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Eine perfekte Inszenierung: Die erste PK zu Wladimir Klitschko vs. Tyson Fury

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Am 24. Oktober 2015 sollen Wladimir Klitschko (67 Kämpfe, 64 Siege, 3 Niederlagen, 3 durch KO) und Tyson Fury (24 Kämpfe, 24 Siege, 18 durch KO) im ehemaligen Rheinstadion in Düsseldorf gegeneinander boxen. Also in 3 Monaten geht es um die WM Titel der IBF, WBO im Schwergewicht und um den Super Champion Titel der WBA, den zwar Klitschko verlieren, aber allerdings Fury nicht gewinnen kann. Wie gesagt, der Kampf findet in drei Monaten statt. Aber es gab bereits am 21. Juli die erste Pressekonferenz.
Pressekonferenzen, besonders wenn sie lange vor dem angesetzten Termin für die Veranstaltung stattfinden, sind in der Regel relativ lahm und überraschungsarm. Eine Spannung muss sich erst aufbauen und jeder der Anwesenden weiß, dass es hier darum geht, die PR-Welle allererst anzuschieben. Aber diesmal war es doch etwas anders. Und das lag vor allem an der perfekten Inszenierung der PK.
Ort des Geschehens war der VIP Bereich des Rheinstadions. Auf der Terrasse war ein kleines Buffet mit Currywurst, Brötchen und Kanapees hergerichtet. In der Ecke stand ein Kühlschrank mit einem alkoholfreien Bier und auf den Stehtischen standen Etageren mit Spanschiffchen, die zwei Minifrikadellen mit Senf und Kartoffelsalat enthielten. Kellner brachten auf Wunsch Kaffee und Erfrischungsgetränke. Eine leichte Brise wehte durch das Stadion. Man stand im Schatten und schaute auf das satte Grün des Rasens inmitten des großen Ovals, man unterhielt sich und wurde verköstigt. Was will man als Journalist mehr?
Ein halbe Stunde vor Beginn setze dann ein wummerndes, wie ich finde, nerviges, Geräusch ein, einem Herzschlag nicht unähnlich.
Dann ging man in den vorbereiteten Raum im VIP-Bereich. Dort fand sich am Kopfende eine Reihe mit Tischen, auf denen fünf Weltmeistergürtel standen, dahinter eine Reihe Stühle für Klitschko und Co. und davor fünf Stuhlreihen für die Journalisten. An den Seiten war je ein großer Monitor angebracht. An einer Seite gab es noch Stehtische mit Hockern. Geschätzte 100 Journalisten aus dem In- und Ausland waren gekommen. Einer von ihnen war der ehemalige Weltmeister im Cruisergewicht Johnny Nelson.
Es wurden quasi gleich zwei Pressekonferenzen abgehalten, eine auf Deutsch, ohne Tyson Fury, der erst später dazukam und dann noch eine mit ihm gemeinsam. Die erste von diesen beiden Pressekonferenzen begann mit einem Video über das „unschlagbare Team“ RTL und Klitschko, das auf den beiden Monitoren eingespielt wurde. Da wurde vor allem stolz auf die Zahlen verwiesen. „Im Durchschnitt sahen 8,94 Millionen Zuschauer die bislang 18 Kämpfe von Wladimir Klitschko bei RTL, der Marktanteil liegt bei herausragenden 48,3 Prozent.“ Dann verkündete Frank Hoffmann, Geschäftsführer und Programmdirektor von RTL, dass Klitschko für weitere fünf Kämpfe bei RTL unterschrieben hat. Hoffmann und Bernd Bönte, der Geschäftsführer und Mitinhaber der „Klitschko Management Group GmbH“ und Manager von Klitschko und Klitschko, der eine bewundernswerte Eloquenz demonstrierte, zeigten sich dann noch hoch zufrieden mit ihrer Zusammenarbeit und der Vertragsverlängerung.
