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Boxen in der Literatur: Ernest Hemingway (4) – „Der Kämpfer“

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Die Kurzgeschichte „The Battler“ („Der Kämpfer“) ist, wenn ich richtig gezählt habe, eine von vier Short Stories von Ernest Hemingway, die sich mit Boxen oder Boxern beschäftigt. Zum ersten Mal wurde sie 1925 in „In Our Time“ („In unserer Zeit“) veröffentlicht. Sie ist die fünfte Geschichte, in der Nick Adams, das autobiographische Alter Ego von Hemingway, der Protagonist ist. Nick Adams ist jene fiktive Figur mit autobiographischen Zügen, mit der sich Hemingway jahrzehntelang beschäftigte.
„Der Kämpfer“ beginnt damit, dass Nick Adams von einem Bremser, irgendwo zwischen Kalkaska und Mancelona in Michigan, USA, von einem Güterzug geschmissen wird. Er macht sich entlang den Schienen auf den Weg in die nächste Ortschaft. Da sieht er ein Feuer in der Dunkelheit. Der Mann am Feuer begrüßt ihn und fragt ihn, woher er die Beule im Gesicht hat. Nick erzählt, er sei von einem Zug geworfen worden. Der Mann empfiehlt ihm, das nächste Mal wenn der Zug vorbei kommt, mit einem Stein auf den Bremser zu zielen. Adams erwidert, er werde ihn schon bekommen. Der Mann:
«Du bist´n ganz Harter, was?»
«Nein», sagte Nick.
«Seid ihr Jungs ja alle.»
«Muß man schon», sagte Nick.
«Genau, was ich gesagt habe. »
Erst jetzt sieht er, dass das Gesicht des Mannes deformiert ist und dass ihm ein Ohr fehlt. Der Mann, Adolph Francis, ist ein ehemaliger Boxchampion, der stolz darauf ist, dass sich alle seine Gegner ihre Hände an ihm zerschlagen haben. Er sagt aber auch, er sei verrückt.
Wenig später erscheint Bugs, ein Farbiger. Er hat Essen mitgebracht. Während Bugs das Essen zubereitet, möchte Francis sich das Messer, mit dem Nick gerade das Brot geschnitten hat, von ihm ausleihen. Bugs rät Adams, ihm das Messer nicht zu geben, worauf Francis immer aggressiver wird und Adams zum Kampf auffordert.
Bugs schlägt Franzis mit einem Todschläger KO und dann kümmern sich beide um den Niedergeschlagenen. Adams erkundigt sich, wie der Boxchampion Al Francis so verrückt werden konnte.
«Wodurch ist er verrückt geworden?» fragte Nick.
«Ach, durch allerhand», antwortete der Neger vom Feuer aus. «Wollen Sie eine Tasse Kaffee haben, Mister Adams?»
Er reichte Nick die Tasse und glättete den Mantel, den er unter den Kopf des bewusstlosen Mannes geschoben hatte.
«Erstens hat er zuviel abgekriegt.» Der Neger schlürfte seinen Kaffee. «Aber das machte ihn eigentlich nur ein bißchen einfältig. Dann war seine Schwester sein Manager, und es stand immer alles lang und breit in den Zeitungen von Bruder und Schwester, und wie sie ihren Bruder liebte, und wie er seine Schwester liebte, und dann heirateten sie in New York, und da gab es natürlich ’ne Menge Unannehmlichkeiten.»
«Ja, ich besinne mich darauf.»
«Bestimmt. Natürlich waren sie so wenig Geschwister wie wir zwei beiden, aber da waren eine Menge Leute, die es auf jeden Fall unerhört fanden, und dann begannen die Streitigkeiten, und eines Tages ging sie einfach weg und ist niemals zurückgekommen.»
Er trank seinen Kaffee aus und wischte sich mit der rosa Fläche seiner Hand den Mund ab.
«Er ist einfach verrückt geworden. Wollen Sie noch etwas Kaffee haben, Mister Adams?»
Kurze Zeit später geht Nick Adams wieder an den Schienen entlang weg.
Hemingway beschreibt in seiner Short Story sehr drastisch die möglichen Folgen des Boxens, was insofern bemerkenswert ist, als Apologeten des Boxsports die Tendenz haben, die Gefahren zu verharmlosen. Die Geschichte hat schon auch ihre Schwächen. Man kann sich daher trefflich darüber streiten, ob „Der Kämpfer“ zu Hemingways besten Werken zählt. Ich persönlich finde die Kurzgeschichte aber gut und stimmig.
© Uwe Betker

