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Der Fall Timothy Anderson (3)

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Timothy „Doc“ Anderson war kein Boxer mehr. Er konnte zurückblicken auf 44 Kämpfe, 27 Siege, 13 durch KO, 16 Niederlagen, 12 durch KO und 1 Unentschieden. Er hatte gegen Jimmy Young (04.06.1988, W 10) gewonnen und gegen George Foreman (21.11.191987, TKO 4), Pierre Coetzer (15.08.1988, KO 2) und Larry Holmes (07.04.1991, TKO 1) verloren. Er war vergiftet worden. Und er litt – und leidet immer noch – an Vergiftungserscheinungen. Es folgte eine Odyssee von Arzt zu Arzt. Im Herbst 1994 teilte ihm ein behandelnder Arzt mit, es sei unmöglich ihn zu heilen, ohne die Substanzen zu kennen, welche ihn vergiftet hätten. Dies brachte Anderson mit Parker an jenem schicksalhaften 28. April 1995 in einem Hotelzimmer in Lake Buena Vista, Florida zusammen.
Angeblich lockte Anderson Parker mit dem Versprechen, ihm 45.000 Dollar für ein Interview zu geben, dass er bräuchte um das Buch, das er schreiben wolle, zu beenden. Anderson hatte Angst vor diesem Treffen. Mittlerweile hieß es von Parker, er sei immer bewaffnet, mache mit der Unterwelt Geschäfte und würde auch morden. Er war sich darüber im Klaren, dass es ein gefährliches Unterfangen sein würde, von Parker das ihm zustehende Geld einzufordern und ihn zu bitten, ihm zu sagen, mit welchen Giften er vergiftet worden war.
Um Zeugen zu haben, aber auch um die Situation zu deeskalieren, erschien er in Begleitung von Parkers Sohn und Schwester. Und er brachte einen Kassettenrekorder mit zu dem Treffen. Er hatte aber auch eine Pistole dabei. Wider Erwarten begann das Treffen freundlich. Es war sogar so, das Parkers Sohn und Schwerster die Beiden alleine in dem Hotelzimmer zurückließen, um ihnen Zeit für eine Aussprache zu geben. Da bekam das Gespräch dann allerdings einen anderen Charakter. Parker fing an zu brüllen und schleuderte den Kassettenrekorder gegen die Wand. Anderson sagte später aus, Parker hätte ihm gedroht, seine querschnittsgelähmte Schwester und ihre Familie umzubringen. Das hatte Parker vorher schon mehrfach getan, wohl auch weil er wusste, dass Parker seiner Schwester Erin sehr nahe stand. Einmal hatte er sogar Männer zu Anderson geschickt, die ihm ein Foto von seiner Schwester im Rollstuhl mit ihren Kindern vor ihrem Haus zeigten und ihm drohten, sie alle umzubringen, wenn er nicht aufhören würde, an seinem Buch mit dem Arbeitstitel „Lügner, Betrügereinen und Huren“ zu arbeiten. Ein anderes Mal wurde er von zwei maskierten Männern mit Baseballschlägern überfallen und schwer verletzt. Anderson seinerseits drohte nun selber Parker umzubringen, wenn er ihm nicht die Zusammensetzung des Gift-Cocktails verraten würde.