In der zweiten Pressekonferenz, die zweisprachig, in Deutsch und Englisch, geführt wurde, ging es dann um den bevorstehen Kampf in drei Monaten. Als erster trat Thomas Pütz, Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer, ans Pult und betonte die Bedeutung der Veranstaltungen von Klitschko für den BDB. Ihm auf dem Fuß folgte Bernd Bönte, der Klitschko in eine Reihe mit Joe Luis, Larry Holmes und Muhammad Ali stellte und vor allem Werbung für die Veranstaltung machte. Er sagte, es sei ein Showact der Extraklasse geplant und werde bald angekündigt. Die Eintrittskarten sollen zwischen 29 und 890 Euro kosten. In über 150 Länder soll übertragen werden; HBO überträgt in den USA, mit vier britischen TV-Stationen werde noch verhandelt. Und überhaupt sei der Kampf gegen Fury das Beste, was zur Zeit möglich sei.
Es folgten Mike Hennessy, der Manager, und Peter Fury, der Trainer von Fury, am Rednerpult. Hennessy führte aus, dass der bevorstehende Kampf die Erfüllung eines Traumes sei. „Tyson Fury ist vorherbestimmt, Weltmeister zu werden.“ Sein Schützling sei einer der besten Schwergewichtler aller Zeiten. Mike Fury, der Tysons Vater ist, machte deutlich, sein Sohn komme zum Gewinnen und nicht, um sich auf die Matte zu legen.
Es folgte ein weiterer Einspieler, diesmal über Tyson Fury, der dann auch selbst ans Pult trat. Gut gelaunt begrüßte er die Anwesenden auf Deutsch. Dann witzelte er, nach seinem Sieg über Klitschko auch bereit zu sein, den TV Vertrag mit RTL zu übernehmen. Dann betonte er noch, er sei einzigartig und einen Boxer wie ihn, gäbe es nur alle 1.000 Jahre mal.
Wieder gab es einen Einspieler, diesmal über Wladimir Klitschko, der dann zum zweiten Mal ans Pult trat. Er reagierte souverän und witzig auf eine Äußerung von Fury über sein Alter und lobte ihn als Boxer und als Entertainer. Er nehme den Herausforderer Fury sehr ernst, und er verspreche, 100% vorbereitet zu sein. Nebenbei bemerkt, brauchte Klitschko keinen Übersetzter. Er übersetze sich selbst.
Sodann durften die Pressevertreter ihre Fragen stellen. Wie üblich, taten das aber nur wenige Kollegen. Klitschko nahm das zum Anlass einzugreifen: „Ihr müsst euch Fragen überlegen und fragen!“ Also stellte er eben selber eine Frage an Fury, oder besser: Er drückte auf den richtigen Knopf und Fury reagierte genau so, wie er es haben wollte. Fury wurde emotional – und dabei war er sehr unterhaltsam. Er beteuerte, die Welt von diesem Langeweiler Klitschko befreien zu wollen. Klitschko sei doch ein alter Mann und er werden ihn KO schlagen.Er prahlte: Er sei unberechenbar. Er sei der Beste. … Klitschko warf zwischendurch einen Satz ein und Fury reagierte prompt darauf. Wladimir Klitschko hatte alles unter Kontrolle.
Zum Abschluss dann das übliche chaotische Staredown für die Photographen und später noch die Möglichkeit, die beiden Boxer im Stadion zu fotografieren.
Die erste Pressekonferenz zu Klitschko vs. Fury war eine perfekte Inszenierung. Was dabei auffiel, war, dass Wladimir Klitschko nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Regisseur der PK war.
© Uwe Betker

Istvan Szili – Auf zu neuen Ufern

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Es ist eines der großen Rätsel des Boxens, nach welchen Kriterien die großen deutschen Veranstalter ihren Stall zusammenstellen. Wenn man zurückschaut und sich anguckt, wer alles einen Vertrag bekommen hat und aus wem dann etwas geworden ist, kann man nur feststellen, dass die Verantwortlichen nicht immer ein glückliches Händchen haben. Natürlich kann nicht aus jedem Boxer ein Weltmeister werden. Und manchmal werden Boxer auch nur unter Vertrag genommen, weil sie billig sind und sich als Sparringspartner eignen. Auch wenn man all dies in Rechnung stellt, ist die Ausbeute einfach nicht optimal. Ich würde beispielsweise, könnte ich denn einen Boxstall eröffnen, den Mittelgewichtler Istvan Szili (20 Kämpfe, 18 Siege, 8 durch KO, 2 Unentschieden) unter Vertrag nehmen.
