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Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Ring Lardner (3) „The Battle of the Century“

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Zu Beginn dieser Kurzgeschichte berichten der Schwergewichtsweltmeister Jim Dugan und sein Manager Larry Moon dem Ich-Erzähler, ihrem guten Bekannten Pinkie von ihrer finanziellen Misere. Jim ist ein so guter Boxer, daß es unmöglich ist einen adäquaten Gegner für ihn zu finden und deshalb muß sich der Champion mit einer Theatershow über Wasser halten.

Eine Weile später treffen die drei wieder zusammen. Auf die Nachricht vom K.-o.-Sieg des französischen Meister und Kriegshelden Goulet über den englischen Schwergewichtsmeister Bradford entwirft Moon einen Plan um Goulet zum Gegner für Dugan zu machen. darauf reagiert dieser folgendermaßen:

„All right,“ says Jim. „You´re my matchmaker and I fight who you pick out. But I don´t see how you come to overlook Benny Leonard“ (Lardner,  Some Champions, S. 136) [Anm.: Benny Leonard war zu dieser Zeit Weltmeister im Leichtgewicht, also damals vier (heute acht) Gewichtsklassen niedriger. D.h. er hätte als Gegner nicht den Hauch einer Chance gehabt.]

Als Goulet und sein Manager La Chance in die USA kommen bietet Moon ihnen 200 000 Dollar an, wenn sie bei seinem Plan mitspielen woraufhin La Chance vor Freude eine leichte Herzattacke erleidet.

Nach einigen Monaten haben Goulet und Dugan je einen leichten Kampf bestritten, wobei Dugan sich für seinen K.-o.-Sieg in der dritten Runde zwei Runden länger Zeit ließ als unbedingt nötig und Goulets Gegner alle damit überraschte, daß er drei Runden ohne Krücken stehen konnte. Anschließend macht Dugan noch einen Kampf gegen einen Boxer den er schon einmal besiegt hat. Diesmal hat er jedoch deutlich mehr Mühe und gewinnt erst in der zwölften Runde. Dadurch erweckt er bei den Zuschauern den Eindruck, er wäre schlagbar. dies trägt auch dazu bei, daß Goulet allmählich zum Favoriten wird.

Anschließend gelingt es Moon den Millionär Cawley als Geldgeber für den bevorstehenden Kampf zwischen Goulet und Dugan zu gewinnen, indem er ihn mit erfundenen Angeboten angeblicher kubanischer Geschäftsleuten unter Druck setzt.

Etwas später wird der Erzähler von Moon angesprochen, der ihn als Gefährten zum Zeitvertreib im Trainingscamp engagieren will, den Dugan hat Probleme sich für das Training zu motivieren, da er weiß, daß es unnötig ist. Er muß sich aber Mühe geben, damit die Zuschauer nicht den Verdacht schöpfen Goulet sei kein ernstzunehmender Gegner.

Natürlich gewinnt Dugan den Kampf mit Leichtigkeit. Goulet und sein Manager sind glücklich und der Promoter Cawley macht eine halbe Million Gewinn.

Die in dieser Kurzgeschichte beschriebenen Personen und Ereignisse lassen keinen Zweifel zu, daß es sich dabei um eine satirische Darstellung der Vorgänge um den Kampf zwischen Jack Dempsey und dem Franzosen George Carpentier handelt. Der englische Gegner Carpentiers hieß „Bombardier“ Billi Wells, der amerikanische Battling Levinsky. So lassen sich praktisch für alle Charaktere in dieser Kurzgeschichte Vorbilder aus dem echten Leben finden. Es wird vollends klar, daß Lardner hier nur wahre Sachverhalte satirisch überspitzt darstellte, wenn man in Betracht zieht, daß der tatsächliche Kampf unter dem Titel The Battle of the Century vermarktet wurde.

(C) Martin Scheja

Gastbeitrag: Düsseldorf feiert Timo Rost

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Düsseldorf feiert seinen neuen Lokalmatador im klassischen Faustkampf in der Classic Remise. Nach acht Runden stand Timo Rost als einstimmiger Sieger nach Punkten im Super Mittelgewicht fest. Eine Tatsache, die sein beherzt kämpfender Gegner Tiran Metz nicht wahrhaben wollte und noch lange nach der Urteilsverkündung wütend als „Fehlurteil“ wertete. Sein größter Fehler an diesem Abend.

Dabei zeigte sich Metz als die erwartet harte Nuss, die der 27-jährige Timo Rost zu knacken hatte. Der Essener sollte ein ernstzunehmender Gegner in der noch jungen Profikarriere des Düsseldorfers werden. Um den anfangs übermotivierten Rost jedoch in die Grenzen zu zwingen, geschweige denn an den Rand einer Niederlage zu bringen und sich ernsthaft über das Urteil beschweren zu können, hätte Metz mehr Leistung zeigen müssen. Doch Einzelaktionen reichen im heutigen Profiboxen nicht mehr aus, insbesondere in einer Gewichtsklasse in der zwischen unterschiedlichen Distanzen hin- und hergependelt werden und Schnelligkeit und Beinarbeit eine gewisse Rolle spielen kann. Kurzum: Metz zeigte zu wenig. Rost wurde seiner Rolle als Favorit gerecht und ließ sich durch den auf acht Runden angesetzten Kampf von Beginn auf einer Welle der Euphorie tragen.

Zum Kampf: Erst ab der dritten Runde konnte Timo Rost seine besseren boxerischen und konditionellen Qualitäten zeigen. Vorher hielten sich beide Boxer zu sehr damit auf, sich durch klammern zu neutralisieren. Unabhängig, von wem dieses Stilmittel hauptsächlich eingesetzt wurde. Erst als sich Rost in der dritten Runde mehr bewegte, dadurch zwar längere Wege an den Ringseilen gehen musste, nahm sein Kampf Gestalt an und er bekam Zugriff auf den 32-jährigen Metz, der mit einer Bilanz von 22 Kämpfen, davon 15 Siege, drei Niederlagen und vier Unentschieden in die Düsseldorfer Classic Remise anreiste.

Rosts bis dato schönste Kombination, die mit einem linken Haken zum Kopf aus der „neuen“ Halbdistanz ins Ziel fand, schoss der Lokalmatador in der vierten Runde ab. In diesem Moment hatte er die exakte Entfernung gefunden. Metz reagierte wie häufig an diesem Abend mit Einzelaktionen, die allerdings selten trafen oder Rost in Verlegenheit brachten. Wobei es der Lokalmatador seinem Gegner auch zeitweise sehr leicht machte. Seine Deckung befand sich wiederholt nicht dort, wo sie der Erfinder des Spiels sowie Rosts Trainer Rüdiger May sehen wollte.

Wobei Deckung ein Thema ist, die richtige Distanz ein anderes. Ab der sechsten Runde zeigte sich Rost häufig zu weit vom Gegner entfernt, um nach diversen Kombinationen nachsetzen zu können. Ein bis zwei Schritte in Richtung Gegner aber außerhalb dessen Reichweite hätten den Druck auf Metz erhöhen können, der durch die zu große Entfernung die Gelegenheit bekam, sich positionieren und Einzelaktionen starten zu können.

Groß war der Schrecken unter den Besuchern allerdings in der siebten Runde als der Ringarzt in Rosts Ecke gerufen wurde. Nach einem unabsichtlichen Kopfstoß zeigte sich ein Cut über Rosts linkem Auge. Doch er boxte weiter, wobei Metz diese Verletzung auch nicht in den letzten beiden Runden konkret anvisierte, im Gegensatz zu anderen Kämpfern. So gelangten beide Sportler in die letzte Runde, in der Rost noch einmal Druck machte und signalisierte, dass er über mindestens acht Runden gehen kann. Ein deutliches Signal für künftige Herausforderungen?

