Box-Blog

Posts Tagged ‘Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel

Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (3)

leave a comment »

Pimentel konnte, nachdem seine Sperre endlich aufgehoben worden war, nach Los Angeles zurückkehren, um dort am 06.12.1965 auf einen weiteren harten Brocken zu treffen, Joe Medel aus Mexiko. Pimentel konnte zwar sein Gegenüber früh niederschlagen, ging dann aber selber zweimal in der neunten Runde zu Boden. Die harte Schlussrunde konnte Medel nur mit viel Geschick und Glück durchstehen. „Der Medel-Kampf machte mich erst richtig bekannt. Meine Leute akzeptierten mich von nun an wirklich, obwohl ich durch eine Mehrheitsentscheidung verlor. Obwohl er kein ausgesprochener Puncher war, war er der einzige Gegner in meiner Boxkarriere, der mir wirklich in einem Kampf Schmerzen zufügte. Er war der einzige Boxer, dessen Schläge ich wirklich spürte. Alle Medien gaben mir den Sieg, nur die Punktrichter nicht.“ Diese Entscheidung der Punktrichter ist für ihn bis heute die schmerzhafteste Erinnerung an seine Zeit als Boxer, zumal Medel ihm keinen Rückkampf gab. Das Boxmagazin „The Ring“ kürte den Kampf zum viertbesten des Jahres.
Im folgenden Jahr, 1966, stieg er sechsmal in den Ring und gewann immer durch KO. Unter seinen Opfern waren Boxer, die zur Spitzenklasse zählten: Kackie Burke aus Kanada und der Japaner Katsuo Saito. Beide schlug er KO.
Am 11. Juni 1967 verlor Pimentel wieder einen Kampf. Sein Bezwinger in San Antonio war Yoshio Nakano aus Japan. „Yoshio Nakano – ein schwierig zu boxender Kämpfer. Bis heute weiß oder verstehe ich nicht, wie er mich geschlagen hat. Ich erinnere mich ganz deutlich, wie der Ringrichter, ein sehr ehrenwerter Offizieller, in unsere Ecke kam und meinem Manager sagte, dass er mich klar nach Punkten vorne hat. Und was war? Er war einer derjenigen, die den Kampf Nakano gaben.“
Der nächste Gegner war Mimoun Ben Ali aus Spanien, auf den er am 26.07.1967 traf. Ali war zu diesem Zeitpunkt zum dritten Mal Europameister. Er war von 1958 bis 1962 im Fliegengewicht und von 1963 bis 1967 im Bantamgewicht unter den besten zehn der Welt. In seinen bisherigen 62 Kämpfen war er niemals KO gegangen. Pimentel bezeichnet ihn gerne als seinen zähesten Gegner. Der Kampf wurde verbissen und hart geführt. Pimentel lag nach der achten Runde nach Punkten hinten. In der neunten zählte dann aber die Boxlegende Archie Moore, der als Ringrichter fungierte, Ali aus. Diese Begegnung wurde 1999 zum größten Kampf von San Antonio gewählt.
Mitte 1968 verlor der Boxstern Pimentel Zusehens an Leuchtkraft. Am 14.06.1968 traf er in Los Angeles auf Chucho Castillo, den amtierenden mexikanischen Meister im Bantamgewicht, der zwei Jahre später gegen Ruben Olivares Weltmeister werden sollte. Pimentel unterlag klar nach Punkten. „Chucho kämpfte diese Nacht den Kampf seines Lebens. Er führte einen sehr-sehr cleveren Kampf. Er flog wie eine Fliege und stach wie eine Biene – wie Cassius Clay zu sagen pflegte. Ich persönlich hatte viele Probleme gegen technische Boxer und besonders in dieser Nacht. Chucho Castillo kämpfte gegen mich, wie er es später gegen Ruben Olivares tat. Er war sehr anmutig und clever. Ich ziehe meinen Hut vor ihm.“ Pimentel verschweigt, dass er sich während des Kampfes seine Schlaghand mehrfach brach.
Nach der Niederlage gegen Castillo erwog Pimentel, sein Handwerk dranzugeben, zumal auch Castillo ihm keine Revanche geben wollte. Aber noch immer lockte das große Ziel: die Weltmeisterschaft. Pimentel boxte weiter. Am 10.03.1969 folgte wieder eine Niederlage. Kazuyoshi Kanazawa, der vierte der Weltrangliste „boxte mir die Ohren ab“. In diesem Kampf, der in der Korakuen Hall in Tokio stattfand, musste Pimentel viel einstecken. In der dritten Runde erlitt er eine Cutverletzung an der rechten Augenbraue, in der fünften kam ein weiterer Cut an der anderen Braue hinzu. In der neunten Runde stoppte der Ringrichter den Kampf wegen der stark blutenden Platzwunden.