Istvan Szili ist 32 Jahre alt und derzeit die Nummer 54 der unabhängigen Weltrangliste. Er ist nur wenige Kämpfe von der absoluten Weltspitze entfernt. Aber genau das ist auch sein Problem, denn diese Kämpfe bekommt er hier nicht, weil er eben keinen großen Veranstalter an seiner Seite hat. 2014 hat er insgesamt nur zwei Kämpfe bekommen. Hinzu kommt noch, dass er als Nicht-Heimboxer zwei ungerechtfertigte Unentschieden, am 23.08.2013 gegen Goekalp Oezekler und am 02.05.2014 gegen Matteo Signani, hinnehmen musste. Wir erinnern uns: Der Kampf gegen Oezekler wurde zur Fehlentscheidung des Jahres 2013 gekürt.
Der umtriebige Veranstalter Benedikt Poelchau (Blanko Sports) ist der Manager von Szili. Dieser hat nun für den 17. Juli in Bethlehem, Pennsylvania, USA ein Kampf besorgt. Der ungarischen Wahl-Schweizer Szili soll gegen das amerikanische Spitzentalent Antoine Douglas (18 Kämpfe, 17 Siege, 11 durch KO, 1 Unentschieden), die Nummer 39 der unabhängigen Weltrangliste, kämpfen. Es ist der Hauptkampf des Abends, der vom US-TV Sender Showtime live übertragen wird.
Nun könnte man natürlich sagen „jeder Profi-Boxer träumt davon, ein Mal in seiner Karriere auf einem der großen amerikanischen Box-Sender – Showtime oder HBO – zu boxen“, ich aber glaube eher, dass jeder Boxer davon träumt, bei einem großen Veranstalter einen Vertrag zu bekommen, der sich seriös um den Aufbau und die Weiterführung seiner Karriere kümmert. Der TV Sender Showtime ist der größte Box-TV-Sender der Welt. Erst vor kurzem machte er den teuersten Kampf der Box-Geschichte: Floyd Mayweather gegen Manny Pacquiao in Las Vegas möglich. Und nun hat der ungeschlagene Szili einen Vertrag über zwei Kämpfe bei Showtime unterschrieben.
Das hört sich doch erst mal gut an. Aber machen wir uns nichts vor: die USA hat nicht wirklich auf Szili gewartet. Man macht es ihm nicht leicht und man wird es ihm nicht leicht machen. Er geht nach Amerika, um in seinem ersten Kampf für den amerikanischen TV Sender gegen einen Top-Boxer anzutreten – natürlich in der Hoffnung zu gewinnen und ein faires Urteil zu bekommen. Gewinnt “the Prince” Szili geht es weiter gegen einen noch stärkeren Mann. Verliert er, zeigt dabei aber eine gute Leistung, dürfte er Teil des großen Boxer-Pools von Showtime bleiben. Verliert er beide Kämpfe aber deutlich, dann steht er mit leeren Händen da. Wenigstens hat er aber versucht, seiner Karriere Schwung zu verleihen. Ich drücke ihm auf jeden Fall die Daumen. – Aber wie schon gesagt, mir ist es ein Rätsel, nach welchen Kriterien die großen deutschen Veranstalter ihren Stall zusammenstellen.
© Uwe Betker

Über den Umgang mit Fehlurteilen – ein Blick über den Teich

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Am 09.07.2011 boxte in Atlantic City, New Jersey Paul Williams (42 Kämpfe, 40 Siege, 27 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO) gegen Erislandy Lara (17 Kämpfe, 15 Siege, 10 durch KO, 1 Niederlage, 1 Unentschieden). Williams ging als Favorit in den auf 12 Runden angesetzten WBC Junior Mittelgewichts Eliminator. Der um 10 Zentimeter größere Williams konnte jedoch seiner Favoritenrolle nicht gerecht werden. Lara war zu schnell, zu explosiv und zu diszipliniert. Daher konnte auch niemand verstehen, warum die Punktrichter Donald Givens 116-114 und Hilton Whitaker III 115-114 für Williams punkteten und Al Bennett mit 114-114 den Kampf unentschieden wertete. So weit, so bekannt: Ein Boxer wird durch Punktrichter um den Lohn seiner Arbeit gebracht. Dergleichen müssen wir auch hier in Deutschland immer wieder mit ansehen.
