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Ein schwächelnder König der Spartaner, ein halbtalentierter Faxenmacher und andere (2)

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So grauenhaft die Kampfansetzung für Keta war, so gut war sie für Nadia Raoui (13 Kämpfe, 11 Siege, 3 durch KO, 1 Niederlage, 1 Unentschieden). Sie bestritt ihren ersten Kampf nach dem skandalösen WM-Kampf gegen Susianna Kentikian am 24.04.2010, wo sie, nach Meinung nahezu aller Beobachter, auf schamlose und beschämende Weise um ihren Sieg betrogen worden war. Nun trat sie gegen die zähe Evgeniya Zablotskaya (8 Kämpfe, 3 Siege, 1 durch KO, 5 Niederlagen) im Fliegengewicht an. Raoui zeigte schönes technisch sauberes Boxen gepaart mit Aggression und Siegeswillen. Sie dominierte den Kampf über weite Strecken, musste aber auch ein ums andere Mal Einzeltreffer von der Frau aus Sankt Petersburg nehmen. Die unangenehm zu boxende Zablotskaya steckte nie auf, und das obwohl sie für diesen Kampf zwei Klassen über ihrem eigentlichen Limit boxte und Raoui ihr damit körperlich deutlich überlegen war. Der Punktsieg für Raoui nach sechs Runden war einstimmig, deutlich und verdient.
Einer der Punktrichter war Frank Michael Maaß, genau der Frank Michael Maaß, der durch sein Punkten dazu beigetragen hatte, Susianna Kentikian den Sieg zuzuschanzen, Nadia Raoui um den Lohn ihrer Arbeit zu bringen und die Glaubwürdigkeit des Frauenboxens in Deutschland massiv zu beschädigen. Raoui versuchte zu verhindern, dass Maaß bei ihr als Punktrichter eingesetzt wird. Sie konnte sich aber nicht durchsetzen, weil der Veranstalter auf dem BDB Punktrichter Maaß bestand. Ich würde gerne wissen, warum Felix Sturm eigentlich unbedingt diesen Punktrichter auf seiner Veranstaltung haben wollte. Für Frau Raoui hatte diesmal der Einsatz von Herrn Maaß keine katastrophalen Folgen.
Im zweiten Schwergewichtskampf des Abends traf Mahmoud Omeirat Charr (17 Kämpfe, 17 Siege, 9 durch KO) auf Danny Williams (53 Kämpfe, 43 Siege, 33 durch KO, 9 Niederlagen, 5 durch KO). Der auf 8 Runden angesetzte Kampf wurde von Anfang an von dem Syrer dominiert, der in den Schlusssekunden jeweils noch einmal aufdrehte. Williams, der Überlebenskünstler im Ring, kam nur selten durch. In der vierten Runde traf er mit einer schönen Linken zum Kopf und Charr ging zu Boden, aber der Ringrichter zählte ihn nicht an. Im siebten Durchgang verleitete Charr durch Provokation Williams dazu einen Schlaghagel auf seine Doppeldeckung abzufeuern. Als dann Charr im Gegenzug einen Schlaghagel auf den Mann aus London abfeuerte, war dessen Deckung nicht so gut. Der Ringrichter ging dazwischen und brach den Kampf, für meinen Geschmack etwas zu früh, ab.
Vor dem Hauptkampf gab es eine wohl Vollplayback Musikeinlage von Mel C, die mich sehr beeindruckte. Sie sah gut aus. Mel C war, wie ich persönlich erst seit diesem Auftritt weiß, ein Mitglied der Spice Girls. Bis mir mein Sohn ein paar Takte zum Frühstück vorsang, wusste ich auch nicht, dass ich ein Lied von den Spice Girls kenne. Mel C sah gut aus; es war schon imponierend, wie sie auf ihren High Heels die Showtreppe herunter schritt. Sie sah in ihrer hautengen roten Hose sehr gut aus, als sie darin tanzte und dabei und … Sie sah sehr gut und über das Lied „Rock Me“ kann ich nichts sagen. Habe ich schon erwähnt, dass Mel C sehr gut aussah?