Ein abschließendes Wort zu Tiran Metz, der sich nach dem einstimmigen Urteil zugunsten von Timo Rost ungerecht behandelt fühlte. Er hat gut gekämpft und damit einen interessanten Boxabend mitgestaltet – und ein guter Kämpfer sollte kein schlechter Verlierer sein.

Während Timo Rost sein vorgegebenes Soll erfüllte, blieb Sherif Morina (Dinslaken) dahinter zurück. Sechs Runden im Weltergewicht à drei Minuten bekam er, um den neun Jahre älteren Juma Waswa (Uganda) von seinen boxerischen Fähigkeiten zu überzeugen, geschafft hat er es nicht. So endete der Vergleich mit einem Unentschieden, das Teile des Publikums zu Ungunsten des Uganders als Fehlurteil werteten. Der 37-jährige hatte sich mit einer couragierten Leistung in die Herzen des Publikums gekämpft.

Dabei schien zu Beginn des Vergleichs alles seinen gewohnten Lauf zu gehen. In den ersten beiden Runden setzte Sherif seinen Gegner dermaßen unter Druck, als wolle er in seinem achten Profikampf den fünften KO feiern. Geschickt entschärfte er durch eine starke Deckung die linke Schlaghand des Rechtsauslegers Wasma zum Körper oder zum Kopf und setzte seinerseits gute Akzente.

Doch ab der dritten Runde zeigte sich Sherif immer ratloser. Ein Plan B schien nicht im Handgepäck versteckt worden zu sein. Seinen Ausdruck erreichte die scheinbare Unsicherheit Sherifs mit einer Tiki-Taka-Boxserie, als er Wasma an den Ringseilen stellen konnte. Doch statt eines willensstarken Auftretens passierte – nichts. Ohne Herz, ohne Dynamik, fast gleichgültig, gleichwohl als würde im Kino eine falsche Filmspule eingelegt werden und der Vorführer merkt es nicht, vergab Morina diese Situation.

Somit wurde Wasma mit zunehmendem Kampfverlauf mutiger. Der Ugander entzog sich den Attacken des 28-jährigen Deutschen und setzte hier und da seine Nadelspitzen, zumal Sherif zunehmend seine Deckung vernachlässigte. Wasma konterte, wenn er die Chance sah, wich aus, wenn er Platz fand, blieb stets gefährlich und trug seinerseits viel dazu bei, dass sich am Ende das Unentschieden für Sherif eher als eine Niederlage anfühlte.

Zwei interessante Begegnungen, bleibt die dritte Paarung des Kampfabends. Darin traf der Kölner René Oeffner (22) im Halbschwergewicht auf Marko Kuvac (Bosnien und Herzegowina). Um es vorweg zu nehmen: Oeffner verbrachte mehr Zeit beim Aufwärmen als im Ring. Drei Mal ging der 31-jährige Kovac bereits in der ersten von sechs Runden zu Boden. Danach hatte der BDB Ringrichter Maurizio Rinaudo ein Einsehen mit allen Beteiligten. Oeffner verbesserte seine Kampfbilanz damit auf 13 Siege bei 14 Kämpfen, davon neun durch KO.

Übrigens: Einen Europameister bekamen die rund 600 Besucher doch zu sehen. Die Cheerleader des SC Unterrath überbrückten als amtierende Deutscher Meister und Europameister die Kampfpause und begeisterten.

Die zahlreichen Fans von Rost feierten noch lange den Sieg ihres Helden in der Düsseldorfer Classic Remise, welche ein toller Rahmen für die Veranstaltung war.

(C) Manfred Fammler

Gastbeitrag: Drei packende Kämpfe in Pulheim

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350 Zuschauer, eine tolle Location, drei packende Kämpfe und ein diskussionswürdiger Punktrichterentscheid – der erste Profiboxabend in Pulheim sorgt für Diskussionsbedarf. Doch der Reihe nach.

50 Jahre Boxclub Pulheim muss natürlich gefeiert werden. Zum Finale des Jubeljahres gab es am 13.10.2018 einen überraschend spannenden Kampfabend, der zwangsläufig leider mal wieder eine Trennung zwischen Amateur- und Profikämpfen hinnehmen musste. Unverständlich, denn der Boxsport in Deutschland steckt in einer großen Krise. Kaum noch öffentliche Aufmerksamkeit für die Profis und zu guter Letzt soll das Amateurboxen aus dem olympischen Programm gestrichen werden. Quo vadis also, deutscher Boxsport?

Zurück zum Sport und direkt zum Hauptkampf. Da stellen sich nach dem Kampf zwei Fragen: Wohin führt Yaser YükselAmateur- und Profikämpfes Weg und wie kam es zu der überraschenden Punktrichterentscheidung eines Unentschiedens?

Unbestritten kann Yüksel mehr, er kann besser boxen, er kann deutlicher einen Kampf dominieren und er kann auch besser treffen. Das alles fehlte am Samstag, keine Frage. Doch für seinen mutigen Gegner, dem Ungarn Gyula  Roszas, hätte die Performance an diesem Abend durchaus gereicht. Nicht jedoch für den Punktrichter. Er sah den Lokalmatador in keiner Runde vorn. Ein Blick, der überprüft werden könnte.

Sechs Runden standen sich die beiden Kämpfer im Quadrat gegenüber. Die ersten beiden Runden zeigte sich Yüksel zu passiv. Er kam mit den schnellen Kontern des Ungarns nicht zurecht, die in aber auch nicht in Gefahr brachten. Zwei Runden „abtasten“ ist allerdings eine zu viel bei einem Sechs-Runden-Kampf. Für einen Favoriten muss der Zugriff auf seinen Gegner einfach schneller erfolgen. So kamen Rüdiger Mays Anweisungen, enger am Gegner zu bleiben, gegen Ende der zweiten Runde zu spät.

Danach versuchte Yüksel seinen Gegner die restlichen vier Runden zu jagen und zu stellen. Ab der dritten Runde wuchs der Druck auf den 19jährigen Ungarn, der nur noch zwischen den Yüksels Stosspausen einige Konter setzen konnte. Diese fanden zwar manchmal ihr Ziel, entfalteten dort aber keine Wirkung. Dafür schickte Yüksel Roszas zu Boden. Ab der  vierten Runde suchte Yüksel deutlich den KO, forcierte den Druck, konnte seinerseits aber keine entscheidenden Treffer setzen, die den Ungarn niederstrecken konnten. Kurzum: Das Engagement des 26jährigen Super Weltergewichtlers kam zu spät und hatte auch nicht die Präzision, die sich das Trainerteam vorgestellt hatte. Allerdings bestimmte er den Kampf, was mit dem Unentschieden auf dem Punktzettel der Offiziellen nicht belohnt wurde.

Nichtsdestotrotz sollte Yaser Yüksel nun die nächste Stufe seiner boxerischen Laufbahn zünden.

Die steht bei der Überraschung des Abends noch ganz am Anfang. Mit einem engagierten Kampf über sechs Runden erwarb  sich der 19jährige Hannoveraner Armani Aziz den Respekt der 350 Besucher. Er trat im Super Weltergewicht gegen Sergej Wotschel an und zeigte Nehmer- und Steherfähigkeiten, die wohl keiner im Saal dem mit erst nur einem Profikampf unerfahrenen Boxer zugetraut hätten. Von der ersten Runde an sah er sich dem Druck und der Physis des favorisierten Wotschel ausgesetzt. Insbesondere wenn der 29järgiger gebürtige Russe ihn an den Seilen stellen konnte, musste Aziz einige Treffer hinnehmen. Gerade die Kombination mit der Führhand zum Körper und der Schlaghand zum Kopf, die er in den ersten Runden einige Male ansetzte, ließen Aziz das ein ums andere mal wanken. Doch der 19jährige fiel nicht, sondern biss sich durch.

