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Profiboxen in Dorsten mit einer epischen Ringschlacht

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Die Eissporthalle in Dorsten war am Samstag, dem 21.05.2016, Austragungsort für die zweite Assassin Fighting Championship. An zwei Seiten des Rings waren Tische aufgestellt, an einer Stuhlreihen und an der der letzten Tische und Stuhlreihen. Getränke und Essensstände waren an der Längsseite angeordnet. Es gab zwei Amateurboxkämpfe, drei K1 Kämpfe und sechs Profikämpfe zu sehen.
Im ersten Profiboxkampf des Abends trafen im Mittelgewicht Alexander Nikolic (7 Kämpfe, 4 Siege, 2 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO, 1 Unentschieden) und Toni Camin (15 Kämpfe, 11 Siege, 6 durch KO, 2 Niederlagen) für einen Vierrunder aufeinander. Sie begannen verhalten. Camin schob sich, hinter seiner Doppeldeckung verschanzt, an seinen Gegner heran und Nikolic zeigte gute Beinarbeit. Es gab nur wenig Schlagabtäusche Die erste Runde war ausgeglichen. Die zweite Runde war dann schon deutlich munterer und Nikolic kam immer wieder mit seinem rechten Cross durch. In der dritten Runde machte nun Camin deutlich mehr und übernahm das Kommando im Ring. Sein Gegenüber schien Konditionsprobleme zu bekommen. Die vierte Runde entschädigte dann vollends für die erste Runde. Häufig standen beide Kontrahenten nun Fuß an Fuß. Beide schlugen viel und trafen viel, wobei Camin deutlich mehr Treffer setzen konnte. Am Ende der Runde zog Ringrichter Sergey Kovalenko Nikolic einen Punkt ab für ein Nachschlagen nach dem Trennungskommando. Sieger nach Punkten: Toni Camin.
Anschließend gab es eine EM im Cruisergewicht nach Version WBU zu sehen. Es trafen Darko Knezevic (24 Kämpfe, 8 Siege, 6 durch KO, 16 Niederlagen, 13 durch KO) und Mohammed Bekdash (6 Kämpfe, 6 Siege, 5 durch KO) kurz aufeinander. Der Kampf war für Knezevic kurz und schmerzhaft. Bekdash nutzte konsequent seinen Reichweitenvorteil. Schon bald war offensichtlich, dass Knezevic der unterlegene Boxer war. Nach einer klassischen Links-Rechts-Kombiantion zum Kopf ging er das erste Mal zu Boden und wurde angezählt. Kurz darauf fand er sich, nach einem Stolperer, erneut auf den Brettern, wofür er aber nicht angezählt wurde. Eine Rechte zum Körper, in die er hineingelaufen war, schickte ihn ein weiteres Mal abwärts; dafür wurde er angezählt. Knezevic, überfordert und konzeptlos, machte noch zweimal Bekanntschaft mit dem Ringboden, jeweils nachdem er gestolpert war. Dann kamen der Gong und der Ringarzt. Kurz nach dem Gong zur nächsten Runde kam dann die Aufgabe. Sieger durch TKO in Runde 2, nach 10 Sekunden: Mohammed Bekdash.
Es folgte ein besonders unterhaltsamer Kampf im Schwergewicht zwischen Eugen Buchmüller (3 Kämpfe, 3 Siege, 1 durch KO) und Ivan Sakic (10 Kämpfe, 1 Sieg, 1 durch KO, 9 Niederlagen, 5 durch KO). Buchmüller, der der massigere Boxer war, setzte seinen Gegner von Anfang an unter Druck. Er stellte ihn Mitte der ersten Runde in der neutralen Ecke und kam mit einer schönen Eins-Zwei-Kombination zum Kopf durch. Sakic kämpfte sich aber raus und kam seinerseits mit Schlägen zum Kopf durch. Damit war das Kampfmuster etabliert. Buchmüller versuchte seinen Gegner zu überrollen und mit Kombinationen einzudecken und Sakic konterte über die Außenbahn zum Kopf. Ende der zweiten Runde musste Buchmüller einen Tiefschlag nehmen. In der dritten Runde drehte sich der Kampf. Buchmüller konnte den Druck nicht weiter aufrechterhalten und Sakic verteilte, was sich in der zweiten Runde schon angedeutet hatte, seine Schläge mehr. Immer wieder ging nun Sakic auch zum Körper, wobei zweimal ein Schlag wieder tief traf. Dafür wurde Sakic auch ein Punkt abgezogen. Er wollte es allerdings nicht wahrhaben. Kurzfristig sah es sogar so aus, als wollte er den Kampf abbrechen. Beide Boxer stellten sich aber dann doch wieder zum Kampf. Buchmüller hatte Probleme und Sakic suchte den KO. In der vierten Runde zerfiel Buchmüller dann zusehends. Sakic schaffte es aber nicht, den Kampf durch ein KO zu drehen. Sieger nach Punkten: Eugen Buchmüller.
