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Rezension: “Dandy” von Daniel Patrick Joseph

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Der Autor Daniel P. Joseph ist der Sohn von Dandy Dillon (47 Kämpfe, 20 Siege, 9 durch KO, 18 Niederlagen, 3 durch KO, 9 Unentschieden), einem Federgewichtsboxer, der zwischen 1920 und 1927 aktiv war. Sein Vater starb, als Joseph siebzehn Jahre alt war. Vermutlich kannte er seinen Vater kaum. Die Eltern waren geschieden und der Autor lebte wohl bei seiner Mutter. In den letzten Jahres seines Lebens hatte Dillon auch psychische Probleme. Mit dieser Biographie versucht Joseph, seinem Vater, fast ein halbes Jahrhundert nach dessen Tod, ein Denkmal zu setzen. In seinen eigenen Worten klingt das so: “Writing the story of my father’s life was a labour of love.” Herausgekommen ist ein schmales Bändchen von 136 Seiten.
Danny Dillon wird am14.07.1903 in Grigoriopol in Moldawien, als Moishe Josofsky geboren. Seine Eltern fliehen vor den antijüdischen Pogromen des russischen Zarenreichs in die USA. Dort fängt Dillon, zusammen mit seinem Bruder, an zu boxen. Mit 16 Jahren wird er Profiboxer. Er ist einer von vielen jüdischen Boxern dieser Zeit. Er wird schnell bekannt und macht schnell Karriere. Aber der ganz große Erfolg bleibt ihm verwehrt. Nachdem er seine Boxhandschuhe an den berühmten Nagel gehängt hat, ist er als Trainer, Boxmanager, Restaurantbesitzer, Kneipenbesitzer, Taxifahrer und Verschiedenes mehr tätig. Hinzu kommen mehrere Ehen und verschiedene Kinder. Er stirbt am 28.02.1968 mit 64 Jahren.
Als Grundlage für das Buch, so der Autor, dienten ihm Sammelalben mit Zeitungsausschnitten und Internetrecherchen. Ein Grossteil des Buches besteht aus Beschreibungen der einzelnen Kämpfe, Runde für Runde. Der Sohn von Dandy Dillon verlässt sich dabei doch offensichtlich sehr aufs Internet. Er ist stolz darauf, dass sein Vater mit 17, in seinem zwölften Kampf, Champion wurde; er wurde Kanadischer Meister im Fliegengewicht. Er besiegte am 08.12.1920 Percy Buzza, den amtierenden Kanadischen Meister im Bantamgewicht. Das kann man auch nachlesen auf boxrec. Es bleibt aber weiterer Klärungsbedarf. Da sind noch einige Fragen offen, Fragen, wie: Wieso wird ein us-amerikanischer Boxer eigentlich kanadischer Meister? Wieso hat er den Titel nicht verteidigt, wenn er doch so stolz darauf war?
Bei einmal gewecktem Misstrauen stolpert man dann über immer mehr Ungereimtheiten. Am 06.09.1920 besiegte Dillon, seinem Sohn zufolge, Battling Baker, den Schottischen Meister. Dieser Kampf aber war Bakers Profidebüt. Auch, was ich da an Kampfbeschreibungen zu lesen bekomme, erscheint mir doch ziemlich unwahrscheinlich. Ich kann mir auch schlechterdings nicht vorstellen, dass Zeitungen in den zwanziger Jahren über jeden Kampf Runde für Runde berichtet haben. Die Abläufe der Kämpfe ähneln einander schon ein bisschen sehr. Viele Niederlagen sollen Fehlurteile gewesen sein. Aber belegt wird das, wenn ich es richtig gelesen habe, nur ein einziges Mal mit einem Zitat aus einer Zeitung.
Das Buch hangelt sich am Kampfrekord von Dillon entlang. Von seinem Leben erfährt man dagegen nicht so viel. Die Vorgeschichte, die Flucht vor den Pogromen, aber auch das Leben nach dem Boxen wird nur grob skizziert. Da stellt sich bei mir fast der Eindruck ein, der Autor hatte hierüber so gut wie keine Informationen. Wohlgemerkt der Autor ist der Sohn. Kein Wort verliert er auch darüber, wie Dandy Dillon so als Vater war.
Zusammenfassend kann ich nur sagen, “Dandy” von Daniel Patrick Joseph ist ein seltsames Buch. Es ist schmal, unterhaltsam und man hat es schnell gelesen. Aber, eine Biographie von Dandy Dillon ist es irgendwie nicht. Vielmehr erscheint es eher als das Produkt der Suche eines um die 60 Jahre alten Mannes nach seinem Vater, den er wohl nie richtig gekannt hat. Der Wunsch springt einen an, sein Vater möge mehr gewesen sein als nur einer von vielen guten jüdischen Boxern seiner Zeit, der Wunsch, sein Vater möge etwas Besonderes gewesen sein. Als würde die Erinnerung an einen Vater Dandy Dillon, der ein ganz besonderer Boxer gewesen wäre, seiner Abwesenheit als Vater nachträglich doch noch einen gewissen Sinn geben können. Daher erscheint mir das Buch nicht nur zwiespältig, sondern auch als ein trauriges Vergnügen.
© Uwe Betker