Boxen in der Kunst: Egon Schiele „Der Kämpfer“

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Er starb 1918 mit nur 28 Jahren. Als ob er es geahnt hätte, lebte er sein kurzes Leben sehr schnell und sehr intensiv. Mit 16 Jahren wurde er an der Akademie der Künste in Wien aufgenommen. Mit 18 Jahren hatte er seine ersten Ausstellungen. Mit 19 Jahren wurde er bereits im gleichen Atemzug mit Oscar Kokoschka und Gustav Klimt genannt. Die Rede ist von Egon Schiele.
Egon Leo Adolf Ludwig Schiele (12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Niederösterreich – 31. Oktober 1918 in Wien) war ein österreichischer Maler des Expressionismus. Er ist einer der bedeutendsten bildenden Künstler der Wiener Moderne. Die Werke von Schiele sind besonders kraftvoll und heute so modern wie vor 100 Jahren, nicht zuletzt aufgrund seines Themas.
Das Werk von Schiele kreist um den menschlichen Körper. Er bildete Körper ab, ohne sie zu bewerten. Dabei ging er sehr viel weiter als seine Zeitgenossen. Er wurde zwar für die Verbreitung unsittlicher Zeichnungen verurteilt, aber seine Ankläger und Richter konnten oder wollten Schiele nicht sehen, bzw. verstehen. Sie sahen und verstanden nicht, dass es bei den Bildern von Schiele nicht um Nacktheit im erotischen Sinne geht, sondern um Wahrhaftigkeit und Entblößung.
Auf den Bildern von Schiele sind häufig nackte Menschen zu sehen. Der Betrachter wird bei ihnen jedoch nicht zum Voyeur. Vielmehr wird er zu jemandem, der den menschlichen Körper beiderlei Geschlechts und unterschiedlichen Alters mit seinen Augen erforscht. Er entblößt seine Modelle nicht einfach, sondern nimmt ihnen die meisten Requisiten. Die Nackten stehen auf unsichtbarem Boden, Sitzen auf unsichtbaren Stühlen und liegen auf unsichtbaren Betten. Nichts soll den Blick ablenken.

(wikimedia.org)
Gerade in der heutigen Zeit, die schon nachgerade besessen ist vom Wahn vereinheitlichter Schönheit und von der Vorstellung einer Jugend, die nicht vergeht, sind Schieles Bilder in besonderem Maße aktuell. All dies interessiert den Maler nicht – für ihn ist es das Individuum, das zählt. Kategorien von Schönheit und Hässlichkeit laufen ins Leere. Schiele wertet nicht. Er bildet nur ab, analysiert und konfrontiert den Betrachter mit seinem eigenen, besetzten, Blick auf das Nackte.
Auch das 1913 entstandene Bild „der Kämpfer“ zeigt einen nackten Mann. Der Blick trifft ihn seitlich, etwas von oben. Der Kämpfer schaut über seine linke Schulter. Sein Körper ist mit ins Grünliche gehenden Brauntönen und in Schwarz und Rot modelliert. Er sieht eher knochig als muskulös aus. Sein Gesicht und seine Physiognomie erinnern an die Selbstportraits von Schiele. Seine sichtbare linke Hand ist offen. Es sieht so aus, als ob er gerade eine Faust machen will oder einen unsichtbaren Gegenstand hält. „Der Kämpfer“ von Schiele könnte sehr gut ein Boxer sein. Bemerkenswert ist, dass der nackte Mann verletzlich aussieht und sein Mund, durch das Rot der Lippen, fast weiblich wirkt.
Es ist nicht anzunehmen, dass Schiele sich besonders für Boxen interessiert hat, zumal das Boxen in Österreich und Deutschland erst nach dem Ersten Weltkrieg populär wurde. Mir persönlich erscheint es aber doch plausibel, den Kämpfer von Schiele als Boxer zu interpretieren.
© Uwe Betker