Am Ende der Auseinandersetzung zog Anderson seine 38er und schoss auf Parker und leerte dabei das ganze Magazin. Dann lud er die Waffe auch noch nach und schoss noch zweimal auf Parker. Dann drückte er noch mehrfach den Abzug, während er sich die Waffe selbst an den Kopf hielt. Dies haben jedenfalls die ballistischen Untersuchungen zweifelsfrei ergeben. Parker war tot und Anderson blieb unverletzt.
Bezeichnend ist: Als sich die Nachricht verbreitete, Tim “Doc” Anderson hätte seinen ehemaligen Veranstalter ermordet, zeigte sich keiner überrascht. Jedenfalls nicht über die Wahl des Opfers, sondern eher über die Person des Täters. Es gab keine bedauernden Worte, die den Verlust beklagt hätten, sondern nur welche, die ihr Verständnis für Anderson bekundeten. Selbst Parkers Verwandte bestätigten seinen Drogenmissbrauch, seine Skrupellosigkeit in Geschäftsdingen und seine Fixierung auf den einen Millionen-Dollar-Zahltag.
Es stand niemals außer Zweifel, dass Anderson Parker erschossen hat. Er gab dies auch schon gegenüber den Notärzten zu. Jedoch behauptete er, in einem Akt von Notwehr gehandelt zu haben, weil Parker ihn und seine Familie terrorisiert hätte. Fest steht: Timothy „Doc“ Parker erschoss am 28. 04.1995 in einem Hotel in Lake Buena Vista in Florida Rick „Elvis” Parker, indem er achtmal auf ihn schoss.
Der Prozess entwickelte sich dann zu einer Vorführung, die große Ähnlichkeit hatte mit einem von Parker organisierten Kampf. Die Pflichtverteidigerin Trish Cashman war nur bestrebt, ihrem 37-jährigen Mandanten ein Todesurteil zu ersparen. Sie verfolgte dabei eine einfallsreiche, aber auch sehr einseitige Verteidigungsstrategie. Sie stellte Anderson als sympathisches Opfer und Parker als den Bösen dar. Sie heuerte sogar einen PR-Berater an, um diese Darstellung zu verbreiten. Sogar Parkers Schwester sagte für Anderson aus. Es wurde jedoch versäumt, ein psychiatrisches Gutachten erstellen zu lassen. Die Angriffe und die Einschüchterungsversuche von Parker wurden auch nicht als Beweismittel eingebracht.
Die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Lawson Lamar, hielt dem denn auch entgegen, dass Anderson, der schließlich davon gelebt hätte, Menschen bewusstlos zu schlagen, sein Opfer auf grausamste Art und Weise erschossen hätte. Anderson hätte Parker geradezu methodisch erschossen, angefangen bei den Knien und sich dann den Körper weiter hoch arbeitend, wobei er den Penis nicht ausließ. Der Staatsanwalt sagte: „I’ve been here a long time and this is one of the worst I’ve ever seen.”
Die Jury, die sechs Stunden beraten hatte, erkannte Tim “Doc“ Anderson für schuldig des vorsätzlichen Mordes an Rick “Elvis“ Parker. Der Richter verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne das Recht auf vorzeitige Entlassung. Nach der Urteilsverkündung beschwerten sich mehrere Geschworen öffentlich über die Höhe des Urteils. Wenn sie das Strafmaß vorher gewusst hätten, hätten sie anders geurteilt, zumal sie in dem Glauben gehandelt hätten, über das Strafmaß mitentscheiden zu können.
© Uwe Betker

