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Die Fernsehwelt ist bunt: Tyron Zeuge in „Beginner gegen Gewinner“

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Es gibt Fernsehformate, die sind einfach nur seltsam. Da habe ich z.B. auf PRO7 eine Art Showformat entdeckt, das den Titel „Beginner gegen Gewinner“ trägt. „Joko Winterscheidt lässt hier Hobbysportler gegen Champions in ihren Paradedisziplinen antreten. Um das Leistungsgefälle etwas abzumildern, dürfen die Hobbysportler den Profis vor dem Duell ein schwächendes Handicap verpassen.“ Der TV-Sender bewirbt die Sendung im Internet wie folgt: „Was ist spannender als der Wettkampf David gegen Goliath?

Am 04. August wurde die zweite Episode der zweiten Staffel ausgestrahlt. Offensichtlich handelte es sich um eine Aufzeichnung, denn der dort auftretende Tyron Zeuge wurde noch als amtierender und ungeschlagener Weltmeister der WBA im Super Mittelgewicht angekündigt. Zeuge hat seinen Titel aber am 14. Juli in Offenburg gegen Michael Rocky Fielding (28 Kämpfe, 27 Siege, 15 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch KO) durch TKO in Runde 5 verloren.

Es begann mit einem Einspieler, elegisch dramatische Musik und eine markante Stimme aus dem Off, die, wenn ich denn richtig gehört habe, sowas sagt wie: „Boxen – Mann gegen Mann – linker Jab – rechte Grade – Aufwärtshaken – Seitwärtshaken – Verteidigung – Angriff – Knock Out. Die wichtigste Regel: Triff deinen Gegner, bevor er dich trifft. Wer im Ring überleben will, braucht Ausdauer wie ein Marathonläufer, Schlagschnelligkeit, Kraft wie ein Bodybuilder und einen unerschütterlichen Siegeswillen.“

Anschließend wurden die beiden Teilnehmer vorgestellt. Zuerst war das „Boxwunderkind“ Zeuge an der Reihe. Glaubt man einer Einblendung, so hatte Zeuge bis dahin alle seine 22 Profikämpfe gewonnen. Seinen ersten Kampf gegen Giovanni De Carolis, am 16.07.2016, haben die Punktrichter allerdings als Unentschieden gewertet. Danach wurde Vadim, seines Zeichens Chemiekant und Barkeeper, vorgestellt. Man erfährt über ihn, dass er mit sieben Jahren von Kasachstan nach Altötting gezogen ist, wo er, neunjährig, mit dem Boxen anfing, was er zwischenzeiltlich wieder aufgegeben hat. Wie lange Vadim nun geboxt hat, habe ich nicht mitbekommen. Etwas seltsam erschien mir, dass man Vadim Nachnamen nicht erfuhr. Vadim hieß immer nur Vadim und so boxte dann also Vadim gegen Tyron Zeuge. Lediglich bei der Michael Buffer Kopie, die der Moderator der Sendung Joachim „Joko“ Winterscheid darstellte, brüllte dieser wahrscheinlich einmal den Nachnamen von Vadim. Aber zu verstehen war er nicht. Der Kommentator des Kampfes, Elmar Paulke, sagte mal Vadim Silev (?), aber ich kann mich auch verhört haben. – Ich persönlich finde, es zeugt von schlechtem Stil, jemanden nicht richtig vorzustellen. Aber vermutlich habe ich dazu gar nichts anzumerken, weil ich nicht zur Werberelevanten Zielgruppe von Helmut Thoma gehöre.

https://www.prosieben.de/tv/beginner-gegen-gewinner/videos/22-boxen-clip

Vadim durfte nun für Zeuge ein Handicap aussuchen. Zur Auswahl standen: ein „Monohandschuh“, also ein Boxhandschuh, in den beide Hände zusammen gesteckt sind, Gummibänder zwischen Hand- und Fußgelenken und Rollschuhe. Vadim entschied sich für die Rollschuhe, die Zeuge dann anzog.