Aber im Gegensatz zu Deutschland, wo solche Fehlurteile gerne oder klaglos akzeptiert werden, hatte dieser Skandal Folgen. Alle drei Punktrichter wurden von der zuständigen New Jersey State Athletic Control Board bis auf weiteres suspendiert. „Falls sie noch einmal eingesetzt werden sollten, müssen sie zuvor mehrere Schulungen absolvieren.“ Eine solche, wie ich finde, angemessene Reaktion auf unfähige, korrupte oder servile, dem Willen der Veranstalter hinterher hechelnde, Punktrichter ist in Deutschland leider nicht möglich. Obwohl die USA so wenig staatliche Reglementierung wie möglich wollen, gibt es dort aber doch staatliche Stellen, die versuchen, das Profiboxen zu kontrollieren. In Deutschland ist das Profiboxen dem einfachen Vereinsrecht ausgeliefert. Erst unlängst hatte ich ein längeres Gespräch mit dem Präsidenten des Bundes Deutscher Berufsboxer Thomas Pütz. In diesem Gespräch betonte er, dass sein Verband machtlos sei, wenn Punktrichter ihre Aufgabe schlecht erledigten. Gerade Punktrichter, die sich in der Vergangenheit schon durch, wie ich finde, skandalöse Fehlurteile hervorgetan hatten, werden von bestimmten Veranstaltern explizit angefordert.
Ein weiter Unterschied zwischen den USA und Deutschland ist, dass sich die amerikanischen Fernsehanstalten es in der Regel nicht nehmen lassen, das zu berichten, was wirklich im Ring passiert. Dadurch, dass sich deutsche TV Sender exklusiv an einen Veranstalter binden, fühlen sich die Reporter diesen so nahe, dass sie in der Regel aufhören, Journalisten zu sein, und zu Propagandisten mutieren. Diese Verkäufer eines Produkts parlieren gerne über „Heimvorteil“ und „Weltmeisterbonus“, wenn es darum geht zu verschleiern, dass sie nicht das Rückgrat haben zuzugeben, dass „ihr Boxer“ in Wirklichkeit verloren hat. Auch die so genannten „Boxexperten“, ehemalige Boxer, die für den TV-Sender als Co-Moderator auftreten, schaffen es einfach nicht, einen Betrug einen Betrug, ein Fehlurteil ein Fehlurteil zu nennen und auch nur irgendetwas Kritisches gegenüber ihrem ehemaligen Veranstaltern zu vertreten.
Es wäre nicht schlecht, wenn das Profiboxen in Deutschland in einigen Dingen von den USA lernen würde.
© Uwe Betker

Die Klitschko und die Langweile

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Vitali und Wladimir Klitschko erinnern mich in gewisser Weise an Herold Johnson (87 Kämpfe, 76 Siege, 32 durch KO, 11 Niederlagen 5 durch KO), den großen Halbschwergewichtler der 50er und 60er Jahre, der als einer der besten Techniker aller Zeiten gilt. Johnson war auch derjenige, der Gustav „Bubi“ Scholz (96 Kämpfe, 88 Siege, 46 durch KO, 2 Niederlagen, 6 Unentschieden) am 23.06.1962 den Weltmeistertitel verwehrte. Johnsons Kämpfe wurden nie vom amerikanischen Fernsehen übertragen. Die damaligen Verantwortlichen gingen davon aus, dass Johnsons Maß an boxerischer Perfektion für das Publikum nur langweilig sein könnte.
Die Klitschko Brüder sind nicht perfekt, auch wenn sich unlängst eine Moderatorin eines Kulturmagazins im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bei einer Besprechung der Klitschko-Dokumentation hierzu verstiegen hat. Die beiden ukrainischen Brüder sind weit von der boxerischen Perfektion eines Herold Johnson entfernt, aber sie haben etwas mit ihm gemeinsam, das mich langweilt, nämlich ihre Dominanz.
