Box-Blog

Posts Tagged ‘Joe Frazier

Rezension: „Old Holborn Book of Boxing“, herausgegeben von Peter Wilson

leave a comment »

Das Internet verleitet mich manchmal zu blinden Bücherkäufen. Bei meinen Ausflügen im Internet stieß ich so auf eine Anzeige, in der nur ein schlechter Scan vom Cover zu sehen war. Kein Autor wurde genannt, keine Inhaltsangabe gegeben – nichts. Aber das Kaufrisiko war gering. Inklusive Versand sollte das Buch weniger als eine Packung Zigarettentabak kosten – und dabei rauche ich seit einer kleinen Ewigkeit schon nicht mehr.
Das Exemplar des „Old Holborn Book of Boxing“, das ich bekam, war ein vergilbtes Taschenbuch, 160 Seiten stark und auf relativ schlechtem Papier gedruckt. In der Mitte finden sich auf 16 Seiten aus glattem und dickem Papier sogar Fotos; sie füllen jeweils eine Seite, einige sind sogar in Farbe. Es ist zu vermuten, dass dieses Buch nicht über den Buchhandel vertrieben wurde. Man findet auch keinen aufgedruckten Preis. Offenbar war es Teil einer Werbekampagne für die englische Zigarettentabakmarke „Old Holborn“. Dem Inhalt ist zu entnehmen, dass es 1969 erschien ist. Der Herausgeber ist Peter Wilson, der auch viele der Texte selber geschrieben hat. Nun muss man wissen, dass Wilson von Mitte der 30er Jahre bis in die 70er Jahre hinein im Daily Mirror über Boxen schrieb. Und wie er schrieb!
Das Buch beginnt mit einer kurzen Einleitung, die einen kurzen Abriss der Geschichte des Boxens präsentiert. Es folgt ein Abschnitt mit dem Titel „Twelve fights I shall never forget“. Hier beschreibt Wilson und/oder erzählt zwölf Kämpfe nach, bei denen er selbst am Ring saß und die für ihn aus ganz verschiedenen, zum Teil sehr subjektiven Gründen, unvergesslich waren:
Rocky Marciano vs. Jersey Joe Walcott (23.09.1952)
Joe Louis vs. Max Schmeling II (22.06.1938)
Sonny Liston vs. Floyd Patterson I (25.08.1962)
Cassius Clay vs. Cleveland Williams (14.11.1966)
Archie Moore vs. Yvon Durelle II (12.08.1959)
Sugar Ray Robinson vs. Joey Maxim (25.06.1952)
Sugar Ray Robinson vs. Carmen Basilio (23.09.1957)
Henry Armstrong vs. Ernie Roderick (25.05.1939)
Ike Williams vs. Ronnie James (04.09.1945)
Sand Saddler vs. Ray Famechon (25.10.1954)
Eder Jofre vs. Johnny Caldwell (18.01.1962)
Benny Lynch vs. Peter Kane (13.10.1937)
Wie Wilson schreibt, ist schon wirklich beeindruckend. Er ist ein großer Könner der Boxjournalistik. Diese zwölf Beschreibungen der Kämpfe sind mit das Beste, was ich an Kampfberichten je gelesen habe. – Einfach nur großartig. Wenn man sich an Begriffen, die heute nicht mehr politisch korrekt sind, nicht stößt, entdeckt man einen Großmeister des Sportjournalismus. Seine Sprache ist schön, klar, präzise und manchmal sogar poetisch.
Es folgt eine Portraitgalerie der Britischen Meister, unter ihnen Henry Cooper, der auch das Cover ziert, Ken Buchanan und Alan Rudkin. – Gibt es heute einen Verband in Deutschland, der in allen Gewichtsklassen Meister hat?
Es gibt einen großen Artikel über Jimmy Wilde, der im Erscheinungsjahr gestorben ist. Wilde, the Mighty Atom, war einer der besten Fliegengewichtler aller Zeiten. Das Büchlein enthält noch ein Box-Quiz, einen Artikel übers Amateurboxen, gefolgt von Kurzportraits aller amtierenden britischen Amateurmeister. Hinzu kommen Artikel über Veranstalter, über die Geldanlagen erfolgreicher Boxer, Frauen im Boxen, Henry Cooper, Cutmen, Ringrichter und ein Foto-Quiz.
Den Abschluss bildet eine Liste der Weltmeister von 1872 bis 1969. Wobei die amtierenden Weltmeister (Muhammad Ali, Joe Frazier, Jimmy Ellis, Bob Foster, Nino Benvenutti, Curtis Cokes, Amando Ramos, Johnny Famechon, Lionel Rose, Efren Torres) noch jeweils in einem Kurzportrait vorgestellt werden. Zum Schluss erfahren wir dann noch die Auflösung des Bilderquiz.
„Old Holborn Book of Boxing“, herausgegeben von Peter Wilson = 160 Seiten voll Spaß und Unterhaltung. Wo bekommt man für weniger als eine Packung Zigarettentabak noch so viel geboten? Nur im Internet.
© Uwe Betker

Gedankenspiele rund um Wladimir Klitschkos Platz in der Geschichte

leave a comment »