In einem der Bavaria Studios in München war ein Ring mit drei Seilen aufgebaut. Am Ring saßen Fernsehkoch Tim Mälzer und TV-Moderator Johannes B. Kerner. Die diskutierten dann gemeinsam mit Winterscheidt über die Vor- und Nachteile der einzelnen Handicaps. Mälzer sagte dabei scherzhaft über Zeuge: „ich glaub, der kann gar nicht so doll zuhauen.“ Winterscheidt konterte darauf mit: „Ich bin mir auch ziemlich sicher: Er boxt sonst zwölf Runden. Das sind jetzt nur drei. Wenn er noch Luft hat nachher, er haut dir  noch gerne eine rein.“

Der Kampf war auf drei mal zwei Minuten angesetzt. Beide boxten ohne Kopfschutz. Es gab einen Ringrichter, zwei Punktrichter und einen Kommentator. Zeuge hatte schon seine liebe Müh und Not, auf den Rollschuhen in den Ring reinzurollen. Der weitere Kampfverlauf ist schnell erzählt. Zeuge rutschte beim Schlagen immer weg. Vadim machte Tempo. Keiner wollte dem anderen ernstlich wehtun. Irgendwann waren die sechs Minuten Kampf dann vorbei.

Die Ringrichter erklärten Vadim mit 9:3 zum Punktsieger.

Vermutlich hat den meisten Zuschauern die Spielshow gefallen. Wenn die Einschaltquoten stimmen, wird die Produktionsfirma Florida TV und der TV-Sender ProSieben die Welt noch mit weiteren Folgen beglücken. Tyron Zeuge (24 Kämpfe, 22 Siege, 12 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch KO, 1 Unentschieden) wird gute und wohlüberlegte Gründe gehabt haben, in dieser Show aufzutreten.

Mich allerdings spricht die Show nicht an. Einiges an der Show halte ich für eher problematisch. Vor allem aber wird hier, wie ich finde, ein ziemlich schräges Bild vom Boxen gezeichnet. Schon die Behauptung, ein Boxer habe Kraft wie ein Bodybuilder, ist etwas abstrus. Da wird auch selbstverständlich unterstellt, ein Boxer würde nach einem Kampf einem TV-Koch gerne noch eine rein hauen.

Auch, dass aus einem Unentschieden einfach mal ein Sieg gemacht wurde. Durch den Aufbau eines Rings mit drei Seilen, an Stelle der üblichen vier oder mehr, hat man zudem das Unfallrisiko von Zeuge unnötig erhöht. Und schließlich stellt sich nach der WM-Niederlage von Zeuge auch die Frage: Wann wurde die Show eigentlich aufgenommen? Fiel sie etwa in die Vorbereitungszeit zu Zeuges letztem Kampf?

© Uwe Betker

 

