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Homosexualität und Boxen (1.)

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Wenn man an die berühmte und oft kolportierte Zahl 10 glaubt, ist jeder zehnte Mann und jede zehnte Frau homosexuell. Das müsste dann auch heißen, dass es in der Fußball Nationalmannschaft und in jeder Bundesliga Mannschaft mindestens einen Schwulen gibt. Wer sich anhört, was Fußballern aus der gegnerischen Fankurve so zugerufen wird, könnte der Prozentsatz auch in Richtung 100% gehen.
Jetzt könnte man mit einem „Heiteren Schwulen Raten“ anfangen. Man könnte z.B. vor seinem geistigen Auge eine beliebige Fußballmannschaft Revue passieren lassen und jeden Zehnten für schwul erklären. Oder man könnte nach Anzeichen für Homosexualität anhand von Kleidung, Haarschnitt, Sympathie und Antipathie suchen. Aber was sind untrügliche Anzeichen für einen Homosexuellen und was sind dann noch Anzeichen für einen homosexuellen Boxer? Fehlender Punch? Schnelle Beine? Gutes Aussehen?
Fest steht: Will man den Schwulen und Lesben „auf die Schliche kommen“, muss man raten, weil es heute immer noch nicht möglich ist, einen „männlichen Sport“ als Profi auszuüben und seine Homosexualität nicht zu verstecken. Oder doch?
Wie viele homosexuellen Boxer kennen wir? Von wie vielen wissen wir, dass sie „es“ sind? Ich kenne nur zwei. Der Erste ist Emile Griffith (112 Kämpfe, 85 Siege, 23 durch KO, 24 Niederlagen, 2 durch KO und 2 Unentschieden). Richtig der große Emile Griffith. Nur zur Erinnerung: Griffith war von 1961 bis 1965 Weltmeister des WBC und der WBA (d.h. vereinigter Weltmeister aller Verbände) im Weltergewicht. Von 1966 bis 1968 war er Weltmeister des WBC und der WBA (d.h. wieder vereinigter Weltmeister aller Verbände) im Mittelgewicht. Beide Male verlor er seinen Titel, um ihn sich dann direkt wieder zu erkämpfen. Und 1962 holte er sich nebenbei auch noch den Titel im Halbmittelgewicht.
Ein tragischer Unfall überschattet seine Karriere. Er schlug einen seiner Gegner, Benny Paret, tot. Es war das dritte Aufeinandertreffen der Beiden. In der ersten Begegnung (01.04.1996) nahm Griffith dem Mann aus Kuba den Weltergewichtstitel ab, indem er ihn in der 13. Runde KO schlug. Den Rückkampf (30.09.1961) verlor er knapp nach Punkten. Der dritte Kampf (24.03.1962), der im Madison Square Garden stattfand, stand unter keinem guten Vorzeichen. Beim Wiegen nannte Paret den Mann aus St. Thomas/Jungferninseln einen „maricón“ – einen Schwulen, einen weibischen Kerl. Die anwesende Presse hielt diese antihomosexuellen Ausfälle für eine “normale” Provokation vor einem Kampf.
In der sechsten Runde hatte Paret Griffith nahe an einem KO, aber die Glocke rettete Griffith. In der zwölften Runde stellte Griffith seinen Gegner in einer Ringecke und ließ ihn nicht mehr heraus. Er schlug auf einen Mann ein, der ohne Bewusstsein war, aber noch auf seinen Füßen stand. Als der Ringrichter endlich den Kampf stoppte, rutschte Paret in der Ringecke zu Boden und erlangte nicht mehr das Bewusstsein. Zehn Tage später starb er.
In den 60er Jahren wäre es das Ende der Karriere für einen Athleten oder Prominenten gewesen, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen. Griffith outete sich nicht und seine Karriere ging weiter. 1990 wurde er in die „International Boxing Hall of Fame“ aufgenommen. Bis heute hält er den Rekord in geboxten Runden in WM Kämpfen: 310 geboxte Runden. Erst 2008, mit siebzig Jahren und wohl wissend, dass ihm die Dementia pugilistica nicht mehr viel Zeit lässt seine Geschichte zu erzählen, sprach Emile Griffith in seiner Autobiographie erstmals über seine seit Jahren vermutete Homosexualität. Dabei zieht er ein sehr bitteres Resümee:
„I keep thinking how strange it is … I kill a man and most people understand and forgive me. However, I love a man, and to so many people this is an unforgivable sin; this makes me an evil person. So, even though I never went to jail, I have been in prison almost all my life.” (Ich muss immer daran denken, wie seltsam das ist… Ich töte einen Mann, und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir. Hingegen, ich liebe einen Mann, und so viele halten das für eine unverzeihliche Sünde, was mich zu einem schlechten Menschen macht. Wenn ich auch nie im Gefängnis gelandet bin, so war ich trotzdem fast mein ganzes Leben lang eingesperrt).
© Uwe Betker