Der Einmarsch der Boxer Felix Sturm und Matthew Macklin war einer der seltsamsten, die ich je gesehen habe. Matthew Macklin ließ seine Einmarschmusik erst einmal komplett durchlaufen, bevor er sich auf den Weg zum Ring machte. Viele hatten nun schon gedacht, Zeuge des wohl längsten Einmarsches der Boxgeschichte geworden zu sein, aber weit gefehlt. Der Super Champion der WBA im Mittelgewicht brauchte noch sehr viel länger. Vermutlich ließ er um die zehn Minuten, gefühlt eine halbe Stunde, seinen Gegner und seine Zuschauer warten, bevor er sich bequemte, den Weg zum Ring anzutreten.
Fritz Sdunek erklärte nach dem Kampf, SAT1 hätte ihnen gesagt, sie hätten noch 15 Minuten Zeit. Darauf hätten sie sich eingestellt, und sein Schützling hätte diese Zeit dann auch noch gebraucht. Leider habe ich es versäumt, einen Vertreter von SAT1 darauf anzusprechen. Während alle auf Herrn Sturm warteten, ruhte sich Macklin auf seinem Hocker im Ring aus, winkte seinen mitgereisten irischen Fans zu und machte leichte Pratzenarbeit.
Der Kampf selber entsprach überhaupt nicht den Erwartungen. Felix Sturm (38 Kämpfe, 35 Siege, 15 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO), 1 Unentschieden), der als Amateur noch Adnan Catic hieß, kam mit seinem Gegner Matthew Macklin (30 Kämpfe, 28 Siege, 19 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO) überhaupt nicht zurecht. Sturm versuchte zu keinem Zeitpunkt seinen Reichweitenvorteil zu nutzen. Man konnte fast den Eindruck bekommen als wollte er seine Führhand so wenig wie möglich nutzen. Er ließ sich den Infight aufzwingen und machte hier zu wenig.
Später erklärte er, er hätte sich über die Anweisungen seines Trainers Sdunek hinweggesetzt und versucht, Macklin dazu zu bringen, sich auspowern zu lassen. Dieses Konzept ist ja wohl schlicht nicht aufgegangen. Macklin war eindeutig der aktivere Boxer, und er deckte den Titelträger mit Schlägen nur so ein. Sturm konnte nur selten mit Einzelschlägen punkten. Mit sehr viel Wohlwollen und unter Hinzuziehung aller möglichen Boni wie Weltmeisterbonus, Heimvorteil und Bonus für besser geputzte Schuhe wäre für Sturm vielleicht ein Unentschieden drin gewesen. Dass aber gleich zwei Punktrichter, nämlich Roberto Ramirez und Jose Ignacio Martinez, den Kampf mit 116 zu 112 für Sturm werteten, ist schlicht ein Fehlurteil. Dass Sturm Macklin bereits im Ring einen Rückkampf angeboten hat, war seine beste Leistung an diesem Abend.
Die Pressekonferenz nach dem Kampf war relativ amüsant. Sie begann natürlich nicht wie angekündigt eine halbe Stunde nach dem Kampf. Nachdem sich die Pressevertreter versammelt hatten, wurde ihnen mitgeteilt – was für eine Überraschung -, dass die Boxer erst noch zur Dopingkontrolle müssten. Dann versuchte ein Herr vom Sturm Management in der Zwischenzeit Anhänger für seine sehr gewagte These zu finden, einen stärkeren Boxer als Macklin hätte man wohl kaum finden können. Diese These fand aber keine Anhänger. Konsens wurde dann aber: „Der glaubt das sicher selber.“
Während die Journalisten also so auf die Hauptakteure warteten, zeigte sich mal wieder, dass im deutschen Profiboxen (hier wurde schon darüber berichtet https://betker.wordpress.com/2011/03/21/03-liter-wasser-und-ein-hallenverweis/) der Wassermangel weiter um sich greift. Wasser, stilles und auch sprudelndes Wasser, ist mittlerweile so rar geworden, dass Sturm Box-Promotion den Journalisten nichts zu trinken anbieten konnte. Ein Kollege von einer sehr großen überregionalen Tageszeitung kündigte an, bei der nächsten Veranstaltung von Felix Sturm eine Thermoskanne mit Kaffee in die Halle schmuggeln zu wollen.
