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Kein Träne für die Punktmaschine

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Die Olympischen Spiele 2012 in London sind die letzten, bei denen die sogenannte Punktmaschine noch zum Einsatz kommt. Zu oft sah man in den letzten 20 Jahren Fehlurteile. Dabei sollte ursprünglich durch diesen Computer, wenn auch nur sehr halbherzig, versucht werden, die Zahl der Fehlentscheidungen zu reduzieren.
Alles begann 1988 mit den Spielen in Seoul. Der Koreaner Si-Hun Park gewann sehr umstritten im Viertelfinale gegen den Italiener Vicenzo Nardiello. Im Finale im Halb Mittelgewicht traf er auf den US-Amerikaner Roy Jones Jr. Dieser Kampf ging dann als einer der größten olympischen Skandale in die Geschichte ein.
Jones, der spätere Profi-Weltmeister, dominierte seinen Gegner in den drei Runden fast nach Belieben. Zu groß war seine technische und physische Überlegenheit. Der Computer des Fernsehsenders NBC zählte 86 Treffer für Jones und 32 für Park. In der zweiten Runde wurde Park sogar angezählt. Trotzdem wurde Park mit 3:2 Richterstimmen zum Sieger erklärt. Die drei Punkrichter waren Alberto Duran aus Uruguay, Hiouad Larbi aus Marokko und Bob Kasule aus Uganda. Zur Ehrenrettung von Park muss erwähnt werden, dass ihm selbst das Urteil sehr peinlich war. Demonstrativ hob er Jones bei der Siegerehrung in die Luft und auch später erklärte er immer wieder, in Wirklichkeit hätte Jones gewonnen.
Die Goldmedaille von Park war gekauft. Der südkoreanische Multimillionär Seung-Youn Kim, der pikanterweise auch Präsident des koreanischen Boxverbandes war, hat wohl dem Kampfgericht 15.000 US-Dollar dafür gezahlt, dass sein Landsmann gewinnt. Nach Stasi Quellen war offenbar auch der damalige Präsident der AIBA Anwar Chowdhry aus Pakistan „in diese Manipulationen einbezogen“ worden.
Die Zahlungen waren nicht unbemerkt geblieben und Mitglieder des IOC, des Internationalen Olympischen Komitees, waren informiert worden. Die sahen aber keinen Handlungsbedarf. Angeblich war der AIBA Präsident Chowdhry eng mit Juan Antonio Samaranch, dem Präsidenten des IOC, verbandelt – ich spreche von jenem Samaranch, der ein getreuer Gefolgsmann seines faschistischen „Führers“, „El Caudillo“ General Franco gewesen war.
Der Sturm der Entrüstung, allein 50.000 koreanisch stämmige Bürger riefen beim US-Sender NBC riefen an, um sich zu entschuldigten, zwangen die AIBA dann schließlich doch zum Handeln. Erst mal wurden die drei Punktrichter suspendiert und es gab ein Untersuchungsverfahren. Dann wurde das Punktsystem geändert. Bis dahin entschieden fünf Kampfrichter, ähnlich wie bei den Profis. Ab nun wurde ein Schlag nur als Treffer gewertet, wenn innerhalb einer Sekunde drei Kampfrichter einen Knopf an einem Box-Computer drücken.
Ich möchte ja unterstellen, dass diese Änderung von der AIBA wirklich als Maßnahme gegen verschaukelte Kämpfe gedacht war, funktioniert hat es aber nicht. Jeder der regelmäßig zu Amateurveranstaltungen geht, sieht immer wieder Fehlurteile. Man kann aber nicht mehr den oder die Punktrichter benennen, die dafür verantwortlich sind. Es ist immer nur der Computer schuld. Es gibt aber sehr wohl Punktrichter, die es notorisch nicht schaffen, den Knopf zu drücken, wenn bestimmte Boxer Treffer setzen. Es soll auch Schiedsrichtergespanne geben, die schon mit einer traumhaften Sicherheit immer synchron drücken. Die Punktmaschine reduzierte die Zahl der Fehlurteile also nicht.
Was die Punktmaschine nun bewirkte, war ein Wandel des Boxens mit Kopfschutz und Leibchen. Körpertreffer wurden praktisch nicht mehr gewertet. Die Punktmaschine unterscheidet auch nicht zwischen harten Treffern und bloßen Berührungen. Folglich wurde trainiert, einfach nur Treffer zu setzen. Zwei Berührungen zählen nämlich mehr als ein harter Treffer. Das Amateurboxen, das aber nicht mehr Amateurboxen genannt werden will, sondern olympisches Boxen, wurde teilweise zu einer grotesken Karikatur dessen, was man gemeinhin unter Boxen versteht.
Nach nunmehr zwei Jahrzehnten des Sammelns von Erfahrungen, haben die Herren der AIBA nun erkannt, dass die Punktmaschine weder zu einer Verbesserung der Punktentscheidungen geführt noch den Sport populärer gemacht hat. Das olympische Boxen ist in Deutschland so was von tot, dass kaum einmal die Kämpfe der Deutschen in London in voller Länge im Fernsehen zu sehen sind. Jedenfalls habe ich einen gesehen. Daher geht die AIBA auf das alte System mit Punktrichtern zurück, die man dann wenigstens namentlich nennen kann, wenn sie Kämpfe verschieben.
Die drei Punktrichter, Alberto Duran, Hiouad Larbi und Bob Kasule, waren übrigens schon bald wieder an den Boxringen der Welt zu sehen. 1997 wurde die Untersuchung gegen die drei dann schließlich eingestellt, weil keinerlei Hinweise für eine Manipulation zu finden waren.
Um es noch einmal kurz zu sagen: Ich weine der Punktmaschine keine Träne nach!
© Uwe Betker