Die hohe Hürde bei RTL

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Jeder Veranstalter von Boxveranstaltungen träumt davon einen TV Vertrag mit RTL zu bekommen. Man kann davon ausgehen, dass schon viele Veranstalter wie auch Möchtegernveranstalter bei dem Sender in Köln an die Tür geklopft haben. Aber nur wenige Veranstalter hatten bis jetzt Erfolg, nämlich Sauerland Promotion und Klitschko Management Group. Der Grund dafür ist, dass RTL die Hürde mittlerweile sehr hoch gelegt hat.
Als im Dezember 1992 RTL anfing Boxen zu zeigen, war dies aus der Not geboren. Den Programmverantwortlichen war aufgefallen, dass ihnen attraktiver Sport im Programm fehlte. Die Berichterstattung der Fußball-Bundesliga war gerade Sat 1 zugefallen, und RTL brauchte nun dringend Ersatz. Da es aber nur sehr wenige TV-taugliche Sportarten gibt, kam man schnell aufs Boxen. Boxen gilt als eine Sportart, die angeblich jeder versteht. Andererseits stand Boxen aber im Ruf, dass am Ring Personen sitzen, die nicht werbewirksam sind. Henry Maske, der Boxer mit dem Image eines Gentleman, kam da gerade recht. Bis September 2000 zeigte RTL Sauerland Veranstaltungen. Die Boxer hießen Henry Maske, Markus Beyer, Axel Schulz, Sven Ottke, Torsten May und andere. Sauerland setzte bewusst auf deutsche Boxer. Und es gab auch genug gut ausgebildete Boxer aus der zusammengebrochenen DDR. Nach 8 Jahren war dann, nicht zuletzt auch wegen sinkender Quoten, Schluss und Sauerland wechselte zur ARD.
Sechs Jahre später, 2006, stieg RTL wieder ins Boxen ein, u. z. mit Wladimir und Vitali Klitschko. Die Geschäftsverbindung hält bis heute noch an, weil beide Partner davon profitieren. Folgende Zahlen werden kolportiert: Die Boxer Klitschko bekommen 3 bis 3,5 Millionen Euro pro Kampf vom TV-Partner RTL. Hinzu kommen geschätzte 4 bis 5 Millionen Euro für die Veranstalter Klitschko, denn die Brüder Klitschko vermarkten und veranstalten selber, aus Eintrittsgeldern, vor allem aber aus den anteiligen Erlösen aus dem internationalen Verkauf der Fernsehrechte. Schließlich kommen noch Werbe- und Sponsorengelder hinzu. Insgesamt sollen die Klitschkos bis zu zehn Millionen Euro kassieren.
RTL gibt so viel Geld natürlich nur aus, wenn Radio Télévision Luxembourg auch auf seine Rechnung kommt. Bis zu 15,56 Millionen Zuschauern schalten beim Boxen ein. Das ist ein Marktanteil von 70 Prozent der für die Werbewirtschaft relevanten Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Dabei ist anzumerken, dass diese werberelevante Zielgruppe Mitte der 80er Jahre in Deutschland von Helmut Thoma, Programmdirektor des damaligen winzigen Senders RTL, eingeführt worden ist, um der quotenstärkeren Konkurrenz mit älteren Zuschauern etwa entgegenzusetzen. Heute hecheln alle TV Sender dieser Erfindung von Herrn Thoma, die keinerlei Grundlage in der Realität hatte, hinterher.
Dass ist nun die Hürde von RTL. Der Privatsender zeigt nur Boxen, wenn eine bestimmte Anzahl von Zuschauern garantiert ihren Fernseher einschalten. Es werden zwei Zahlen immer wieder kolportiert: 6.000.000 und 8.000.000. Ein Veranstalter muss glaubhaft machen können, dass sechs oder acht Millionen Zuschauer einschalten werden. Erst dann ist RTL offenbar bereit, Boxen auch zu zeigen. Solche Zahlen bringen aber eben nur die Klitschkos und noch ein Kampf zwischen Arthur Abraham und Robert Stieglitz oder Felix Sturm gegen Abraham oder Stieglitz.
An einem normalen Freitag- oder Samstagabend sind daher eher Sendungen zu sehen wie:
Geheimnisse der Körpersprache – Die Thorsten Havener Show, Familienduell Prominenten
Special und die Wiederholungen von Spielfilmen wie Mr. & Mrs. Smith und Lockout – also
Konfektionsware, die eine einigermaßen gute Quote bringen und außerdem nicht viel kosten. Es ist schon wirklich schade, dass
RTL nicht versucht, einen unattraktiven Sendeplatz zu finden, um dort dann gutes Boxen zu
zeigen. Gutes Boxen muss ja nicht teuer sein. Auch müsste man sich ja nicht an einen
Veranstalter binden. Man müsste nur Boxen zeigen wollen. Persönlich bin ich sogar davon überzeugt, dass
der Sender dabei dann sogar den einen oder anderen Boxer finden würde, der später die 6 oder 8
Millionen Zuschauer an einem Samstagabend an die Bildschirme lockt.
© Uwe Betker