Zwischenzeitlich sorgte ein Herr von SAT1 für stille Belustigung, indem er sich zu der Behauptung verstieg, der gerade gesehene Kampf sei der beste Mittelgewichtskampf seit Jahren gewesen. Die Ergänzung eines schreibenden Kollegen: „in der Köln Arena“, fand dann allerdings die Zustimmung aller.
Als die Boxer dann endlich kamen, sah Macklin ziemlich verbeult und Sturm verdächtig makellos aus. Offensichtlich hatte man Sturm während der Dopingkontrolle geschminkt. Schminke überdeckte also Sturms Blessuren. Aber schon nach relativ kurzer Zeit ging der Cut über den rechten Auge wieder auf und Blut tropfte auf sein frisches Hemd.
© Uwe Betker

Ein schwächelnder König der Spartaner, ein halbtalentierter Faxenmacher und andere (1)

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Die Veranstaltung von Sturm Box-Promotion in Köln am 25.06.2011 begann für mich mit einer Enttäuschung. Der für den ersten Kampf angekündigte Mario Lupp fiel aus. Braucht irgendjemand einen Sieg in seinem Kampfrekord, Lupp kommt und verliert. Der Kampfrekord 64 Kämpfe, 6 Siege, keinen durch KO, 56 Niederlagen, 20 durch KO und 1 Unentschieden spricht für sich. Zurzeit kann er 25 Niederlagen in Folge vorweisen. Manche sprechen hier von Fallobst. Mir nötigt er einfach nur Respekt ab.
So musste Tiran Mkrtschjan sein Profidebüt im Supermittelgewicht gegen einen geben, dessen Name ich nicht mitbekommen habe und auch nicht herausfinden konnte. Daher nenne ich ihn einfachheitshalber X. – Vermutlich ist der Wunsch der Pressevertreter nach einem Blatt Papier, auf dem die aktuelle Kampffolge abzulesen ist, für Sturm Box-Promotion nicht realisierbar. Der Kampf selbst jedenfalls zwischen Mkrtschjan und X, der auch sein Profidebüt gab, war über weite Strecken einfach ereignislos. Mkrtschjan, dem man ansieht, dass er eigentlich ein Kickboxer und kein Boxer ist, punktete mit Links-Rechts-Kombinationen und X mit Einzelschlägen zum Kopf. Ab der zweiten Runde versuchte sich Mkrtschjan als Faxenmacher. Er provozierte X, streckte sein Kinn vor, stand ohne Deckung herum, ließ seine Faust kreisen und versuchte den Naseem Hamed zu geben. Immerhin wurde durch die Showeinlagen der Kampf ein kleines bisschen kurzweiliger. Spätestens als Mkrtschjan dann seinen Mundschutz verlor, wurde mir klar, als er mal wieder seine Zunge herausstreckte, wurde allen klar, dass die berufliche Zukunft von Mkrtschjan nicht die des Faxenmachers sein kann. Ob aus dem 25-jährigen Kickboxer noch ein Boxer wird, wird sich zeigen. Jedenfalls reichte es hier zu einem einstimmigen Punktsieg.