Nach diesen Niederlagen fing sich Pimentel wieder, und es folgten 15 Siege mit 13 KOs in Folge. Unter seinen Opfern war auch der starke Kanadier Billy McGrandle, den er am 17.12.1969 in der siebten Runde KO schlug („er konnte meine Körpertreffer nicht nehmen“). Dieser Sieg brachte ihm den Titel des nordamerikanischen Meisters ein. „Der Sieg war eine große Befriedigung für mich. Obwohl es nicht der Weltmeistertitel war, hatte ich nun den schönsten Gürtel für meinen Trophäenschrank.“
Den Titel verteidigte er zweimal erfolgreich. Kuniaki Shimad schlug er am 01.07.1970 und Ushiwakamaru Harada am 14.09.1970 KO. Trotz dieser beeindruckenden Siege war Pimentel schon lange nicht mehr der Boxer, der er einst gewesen war. Es war offensichtlich, dass er sich dem Ende seiner Karriere näherte. Nun erst, am Ende seiner Laufbahn als Preisboxer und nach sieben Jahren des Wartens, bekam er schließlich doch noch die Chance, um die Weltmeisterschaft zu boxen.
Sein Gegner am 14.12.1971 in Los Angeles war der große Ruben Olivares. „Ich wollte, als ich gegen Ruben Olivares antrat, nicht meine Karriere mit einer Niederlage beenden, wie die meisten Boxer es tun. Aber als ich gegen Ruben Olivares kämpfte, wusste ich, dass meine Karriere zu Ende ist. Ich spürte die Schläge, denen ich früher so einfach ausweichen konnte. Nun spürte ich sie, und ich konnte ihnen nicht ausweichen.“
Olivares und Pimentel, die hier aufeinander trafen, hatten eine erschreckende KO-Bilanz. Zusammen verbuchten sie 134 KOs. Olivares war jünger, größer und hatte einen Reichweitenvorteil. Pimentel hatte dafür ein Mehr an Erfahrung und das Herz eines wahren Kriegers: Es war eine der großen Ringschlachten der Boxgeschichte.
„Als ich gegen Ruben kämpfte, war ich schon 32 Jahre alt und auf dem absteigenden Ast. Aber ich gab ihm trotzdem eine Hölle an Kampf.“ Die amerikanische „Boxing Illustrated“ schrieb, im Vergleich zu diesem Krieg sei der erste Kampf Ali gegen Frazier ein Langeweiler-Kampf gewesen.
Bereits in der ersten Runde hatten beide Kontrahenten ihren Kampfrhythmus gefunden. Olivares kam immer wieder mit seinen gefürchteten linken Haken durch und konnte Rechts-Links-Rechts-Kombinationen zum Körper und zum Kopf anbringen. Pimentel ließ den Kopf seines Gegenübers immer wieder mit seinem harten Jab zurückschnappen und landete krachende Rechte an den Kopf. Beide gingen ein mörderisches Tempo.
Die zweite Runde folgte diesem Muster, und es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste zu Boden gehen würde. Am Ende des dritten Durchgangs zog sich Olivares nach einem Zusammenstoß mit den Köpfen eine große und stark blutende Platzwunde über dem linken Auge zu. Heute würde eine solche Verletzung automatisch zum Abbruch führen. Aber hier führte sie nur dazu, dass sich das Tempo des Kampfes noch verschärfte. Die fünfte Runde war ein einziger Schlagabtausch. Pimentel kam wieder mit einer harten Links-Rechts-Links-Kombination durch, die Olivares beeindruckte. Es folgten ein Jab – ein rechter Haken zum Kinn. Der Weltmeister war schwer angeschlagen. Plötzlich kam dann aber Olivares mit einem rechten Cross durch, und Pimentel ging zu Boden. Er kam wieder hoch und schenkte Olivares in den folgenden Runden nichts. Aber Olivares war auf der Siegerstraße. Systematisch bearbeitete er Körper und Kopf seines Gegners. Lediglich die achte Runde konnte Pimentel noch für sich entscheiden. Als Pimentel am Ende der zehnten Runde in seine Ecke ging, war sein Gesicht verschwollen und sein Körper übersät mit blauen Flecken. „Ich sagte meinem Manager: Harry, ich fühle meine Beine nicht mehr. Er sagte zu mir: Geh raus in die nächste Runde, und wenn du ihn nicht KO haust, stoppe ich den Kampf – was er dann auch tat.“ Pimentel hatte seinen einzigen Titelkampf verloren. Noch im Ring erklärte er seinen Rücktritt vom Boxen.