Im Halbschwergewicht boxten Aleksandar Jankovic (54 Kämpfe, 11 Siege, 9 durch KO, 43 Niederlagen, 31 durch KO) und Patrick Rokohl (5 Kämpfe, 5 Siege, 5 durch KO) gegeneinander. Es war ein seltsamer Kampf. Rokohl wirkte verkrampft und es sah lange danach aus, dass er zum ersten Mal würde über die Distanz gehen müssen. Der Kampf plätscherte die ersten zwei Runden so dahin. Auch wenn Rokohl den Kampf bestimmte, machte er für meinen Geschmack einfach zu wenig. Jankovic beschränkte sich weitgehend darauf, den Kampf von Rokohl zu zerstören und zu versuchen, mit Schwingern in Ziel zu kommen. Und genau das passierte dann auch in der dritten Runde. Jankovic wurde in der neutralen Ecke gestellt musste zwei Links-Rechts-Kombiantionen zum Kopf nehmen. Jankovic schlug einen rechten Schwinger und der traf die Schläfe von Rokohl. Der schien auch beeindruckt. Jankovic setzte nach und kam erneut mit einem rechten Schwinger durch, der dann Rokohl zu Boden zwang. Nach dem obligatorischen Anzählen versuchte Jankovic zwar noch weiter, vorzeitig zu gewinnen, aber seine Chance, den Kampf für sich zu entscheiden, war vorbei. Die nächsten Runden verliefen nach dem gleichen Muster. Immer wenn Rokohl arbeitete, bestimmte er den Kampf. Immer wieder ging Jankovic tief mit dem Körper runter und immer wieder legte sich Rokohl auf ihn, wodurch der Kampf entschleunigt wurde. In der achten Runde öffnete sich nach einer Rechten ein Cut über dem linken Auge von Jankovic. Der Ringarzt wurde gerufen und der Kampf wurde abgebrochen. Wenn ich es richtig gesehen habe, wollte Jankovic nicht mehr. Sieger durch TKO in Runde 8, nach 2:08 Minuten: Patrick Rokohl.
Danach stiegen Milos Janjanin (5 Kämpfe, 5 Siege, 4 durch KO) und Atilla Kayabasi (4 Kämpfe, 4 Siege, 3 durch KO) in den Ring. Es ging um den WBU International Titel im Super Leichtgewicht. Um es gleich vorab zu sagen: Es war der Kampf des Abends. Beide gingen von der ersten Sekunde an ein unglaublich hohes Tempo. Ein Schlagabtausch folgte auf den nächsten. Janjanin boxte relativ offen und verteilte seine Schläge gut. Offensichtlich wollte er versuchen, Kayabasi über Körpertreffer zu knacken. Der wiederum agierte hinter einer kompakten Doppeldeckung. Er schlug zumeist zum Kopf und kam häufiger durch als sein Gegner. Fünf Runden lang wurde der Kampf intensiv geführt, wobei Kayabasi jede Runde für sich entscheiden konnte. In der sechsten Runde wurden beide Boxer langsamer. Dann öffnete sich ein ziemlich stark blutender Cut über dem rechten Auge von Kayabasi, den er sich durch einen unbeabsichtigten Kopfstoß zugezogen hatte. Von nun an entwickelte sich der bis dahin gute Boxkampf zur epischen Ringschlacht. Janjanin versuchte natürlich, den Riss zu vergrößern, um noch zu gewinnen. Kayabasi seinerseits, versuchte das mit seiner Rechten zu verhindern. Ihm wurde sehr schnell klar, dass er seinen Gegner umso stärker machte, je weniger er seine Rechte einsetzte. Daher kämpfte er sich mit dem Gong der siebten Runde zurück. Immer und immer wieder trafen sich beide Kontrahenten zu einem brutalen und blutigen Kräftemessen. In der zehnten und letzten Runde versuchte Kayabasi dann, den KO zu erzwingen, schaffte es aber nicht. Also, für mich ist der Kampf ein heißer Anwärter auf den Titel: Boxkampf des Jahres. Die Punktrichter werteten 99:93, 99:91 und 98:93. Sieger nach Punkten: Atilla Kayabasi.
