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Homosexualität und Boxen (2.)

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Den zweiten homosexuellen Boxer, den ich kenne, ist eine Boxerin, Michele Aboro. Jene Michele Aboro, die nicht nur ich für die beste Boxerin aller Zeiten halte. Sie blieb ungeschlagen (21 Kämpfe, 21 Siege und 12 durch KO) und wer sie boxen gesehen hat, hielt sie auch für unschlagbar. Wenn sie in den Ring stieg, verebbten schnell die dumpfen, meist biergeschwängerten chauvinistischen Sprüche, die sich so gerne über das Frauenboxen lustig machen. Hier stieg eine Frau in den Ring, die es ernst meinte und die auch Ernst machte. Aboro war eine Kriegerin, an der die Klischees über das Frauenboxen abprallten, bzw. sie trafen einfach nicht auf sie zu.
Als Aboro Weltmeisterin im Super Bantamgewicht nach Version WIBF (05.02.2000) wurde, steckte das Frauenboxen noch in den Kinderschuhen. Zu diesem Zeitpunkt war Regina Halmich schon fast fünf Jahre Weltmeister und wurde langsam bekannter. Universum Box-Promotion setzte als einziger großer, deutscher Veranstalter auf diesen Sport. Wobei hier marktwirtschaftliche Überlegungen wohl eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben mögen. Boxende Frauen sind deutlich billiger als ihre boxenden männlichen Kollegen. Und zwischen ihnen ist der Unterschied erheblich größer als die in Deutschland „normalen“ 22% im Schnitt. Um zu beweisen, dass Frauenboxen ein „richtiger Sport“ ist, brauchte Klaus-Peter Kohl Boxerinnen, die wirklich boxen konnten. Daher war es nur zwangläufig, dass er Aboro unter Vertrag nahmen.
Aboro, die vom Kickboxen kam, absolvierte ihre ersten drei Kämpfe – alles Siege durch KO in der ersten Runde – in drei verschiedenen Ländern, bevor sie nach Deutschland kam. Hier verbeulte sie dann die deutsch-bulgarische Boxhoffnung und spätere Weltmeisterin im Bantamgewicht Dessislawa Kirowa, genannt Daisy Lang (29.11.1997). Nach dem Titelgewinn gegen Eva Jones Young (05.02.2000) absolvierte sie noch sechs Kämpfe incl. drei Titelverteidigungen, die letzte von ihnen Ende 2001. Dann war Schluss.
Michel Aboro bekam als „nicht zu vermarkten“ keine Kämpfe mehr. Um es deutlich zu sagen: Die beste Boxerin der Welt, eventuell die beste Boxerin aller Zeiten, war „nicht zu vermarkten“. Und das nur, weil sie zu jenen, anfangs angesprochenen 10% der Weltbevölkerung gehört. Ich glaube heute, neun Jahre später, ist die Situation keine andere. Wenn man bzw. hier frau nicht dem Frauenbild von heterosexuellen Männern, die wiederum nicht einmal 40% der Bevölkerung ausmachen, entspricht, ist man „nicht zu vermarkten“. D.h. für mich, dass das, was man gemeinhin Toleranz nennt, ein extrem dünner Firnis ist, und dass sich darunter etwas befindet, was sehr ekelhaft ist.
© Uwe Betker