„Ich bin mir sehr sicher, dass ich Ruben Olivares und Eder Jofre hätte KO schlagen können. Ich wünschte mir, ich hätte früher gegen Ruben kämpfen können. Ich wünschte mir, ich hätte Eder boxen können. Ich hätte ein Champion werden können.“ Selbst Parnassus, der dieses Aufeinandertreffen veranstaltet hatte, sagte nach dem Kampf zur Presse, dass, hätte der Kampf nur zwei Jahre früher stattgefunden, Pimentel wohl durch KO gewonnen hätte. Dieser Kampf war so schwer und kostete auch seinen Sieger soviel Substanz, dass Olivares bereits in seinem nächsten Kampf den Titel wieder verlor.
Nach dem Ende seiner Karriere als Preiskämpfer veranstaltete Pimentel zusammen mit seinem ehemaligen Manager Kabakoff Boxkämpfe in Mexiko. Heute betreibt er eine Firma für Garten- und Landschaftsbau in Northridge/Kalifornien. Dem Boxen ist er immer noch verbunden – als Trainer im Northridge Athletic Club.
Pimentel ist mit seiner Jugendliebe Maria Elena verheiratet („Ich war in meinem ganzen Leben noch nie ein Playboy“). Er hat zwei Söhne, Jesus Jr. und Melville (benannt nach seinem Manager), sowie zwei Töchter Deborah und Esenia.
Obwohl es Jesus Pimentel nicht vergönnt war, einen Weltmeistergürtel zu erringen, so ist er aber doch ein wahrer Champion. In seinem Haus hat er einen Gürtel, der mehr aussagt als einer der protzigen Weltmeistergürtel, die heute so freigiebig verteilt werden. Auf diesem Gürtel steht „The Greatest Knockout Punching Bantamweight In Boxing History“. Er wurde ihm von Nat Fleischer, dem Gründer und Herausgeber des Ring Magazin, der wichtigsten Boxzeitschrift der Welt, überreicht.
© Uwe Betker

Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (2)

leave a comment »

Seine KO-Erfolge ließen den Bantamgewichtler Pimentel zu einem Zuschauermagneten werden. Zunächst musste er jedoch am 16.08.1963 gegen einen anderen Liebling der Fans antreten, den Ranglistenboxer Jose „Portillo“ Lopez. Lopez hatte zuvor von 38 Kämpfen nur einen verloren, und er war wie Pimentel ein KO-König. 8.500 Zuschauer kamen ins Olympic Auditorium in Los Angeles, um das Aufeinandertreffen der beiden zu verfolgen. „Ich hatte alle gegen mich: Der Promoter [George Parnassus, der später eine entscheidende Rolle in Pimentels Karriere spielen sollte] war gegen mich, weil Lopez einer seiner Fighter war. Die Punktrichter waren gegen mich. Was aber am allerschlimmsten war, die Boxfans waren auch gegen mich. Ich musste als erster in den Ring steigen, und sie buhten mich aus. Aber Gott sei Dank endete der Kampf damit, dass meine Hand nach acht großartigen Runden hochgehalten wurde.“ Diese Begegnung hielt, was das Publikum von ihm versprechen konnte. Es war ein offener Schlagabtausch, der klären sollte, wer der Härtere war. In der achten Runde schlug Pimentel im Infight Lopez KO. Dabei waren seine Fäuste nur fünf Zentimeter vom Kopf seines Gegners entfernt, als er die entscheidenden Schläge abfeuerte. Damit wurde Pimentel zum Star und zum Liebling der Boxfans links und rechts der mexikanischen Grenze.
Als er am 05.10.1963 das nächste Mal in den Ring stieg, traf er auf seinen alten Bekannten Trino Savala. Diesmal überließ er die Entscheidung nicht den Punktrichtern. Er gewann durch KO in Runde 2.