Die Klitschkos beherrschen das Schwergewicht so deutlich, dass es schon langweilig ist. Spannung kann nur entstehen, wenn es einen Unsicherheitsfaktor gibt. Muhammad Ali (61 Kämpfe, 56 Siege, 37 durch KO, 5 Niederlagen, 1 durch KO) wurde erst zum Größten durch seine epischen Ringschlachten mit Joe Frazier (37 Kämpfe, 32 Siege, 27 durch KO, 4 Niederlagen, 3 durch KO, 1 Unentschieden). Die Klitschkos haben keinen Frazier. Sie haben keinen Erzrivalen. Daher gibt es auch keine Spannung und ich empfinde es einfach nur als langweilig und uninteressant.
Offensichtlich bin ich aber mit meinem Gefühl der Langweile nicht alleine. Wie ließe es sich denn sonst erklären, dass so viele für David Haye sind – und das, obwohl seine Bewerbung des nun bevorstehenden Kampfes an Geschmacklosigkeit kaum noch zu überbieten ist. Das Klitschko Management prahlt gerne damit, in wie viele Länder die Kämpfe übertragen werden. Es fällt aber auf, dass viele Klitschko-Kämpfe von dem großen Bezahlfernsehsender HBO nicht übertragen werden. Und HBO ist nun mal weltweit immer noch das Maß aller Dinge, jedenfalls was das Boxen angeht.
© Uwe Betker

Der Feuervogel sucht die Herausforderung in den USA

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Er kann in seiner Heimat nicht über die Straße gehen, ohne erkannt, angesprochen und um ein Autogramm gebeten zu werden. Er ist ein Volksheld. Er ist ungeschlagen und er könnte wohl in den nächsten Jahren die größten Hallen und Stadien füllen. Und dafür bräuchte er nur irgendwelche Taxi fahrenden Semiprofis verprügeln. Aber das will Zsolt Erdei (32 Kämpfe, 32 Sieg, 17 durch KO) nicht. Der auch hierzulande sehr bekannte Ungar sucht die Herausforderung.
Nach einer langen und erfolgreichen Amateurkarriere (232 Kämpfe, 212 Siege, Weltmeister 1997, 1998 und 2000 Europameister, Bronzemedaille bei dem olympischen Spielen 2000) wurde er bei Universum  Box-Promotion in Hamburg Profi. Er wurde durch einen Punktsieg über Julio Cesar Gonzalez (17.01.2004) Weltmeister und besiegte damit den Bezwinger von Dariusz Michalczewski.
Wenn ich mir nun anschaue, wen Klaus-Peter Kohl noch behalten hat, so kann ich mich nur wundern. Es ist mir völlig unverständlich, warum Universum Box-Promotion den Vertrag von Erdei einfach auslaufen ließ. Der Boxer mit dem poetischen Kampfnamen Feuervogel wurde Anfang 2004, am 17.01.2004 gegen Julio Cesar Gonzalez, durch einen einstimmigen Punktsieg Weltmeister der WBO in Halbschwergewicht. Er verteidigte seinen Titel in den folgenden fünf Jahren 11-mal erfolgreich. Er boxte gegen jeden, den sein Veranstalter ihm in den Ring stellte. Aber sein Veranstalter griff nicht ein einziges Mal etwas tiefer in die Tasche, um einen Gegner für ihn zu bekommen, der auch international von Bedeutung war. Erdei wurde in Ungarn zu einem Star, aber in Deutschland blieb er nur einer von vielen Weltmeistern.
Warum sein Promoter Kohl nicht versucht hat, den netten und freundlichen Familienmenschen Erdei, der sogar ein Kinderbuch geschrieben hat, in der Öffentlichkeit zu positionieren, wird vermutlich für immer ein Geheimnis bleiben. Wenn ich mich recht erinnere, musste Erdei sogar als Weltmeister im Vorprogramm für Regina Halmich boxen. Selbst nach dem Zusammenbruch von Universum setzte Kohl lieber weiter auf Boxer, von denen keiner weiß, ob sie nicht schon bald wieder im Gefängnis sitzen oder ob sie überhaupt jemals wieder boxen werden, als auf ihn.