Rezension: „Es sind schon viele Weltmeister Alkoholiker geworden …“ von Wolfgang Weggen

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Der Hamburger Sportjournalist und Boxexperte Wolfgang Weggen legte 2006 die Biographie von Eckhard Dagge, dem zweiten deutschen Boxweltmeister, vor. Das Buch stellt eine Art Flickwerk dar, komponiert aus Erinnerungen von Zeitgenossen und Freunden, persönliche Erinnerungen des Autors und zeitgenössischen Berichten sowie Darstellungen von Weggen. Aus diesem Material lässt er ein komplexes Bild von Dagge und der Zeit, in der er lebte, erwachsen. Um es direkt zu sagen: Weggen hat eines der besten deutschen Box-Bücher, das ich je gelesen habe, geschrieben und daher ist es für, wie ich meine, jeden historisch interessierten Boxfan einfach ein Muss.
Die Lebensgeschichte von Eckhard Dagge, einem Mann mit Ecken und Kanten, wird lebendig nachgezeichnet. Es ist die Geschichte eines Mannes, der dem Alkohol verfallen war. Angefangen bei den überraschend wilden Anfängen bei Schlägereien auf dem Dorf in Probsteierhagen in Schleswig-Holstein, über seine Phase beim Bundesgrenzschutz, wo er zum Boxsport kommt. Weitere Stationen folgen: die Amateurkarriere, der Wechsel ins Profilager, die Weltmeisterschaft im Superweltergewicht, der Verlust des Titels und sein Absturz in Krankheit, Sterben und Tod. Und immer ist auch die Alkoholsucht von Dagge Thema.
Die Biographie zeichnet nicht nur das Leben und die große deutsche Boxkarriere von Dagge nach, sondern sie bietet auch ein Zeitgemälde von der verschwundenen Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre. Eine Zeit, in der die Landjugend sich am Wochenende zum Vergnügen prügelte. Eine Zeit, in der es normal war als Mann zu saufen und sich zu schlagen. Eine Zeit schließlich, in der Boxkämpfe kaum je ihren Weg ins Fernsehen fanden.
Dem Buch merkt man an, dass sein Autor vom Boulevardjournalismus, Bild und Hamburger Morgenpost, kommt. Die Sprache ist sehr bildhaft und lebendig. Es lässt sich schnell runter lesen, was schon ein Vergnügen ist. Damit lässt sich Weggen aber auch anmerken, dass er seinen Dagge verehrt. Er hat – und will – keine Distanz zum Gegenstand seines Buches. Es geht hier darum ihm, Eckhard Dagge, ein Denkmal zu errichten. Und er, Weggen, ist dabei gewesen, was er dann dem Leser, nicht ganz ohne Eitelkeit, auch sagt.
Natürlich wird auch der Ursprung des berühmten Zitats: „Es sind schon viele Weltmeister Alkoholiker geworden. Aber ich bin der erste Alkoholiker, der Weltmeister wurde“, welches der vollständige Titel des Buches ist, geklärt. Da die Biographie eine Hagiographie ist, wird die Richtigkeit dieses Zitats allerdings niemals in Frage gestellt.
Ich persönlich hätte mir mehr und größere Fotos gewünscht. Auch wäre es schön gewesen, wenn der Autor etwas mehr zur gesellschaftlichen Verortung des Profiboxens im Deutschland jener Zeit geschrieben hätte. Welcher junge Leser kann mit Namen wie Fritz Gretzschel und Willy Zeller, nacheinander die Manager von Dagge, schon noch etwas anfangen? Das gleiche trifft auch auf die Namen von Dagges Gegnern zu. Dementsprechend wird das Buch nur für jemanden mit Vorkenntnissen zu einem komplett ungetrübten Lesevergnügen. Aber, wie ich schon gesagt habe und hier noch mal wiederholen möchte: Bei diesem Buch handelt es sich um eines der besten deutschen Box-Bücher überhaupt. Es ist ein Muss.
(C) Uwe Betker

