kleinliche Ringrichter. In Belgien wurden zwar bei der letzten nationalen Meisterschaft noch Punktmaschinen eingesetzt, aber sie sollen wieder abgeschafft werden. Nur noch bei internationalen (AIBA) Turnieren sollen sie zum Einsatz kommen. Für mich bedeutet das, hier wird richtig geboxt. Das wiederum führt dann dazu, dass die Kämpfe für die Zuschauer sehr viel ansehnlicher werden.
Ein weiterer Faktor, der das belgische Amateurboxen attraktiv macht, sind die Ringrichter. Die Ringrichter lassen die Kämpfe laufen und sich entwickeln. Die Kämpfe werden nicht ständig unterbrochen. Das Hereinrufen von Trainern führt nicht zu einer Unterbrechung des Kampfes. Es gibt also vieles von dem, was das deutsche Amateurboxen so unattraktiv macht und die Zuschauer vertreibt, jenseits der Grenze nicht.
© Uwe Betker

Written by betker

19. Juni 2011 at 23:59