Frauenboxen bei den Olympischen Spielen 2012 in London

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Es ist schön zu sehen, dass das IOC, das Internationale Olympische Komitee (oder International Olympic Committee), dem Fortschritt und der Gleichberechtigung so zugetan sind. Die Herren des IOC, und es sind wohl vor allem ältere Herren, haben nur 108 Jahre gebraucht, sich dazu durchzuringen, Frauen auch bei den Olympischen Spielen mit boxen zu lassen. Bereits 1904 war Frauenboxen Demonstrationssportart.
Da die Verantwortlichen Neuerungen aber doch wohl nicht gleich so schnell und radikal durchführen können, schränkte man erst noch mal die Gewichtsklassen ein. Wieso sollte man auch der einen Hälfte der Weltbevölkerung, nämlich den Frauen, genau so viele Gewichtsklassen zubilligen wie der anderen Hälfte, den Männern. Die Männer dürfen immerhin in 10 Gewichtsklassen starten, die Frauen, vielleicht damit die Funktionäre etwas besser und genauer hingucken können, nur in 3. Das könnte man auch als Diskriminierung ansehen.
Stichwort hingucken: Die Funktionäre der International Boxing Assocation (AIBA) wollten die Frauen zwingen, Miniröcke zu tragen. Diese Entscheidung der weisen älteren Herren kann natürlich alle möglichen Gründe haben – zum Beispiel die Sicherheit der Boxerinnen -, die sich Außenstehenden aber verschließen. Irgendwie jedenfalls waren die heren und edlen Ziele der AIBA wohl der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln. Auch das Argument, dass Athletinnen sich durch einen Rock „deutlicher von ihren männlichen Kollegen abheben“, war offenbar doch auch nicht ganz plausibel. – Da fragt man sich schon: Sollten die älteren Herren der AIBA tatsächlich vergessen haben, woran man Frauen und Männer unterscheidet? Jedenfalls ist es nun den Boxerinnen, wie hoffentlich auch den Funktionären der AIBA, freigestellt, ob sie Rock oder Hose tragen.
Für Deutschland startet keine einzige Boxerin.
© Uwe Betker