Mit diesem Drama konnte dann der Hauptkampf des Abends natürlich nicht mithalten. In ihm trafen Ilias Essaoudi (6 Kämpfe, 6 Siege, 4 durch KO) und Sabri Ulas Göcmen (26 Kämpfe, 10 Siege, 16 Niederlagen, 15 durch KO) im Super Weltergewicht aufeinander. Essaoudi boxte sehr souverän und beherrscht. Er trieb Göcmen vor sich her, punktete und wartete auf den KO. Immer wieder stellte er ihn an den Seilen und deckte ihn mit kurzen aber harten Kombinationen ein. Göcmen hatte dem wenig entgegenzusetzen. Er versuchte es mit Schwingern, die jedoch nicht trafen. In Runde drei kam dann das Ende. Göcmen ging nach einem Leberhaken zu Boden und wurde angezählt. Als er kurze Zeit später wieder nach einem Leberhaken runter musste, wurde das Handtuch geworfen. Sieger durch TKO in Runde 3, nach 2:04 Minuten: Ilias Essaoudi.
© Uwe Betker

Die Herausforderung von Istvan Szili und acht weitere Kämpfe

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Das Volkshaus in Zürich war am 30.08.2014 Schauplatz einer bemerkenswerten Boxveranstaltung. Um es vorab zu sagen, die Veranstaltung war großartig. Der Veranstaltungsort war eine Art Theater mit Bühne. Auf der Bühne saßen die VIPs, die auf den Ring herunter schauten, der vor ihren Füßen lag. Unter diesen Berühmtheiten war auch der große Jürgen Blin, der am 26.12.1971 in Zürich gegen Muhammad Ali angetreten war. Auch die anderen Zuschauer hatten eine sehr gute Sicht, weil sie entweder von einer Empore runterschauen konnten, oder weil sie direkt vor dem Ring saßen; die Stuhlreihen waren außerdem auf Stufen aufgestellt. Das Volkshaus ist schlicht ein toller Ort für Boxveranstaltungen.
Den ersten Kampf des Abend bestritt der viel versprechende Cruisergewichtler Ehsan Maudodi (3 Kämpfe, 3 Siege, 2 durch KO). Er trat gegen Ben Nsafoah (26 Kämpfe, 15 Siege, 8 durch KO, 10 Niederlagen, 3 durch KO) an. Der Kampf zwischen diesen beiden hinterließ bei mir gemischte Gefühle. Zum einen ist es schon bemerkenswert mutig, dass ein Boxer wie Maudodi sich so früh in seiner Karriere einen so guten und erfahrenen Mann wie Nsafoah wählt. Gleichzeitig wirkte der Kampf aber insgesamt doch etwas uninspiriert, so als hätten beide Boxer den Erfolg nicht bedingungslos gesucht. Maudodi zeigte einen sehr guten Jab, eine gute Deckung und manchmal auch schöne Kombinationen, besonders Links-Rechts-Kombinationen zum Kopf. Nsafoah versuchte zu kontern. Er kam jedoch so gut wie nie durch. „The Soldier“ Maudodi war zu dominant, daher war die Siegerehrung nach vier Runden auch eine reine Formsache.
Auch der folgende Vierrunder ging über die Distanz. Im Junior Weltergewicht trafen Selcuk Bilgin (4 Kämpfe, 4 Siege, 3 durch KO) auf Karoly Lakatos (58 Kämpfe, 13 Siege, 5 durch KO, 44 Niederlagen, 15 durch KO, 1 Unentschieden). Auch diese Ansetzung war mutig, denn Lakatos ist ein sehr erfahrener Boxer, der sich noch nicht ans Verlieren gewöhnt hat und immer wieder für eine Überraschung gut ist. Am Anfang der ersten Runde brachte ein Wischer Lakatos zu Boden, aber der Ringrichter der GBA wertete dies, übrigens zu Recht, nicht als Niederschlag. Näher kam Bilgin dann auch nicht an einen KO Erfolg. Er arbeitete beeindruckend viel und man konnte deutlich spüren, dass er den vorzeitigen Erfolg unbedingt wollte – der aber blieb aus. Bilgin machte sich auch selber das Leben schwer, da er so gut wie nie eine Aktion mit seiner Führhand vorbereitete. Eine linke Grade hatte er an diesem Abend offenbar gar nicht im Angebot. Dennoch war der Kampf recht kurzweilig und der Punktsieg für Bilgin einstimmig.