Am Ende des Jahres, am 18. Dezember, füllte er erneut eine Riesenhalle, die Los Angeles Sports Arena, bis auf den letzten Platz. Dort schlug er den Spitzenboxer Ray Asis von den Philippinen. Pimentel war zu diesem Zeitpunkt die Nummer sechs und Asis die Nummer zehn der Weltrangliste. „Vor dem Kampf, in der Umkleidekabine, sagte ich zu Kabakoff und zu meinem Bruder Joe [Jose Luis], dass ich Asis KO geschlagen habe. Kabakoff schaute meinen Bruder an und meinte, dass ich zu viele Schläge abbekommen hätte. Einen Tag später druckten die Zeitungen das Photo, auf dem Ringrichter John Thomas meine Hand zum Sieg hebt und Ray Asis auf dem Boden liegt.“ Pimentel war auf dem Höhepunkt seines Könnens, er schien unschlagbar, und ein Kampf um die Weltmeisterschaft im Bantamgewicht erschien nur folgerichtig.
Der Promoter Tony Padilla aus San Antonio/Texas, wollte einen Kampf zwischen Pimentel und dem amtierenden brasilianischen Weltmeister Eder Jofre Mitte 1964 veranstalten. Er war aber nur ein Strohmann für den einflussreichen und mächtigen Promoter George Parnassus. Pimentel bereitete sich in seinem Trainingslager vor. Der Vorverkauf für den Kampf in San Antonio zwischen einem südamerikanischen Weltmeister und einem mexikanischen Herausforderer, die beide niemals zuvor in Texas aufgetreten waren, lief sehr schlecht. Kurz vor dem Kampf hatte Jofre noch fast 5 kg Übergewicht. Es sah alles danach aus, als ob Jofre nicht mehr rechtzeitig das Limit würde bringen können. Parnassus, „der Don King der 60er“, teilte Pimentel deshalb mit, dass er aufgrund des schlechten Vorverkaufs seine und Jofres Börse halbieren müsste, damit der Kampf überhaupt stattfinden könnte. Pimentel reiste daraufhin einen Tag vor der offiziellen Absage des Kampftermins ab. Diese Abreise gab Parnassus die Möglichkeit, Pimentel für den geplatzten Kampf verantwortlich zu machen. Er behauptete, Pimentel habe seinen Gegner beim Training gesehen und Angst bekommen. Er ließ seine Beziehungen zum Präsidenten der WBC spielen, der Pimentel für ein Jahr sperrte.
Pimentel sagt dazu: „Tatsache ist: Jesus Pimentel hätte der neue Champion werden können. George Parnasssus ist dafür verantwortlich, dass ich nicht Weltmeister wurde. Er und der Präsident der WBC hielten mich bis zu meinem letzten Kampf von einem Titelkampf fern. Parnassus kontrollierte alle Manager und alle Boxer aus Mexiko, aber nicht meinen Manager Harry Kabakoff.“
Wenn Pimentel Parnasssus als „den Don King der 60er“ Jahre beschreibt, ist dies eine Untertreibung. Denn was den Einfluss angeht, so ist Don King im Vergleich zu George Parnasssus ein Kleinringveranstalter. Parnasssus war der Initiator für die Gründung des WBC (World Boxing Council). Er brachte die Seuche der Gründungen immer neuer Boxverbände in die Welt, unter der der Sport noch heute leidet. Der WBC gilt heute als ein seriöser Verband. Jedoch waren die Anfänge alles andere als das. Thomas Hauser, einer der renommiertesten Boxkenner der Welt, brachte es auf den Punkt, als er schrieb, dass der WBC in jener Zeit „nicht mehr als ein korrupter Scherz“ war.
Die Sperre jedenfalls verhinderte, dass Pimentel in der Folgezeit bei großen Veranstaltungen boxen konnte. Das wiederum kostete ihn seinen Platz als Nummer eins der Weltrangliste. Pimentel blieb jedoch fleißig und umging die Sperre, indem er in Mexiko weiterboxte. Er boxte jeden, der ihm vorgesetzt wurde, und viele seiner Gegner waren Boxer der Weltspitze. Dennoch kam er seinem Titelkampf nicht näher. Man ließ ihn mehr als sieben Jahre warten! In diesen sieben Jahren war er ununterbrochen unter den ersten zehn im Bantamgewicht.