Erdei zog für sich eine ganz erstaunliche Konsequenz: In einem Alter, in dem andere Boxer in den Ruhestand gehen, fängt er noch einmal von vorne an. Er unterschrieb einen Vertrag mit dem US-Promoter Lou di Bella, der noch bis Juni 2012 laufen soll. Er will sich nun in den USA durchsetzen und dort die Besten seiner Gewichtsklasse boxen. Offensichtlich sucht er noch mal die Herausforderung.
Bereits in seinem letzten Titelkampf machte er deutlich, dass er die Herausforderung sucht und annimmt. Da kämpfte er um den WBC-Titel im Cruisergewicht. Er besiegte Giacobbe Fragomeni in einem harten Fight am 21.11.2009 nach Punkten. Erdei bestreitet es zwar, aber man konnte damals schon den Eindruck gewinnen, dass Kohl den WBO-Titel für Jürgen Brähmer haben wollte.
Erdei, die Nummer 16 der unanhängigen Weltrangliste, boxt am 04.06.2011 gegen Byron Mitchell (36 Kämpfe, 28 Siege, 21 durch KO, 7 Niederlagen, 1 Unentschieden). Mitchell steht auf Position 55 der Rangliste und war immerhin zweimaliger Weltmeister der WBA im Super Mittelgewicht. Einige erinnern sich vielleicht noch an seine sehr knappe Punktniederlage, als er am 15.03.2003 gegen Sven Ottke einen Titelvereinigungskampf bestritt. Mitchell könnte Erdeis letztes Hindernis vor einem erneuten Titelkampf sein. Bereits Erdeis letzter Kampf am 20.11.2010 im Vorprogramm des WBC- Weltmeisters im Mittegewicht Sergio Gabriel Martinez war auf HBO, dem großen amerikanischen Bezahlfernsehsender, zu sehen.
Der Feuervogel sucht die Herausforderung in den USA.
© Uwe Betker

Die Ankündigungen von Felix Sturm

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Wenn man sich so ansieht, wie der Super Champion der WBA im Mittelgewicht Felix Sturm (38 Kämpfe, 35 Siege, 15 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO, 1 Unentschieden) immer wieder öffentlich macht, gegen wen er boxen möchte und gegen wen nicht, kann man schon ins Grübeln kommen.
Sturm hatte einen perfekten Start. Er boxte am 04.09.2010 gegen Giovanni Lorenzo. Das war der richtige Gegner nach seiner langen Zwangspause. Kaum hatte er überzeugend gewonnen und auch SAT 1 überzeugt, ging es auch schon, wie ich finde, bergab. Er watschte öffentlich die beiden deutschen Weltmeister Sebastian Sylvester (nach Version IBF) und Sebastian Zbik (nach Version WBC) ab, indem er erklärte, dass ein Kampf mit einem von diesen Beiden sportlich uninteressant sei. Lediglich ihre Titel seien für ihn von einigem Interesse. Kurz nachdem er einen Kampf mit den Beiden ausgeschlossen hatte, boxte er am 10.02.2011 gegen Ronald Hearns – ein grauenhaftes Mismatch.
Für diesen Kampf musste der Wahlkölner viel Kritik einstecken. Sturm zog hieraus die Konsequenz und verkündete munter, er wolle nun doch gegen den von ihm so geschmähten Zbik (30 Kämpfe, 30 Siege, 10 durch KO) antreten. Er betonte nun, dass eine deutsch-deutsche Titelvereinigung ja doch etwas ganz besonders Tolles sei. Richtig!