Der nachfolgende Kampf im Mittelgewicht zwischen Yasin Basar (3 Kämpfe, 3 Siege, 1 durch KO) und Norbert Szekeres (52 Kämpfe, 15 Siege, 8 durch KO, 40 Niederlagen, 9 durch KO, 3 Unentschieden) war auf vier Runden angesetzt. „The Gentleman“ Basar, der in London trainiert und erst seit drei Monaten Profi ist, zeigte von der ersten Sekunde an gutes, druckvolles und variables Boxen. Er verteilte seine Schläge gut auf Körper und Kopf. Anfang der zweiten Runde zwang er Szekeres mit einem linken Haken zu Boden. Erstaunlicherweise schaffte der es, das Ende der Runde zu erreichen. Basar machte Druck und suchte den KO, ohne jedoch hektisch zu werden. Er boxte sehr abgeklärt. In der folgenden Runde ließ eine Linke zum Kopf Szekeres einknicken, aber durch Klammern und Tapferkeit erreichte er erneut das Rundenende. Auch in der vierten und letzten Runde schaffte es Basar nicht, seinen Gegner KO zu schlagen. Er zeigte aber eine gute Leistung, die einen neugierig auf mehr Kämpfe von ihm machte. Sein Punktsieg war deutlich.
Im vierten Kampf des Abends trafen im Supermittelgewicht Butrint Rama (11 Kämpfe, 11 Siege, 6 durch KO) und Pietro d´Alessio (28 Kämpfe, 11 Siege, 7 KO, 17 Niederlagen, 5 durch KO, 1 Unentschieden) aufeinander. Rama dominierte die ersten beiden Runden. Er arbeitete gut und sehr präzise mit seiner Führhand, um dann seine Rechte folgen zu lassen. D’Alessio konterte und versuchte, einen Schlagabtausch zu erzwingen. Immer wieder schnitt er Grimassen und spielte den Clown, um Rama aus dem Konzept zu bringen. Je länger der Kampf dauerte, umso erfolgreicher war er mit dieser Taktik. In der dritten Runde konnte er mehr und bessere Treffer setzen als sein Gegner. Die folgenden Runden waren hart umkämpft und eng. Am Ende der sechsten Runde wurde Rama zum knappen Punktsieger erklärt. Ich persönlich hätte d´Alessio ein Unentschieden gegeben, obwohl ich seinen Faxen und Clownerien nicht so viel abgewinnen konnte. Es folgte eine Showeinlage mit zwei Tänzern.
Im fünften Kampf traten im Mittelgewicht Arthur Hermann (12 Kämpfe, 12 Siege, 11 durch KO) und Laszlo Haas (24 Kämpfe, 9 Siege, 4 durch KO, 14 Niederlagen, ? durch KO, 1 Unentschieden) gegeneinander an. Hermann wirkte wie ein Jäger, der konzentriert und ruhig seiner Beschäftigung nachgeht. Haas beeindruckte durch seine Deckungsarbeit und seine Zähigkeit. Immer wenn es so aussah, als ob er im nächsten Moment zu Boden gehen würde, war er wieder da und konterte. Es sah aus, als würde es immer so weiter gehen und als würden sich die beiden aneinander abarbeiten. Dann kam die fünfte Runde. Hermann kam mit einem Leberhaken durch und Haas musste zu Boden. Er wurde angezählt, aber er kam wieder hoch und stellte sich erneut dem Kampf. Hermann setzte sofort nach und kam noch mal mit einem Leberhaken, gefolgt von einem Aufwärtshaken aufs Kinn, durch. Haas ging zu Boden und der Ringrichter winkte den Kampf ab. Sieger durch TKO 5 nach 0:50 Minuten Arthur Hermann.