Rezension: The Onion Picker von Gary B. Youmans

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Der Autor Gary B. Youmans lebt und arbeitet in Syracuse, im Bundesstaat New York. Er schrieb einige Bücher über Football. Er ist auch noch Drehbuchautor. Er kann schreiben und daher ist sein Buch The Onion Picker, Carmen Basilio and Boxing in the 1950s (Carmen Basilio & Sugar Ray Robinson slug it out for the Middleweigt Championship of the World!) eine informative, kurzweilige und amüsante Lektüre für einen oder eineinhalb entspannte Tage.
Formal handelt The Onion Picker von Carmen Basilio (79 Kämpfe, 56 Siege, 26 durch KO, 16 Niederlagen, 2 durch KO, 7 Unentschieden). Er war Weltmeister im Weltergewicht von 1955 bis 1956 und von 1956 bis 1957; außerdem war er Weltmeister im Mittelgewicht 1957 bis 1958. Er war sicher kein Filigrantechniker. Er war vielmehr ein aggressiv nach vorne gehender Boxer, der seine Gegner mit harten Körper- und Kopfhaken fällen wollte. Er war ein Liebling der Massen und er war der Gegenentwurf zu Sugar Ray Robinson (202 Kämpfe, 175 Siege, 109 durch KO, 19 Niederlagen, 1 durch KO, 6 Unentschieden) dem Pound for Pound besten Boxer aller Zeiten. Genau diesen Robinson schlug Basilio am 23.09.1957 nach Punkten, in einem der besten Kämpfe aller Zeiten, und nahm ihm den Mittelgewichtstitel ab.
Youmans konzentriert sich in seinem Buch auf die Rivalität zwischen den beiden. Das heißt aber auch, dass das Buch nur bedingt als eine Biographie von Basilio verstanden werden kann. Die Konstruktion ist etwas seltsam. Zum einen folgt der Leser in groben Zügen der Biographie von Basilio, wobei die Zeit bis zur Weltmeisterschaft im Weltergewicht und nach seiner Niederlage im Rückkampf gegen Robinson nur ganz skizzenhaft oder gar nicht abgehandelt wird. Das Material, das er hier verarbeitet hat, besteht aus bekannten und unbekannten Zitaten und stammt auch aus selbst geführten Interviews.
Der Autor beleuchtet das Profiboxen der fünfziger Jahren in den USA. Er behandelt m.a.W. die Unterwanderung des Boxens durch die Mafia, die Rolle, die Joe Luis darin spielte und wie er versuchte, die Mafia wieder los zu werden. Aber es geht auch um die großen Boxer der Zeit: Jake LaMotta, Bobo Olsen, Johnny Saxton, Joey Maxim, Kid Gavilan, Tony DeMarco u.a.
Für jemanden, der schon eine große Bibliothek von Boxbüchern besitzt, bietet dieses Buch nur wenig Neues. Auch hätte ich mir mehr über Carmen Basilio gewünscht. Aber, wie gesagt, das Buch ist gut geschrieben und lässt sich schnell runter lesen und, was eventuell das Wichtigste ist, es ist unterhaltsam. Es ist also ganz die richtige Lektüre für ein entspanntes Wochenende oder einen entschleunigten Urlaubstag. – The Onion Picker von Gary B. Youmans kann man im Internet gebraucht und auch neu bestellen.
© Uwe Betker