Das Tempo, das Wotschel allerdings anschlug, zollte er schon in der dritten Runde Tribut. Die Stöße wurden  unpräziser und dem 19jährigen Aziz gelang es häufiger seinerseits Aktionen zu setzen. So entwickelte sich ein dynamischer und sympathischer Kampf, in dem der Bergisch-Gladbacher Wotschel klare Vorteile hatte, sich Aziz aber nicht ins „Bockshorn“ blasen ließ.

Wotschels rechter Kopfhaken, seine an diesem Abend stärkste Waffe, wurde zunehmend unpräziser. Sein einstimmiger Punktsieg allerdings war verdient, genau wie der Respekt, den sich  der 19jährige Armani Aziz erwarb.

In dem ersten Kampf des Abends standen sich im Mittelgewicht Oualid Almajdoub und Alexander Farkas gegenüber. Almajdoub betätigte sich als Kurzarbeiter. Nach einer etwas hektischen Anfangsphase holte er seinen Gegner jeweils mit einem harten Körperhaken von den Beinen. Beim zweiten Mal nahm Farkas beim Runtergehen noch einen Kopftreffer. Er wurde auf dem Boden kniend ausgezählt.

Fazit: Der erste Profi-Boxabend in Pulheim war auch dank des Veranstalters Marcel Zichel und der guten Paarungen ein Erfolg, an dem im kommenden Jahr angeknüpft werden soll. Dem BC Pulheim wünschen wir natürlich weitere 50 erfolgreiche Jahre.

(C) Manfred Fammler

Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Ring Lardner (1) „The Champion“

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Biographischer Hintergrund
Ringgold Wilmer Lardner wurde am sechsten März 1885 in der Stadt Niles im amerikanischen Bundesstaat Michigan als jüngstes von neun Kindern geboren. Er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf und wurde bis zu seinem zwölften Lebensjahr erst von seiner Mutter und später von einem Privatlehrer unterrichtet. Schon als Kind begeisterte er sich für Baseball. Von 1897 bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr besuchte er die High School. Anschließend nahm er verschiedene Stellungen an, studierte auf Drängen des Vaters für kurze Zeit und arbeitete schließlich eineinhalb Jahre für eine Gasgesellschaft. Ab 1905 arbeitete er als Zeitungsreporter. Diesem Medium blieb er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tode treu und machte sich vor allem als Verfasser von Baseballberichten einen Namen. Er begleitete 1908 die Chicago White Socks auf ihrer Tour und bekam nicht zuletzt dadurch einen genauen Einblick in die Welt des Profisports. Neben seiner Reportertätigkeit schrieb er zahlreiche Kurzgeschichten die meist mit humoröser Gesellschaftskritik aber auch mittels bitterbösen Satire menschliche Schwächen aufdeckten. Die kritischste unter ihnen war die Boxgeschichte „The Champion“. Lardner bediente er sich oft Motiven aus der Welt des professionellen Sports, insbesondere des Baseballs und wie in der Geschichte von dem brutalen Kämpfer Midge Kelly, des Boxens.
Vor allem außerhalb der Baseballsaison berichtete Lardner vom Boxen so zum Beispiel 1919 aus Toledo für die Zeitung Tribune vom Schwergewichtskampf um die Weltmeisterschaft zwischen Jack Dempsey und Jess Willard. Er wettete eine größere Summe auf Willard und gab dies auch in der Zeitung bekannt:
“Probably some of you will say to yourself what does this bird know about the manly art of self-defense. Well I don´t know nothing and don´t expect to learn, but I can point with a whole lot of pride to some of my pickings in the past. For instance I thought all along that the Allies would win the war especially after America got into it. I chose Jack Johnson to Lick Jeffries though I didn´t tell nobody for fear of affecting the betting odds.”
und nach der vernichtenden Niederlage Willards schrieb er:
“Well, gents, it was just a kind of practical joke on my part and to make it all the stronger I went and bet a little money on him, so pretty nearly everybody thought I was really in earnest. [Zitiert nach: Donald Elder. Ring Lardner. Garden City, New York: Doubleday, 1956. 159]
Lardners Ansichten über den Profisport, insbesondere aber über Baseball wurde durch die Black Sox – Affäre im Jahre 1919 stark beeinflußt. Einige Spieler der Chicago White Sox hatten sich von einem Wettsyndikat bestechen lassen und die World Series absichtlich verloren. Er empfand dies quasi als Sakrileg und betrachtete danach den Profisport ganz besonders kritisch.
Diese Kritik schlug sich auch in den 1921 geschriebenen Kurzgeschichten „A Frame Up“ und „The Battle of the Century“ und „The Venomous Viper of the Volga“ von 1927 nieder.
Lardner kannte einige Boxer persönlich, darunter Gene Tunney, für den er allerdings wohl keine große Sympathie empfand. Dies lag vielleicht daran, daß er Jack Dempsey, Lardners Boxidol, als Schwergewichtsweltmeister abgelöst hatte und daran, daß der Schriftsteller glaubte bei dem Kampf sei Betrug im Spiel gewesen. [Vergleiche: Elder. 294 f] Er kommentierte die Leistung Dempseys folgendermaßen:
“A man sitting right back of me kept insisting that Mr. Dempsey ought to be disqualified for violating Pennsylvania´s boxing code, which barred the rabbit punch. I was not familiar with the rules, but Jack certainly punched like a rabbit. [Zitiert nach: Elder. 299}
1926 war Lardner an Tuberkulose erkrankt. Er blieb jedoch trotz eines sich ständig verschlechternden Gesundheitszustandes und häufiger Krankenhausaufenthalte weiterhin sehr produktiv. Lardner starb am 25. September 1933 an einem Herzanfall.

(C) hwikipedia.org/wiki/Ring_Lardner#/media

„The Champion“
Der Hauptdarsteller dieser Kurzgeschichte ist Midge Kelly, der mit siebzehn Jahren seinen verkrüppelten Bruder Connie niederschlägt, um ihm eine 50 Cent-Münze wegzunehmen. Nach dem daraus resultierenden Streit mit seiner Mutter, welche er ebenfalls schlägt verläßt er sein Zuhause. Er geht nach Milwaukee, wo er seinen ersten Kampf als Profiboxer bestreitet und gewinnt. Bereits im nächsten Kampf akzeptiert er Bestechungsgelder und verliert absichtlich. Als Emma Hersch, die unschuldige Schwester eines Mannes, der ihn in der Not aushielt ein Kind von ihm erwartet sieht er sich gezwungen, sie zu heiraten. Noch in der Hochzeitsnacht bekommt die Braut die Fäuste Kellys zu spüren, welcher wiederum alles hinter sich läßt und nach Boston geht. Dort trifft er, völlig abgebrannt, auf Tommy Haley, der sein Manager wird und ihn auf den Weg zum Erfolg bringt.
Einen Brief, den ihm seine Ehefrau schickt und in dem sie ihn bittet ihre Schulden in Höhe von 36 Dollar zu begleichen, weil ihr gemeinsames Kind am verhungern ist zerreißt er. Ebenso unbeantwortet läßt er einen Brief seiner Mutter, in dem sie ihn nur bittet, zu antworten und beiläufig erwähnt, daß der Bruder seit dem Niederschlag vor drei Jahren das Bett nicht verlassen hat. Auf einen Brief seiner Geliebten hin schickt er ihr dagegen 200 Dollar.
Kelly wird Champion und erfreut sich auch großer Beliebtheit beim Publikum, so daß er Vorführungen im Theater gibt bei denen er mit seinem Können prahlt und dabei 500 Dollar pro Woche verdient.
Auf Anraten seiner neuen Freundin verläßt Midge Kelly den Mann, der ihn groß gemacht hat unter Gewaltandrohung und wechselt zu einem anderen Manager, Jerome Harris. Diesen entläßt er bald wieder und macht sich mit dessen Frau nach New York davon. Dort endet die Geschichte am Vorabend eines großen Kampfes.