Der folgende Kampf fand im Cruiseregewicht statt. Es trafen Sevdail Sherifi (17 Kämpfe, 10 Siege, 9 durch KO, 3 Niederlagen, 1 durch KO, 1 Unentschieden) und Björn Blaschke (13 Kämpfe, 9 Siege, 5 durch KO, 3 Niederlagen, 2 durch KO, 1 Unentschieden) aufeinander. Beide Boxen wollten den Sieg. Sherifi war der Aktivere und er schien mir auch der wohl boxerisch Bessere zu sein, aber Blaschke hatte durchaus seine Momente. In der zweiten Runde kam Blaschek mehrfach mit Links-Rechts-Kombinationen durch die Deckung zum Kopf durch. Diese Schläge ließen den Kopf von Sherifi nach hinten schnappen. In der folgenden Runde stellte Sherifi Blaschke in dessen Ecke und deckte ihn mit Schlägen ein. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als sollte Blaschek nun runter gehen, aber er kam zurück. Ab der vierten Runde standen beide häufig Kopf an Kopf und deckten sich mit Schlägen ein. Bei einer solchen Situation kam Blaschke mit einer Eins-Zwei-Kombination zur Stirn durch, die Sherifi einknicken ließ. Mit zunehmender Kampfdauer verringerte sich zwar das Tempo des Kampfes, aber nicht die Intensität. Am Ende werteten die Punktrichter den Achtrunder unentschieden, was ein sehr gutes Urteil war.
Zwei Anmerkungen: Das Kampfgericht der German Boxing Association war seht gut. Es gab keine Fehlurteile und es gab auch keinen Heimbonus, wie man an dem eben beschriebenen Unentschieden sieht. Es gab auch Nummerngirls, u.z., wenn ich recht gezählt habe, zwei. Ab dem Sherifi-Blaschke-Kampf versahen sie ihren Dienst. Die beiden Damen haben vermutlich an diesem Abend Weltrekorde aufgestellt. Nie sah ich schnellere Damen mit Tafeln im Ring. Kaum waren sie in den Ring gestiegen, waren sie auch schon wieder draußen. Einmal konnte ich einen Blick auf das Fußgelenk einer Dame erhaschen. Sie hatte dort Flügel – eine Tätowierung. Über einen Zusammenhang zwischen den Flügeln und der Geschwindigkeit ihres Schreitens habe ich mir allerdings noch keinen schlüssigen Reim gemacht.
Es folgte eine weitere Showeinlage, bei der eine Dame in einem silbernen Ganzkörperanzug und mit sehr hohen silbernen Plateauschuhen ein Lied vortrug. Der Silberanzug war übersät mit so einer Art Ausbuchtungen, ähnlich wie Eierkartons, nur kleiner. Sie sang auch ein Lied. Die Pinökel sahen irgendwie seltsam aus. Ach so: Sie sang auch ein Lied.
Im siebten Kampf boxten Anatoli Muratov (10 Kämpfe, 8 Siege, 5 durch KO, 2 Niederlagen, 2 durch KO) und Philipp Kolodziej (10 Kämpfe, 6 Siege, 4 durch KO, 4 Niederlagen, 4 durch KO) im Super Mittelgewicht um die vakante Internationale Deutsche Meisterschaft. Kolodziej, ein Mann von Werner Kreiskott, begann stark und dominierte die erste Runde. Muratov war passiv und konnte erst am Ende einen guten Konter landen. Die zweite Runde war weitestgehend ausgeglichen. Kolodziej gehörte die erste und Muratov, der jetzt aktiver wurde, die zweite Hälfte. Muratov machte in der dritten Runde dort weiter, wo er in der vergangenen Runde aufgehört hatte. Er machte Druck. Bis zur Mitte der Runde dominierte er den Kampf, dann nahm er eine harte Linke mit dem Kopf. Es entsprang ein harter Schlagabtausch. Am Ende hatte Muratov die Kontrolle jedoch zurückgewonnen, die er auch in den nächsten zwei Runde nicht mehr abgab.
Aber Kolodziej ließ sich nicht beirren. Immer weiter ging er nach vorne und zwang seinem Gegenüber den Kampf auf: es entstand fast der Eindruck, als könnten ihm die Schläge von Muratov, und das waren nicht gerade wenige, die er nehmen musste, nichts ausmachen. In der fünften Runde fing Muratovs Nase an zu bluten. In der sechsten Runde stellte Kolodziej Muratov in dessen Ecke und fällte ihn mit einem harten Leberhaken. Muratov kam zwar noch rechtzeitig hoch, aber er stellte sich nicht mehr zum Kampf. Sieger durch TKO in Runde 6, nach 1:12 Min. Philipp Kolodziej. Anatoli Muratov ist nun nach dem 02.11.2013 (Juan De la Rosa) zum zweiten Mal nach einem Leberhaken KO gegangen.