Written by betker

2. Februar 2011 at 23:59

Der Fall Timothy Anderson (2)

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Um Mark Gastineau als Gegner für George Foreman aufzubauen, brauchte es Kämpfe und Siege. Rick Parker besorgte beides. In seinem ersten Kampf gegen Derrick Dukes, einem professionellen Wrestler, der auch seinen ersten Boxkampf (08.06.1991) bestritt, sorgte Parker vor. Er bezahlte den Gegner seines Schützlings dafür, dass er sich hinlegte. Und so verfuhr er wohl weiter. Nach einem Jahr konnte Gastineau 9 Kämpfe mit 9 KO-Siegen vorweisen.
In der Zwischenzeit hatte Parker sich auch verändert. Aus der einst noch netten, schillernden Persönlichkeit, die es mit anderen auch noch gut meinte, war ein skrupelloser Veranstalter geworden. Er betrog seine Boxer um die Börsen, stahl seinen Boxern das Geld, das er für sie als Altersversorgung angelegt hatte, kokste unmäßig und brachte auch seine Boxer ans Kokain, wohl um sie besser kontrollieren und ihnen gleichzeitig ihr Geld abnehmen zu können.
In seinem zehnten Kampf sollte Gastineau nun auf einen guten Boxer, auf Tim Anderson treffen. Parker bot Anderson 500.000 Dollar dafür, dass er sich – so wie alle anderen vor ihm – auf die Bretter legt. Anderson ging zum Schein auf dieses Angebot ein, denn er wollte den Kampf und vor allem wollte er ins Fernsehen; er hoffte nämlich immer noch auf seinen Durchbruch als Boxer. Anderson behielt seine Pläne solange für sich, bis es zu spät war, einen Ersatzgegner zu finden. Dann erst informierte er Parker. Am 09. Juni 1992 demolierte er dann vor den Augen der Zuschauer im Civic Auditorium in San Francisco und vor Millionen von Fernsehzuschauern der USA Tuesday Night Fights Gastineau und die Multimillionendollarträume von Parker. Gastineau wurde erst zweimal im Stehen angezählt. In der vierten Runde ging er zu Boden und wurde bis 9 angezählt.
Um sein Geld und seinen Traum noch zu retten, arrangierte Elvis Parker ein halbes Jahr später einen Rückkampf. In der Zwischenzeit ließ er Anderson einmal und Gastineau dreimal kämpfen und siegen. Aber diesmal wollte er sich nicht mehr auf das boxerische Können des einen und der Kooperationsbereitschaft des anderen verlassen. Diesmal wollte er ganz sicher gehen, dass sein zukünftiger Foreman-Herausforderer auch gewinnt.
Als Austragungsort wählte er Oklahoma City, Gastineaus Heimatstaat, nicht zuletzt auch deshalb, weil es zu dieser Zeit dort noch keine Boxing Commission, also keine sanktionierende und überwachende Behörde gab, und es gab kein Fernsehen. Dann sorgte er dafür, dass am Kampfabend, dem 03. Dezember 1992, Anderson keinen ihm bekannten Betreuer in seiner Ecke hatte. Anderson merke, dass mit dem Wasser, das man ihm während des Kampfes gab, etwas nicht stimmte, weil es so süß schmeckte. Aber man sagte ihm, man hätte etwas Zucker beigemischt, um ihm eine Portion extra Energie zu geben. Ab der zweiten Runde war ihm übel und schwindelig. In der sechsten Runde wurde er KO geschlagen.
In den frühen Morgenstunden, nachdem die Halle schon lange leer war, wurde Doc Anderson vom Hausmeister bewusstlos in seiner Kabine gefunden. Er wurde in ein Krankenhaus geschafft, wo er auf Drogen gestestet wurde, woraufhin Parker ihn überstürzt zum Flugplatz transportieren ließ.
Das vorläufige Ergebnis der Untersuchungen stellte fest, dass Anderson mit einem Cocktail, der eine große Menge von verschiedenen Substanzen enthielt, vergiftet worden war, unter ihnen Arsen und LSD. In den folgenden Jahren, bis heute, leidet er an immer wieder kehrender Übelkeit und an Schwindelanfällen. Anderson Kariere als Boxer war vorbei und sein Leben war ruiniert.
© Uwe Betker

Written by betker

1. Februar 2011 at 23:59

Der Fall Timothy Anderson (1)