Bis auf das boxerische Talent ist Midge Kelly das genaue Gegenteil von Londons Pat Glendon. [https://betker.wordpress.com/2018/01/07/gastbeitrag-boxen-in-der-literatur-jack-london-3-the-abysmal-brute/ ] Er ist bösartig, gewalttätig, undankbar, geizig, prahlerisch, gewissenlos, kurz gesagt er ist der Stereotyp des Bösewichts. Die verschiedenen Aspekte seines schlechten Charakters werden in unterschiedlichen Szenen gezeigt. In der ersten die Gewalttätigkeit gegen den wehrlosen Bruder und die Mutter, in der zweiten der Betrug beim Boxkampf, an die Mißhandlung der Ehefrau usw..
Lardner hat Midge Kelly aber sicherlich nicht als den typischen Boxer darstellen wollen. Falls doch so würde das bedeuten, daß er nicht verstand, daß Boxer in den allermeisten Fällen Opfer sind, wie Fleming [https://betker.wordpress.com/2017/12/23/gastbeitrag-boxen-in-der-literatur-jack-london-1-the-game/] oder King [https://betker.wordpress.com/2017/12/25/gastbeitrag-boxen-in-der-literatur-jack-london-2-a-piece-of-steak/] bei Jack London und nicht Übeltäter. Die Gestalt Midge Kellys ist wohl auch zu sehr überzeichnet, als daß man in ihr irgendeinen Boxer wiedererkennen könnte. Christian Messenger sieht das ähnlich:
“Lardner directed the brunt of his message in `Champion´ at the sportswriting profession rather than solely at Kelly, whom he never really attempts to make into a believable villain.” [Messenger. 121]
Der von Walton Patrick angenommene Angriff gegen das Profiboxen, das die üblen Charaktereigenschaften Kellys belohnen würde läßt sich dagegen mit den Textaussagen nicht begründen. [Vergleiche: Walton Patrick. Ring Lardner. New York: Twayne,1963. 87] Was Lardner wohl wirklich zeigen wollte wird deutlich, wenn man den folgenden Sätzen auf den Grund geht, in denen der Manager Kellys seinen Schützling dem Reporter Joe Morgan beschreibt:
“Just a kid; that´s all he is; a regular boy. Get what I mean? Don´t know the meanin´ o´ bad habits. Never tasted liquor in his life and would prob´bly get sick if he smelled it. Clean livin´put him up where he´s at. Get what I mean? And modest and unassumin´ as a school girl. He´s so quiet you would never know he was round. And he´d go to jail before he´d talk about himself. No job at all to get him in shape, ´cause he´s always that way. The only trouble we have with him is gettin´ him to light into these poor bums they match him up with. -he´s scared he´ll hurt somebody.” [Ring Lardner. How To Write Short Stories. New York: Scribner´s, 1925. 175]
Die Beschreibung die hier gegeben wird würde perfekt auf Pat Glendon passen gibt genau das Gegenteil von dem wider was auf Kelly zutrifft. – Die Titel der beiden Geschichten passen eigentlich auch besser zu dem Helden der jeweils anderen Geschichte. Kelly ist ein abysmal brute und Glendon ein wahrer champion. – Mit beißender Ironie soll dargestellt werden, wie leicht die Öffentlichkeit – mit Unterstützung der Presse – von profitgierigen Figuren in der Profisportszene beeinflußt werden kann.
Die Zeitung gibt das wider, was der Manager sagt und unterstützt damit die erfolgreiche Karriere des gewissenlosen Boxers. An ihr wird folglich wohl die größte Kritik geübt aber auch an der Gesellschaft, die es den Reportern unmöglich macht die Wahrheit über Kelly zu schreiben. Der Erzähler der Geschichte läßt den Leser wissen, daß die Reportage der Wahrheit mehr entsprochen hätte hätte man die Mutter, den Bruder, die Ehefrau, den Schwager oder einen der anderen die Kelly übel behandelte interviewt. Dies hätte aber nichts genützt:
“[But] a story built on their evidence would never have passed the sporting editor. `Suppose you can prove it´ that gentleman would have said. `It wouldn´t get us anything but abuse to print it. The people don´t want to see him knocked. He´s champion.´” [Lardner. How.178]
Leverett Smith versteht diese Kurzgeschichte ebenfalls in diesem Sinne wenn er schreibt: „`Champion´ is a polemic on the subject of the moral nature of public figures in sports, and on the moral nature of the community which demands them.“ [Leverett T. Smith, Jr. „`The Diameter of Frank Chance´s Diamond´: Ring Lardner and Professional Sports“. Journal of Popular Culture 6 (1972-73): 148 (133-56)]
Zu beachten ist noch der Satz, den Lardner in How to Write Short Stories dem Text von „Champion“ vorausschickte und mit dem er der Kurzgeschichte wohl etwas an Schärfe nehmen wollte:
“Champion. An example of the mistery story. The mistery is how it came to get printed.” [Lardner. How..143]
© Martin Scheja

Gastbeitrag: Kölner Satory Säle (03.03.2018)

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Letzendlich war es ein ganzes Stück Arbeit und ebenso schwerer als erwartet. Mit einem Punktsieg setzte sich WBC-Champion im Supermittelgewicht Avni Yildirim gegen seinen US-amerikanischen Kontrahenten Derek Edwards im Kölner Satory durch. Allerdings musste der türkische Titelverteidiger bei dem eindeutigen Votum von drei zu null Richterstimmen (118-110, 117-112, 116-112) über die gesamte Distanz von zwölf Runden gehen.

(C) Manfred Fammler

Dabei wurde der alte und neue Champion vom 38-jährigen US-Amerikaner aber auch nicht gefordert. Bis auf die sechste Runde, in der Edwards ein kleines Strohfeuer entfachte und mit mehreren Stößen traf, oder in der siebten Runde die Ringmitte beherrschte, war dieser Kampf durchgängig ereignisarm. Gefährdet war der Sieg Yildirims in keiner Situation. Ob der eine Kämpfer nicht wollte oder der andere nicht konnte, mag dahingestellt sein. Nur Einzelaktionen, keine überraschenden Serien oder Kombinationen sind aber für einen WBC-Champion einfach zu wenig, zumal Edwards an diesem Abend stärker unter Druck gesetzt werden konnte. Kurzum: ein eindeutiger aber glanzloser Favoritensieg des 26-jährigen Türken, der damit seine Profibilanz auf 18/1/0 ausbauen konnte. In der Weltrangliste liegt er nun auf Platz 15.