Die folgende Begegnung fand im Halbschwergewicht statt. Es ging dabei um den Europatitel der Universal Boxing Federation, um den Alis Sijaric (8 Kämpfe, 8 Siege, 7 durch KO) und Gyorgy Marosi (38 Kämpfe, 22 Siege, 11 durch KO, 16 Niederlagen, 11 durch KO) kämpften. Der Kampf begann, wie viele andere auch. Die Boxer tasteten sich ab und irgendwie plätscherte das Geschehen so dahin. Wie aus dem Nichts kam Sijaric dann plötzlich mit einer rechten Graden zum Kopf durch und Marosi lag KO auf dem Ringboden. Sieger durch KO 1, nach 2:14 Alis Sijaric.
Den Hauptkampf des Abends bestritten im Mittelgewicht Istvan Szili (20 Kämpfe, 18 Siege, 7 durch KO, 2 Unentschieden) und Mathias Zemski (15 Kämpfe, 13 Siege, 3 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO). Es ging um den Weltmeistergürtel der Universal Boxing Federation im Mittelgewicht. Natürlich ist der Titel der UBF keiner der „harten“ Titel, aber es ist ein Titel, und den muss man erst einmal gewinnen. Der Gewinn des Titels empfiehlt den Boxer dann auch für höhere Aufgaben.
Szili begann verhalten, bestimmte aber das Tempo. Zemski schien großen Respekt vor Szili mitgebracht zu haben, denn er klammerte oft, auch in Situationen, bei denen es absolut nicht notwendig gewesen wäre. Von Runde zu Runde erhöhte Szili den Druck. Im zweiten Durchgang kam er mit einem rechten Körperhaken und einer anschließenden linken Graden zum Kopf durch, die Zemski sichtlich beeindruckte. Am Anfang der folgenden Runde ging er dann zweimal zu Boden, einmal bei dem vergeblichen Versuch wieder zu klammern und das andere Mal nach einem rechten Aufwärtshaken zum Kopf. In der Folgezeit war Szili auf der Jagd und Zemski auf der Flucht. Am Anfang der vierten Runde musste Zemski eine harte Linke nehmen und ging in der Mitte der Runde nach einer Rechten zur Schläfe runter. Ende der fünften Runde musste er erneut nach einem rechten Körpertreffer runter. Szili filetierte geradezu seinen Gegner.
In der sechsten Runde kam dann das endgültige Aus. Szili kam mit einer rechten Graden zum Körper durch und Zemski sackte ganz langsam, wie in Zeitlupe, in sich zusammen. Szili setzte nach und gab dem Zusammensackenden noch zwei Schläge mit. Für den letzten der beiden Schläge verwarnte ihn der Ringrichter Arno Pokrandt. Zemski stellte sich zwar noch einmal, musste nach einem Leberhaken aber wieder zu Boden. Der Ringrichter brach den Kampf nach 1:22 Min. in Runde 6 ab.
Istvan Szili hat mit seiner beeindruckenden Leistung nicht nur einen recht unbedeutenden WM Gürtel gewonnen, sondern sie bedeutet zugleich eine Herausforderung an die großen Mittel- und Supermittelgewichtler, an Felix Sturm (46 Kämpfe, 39 Siege, 18 durch KO, 4 Niederlage, 1 durch KO, 2 Unentschieden), an Robert Stieglitz (51 Kämpfe, 47 Siege, 27 durch KO, 4 Niederlagen, 2 durch KO) und an den WBO Weltmeister im Super Mittelgewicht Arthur Abraham (44 Kämpfe, 40 Siege, 28 durch KO, 4 Niederlagen, 1 durch KO). Istvan Szili kann für alle drei als eine ernsthafte Konkurrenz angesehen werden. Man darf gespannt sein, ob sich einer von ihnen auch traut, gegen Szili anzutreten. Ein toller Kampf ist garantiert.
Der Veranstalter Benedikt Poelchau (Blanko Sports) ist ein Wiederholungstäter. Bereits im letzten Jahr hat er eine unglaublich gute Veranstaltung im Ravensburg auf die Beine gestellt. Und genau das hat er nun auch wieder in Zürich geschafft. Seine Show im Volkshaus sehe ich als ganz heißen Anwärter für den Titel „Beste Veranstaltung der Jahres 2014“. Der Ort, die Boxkämpfe, die Urteile und die Stimmung waren sehr gut. Nur die Nummerngirls – die waren zu schnell.
© Uwe Betker