Allerdings war zu diesem Zeitpunkt schon allen Boxinteressierten klar, dass ein solcher Kampf, zumindest vorläufig, sehr unwahrscheinlich ist. Der Weltverband WBC hatte nämlich bereits einen Kampf zwischen Zbik und Julio Cesar Chavez Jr. (44 Kämpfe. 42 Siege, 30 durch KO, 1 Unentschieden) angeordnet. Zwar kommen Titelvereinigungen vor Pflichtverteidigungen, aber wenn ein Verband einen Kampf bereits angeordnet hat, muss man schon mit sehr guten Argumenten und sehr viel Geld ankommen, um diese Pflichtverteidigung noch verschieben zu können. Spätestens als der amerikanische Bezahlfernsehsender HBO angekündigt hatte, den Kampf der Beiden zu übertragen, musste also jedem klar geworden sein, dass die Verlautbarung von Sturm zumindest box-weltfremd ist. Zbik boxt am 04.06.2011 in Los Angeles gegen Chavez Jr.
Die nächste vollmundige Ankündigung von Felix Sturm folgte prompt. Nun verkündete er, er wolle Kelly Pavlik (38 Kämpfe, 36 Siege, 32 durch KO, 2 Niederlagen) boxen. Das wäre eine wirklich tolle Kampfansetzung. Aber auch hier gibt es ein Problem: Der ehemalige Weltmeister im Mittelgewicht nach Version WBC und WBO ist gerade erst aus einer dreimonatigen Alkoholentwöhnungsbehandlung entlassen worden. Außerdem hatte er schon angekündigt, ins Super Mittel aufsteigen zu wollen, wo er auch bereits gerankt ist. Das ist eine Tatsache, die jedem in der Branche bekannt ist. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass Felix Sturm das nicht weiß. Ich frage mich nun aber, wieso er dann so etwas verkündet.
Danach preschte Felix Sturm nun nicht mehr mit einer Ankündigung vor, von der jeder wissen kann, dass sie zumindest unrealistisch, wenn nicht sogar falsch ist. Vielmehr wurde jetzt versucht, im Stillen einen Gegner zu finden. Es drang dann aber doch etwas an die Öffentlichkeit, nämlich dass er Marco Antonio Rubio (55 Kämpfe, 49 Siege, 42 durch KO, 5 Niederlagen, 3 durch KO, 1 Unentschieden) im Visier hatte. Auch das wäre ein guter Kampf. Nur hatte Rubio leider bereits die Verträge für einen WM-Ausscheidungskampf gegen David Lemieux (25 Kampfe, 25 Siege, 24 durch KO) unterschrieben. Der Kampf findet bekanntlich am 8. April in Montreal statt. Eine Pressekonferenz fand in Kanada auch schon statt und der Vorverkauf hat wohl bereits vor geraumer Zeit angefangen.
Nun soll der Gegner Avtandil Khurtsidze heißen, aber dazu später mehr…
© Uwe Betker

Reggie Gross (2)

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Der am 01.01.1962 in Baltimore geborene als Reginald Gross lebt heute im Staatsgefängnis Memphis / Tennessee, wo er eine 75-jährige Gefängnisstrafe absitzt – Insassennummer 26215-037. Dabei war Gross ein viel versprechender Boxer in den 80er Jahren.
Gross wurde von seiner allein erziehenden Mutter aufgezogen. Sein Vater Russell Allston wurde in einer Auseinandersetzung auf der Straße erstochen, als Reggie drei Tage alt war. Sie zogen öfters um, einige der Nachbarschaften in den sie lebten, waren bevölkert von Heroin- und Kokainsüchtigen. Mit 13 wurde Gross wegen Taschendiebstahl verhaftet, danach lebte er mehrere Jahre in Wohngruppen für jugendliche Straftäter. Dort lernte er auch die erste Lektion Boxen.
1979 arbeitete er auf dem Bau und träumte davon, der nächste Muhammad Ali zu werden. So fand er seinen Weg zu Mack Lewis. Der legendäre Trainer Lewis, der im November 2010 im Alter von 92 Jahren starb, war eine Institution in Baltimore. Hunderte von Boxern trainierte er in mehreren Jahrzehnten in seinem berühmten Eager Street Gym. Seinen größten Erfolg hatte er mit Vincent Pettway, der unter seiner Führung Weltmeister im Junior Mittelgewicht wurde. Auch Hasim Rahman erlernte bei ihm das Boxen.