(C) Manfred Fammler

Während also Yildirim seiner Favoritenrolle gerecht wurde, konnte Marek Jedrzejewski diese in keiner Weise erfüllen. Im Kampf um den vakanten Titel des WBC-Silver international Champion über zwölf Runden kam für ihn bereits in der siebten Runde das krachende Aus. Ein linker Haken des Kontrahenten Robert Tlatlik gegen Jedrzejewskis Schläfe machten alle Meisterschaftsträume zunichte. Was der 28-jährige Pole bis zu diesem Zeitpunkt abgeliefert hatte, war auch keinen Titel wert. Seine Führhand stand zu weit draußen und war zu statisch. Sie schien Tlatlik eher als Orientierungspunkt zu dienen, der das eine oder andere Mal seine Schlaghand trotz geringerer Reichweite über eben Mareks linke Hand ins Ziel brachte. Sollte diese Taktik und Kampfeinstellung ein Produkt von Jedrzejewskis Trainerwechsels gewesen sein – er bereitete sich mit einem neuen US-amerikanischen Coach vor – so war dies eine klare Fehlentscheidung, denn gegen den glänzend aufgelegten und klug agierenden Tlatlik hätte es an diesem Abend viel mehr benötigt. Dieser bestimmte den Kampf von Beginn an aus einer starken Doppeldeckung heraus und setzte den bis dahin mit einer weißen Weste von 13 Siegen aus 13 Kämpfen angetretenen Jedrzejewski allein durch seine Präsenz und nachgehende Kampfweise unter Druck und setzte den Favoriten ebenso mit Körpertreffern hart zu. Bereits nach einem Leberhaken in der sechsten Runde wurde Jedrzejewski angezählt. Bis zum K.O. eine Runde später hatte Tlatlik deutlich auf den Punktezettel vorne gelegen. Was der Titel für die weitere Karriere Tlatliks bedeutet, wird sich nun zeigen. Für höheren Weihen als den WBC-Champion international hat er sich an diesem Kölner Abend empfohlen.

(C) Manfred Fammler

Den vakanten Titel des WBC-Mediterranean Champion im Supermittelgewicht errang Yusuf „Zaza“ Kanguel. Er besiegte Sladan Janjanin (Bosnien und Herzogowina) in der fünften Runde durch technischen K.O. und schraubte damit seinen Kampfrekord auf 23 Siege bei einer Niederlage herauf. Als Favorit in der Abend gestartet, ließ er zu keinem Zeitpunkt diese Rolle vermissen. Ab der ersten Runde setzte der 34-jährige Deutsche seinen Gegenüber unter Druck, landete die besseren und deutlicheren Treffer. Zwar bemühte sich der 26-jährige Bosnier in der vierten Runde, zeigte mehr Aktivität, doch das reichte nicht aus, um den überlegenen 34-jährigen Duisburger vor Probleme zu stellen. So kam, was kommen musste. Nach schweren Kopf- und Körpertreffern wurde der Kampf mit TKO für Yusuf „Zaza“ Kanguel gewertet.

(C) Manfred Fammler

Mit Taycan Yildirim zeigte sich an diesem Abend im Vorprogramm ein junger Mittelgewichtler mit großem Potenzial. Der 17-jährige Deutsche trat gegen Darko Stevanovic aus Serbien an und absolvierte diese Aufgabe souverän. Sehr sauber, präzise und technisch zeitweise schön anzusehen boxte der Nachwuchskämpfer. Variabel auch seine Stöße. Als Geraden zum Kopf im Wechsel mit Kombinationen zum Körper ließen dem 25-jährigen Serben nur das Nachsehen. Yildirim verbuchte damit den dritten Sieg im dritten Kampf.
(C) Manfred Fammler

Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Jack London (4) „The Mexican“