Am 30. August 1964 in Culican endete Pimentels KO-Serie. Sein Gegner Mauro Miranda schaffte es, den Schlussgong stehend zu erreichen. Pimentel gewann nach Punkten. Weitere Spitzenboxer, die er in der Folgezeit besiegte, waren Rudolfo Cruz („Der Rudolfo-Cruz-Kampf war ein sehr harter Kampf. Ich habe noch nicht einmal Geld dafür bekommen, wegen meiner Sperre“), Fernando Soto und Alex Benitez.
In der Zwischenzeit war der Japaner Masahiko „Fighting“ Harada Weltmeister geworden. Doch auch er trat nicht gegen Pimentel an und das, obwohl Pimentel einen Vertrag mit Harada hatte, der ihn zu einem Kampf verpflichtete. Schon Anfang 1964 sollten beide gegeneinander antreten. Der Kampf fand jedoch nicht statt, weil Pimentel sich vorher verletzt hatte. Der Veranstalter des geplanten Kampfes Pimentel-Harada war – Parnassus. Parnassus wollte den Weltmeisterschaftskampf mit Jofre vorziehen und den Kampf mit Harada dann nachholen. Aber beide Kämpfe fanden nie statt.
© Uwe Betker

Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (1)

leave a comment »

In der heutigen Zeit, in der es nahezu so viele Titel im Profiboxen gibt wie das Alphabet an Buchstabenkombinationen zulässt, gibt es kaum jemanden, der die Weltmeister aller Weltverbände in allen Gewichtsklassen kennt. Daher ist es heute auch kaum vorstellbar, dass es möglich sein könnte, dass ein Boxer der absoluten Extraklasse – einer der besten Bantamgewichtler aller Zeiten, ein Fighter, der in der World Hall Of Fame Of Boxing aufgenommen wurde und dem dieser Platz in der Hall Of Fame Of Boxing zusteht, einer, den die amerikanische Zeitschrift Sports Illustrated unter die 50 härtesten Puncher aller Zeiten wählte – niemals Weltmeister wurde. Ein solcher Boxer war Jesus Pimentel.
Die Kindheit und Jugend Pimentels verlief so, wie sie eigentlich nur ein zu Kitsch und Plattitüden neigender Autor erfinden kann. Pimentel wurde am 17.02.1940 in einem kleinen Ort namens Sayula Salisco in Mexiko geboren. Er wuchs zusammen mit sieben Geschwistern in El Camiche, Michoacan auf. Sein Vater war zunächst Soldat in der mexikanischen Armee, bis er 1948 beschloss, in die USA zu gehen, um „Arbeit und ein besseres Leben zu suchen.“ Zwei Jahre nachdem sein Vater die Familie verlassen hatte, holte er einen Teil seiner Familie nach: Seine Mutter, seine drei älteren Brüder und er fuhren nach Tijuana, Mexiko. Dort krochen sie unter dem Stacheldrahtzaun durch und liefen über die Eisenbahngleise, um in Santiago California in den USA anzukommen. Dort wurden sie von einem Onkel mit einem Wagen erwartet und nach Los Angeles gefahren. Die sechsköpfige Familie lebte in einer Garage den amerikanischen Traum. Die Kinder gingen schon bald zur Schule. In den Schulferien nahm ihr Vater sie mit auf die Felder, um Baumwolle und Obst zu pflücken. Sieben Jahre ging das so, bis die Einwanderungsbehörde sie erwischte und nach Tijuana abschob.
Die Familie Pimentel verdingte sich wieder als Tagelöhner, nunmehr auf den Feldern von Mexiko. Ende 1958 hatte Jesus Pimentel genug. „Ich sagte mir selbst: Nein, nein, ich will nicht mein ganzes Leben lang Baumwolle pflücken. Ich gehe in die Stadt und suche mir einen Job, “ und seine Familie folgte ihm.