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Im Zusammenhang mit der Meldung über Shannon Briggs und sein Management, Empire Sports & Entertainment, wurde ich auf ein Ereignis aufmerksam, das ich schon ganz vergessen hatte: Den Fall Timothy Anderson, der in den 90er Jahren die Boxwelt bewegte und erschütterte.
Timothy Anderson, genannt Doc, wurde am 16.11.1958 in der Kleinstadt Hammond (Indiana), das in der Nähe von Chicago liegt, geboren. Er wuchs in der South Side von Chicago auf und machte dementsprechend auch seine Erfahrungen mit dem Kämpfen. Ein Polizist riet ihm, dem 14jährigen Raufbold, zum Boxen, um dort seine Energie gezielt im rechtlichen Rahmen einzusetzen. Kurze Zeit später gewann er schon die Midwestern Championship der Amateure. Aber er war nicht nur ein guter Boxer, sondern auch ein guter Baseballspieler. Er war sogar so gut, dass später die Chicago Cubs, das lokale Erstliga Baseball Team, ihn anwarben, um ihn nach Boca Raton in ihre Baseball Trainingsschule zu schicken, wo er dann auch zwei Jahre lang blieb. Dann kam er aber wieder zum Boxen zurück.
Im Juni 1983, nunmehr 25 Jahre alt, bestritt er seinen ersten Profikampf. Der 185cm große Schwergewichtler konnte zwar seine ersten Kämpfe gewinnen, aber er verlor auch immer wieder. Außerdem ließ er es an Schlaghärte fehlen. Aus dem einst so viel versprechenden Schwergewichts-Talent wurde langsam ein Journeyman, ein Handlungsreisender in Sachen Boxen. Dann traf Anderson den Veranstalter Rick Parker, der ihm versprach, seine Karriere wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.
Rick Parker war das, was man, etwas euphemistisch, wohl eine schillernde Persönlichkeit nennen kann. Parker wurde in Springfield (Missouri) geboren und kam im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie nach Lakeland (Florida). Er verließ nach der 11ten Klasse die Lakeland High School, weil er keine Lust mehr auf Schule hatte. Er arbeitete ein Jahr mit seiner Mutter in ihrer Wachhundezucht um dann drei Jahre lang durch das Land zu reisen. Dabei finanzierte es sich durchs Billardspielen. Später erzählte er, er hätte sogar einmal in einer Nacht 10.000 Dollar gewonnen. Parker wurde später der Besitzer einer Firma für Reinigungsprodukte im Tür-Zu-Tür-Verkauf.
Auf einem Delta Air Lines Flug nach Las Vegas traf er in der Kabine der ersten Klasse Don King, der ihm erzählte, wie viel Geld er mit dem Boxen machte. Zwei Monate später wurde Parker selber Veranstalter.
Parker wollte an das ganz große Geld und glaubte durch ein entsprechendes Auftreten diesem Ziel näher kommen zu können. Er liebte es, in Limousinen vorzufahren, in Hotel Suiten zu nächtigen, teuren Champagner zu trinken und dicke Geldbündel zu zeigen. Er war untersetzt. Er war schwerer als seine Schwergewichtler. Er trug mit Strass und Pailletten besetzte Brillen und ein auffallendes rotes Toupet, was ihn den Spitznamen Elvis eintrug.
Anfangs konnte Parker andere Menschen noch für sich einnehmen. Das gelang ihm z.B. dadurch, dass er einem Freund einen Hund für 5.000 Dollar kaufte, oder einem seiner jungen Angestellten ein First-Class Flugticket beschaffte, damit er noch rechtzeitig zu einer Beerdigung nach Hause kommen konnte. Auch sein bester Boxer, der Schwergewichtler Bert Cooper, weiß Gutes von ihm zu berichten. Cooper, der einmal 250.000 Dollar an Börsen verschwendete, wandte sich in dieser Zeit immer an Parker, wenn er Geld brauchte. Und dieser gab es ihm auch.
Parker wollte unbedingt ganz oben mitspielen, und er wollte sehr reich werden. Die Chance dafür sah er in dem ehemaligen Footballspieler Mark Gastineau. Gastineau war ein Superstar der NFL. Seine Affäre mit der Schauspielerin Brigitte Nielson beherrschte ein Jahr lang die Titelseiten der einschlägigen Gazetten. Gastineau beschloss 1991, nach seiner Footballkarriere zu boxen und Parker nahm ihn unter Vertrag. Parker hoffte, einen 20 Millionen Dollar Kampf gegen Brigitte Nielson auf die Beine stellen zu können. Dafür musste er nur Gastineau dahin bringen, für Foreman als Gegner auch akzeptable zu sein.
© Uwe Betker