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Keiner aus der Junta mag den etwa 18 Jahre alten Felipe Rivera der zu Beginn dieser Kurzgeschichte [Jack London. Best Short Stories of Jack London. Garden City, N.Y.: Doubleday, 1945. 226-248] seine Dienste dieser Gruppe mexikanischer Revolutionäre anbietet. Sein Auftreten dort wird folgendermaßen beschrieben:
“There was no smile on his lips, no geniality in his eyes. Big, dashing Paulino Vera felt an inward shudder. Here was something forbidding, terrible, inscrutable. There was something venomous and snakelike in the boy´s black eyes. They burned like cold fire, as with a vast, concentrated bitterness.” [ London. Best Stories. 227]
Anfangs wird er für einen Spion des Präsidenten Diaz gehalten und beauftragt, den Fußboden zu schrubben und die Spucknäpfe zu leeren. Er fragt nur: „Is it for the revolution?“ und auf die Antwort: „It is for the revolution“ sagt er nur „It is well“ und macht sich an die Arbeit. [Anfangs wird er für einen Spion des Präsidenten Diaz gehalten und beauftragt, den Fußboden zu schrubben und die Spucknäpfe zu leeren. Er fragt nur: „Is it for the revolution?“ und auf die Antwort: „It is for the revolution“ sagt er nur „It is well“ und macht sich an die Arbeit. [London. Best Stories. 227]
Nach einer Weile bittet Rivera darum, im Büro der Junta übernachten zu dürfen. Diese Bitte wird ihm jedoch aus Mißtrauen verweigert und er fragt nie wieder danach. Die Revolutionäre sind von Geldmangel geplagt und müssen ihre letzten Habseligkeiten verkaufen. Immer wieder schafft Rivera Bargeld heran, ohne die Quelle bekanntzugeben. Langsam schwindet der Argwohn der Revolutionäre, doch sie mögen ihn dennoch nicht, denn er stahlt Eiseskälte aus und macht ihnen Angst, so daß sie es nicht wagen, ihm Fragen zu stellen.
Der erste richtige Auftrag, den River erhält ist die Wiederherstellung der Nachrichtenverbindung zwischen Los Angeles und dem Rest Kaliforniens. Diese hatte Juan Alvarado, der brutale Befehlshaber des Präsidenten, unterbrochen, indem er drei Revolutionäre erschießen und zwei weitere festnehmen ließ. Rivera stellt die Verbindung wieder her und als man wenig später von der Ermordung Alvarados erfährt ist klar, daß er seinen Auftrag mehr als erfüllt hat.
Immer häufiger bringt Rivera Geld ins Büro der Junta und immer häufiger trägt sein Gesicht Kampfspuren. Es wagt jedoch niemand nach der Herkunft des Geldes zu fragen. Die Vorbereitungen für die Revolution sind in der entscheidenden Phase, als das Scheitern droht, da der wichtigste Geldgeber von Diaz´ Männern erschossen wurde und dringen Gewehre benötigt werden. In dieser Situation fragt Rivera, ob 5000 Dollar reichen würden und als dies bejaht wird sagt er nur: „Order the guns.“ [London. Best Stories. 232]
Das dritte Kapitel dieser Kurzgeschichte spielt im Büro des Boxmanagers Kelly. Er ist auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Gegner für seinen aufstrebenden Leichtgewichtsboxer Danny Ward weil der eigentlich vorgesehene Billy Carthey sich den Arm gebrochen hat. In dieser Situation bietet sich Rivera als Gegner an. Weil Roberts, der erfahrene Trainer des jungen Mexikaners den Manager überzeugen kann, daß sein Schützling in der Lage ist den Zuschauern einen Kampf zu bieten willigt Kelly schließlich ein. Anschließend berichtet Roberts davon wie er den jungen Rivera kennenlernte. Dieser lungerte einige Jahre zuvor völlig ausgehungert in der Nähe von Roberts´ Trainingscamp herum und da dieser verzweifelt nach einem Sparringspartner für den brutalen Boxer Prayne suchte zog er dem Jungen einfach ein Paar Handschuhe über und ließ ihn von dem Prayne prügeln, bis er bewußtlos wurde. Anschließend erhielt er einen halben Dollar und eine Mahlzeit. Wider Erwarten tauchte Rivera am folgenden Tag wieder auf und schließlich lernte er sich zu behaupten und wurde ein regelmäßiger Sparringspartner. Erst während der letzten Monate zeigte er, für Roberts überraschend, Interesse, selbst zu boxen.
Als die Börse für den kommenden Kampf ausgehandelt wird besteht Rivera zur Überraschung aller darauf, daß der Sieger alles bekommen soll. [Im Profiboxen wird üblicherweise die Börse vor dem Kampf festgelegt. Sieg oder Niederlage kann jedoch die Börse im nächsten Kampf um den Faktor zehn verändern.]
Dafür muß er Kelly allerdings zugestehen, daß das Einwiegen bereits um zehn Uhr morgens stattfindet. [Durch das früh angesetzte Wiegen kann der schwerere Boxer, in diesem Fall Kelly, das Gewicht, das er abtrainierten mußte, um im Limit zu bleiben vor dem Kampf ersetzen. Dies stellt einen immensen Vorteil dar]
Als der Kampf stattfindet sind von Beginn an alle Anwesenden, einschließlich des Ringrichters auf Kellys Seite. Selbst Riveras Sekundanten haben ihre Anweisungen von Kelly bekommen: „No layin´ down at the start. Them´s instructions. Take a beatin´ an´ earn your dough.“ [London. Best Stories. 239]
Nun wird auch Riveras Einstellung zum Boxen klar.
“He despised prize fighting. It was the hated game of the hated gringo. He had taken up with it, as a chopping block for others in the training quarters, solely because he was starving. The fact that he was marvelously made for it had meant nothing. He hated it. Not until he had come in to the Junta had he fought for money, and he had found the money easy.” [London. Best Stories. 238]
Riveras Motivation, für die Revolution zu kämpfen, im wahrsten Sinne des Wortes wird durch einen Rückblick verdeutlicht. Er wuchs in ärmsten Verhältnissen auf. Sein Vater organisierte einen Streik und wurde zusammen mit seiner Mutter und dutzenden anderer von Diaz´ Männern erschossen.
Nach einem furiosen Ansturm von Kelly gelingt Rivera bereits in der ersten Runde ein Niederschlag. Der Schiedsrichter verhindert jedoch unfairerweise einen schnellen Sieg. In der vierten und siebten Runde erzielt Kelly einen Niederschläge, doch nun beeilt sich der Schiedsrichter mit dem Zählen. In der neunten Runde geht erneut der Favorit zu Boden und in der folgenden sogar dreimal und noch einmal vier Runden später erneut. Zwischen den Runden helfen Riveras Sekundanten ihm kaum und geben ihm falsche Ratschläge.
Schließlich versucht der Manager Kellys ihn mit verlockenden Angeboten dazu zu bewegen, den Kampf absichtlich zu verlieren. Als nächstes soll Rivera wegen Fouls disqualifiziert werden, doch geschickt gelingt ihm dies zu vermeiden. In der 14. Runde wird Riveras Überlegenheit so klar, als er seinen Gegner wieder und wieder zu Boden schlägt, daß der Polizeikommandant den Ring betritt. Rivera gelingt es noch Kelly endgültig auszuknocken bevor der Polizist einschreitet. Dem Ringrichter bleibt schließlich nichts anderes übrig, als den Mexikaner zum Sieger zu erklären. Niemand gratuliert ihm, doch er hat sein Ziel erreicht. Die Revolution kann weitergehen.
Der Boxkampf der in dieser Kurzgeschichte sehr detailliert und realistisch gezeigt wird dient als Metapher für den Kampf des Mexikaner gegen die verhaßten Weißen und den Unterdrücker Diaz. Im Kampf muß der 18jährige Felipe Rivera gegen fast alle denkbaren Widrigkeiten ankämpfen. Er ist schlecht ernährt, nicht optimal trainiert, muß gegen den viel erfahreneren Weltmeisterschaftsaspiranten Kelly antreten und alle Zuschauer, ja selbst seine eigenen Betreuer sind gegen ihn. Er muß neben dem eigentlichen Kampf auch noch darauf acht geben, was außerhalb des Ringes geschieht. Nur so kann er die Pläne vereiteln, die die anderen schmieden, damit er unter allen Umständen verliert.
Der Leser soll damit auf die Seite des jungen Boxers gezogen werden, den niemand mag. Außerdem erfährt nur der Leser die grausame Details aus der Kindheit des Mexikaners, die den anderen Figuren der Geschichte vorenthalten bleiben.
London schrieb diese Geschichte offensichtlich, um die Revolution in Mexiko zu unterstützen. Einige Jahre später war er nach einer Reise dorthin jedoch völlig desillusioniert wie folgende Sätze belegen:
„He […] came to believe that it was American ingenuity that had developed Mexico industrially. About the revolutionaries, Jack said, „These `breeds´ do politics, issue pronunciamentos, raise revolutions or are revolutionized against by others of them, write bombastic unveracity that is accepted as journalism in this sad, rich land, steal payrolls of companies and eat out hazienda after hacienda as they picnic along what they are pleased to call wars for liberty, justice and the square deal.”[Kingmann, Russ. A Pictorial Life of Jack London. New York: Crown, 1979, 253]
Nach dieser Erfahrung wäre also eine Geschichte wie „The Mexican“ nicht mehr möglich gewesen.