Er fand eine Anstellung an der Tankstelle von Nick Rodriguez, wo er 125 Pesos (10 Dollar) die Woche verdiente und ein Zweizimmerappartement bezog, in dem er zusammen mit seiner ganzen Familie lebte. Nach einer Woche bemerkte er, dass alle seine Arbeitskollegen Boxer oder ehemalige Boxer waren und sein Arbeitgeber ein lokaler Boxpromoter. Einer dieser Kollegen, ein Amateurboxer, überredete ihn, mit ins Gym zu kommen. Was er dort sah, begeisterte ihn aber nicht. Wenige Tage später begleitete Pimentel diesen Arbeitskollegen zur lokalen Stierkampfarena, wo er einen Kampf bestreiten sollte. Der Gegner erschien jedoch nicht und man überredete Pimentel, in den Ring zu steigen. „Was passierte, war: Die Stierkampfarena war schon mit Fans gefüllt, die meinen Freund Arturo kämpfen sehen wollten. Die Boxkommission akzeptierte mich. Sie gaben mir eine Hose, Schuhe, einen Mundschutz und alles, was ich brauchte. Ich stieg mit meiner weißen Hose in den Ring. In der zweiten Runde war die Hose rot von dem Blut, das mir aus der Nase lief. Nach dem Kampf sagte ich mir: Nein, das ist nichts für mich!“
Der Vorsatz hielt nicht lange. Bereits eine Woche später wurde er wieder überredet, ins Gym zu gehen. „Wenn ich schon in den Krieg ziehe, dann als Profi. Diesmal versprach ich mir: Ich werde mich dem Boxen vollständig verschreiben.“ Der Boxer Jesus Pimentel war geboren.
Pimentel trainierte zwei Monate, bevor er seine ersten Amateurkämpfe bestritt. Nachdem er in der ersten Runde der nationalen Meisterschaften ausschied, wechselte er nach wenigen Monaten ins Profilager, um für seine Familie und sich selbst den Lebensunterhalt zu verdienen. Er hatte bis dahin 20 Kämpfe bestritten, von denen er 18 für sich entscheiden konnte.
An der Tankstelle lernte er auch Harry Kabakoff kennen, der ihn während seiner ganzen aktiven Preisboxerzeit als Manager vertrat und bei allen Kämpfen als Sekundant in seiner Ecke stand. Karbakoff hatte schon vorher unter anderen mit dem Schwergewichtsweltmeister Floyd Patterson und den Weltergewichtweltmeistern Don Jordan und Kid Gavillan zusammengearbeitet. Er gab ihm seinen Kampfnamen „Little Poison“ und seinem Zwillingsbruder Jose Luis den Namen „Big Poison“ nach erfolgreichen Zwillingen, die in der amerikanischen Profi-Baseballliga spielten. Die beiden sahen sich so ähnlich, dass Jose Luis in späteren Jahren für Jesus gehalten und um Autogramme gebeten wurde – ein Wunsch, dem Joe auch mit Freuden nachkam. Er sollte später ein ebenfalls erfolgreicher Boxer werden, der um die Weltmeisterschaft im Federgewicht nach Version WBA gegen den Japaner Shojo Swaijyo kämpfte.
Pimentel war ein typischer Vertreter des mexikanischen Boxstils. Er hatte eine exzellente Führhand. Er ging zum Körper. Er wollte seine Gegner KO schlagen, und er schlug sie KO. Er hatte einen unglaublichen Punch, konnte aber auch selber gut Schläge absorbieren. Er ging niemals KO. Obwohl er selbst technisch versiert war, hatte er mit rein technisch boxenden Gegnern seine Schwierigkeiten.
Am 18.07.1960 bestritt er in Mexicali gegen Jose Mendoza sein Profidebüt. Er gewann den Sechsrundenkampf nach Punkten. Bereits sein sechster Kampf war auf 10 Runden angesetzt. Wie die meisten, mit denen er in den Ring stieg, schlug er seinen Gegner Francisco Vasquez bereits in der ersten Runde KO.
Seinen 12. Kampf bestritt er am 17.07.1961 gegen den viel erfahreneren Trino Savala. Die Begegnung war wieder auf zehn Runden angesetzt. „Die Punktrichter gaben Trino den Sieg. Alle Sportreporter und Fans wussten, dass ich den Kampf gewonnen hatte. Das Wichtigste war aber, dass ich von der ersten bis zur letzten Runde durchkämpfte. Nach dem Kampf urinierte ich in der Umkleidekabine Blut, wegen der Körpertreffer. Ich stellte mir vor, wie Trino wohl auch Blut ausscheidet, da ich ihn wirklich mit Körpertreffern bombardiert hatte.“ Die Punktniederlage war die erste in seiner Karriere, und sie sollte für lange Zeit auch seine letzte bleiben. Er brauchte sich nur noch sehr selten auf die Urteilsfähigkeit der Punktrichter verlassen. Die nächsten 29 Kämpfe in Folge gewann er durch KO. Damit brach er den alten KO-Rekord von Henry Armstrong, der 27 seiner Gegner hintereinander auf die Bretter schickte.
© Uwe Betker