Der Mittelgewichtler Manuel Flaißt (3 Kämpfe, 3 Siege, 2 durch KO) blieb auch in seinem vierten Kampf ungeschlagen. Bevor der Kampf aber beginnen konnte, musste der Ringrichter die Ecke von Flaißt erst einmal darüber aufklären, dass man einen Mundschutz zum Boxen braucht, auch wenn man gegen einen sehr-sehr schwachen Gegner antritt. Das hatte dann zur Folge, dass ein Betreuer loslaufen musste, um diesen unnötigen Gegenstand aus der Kabine zu holen, was natürlich seine Zeit dauerte. Aber eigentlich hätte Flaißt den Mundschutz tatsächlich gar nicht gebraucht, denn sein Gegner Torsten Roos (8 Kämpfe, 1 Sieg, 7 Niederlagen, 6 durch KO), der in keiner Rangliste geführt wird, versuchte erst gar nicht zu kämpfen. Roos konzentrierte sich auf seine Doppeldeckung. Wie beim Sandsacktraining schlug Flaißt schöne präzise Kombinationen. Er verteilte seine Schläge schön auf Körper und Kopf. Im zweiten Durchgang zwang ein Körpertreffer Roos dann zu Boden. Hiernach wurde er erst durch den Ring und dann durch die Ringseile getrieben. Der gut und unauffällig agierende Jürgen Langos brach dann endlich dieses unsägliche Mismatch ab.
Der erste richtige Boxkampf des Abends fand zwischen Adnan Redzovic und Werner Kreiskott im Schwergewicht statt. Der bereits 34 Jahre alte Bosnier Redzovic (3 Kämpfe, 3 Siege, 1 durch KO) ist Kick- und Thaiboxer, was man ihm auch ansieht, der sich seit geraumer Zeit als Boxer versucht. Redzovic ist die Nummer 251 der unabhängigen Weltrangliste. Sein Gegner Kreikott, die Nummer 476 in der Welt, ist technisch noch limitierter als Redzovic, aber er ist tapfer. Kreiskott (27 Kämpfe, 10 Siege, 7 durch KO, 16 Niederlagen, 6 durch KO, 1 Unentschieden) ist der vielleicht tapferste deutsche Schwergewichtler überhaupt. Immer wieder versucht er, mit überfallartigen Attacken und weit hergeholten Schwingern Chancen zu nutzen, die er meist gar nicht hat. So war es auch diesmal. Er war in allen Belangen unterlegen, aber er kämpfte und suchte bis zum Schluss seine Chance, obwohl sein Gegner alles daran setzte, vorzeitig zu siegen. Am Ende stand ein klarer und glanzloser Punktsieg für Redzovic. Für Kreiskott aber war es ein großer moralischer Sieg.
Allein die Ansetzung der Mittelgewichtsbegegnung zwischen Mike Keta und Gökhan Kaya grenzt, jedenfalls für mich, an Körperverletzung. Keta (10 Kämpfe, 9 Siege, 8 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch KO) ist bereits die Nummer 160 in der Welt. Sturm Promotion vergleicht ihn sogar mit Mike Tyson. Und dann lässt man ihn gegen einen Mann wie Kaya boxen. Kaya (5 Kämpfe, 5 Niederlagen, 3 durch KO), der noch keinen einzigen Profikampf gewinnen konnte, wird noch nicht einmal in irgendeiner Rangliste geführt. Beide machten das, wofür sie bezahlt wurden. Keta verprügelte seinen Gegner und Kaya versuchte so lange wie möglich zu überleben. In der zweiten Runde wurde der Kampf, den man niemals hätte ansetzen dürfen, abgebrochen.
Tiran Mkrtschjan gegen X, Manuel Flaißt gegen Torsten Roos und Mike Keta gegen Gökhan Kaya sind drei Kämpfe von insgesamt sieben, die die Boxwelt definitiv nicht gebraucht hat. Ich würde schon gerne wissen, welcher Matchmaker für diese Kampfansetzungen verantwortlich ist und dafür auch noch Geld bekommen hat. Solche Kämpfe sind zu tolerieren bei Veranstaltungen, die insgesamt nur über ein Budget von ein paar Tausend Euro verfügen. Aber im Vorprogramm einer Weltmeisterschaft, in diesem Fall einer Titelverteidigung von Felix Sturm, sollte es solche Kämpfe aber nicht geben. Entweder will Felix Sturm so wenig Geld wie nur irgend möglich für das Vorprogramm ausgeben, oder er hat schlicht logistische Schwierigkeiten dabei, anständige Kämpfe für das Vorprogramm auf die Beine zu stellen. Wenn es nur das Letztgenannte ist, bin ich gerne bereit ihm zu helfen.
© Uwe Betker