Zusammenfassung
Bei der Betrachtung der Werke Londons darf man nicht vergessen, daß für ihn das Schreiben eher ein Beruf war, mit dem er Geld verdienen konnte als eine künstlerische Herausforderung. Bei dem ungeheuren Ausstoß, den er an Reportagen, Kurzgeschichten und Romanen hatte ist es nur verständlich, daß er über Bereiche des Lebens schrieb, in denen er sich auskannte. London war ohne Zweifel ein Boxexperte aber er scheute sich auch nicht die Idee für einen der hier besprochenen Romane einem Freund abzukaufen. Die Handlungen und Figuren der Romane und Kurzgeschichten erscheinen nicht immer ganz plausibel und manchmal sogar unglaubwürdig. Vergleicht man aber den fiktiven Helden Pat Glendon mit Gene Tunney und Muhammad Ali und den ausgehungerten Felipe Rivera mit dem Mexikaner Pipino Cuevas, der 1976 als 18jähriger Profiweltmeister im Weltergewicht wurde schwinden etwaige Zweifel an der Authentizität. Die Beschreibungen der Boxer und der Kämpfer lassen sich kaum von denen in Londons Reportagen unterscheiden. Über Jim Jeffries schrieb er vor dessen Weltmeisterschaftskampf gegen Jack Johnson im Dezember 1910: „His back muscles play in matted masses, while those of the shoulders and biceps leap into a twisted roll at the slightest uplift of the arms. And they are all the right kind of muscles. they are not hard and knotted, like those of the professional strong man and weight lifters. […] Those soft mounds and ridges and rolls are the finest grade and quality of muscle a man can possess.” [Zitiert nach: Irving Shepard (Hg.). Jack London´s Tales of Adventure. Garden City, New York: Hanover House, 1956. 135]
Pat Glendon in The Game wird von seinem Vater folgendermaßen beschrieben:
“`See the softness of him´, old Pat chanted. `Tis the true stuff. Look at the slope of the shoulders, an´the lungs of him. Clean, all clean, to the last drop an´ ounce of him. You´re looking at a man, Sam, the like of which was never seen before. Not a muscle of him bound. No weight-lifter or Sandow exercise artist there. See the fat snakes of muscles a-crawlin´ soft an´ lazy-like.” [London. Abysmal Brute. 79]
Die hier betrachteten Werke Londons ähneln aber nicht nur seinen Reportagen in Stil und Sprache, sie haben auch untereinander zahlreiche Elemente gemeinsam. Alle Helden wollen – allerdings aus unterschiedlichen Gründen – mit dem Boxen aufhören. Alle sind außergewöhnlich talentierte Boxer auch wenn Joe Fleming trotzdem im Ring umkommt und Tom King seine besten Tage hinter sich hat.
In einigen Punkten unterscheidet sich „The Mexican“ von den anderen Werken. Felipe Rivera ist kein gutmütiger, moralisch integerer Mann sondern ein haßerfüllter Mörder. Er hat, im Gegensatz zu den anderen drei Boxern bei London keine Lebensgefährtin. Während Fleming, Glendon und King jedoch mehr oder weniger aus dem Nichts auftauchen erfährt man von den prägenden Einflüssen aus dessen Kindheit.
„The Mexican“ ist eher ein „propagandistic revolutionary tract“ [Oriard. Heroes. 19] In den drei anderen Werken wurden die „essential conflicts in American sport between country and city, youth and age, and masculinity and feminity“ [Oriard. Jack London. 3] thematisiert. Für Michael Oriard ist die Hauptaussage dieser drei Texte dagegen eine andere: „Londons boxing stories proclaim the preeminence of either fate („A Piece of Steak“), chance (The Game), or will (The Abysmal Brute).” [Oriard. Sporting, 241] Dieser Standpunkt ist auch nicht von der hand zu weisen und verdeutlicht zudem den Kontrast zu „The Mexican“.
Man kann Londons Arbeiten vorwerfen, daß viele der Charaktere stereotypisch sind. Man muß jedoch bedenken, daß man dies in der Zeit der ersten Erscheinung wohl nicht so empfand, denn der professionelle Sport fand erst in den 20er Jahren breite Akzeptanz in den USA und erst dann gab es eine größere Menge an Sportliteratur. Folglich waren griff London die Stereotypen die er verwendete, wie den natural oder den alternden Profi nicht auf, wie viele Autoren nach ihm sondern er entwickelte sie neu. Michael Oriard sagt über Londons Boxgeschichten: “His stories have an archetypical quality that appears stereotypical in retrospect, for they have been retold numberless times by countless authirs.“ Oriard. Heroes. 134]
Zuletzt soll noch einmal darauf hingewiesen werden, daß London sehr viel schrieb und dies vor allem, um Geld zu verdienen, also um seine Bücher zu verkaufen. Deshalb tritt neben den künstlerischen manchmal fast gleichberechtigt der Unterhaltungsaspekt. Die Darstellung der Boxkämpfe war mitunter also reiner Selbstzweck und diente nicht unbedingt dazu, eine bestimmte künstlerische Aussage zu unterstreichen. Dies soll jedoch die Bedeutung der hier vorgestellten Werke insbesondere als Wegbereiter für die Boxliteratur des 20. Jahrhunderts keinesfalls schmälern. Andrew Sinclairs Aussage zum unterschätzten Stellenwert Londons in der Literatur trifft den Punkt:
„Those who followed his self-dramatizing style of existence and his short, jerky, bald method of writing, such as Ernest Hemingway, forgot to acknowledge the inventor of the mode, which had more to do with Jack London´s Alaska than the Paris of Gertrude Stein. Jack also got little thanks from Dos Passos or Steinbeck or Kerouac for pioneering the hobo novel in The Road. Norman Mailer has not praised the American writer who, straight from the shoulder, made prizefighting the subject of his best journalism and professional fiction.” [Andrew Sinclair. Jack: A Biography of Jack London. London: Weidenfeld & Nicolson, 1978. 248]
(C) Martin Scheja

Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Jack London (3) „The Abysmal Brute“

