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Auf der Suche nach der Hintertür (1.)

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Es gab Zeiten, da war ein Schwergewichtler bzw. ein Weltmeister im Schwergewicht die Inkarnation von Mut und Kraft. Es gibt ein Comicheft, in dem man Muhammad Ali gegen Superman kämpfen sieht. Es wird die Geschichte kolportiert, dass einmal ein zum Tode Verurteilter in den USA bei seiner Hinrichtung geschrieen haben soll: „Joe Louis rette mich!“
Auf Alexander Povetkin bezogen, kann ich mir noch nicht einmal vorstellen, dass er irgendwann gegen einen nur etwas stärkeren Gegner kämpft, geschweige denn gegen einen Boxer wie Wladimir Klitschko. Von Superman wollen wir mal ganz schweigen. Und im Augenblick käme wohl noch nicht einmal mehr ein Hase auf der Flucht auf die Idee von Povetkin Rettung zu erwarten. Wenn man die Meldungen der letzten Wochen Revue passieren lässt, dann kann man von Povetkin eher den Eindruck eines Gehetzten bekommen, der auf der Suche nach einer Hintertüre ist.
Lässt man seine Karriere mal Revue passieren, so kann man den Eindruck gewinnen, der erste geplatzte WM-Kampf gegen Wladimir Klitschko im Dezember 2008 war der Wendepunkt. Erst verletzte er sich in den Tiefen der russischen Wälder einen Knöchel und musste den Kampf absagen. Und dann fand er nie wieder richtig Tritt. Sein Comeback-Kampf gegen Jason Estrada (04.04.2009) wurde von nicht wenigen Zuschauern als uninspiriertes und lahmes Geboxe empfunden. Der „zaghafte Zar“ zog daraufhin die Konsequenz. Er entließ seinen russischen Trainer Valeri Belov und suchte sich einen neuen, den er in Teddy Atlas auch fand.
Hier stellt sich natürlich die Frage, warum sich Povetkin gerade Atlas als Trainer ausgesucht hat. Atlas ist, obwohl er sein Handwerk bei dem großen Cus D´Amato gelernt hat, nicht unumstritten. So hat sich Donny Lalonde im Streit von ihm getrennt und der große Barry McGuigan wollte ihn nur einen einzigen Kampf lang in seiner Ecke haben. Atlas hat keinen einzigen Boxer aufgebaut und zur Weltspitze geführt. Seinen größten Erfolg hatte er mit Michael Moorer, den er aber auch gleichzeitig bei seinem Titelgewinn gegen Evander Holyfield (22.04.1994) öffentlich in der Pause nach der 8. Runde demontierte.
Da sagte er nämlich zu ihm: “Do you want me to fight? Huh? Do you want me to trade places with you. Do you? Listen. This guy [Holyfield] is finished. There comes a time in a man’s life when he makes a decision – to just live. Survive. Or he wants to win. You’re doing just enough to keep him off you. And hope he leaves you alone. You’re lying to yourself. You’re gonna cry tomorrow because of this. Do you want to cry tomorrow? Huh? Don’t lie to yourself. Back this guy up and fight a full round.” Es gibt Stimmen, die meinen, diese Ansprache hätte er extra für das Fernsehpublikum gehalten und nicht, weil er Moorer motivieren wollte. Atlas wechselte später ganz zum Fernsehen als Kommentator und Analyst und trainierte in den letzten Jahren keine Boxer mehr.
Jenen Atlas also suchte sich Povetkin als Trainer aus. Hier möchte ich nicht die philosophische Frage stellen, ob ein Boxer, der Zeit seines Lebens einen ost-europäisch geprägten Stil boxte, mit einem US-amerikanischen Trainer überhaupt gut bedient ist. – Wladimir Klitschko ist dabei explizit ausgenommen, da er ja erst als reifer und erfolgreicher Boxer zu Emanuel Steward wechselte. Für mich ist eine ganz andere Frage viel interessanter, nämlich die: Warum entscheidet sich ein russischer Boxer, der seinen Lebensmittelpunkt in Tschechow/Russland hat, für einen Trainer, der in den USA lebt und arbeitet?
© Uwe Betker