Lewis formte aus dem 1 Meter 91 großen, jungen, muskulösen Mann einen guten Halbschwergewichtler. Er hatte nur 22 Amateurkämpfe, von denen er 19 gewann. Dann wurde er Profi (07.01.1982), nach nur 11 Monaten Training. Er lebte bei seinen Großeltern und seine Karriere entwickelte sich gut. Er gewann seine ersten 14 Kämpfe in Folge. Einer von denen, die er hier besiegte, war der spätere Weltmeister im Halbschwergewicht Charles Williams (12.03.1983, KO 1). Diese Erfolge verhinderten aber nicht, dass Gross auch an seiner kriminellen Karriere arbeitete. Der Verkauf von Drogen versprach viel Geld und er nahm Kokain. Zum einen trainierte er im Gym von Mack Lewis. Er wollte den boxerischen Erfolg. Gleichzeitig lockte aber auch das schnelle Geld.
Anfang 1984 passierte etwas, wodurch er dann aufhörte, ein Boxer zu sein. Sein damals 5-jähriger Sohn Philip verbrannte bei einem Feuer im Haus seiner Großeltern. Danach war Gross nicht mehr derselbe. Er bekam zwar noch drei Kinder, und er boxte auch noch weiter, aber er war nicht mehr mit dem Herzen dabei. In dieser Zeit verlor er seine ersten Kämpfe (Anthony Witherspoon, 11.04.1984, L TKO 7 und 1984-05-23 Jack Johnson, 23.05.1984, L10).
Gross gewann und verlor Kämpfe. Diejenigen, gegen die er verlor, kennt man noch heute (Jesse Ferguson, 20.09.1984, TKO 3 und Henry Tillman, 04.03.1986, L 10). Aber er war auch immer noch für eine Überraschung gut. So brachte er dem ungeschlagenen Bert Cooper (31.01.1986) seine erste Niederlage bei (TKO 8).
Dann kam der Kampf gegen den Gegner, den sich alle ambitionierten Schwergewichtler wünschten, der Kampf gegen Mike Tyson, der mehrfach verschoben worden war. Ein Kampf versprach mediale Aufmerksamkeit (HBO), eine gute Börse ($ 50.000) und bei einem Sieg die Chance auf noch mehr Geld. Tyson war auf dem Zenit seines Könnens. Obwohl Gross hart traf und ihn erschütterte, fällte Tyson Gross dann mit zwei linken Haken.
Während Gross aber noch auf seinen Kampf gegen Tyson wartete, nahm seine andere Karriere richtig Schwung auf. Er verübte mehrere Raubüberfälle, zum einen um Drogen, zum anderen um Geld für Drogen zu erbeuten. Er war wohl auch in den blutigen Drogenkrieg verwickelt, der auf den Strassen von Baltimore tobte. Seine Einnahmen als Boxer reichten einfach nicht aus, um seinen Drogenkonsum zu finanzieren.
Es folgten noch ein paar große Kämpfe/Niederlagen gegen Frank Bruno (30.08.1987), Adilson Rodrigues (11.10.1987) und Donovan Ruddock (27.061988). Dann war die Box-Karriere von Gross zu Ende: 27 Kämpfe, 19 Siege, 14 durch KO, 8 Niederlagen, 5 durch KO. Seine andere, die kriminelle, Karriere ging weiter.
Bereits 1986 war er fest genommen und angeklagt worden wegen eines exekutionsähnlichen Mordes an einem Mitglied einer rivalisierenden Gang. Er soll einen Mann niedergeschossen und ihm dann fünf weitere Kugeln in den Kopf geschossen haben, während der Mann um sein Leben bettelte und versuchte weg zu kriechen. Obwohl Zeugen dies im Prozess aussagten, wurde Gross freigesprochen. Gross beteuert bis heute seine Unschuld.
Im Sommer 1989 wurde Gross erneut angeklagt. Das FBI hatte die Drogen-Gang unterwandert. Er musste sich unter anderem wegen Mordes an zwei Drogendealer mit einer Maschinenpistole verantworten. Er bekannte sich schuldig für diese zwei und noch einen weiteren Mord. Heute sagt er, dass er das nur getan hätte, weil er auf Entzug gewesen wäre. Gross wurde zu einer Haftstrafe von 75 Jahren verurteilt.
© Uwe Betker