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Der erfahrene Boxmanager Sam Stubener erhält im ersten Kapitel diese Romans [Jack London. The Game and The Abysmal Brute. London: Arco Pub., 1967. 65-142] einen Brief von Pat Glendon. Der ehemalige Schwergewichtsprofi, dem nur durch Pech und Betrug ein Weltmeistertitel vorenthalten blieb, bittet den Manager darin, seinen Sohn unter seine Fittiche zu nehmen. Glendon beschreibt Pat Junior als den perfekten Schwergewichtler. Da Stubener auf das Urteil des ehemaligen Weltklasseboxers vertraut macht er sich auf in die entlegenen Wälder Nordkaliforniens, um das junge Talent mit eigenen Augen zu sehen. Pat Glendon Junior übertrifft sowohl in physischer als auch in boxerischer Hinsicht alle Erwartungen und so nimmt ihn der Manager unter Vertrag. Allerdings besteht der Vater auf einer Klausel, die die Abmachung ungültig macht, sollte der Stubener den jungen Mann in unsaubere Geschäfte verwickeln. Der alte Mann hatte seinen Sohn nämlich in alle Finessen des Boxsports eingeweiht, ihn aber in einem abgelegenen Waldgebiet aufgezogen und ihm alle Berichte über Betrügereien in der Szene vorenthalten, um die Unschuld des jungen Mannes zu bewahren. Dessen Lehrerin war im übrigen die einzige Frau, mit der er zu tun hatte und vor deren Nachstellungen floh er in die Wälder.
Der junge Boxer begleitet den Manager allerdings nur um seines Vaters Willen nach Los Angeles und wird dort von Heimweh nach den Bergen geplagt. Seine ersten Kämpfe gewinnt Glendon Junior nach nur wenigen Sekunden durch K.O., was einen der Gegner zu folgender Aussage bewegt: „„What happened?“ he queried hoarsely. „Did the roof fall on me?““ [London. Abysmal Brute. 86]
Daraufhin überzeugt der Stubener seinen Schützling, seine nächsten Kontrahenten nicht so schnell bewußtlos zu schlagen, da es sein Ruf ansonsten schwierig machen würde, neue Gegner zu bekommen und da die Zuschauer für ihr Eintrittsgeld länger unterhalten werden wollen. Unmittelbar vor seinem nächsten Kampf hat Pat Junior die traurige Pflicht, seinen Vater zu beerdigen. Dennoch führt er die Anweisung seines Managers pflichtbewußt aus. Nach einer Weile gehen die beiden sogar dazu über, die Runden zu verabreden, in denen der Knockout stattfinden soll. Der Manager nutzt dies ohne das Wissen des Boxers aus und verdient durch seine Verbindung zu einem Wettsyndikat große Summen.
Der Boxer verbringt seine Freizeit mit dem Lesen von Gedichten und Museumsbesuchen. Da er nur wenig Zeit mit anderen Sportlern verbringt, sehr wortkarg ist und alle Kämpfe vorzeitig gewinnt wird er für dumm und brutal gehalten und ein Sportreporter verleiht ihm den Beinamen Abysmal Brute.
Im sechsten Kapitel des Romans wird die junge Maud Sangster vorgestellt. Um ihrer Unabhängigkeit willen verließ sie ihr millionenschweres Elternhaus und wurde Reporterin. Außerdem ist sie jung und hübsch, Staatsmeisterin Tennis, spielt mit Männern Polo und verfaßt Gedichte. Auf eigenen Wunsch übernimmt sie den Auftrag, für ihre Zeitung Pat Glendon zu interviewen, der inzwischen als möglicher neuer Weltmeister gehandelt wird. Dieser muß erst von seinem Manager überzeugt werden, dieses Interview zu geben, denn bislang hatte er sich stets von Reportern fern gehalten. Erst als er erfährt, daß die junge Frau, die das Gespräch führen soll auch Gedichte schreibt willigt er ein. Die Begegnung zwischen dem Schwergewichtler und der Reporterin ist ein zentraler Moment des Romans.
“The meeting was a mutual shock. When blue eyes met grey, it was almost as if the man and the woman shouted triumphantly to each other, as if each had found something sought and unexpected.” [London. Abysmal Brute. 103]
Obwohl der Manager dies zu verhindern sucht bringt die junge Frau das Gespräch auf Betrügereien im Boxgeschäft. Sie erklärt, daß einer ihrer Kollegen stets vorher weiß, in welcher Runde die Kämpfe Glendons enden werden. Glendon schickt nach diesem indirekten Betrugsvorwurf seinen Manager aus dem Raum. Nur dieser wußte schließlich außer ihm von der Abmachung, den Gegner im nächsten Kampf, Nat Powers, bis zur 16. Runde stehen zu lassen. Der junge Boxer verabredet mit der Reporterin den bevorstehenden Kampf in einer späteren Runde, der 18., zu beenden, um der Reporterin zu beweisen, daß sie mit ihrem Verdacht im Unrecht ist.
Maud Sangster schleicht sich als Mann verkleidet in die Arena, um den Fight zu verfolgen. Dort wird sie Zeugin, als Powers in der 16. Runde K.O. geht und wendet sich mit Abscheu ab. Glendon wollte den Kampf erst später beenden, doch sein Manager wollte kein Risiko eingehen und bestach den Gegner, in der verabredeten Runde zu Boden zu gehen. In dem Moment als Powers ohne Schlagwirkung zu Boden geht wird sich Glendon klar über die Verruchtheit des Boxgeschäftes.
Es gelingt ihm die junge Reporterin zu überzeugen, daß er nicht an dem Betrug beteiligt war. Die beiden heiraten Hals über Kopf und verbringen ihre Flitterwochen in den Bergen. Glendon beschließt noch ein letztes Mal zu kämpfen bevor er sich mit seiner Frau in die endgültig in die Einsamkeit der Natur zurückzieht. Seinen Manager läßt er in dem Glauben, er habe sich mit den dunklen Seiten des Boxgeschäftes abgefunden. Unmittelbar vor seinem letzten Kampf hält der junge Boxer unter dem Jubel der Zuschauer im Ring eine Rede, in der er die üblen Machenschaften des Wettsyndikates aufdeckt und die letzten Endes zu einer offiziellen Untersuchung der Boxbranche führt.
Der wütende Weltmeister, der als Gast unter den Zuschauern ist stürmt in den Ring, wird aber von Glendon mit einem Schlag ausgeknockt. Der eigentliche Kampf findet schließlich statt, denn Glendon will seinen Gegner nicht wie verabredet in der 14. sondern bereits in der ersten Runde ausknocken. Dies gelingt ihm auch und im Saal bricht ein Tumult aus, denn die Zuschauer fallen über die betrügerischen Boxer, Manager und Promoter her. Der Roman endet damit, daß Pat Glendon auf den Schultern seiner Anhänger getragen wird und erneut eine Rede halten muß.
Der Titel des Romans kommt von dem Spitznamen, den London 1905 dem dänischen Leichtgewichtsboxer Battling Nelson verlieh. Er meinte dies durchaus nicht abwertend:
“I like Nelson. I named him the „Abysmal Brute“ after his seventeen-round fight with Britt at Colma several years ago. Bat didn´t like it at first, but we got together and talked it over, and he began to appreciate the term. I called him that as a compliment. He has the primitive thing in his nerves and fibre and soul that goes ahead; that knows no quitting-primitive.” [Zitiert nach: Kingmann, Russ. A Pictorial Life of Jack London. New York: Crown, 1979, .226]
Im Roman dient der Titel wohl eher dazu, dem Leser klarzumachen, daß sich hinter einem scheinbar stupiden und brutalen Boxer auch ein sensibler und kluger Mann verbergen kann.
Die Kampfszenen in diesem Roman sind absolut überzeugend und realistisch. Der „Übermensch“ Pat Glendon, der körperlich, geistig und moralisch perfekt ist wirkt dagegen wie eine Figur aus einem Märchen. Im Wald aufgewachsen wurde er zum Vorbild für den klassischen Stereotypen des natural, des geborenen Athleten vom Lande. [vgl. Oriard, Michael: Dreaming of Heroes: American Sports Fiction, 1868-1980, Chicago: Nelson-Hall, 1982, 82]
Fast so als ginge es darum Londons Darstellung zu rechtfertigen wurde 15 Jahre nach der ersten Veröffentlichung von The Abysmal Brute ein Mann Weltmeister, der Pat Glendon in vielen Dingen entsprach. Gene Tunney sah blendend aus und erlitt als Profi nur eine Niederlage, schlug aber den Gegner danach noch mehrmals. Nachdem er innerhalb von drei Jahren fast 1.800.000 Dollar verdient hatte trat er zurück und widmete sich seinen Hobbys. [Higgs, Robert. The Unheroic Hero: A Study of the Athlete in Twentieth-Century American Literature. Diss. U. of Tennessee. Ann Arbor: University Microfilms International, 1961, 152] Dazu gehörte die Literatur und so gab Tunney sogar Shakespeare-Vorlesungen in Yale. Außerdem heiratete er eine Dame aus der High Society, welche der fiktiven Maud Sangster nicht unähnlich war. [ebd.]
Seit Muhammad Ali ist auch bekannt, daß ein Weltklasseboxer die Runde vorhersagen kann, in der er einen Kampf beenden wird, wenn auch nicht immer ganz korrekt. Der einzig wirklich utopische Teil des Romans ist folglich die Schlußszene, in der Pat Glendon im Ring eine Rede hält und damit anscheinend auf einen Schlag die gesamte Korruption im Boxgeschäft beseitigt. Ebenso unglaubwürdig ist, daß ihn die nur an ihrer Unterhaltung interessierten Zuschauer dafür bejubeln, ihn am Ende auf den Schultern tragen und noch eine Rede fordern.
Auffällig in diesem Roman sind noch die Anspielungen auf Glendons Rasse und seine irische Abstammung. Sein Vater schreibt über ihn: „Talk about the hope of the white race. This is him.“ [London. Abysmal Brute. 70] und im letzten Kapitel heißt es: „Glendon had the Celt´s intuitive knowledge of the psychology of the crowd.“ [London. Abysmal Brute. 135]
Man kann The Abysmal Brute einfach als Attacke gegen die Korruption im Boxgeschäft verstehen. Michael Oriard ist der Meinung, daß Jack London mit diesem Roman den Konflikt zwischen Stadt und Land darstellen wollte. [Oriard. Jack London: 3ff] Pat Glendon ist ein Kind der Natur, die ihn reichlich mit Talenten und Tugenden ausstattete. Er ist abstinent von Alkohol und Tabak, moralisch rein, gutaussehend, hat ein angeborenes Talent als Redner und besitzt nicht zuletzt die perfekten physischen Voraussetzungen für einen Boxer. Auf Frauen reagiert er mit Scheu, aber als er seiner idealen Partnerin begegnet erkennt er sie und verhält sich intuitiv richtig. Die Stadt dagegen ist das Zentrum der Korruption in dem der natural sich zwar problemlos behaupten kann, dem er die Einsamkeit der Natur jedoch vorzieht.
Der Aspekt der Flucht vor dem Übel der Stadt wird auch in einem anderen Roman thematisiert, in dem das Boxen eine Rolle spielt. Der Held im Roman „The Valley of the Moon“ [Jack London. The Valley of the Moon. New York: Macmillan, 1913] verdient gelegentlich als Boxprofi zusätzliches Geld. Als er aufgrund eines Streiks seinen Job verliert beschließt er mit seiner Frau Saxon aufs Land zu ziehen, wo sie Land kaufen und glücklich werden.
Will man einschätzen, inwieweit die hier angesprochenen Aspekte ein wirkliches Anliegen Londons war muß man besonders berücksichtigen, daß London das Plot für diesen Roman nicht selbst entwickelte, sondern es als „The Dress Suit Pugilist“ seinem Freund Sinclair Lewis für 7,50 Dollar abkaufte. [Vergleiche: Franklin Walker. „Jack London´s Use of Sinclair Lewis Plots, Together with a Printing of Three of the Plots“ in: Jacqueline Tavernier-Courbin (Hg.). Critical Essays on Jack London. Boston: Hall, 1983. 76]
(C) Martin Scheja