Es gibt Sportjournalisten, besonders amerikanische und britische, die lieben Listen. Listen wie: Die besten Boxer, die härtesten Puncher, die besten Weltergewichtler, die besten Rechtsausleger usw.. All diese Listen haben ihre Berechtigung. Sie sind informativ und im besten Fall sogar amüsant. Das gilt gerade auch, wenn man sich selber vor Augen führen will, wo wohl der zukünftige Platz eines Boxers in der Boxgeschichte sein wird. Wladimir Klitschko (65 Kämpfe, 62 Siege, 52 durch KO, 3 Niederlagen, 3 durch KO) ist derzeit das Maß aller Dinge im Schwergewicht und das schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Aber wo wird sein Platz in der Geschichte sein?
Wenn man die besten 25 Schwergewichtler alle Zeiten sucht, fallen mit Sicherheit folgende Namen – die Reihenfolge variiert dann allerdings etwas:
1. Muhammad Ali
2. Joe Louis
3. George Foreman
4. Mike Tyson
5. Jack Johnson
6. Joe Frazier
7. Lennox Lewis
8. Jack Dempsey
9. Rocky Marciano
10. Sonny Liston
11. Larry Holmes
12. Jim Jeffries
13. Evander Holyfield
14. Gene Tunney
15. John L. Sullivan
16. Floyd Patterson
17. Harry Wills
18. Ezzard Charles
19. Riddick Bowe
20. Max Schmeling
21. Ken Norton
22. Joe Walcott
23. Sam Langford
24. Max Baer
25. Joe Jeanette

Eventuell auch noch:
James J. Corbett
Archie Moore
Jim Braddock

[Anmerkung: Dies ist nicht meine Liste!]

Irgendwo zwischen diesen Namen wird auch Wladimir Klitschko eingeordnet werden und damit einen anderen um einen Platz nach unten drücken. Ich gehe auch fast davon aus, dass er es unter die Top Ten schaffen wird.
Ein anderes Spiel, das Boxjournalisten, besonders die amerikanischen und britischen, gerne spielen, ist, sich vorzustellen, wie Kämpfe zwischen Boxern ausgehen würden, die nicht in derselben Zeit geboxt habe. Also wie würde Wladimir Klitschko gegen die anderen Boxer auf der Liste zu deren Hochzeit abschneiden. Wenn ich jetzt hier ein paar Gedanken notiere über einen möglichen Ausgang von solchen Paarungen, dann gehe ich natürlich ein relativ hohes Risiko ein, mich lächerlich zu machen, zumal ich mir auch nicht die Mühe gemacht habe, die einzelnen Boxer noch mal genauer zu studieren. Ich würde mich freuen, wenn ich korrigiert würde oder andere Meinungen zu hören bekäme.
Ich tendiere dazu, ausschließlich Boxer, die nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv waren, zu meinem Turnier einzuladen. Von den früheren gibt es halt nur wenige Filmaufnahmen. Ich aknn daher ihre Leistung aus eigener Anschauung nicht beurteilen. Joe Louis, Jack Johnson, Jack Dempsey, Jim Jeffries, Gene Tunney, John L. Sullivan, Harry Wills, Max Schmeling, Sam Langford, Max Baer, Joe Jeanette, James J. Corbett und Jim Braddock müssen darum leider zuschauen.
Es bleiben immerhin 15 Gegner für Klitschko übrig: Muhammad Ali, George Foreman, Mike Tyson, Joe Frazier, Lennox Lewis, Rocky Marciano, Sonny Liston, Larry Holmes, Evander Holyfield, Floyd Patterson, Ezzard Charles, Riddick Bowe, Ken Norton, Joe Walcott und Archie Moore. Alle 15 würden großartige Kämpfe gegen Klitschko abliefern. Leider finden sich aber auch einige unter ihnen, die keine Chance hätten. Ich gehe davon aus, dass Floyd Patterson, Ezzard Charles, Joe Walcott und Archie Moore keine Chance hätten, u. z. Ganz einfach deshalb, weil sie physisch zu schwach sind. Alle vier wären nach heutigem Standard eher im Halbschwergewicht anzusiedeln. Dies würde zwar in gewissem Grad auch für Evander Holyfield zutreffen. Der aber hat auch oft genug unter Beweis gestellt, dass er gegen physisch stärkere Boxer durchaus gewinnen konnte. Holyfield würde ich darum schon eine 50:50 Chance geben.
Der eigentlich körperlich sehr starke Riddick Bowe dürfte dagegen gegen Klitschko seine liebe Not haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dem Druck auf Dauer standhalten kann. Auch dürfte er Probleme mit dem Jab von Klitschko haben. Ähnliches trifft auch auf Ken Norton zu. Bowe hätte für mich eine 25:75 und Norton eine 20:80 Chance zu gewinnen.
Die beiden großen Führhandkünstler Sonny Liston und Larry Holmes würden mit ihrem Jab Klitschko allerdings große Schwierigkeiten bereiten. Klitschko stand noch mit keinem Boxer im Ring, der eine bessere und härtere Führhand hatte als er selbst. Ich könnte mir also vorstellen, dass sowohl Liston als auch Holmes ihn KO schlagen würden. Auch Lennox Lewis traue das zu, zumal er in seinem letzten Kampf Vitali Klitschko relativ mühelos knackte bzw. TKO schlug.
George Foreman dürfte wohl nach Klitschko der körperlich stärkste Boxer in diesem Turnier sein. Auch zu seiner Hochzeit war er nicht der beste Techniker, so dass Klitschko in diesem Bereich klare Vorteile hätte. Trotzdem gebe ich Foreman eine 80:20 Chance, einfach weil er der härtere Puncher ist und mehr einstecken kann.
Die drei großen, sich in den Gegner reinwühlenden Boxer Mike Tyson, Joe Frazier und Rocky Marciano würden Klitschko einen höllischen Kampf aufzwingen. Dabei neige ich sogar noch zu der Auffassung, dass Tyson von diesen dreien noch der schwächste ist. Seine wirklich große Zeit, die, in der er unschlagbar war, dauerte tatsächlich nur wenige Monate von Ende 1986 bis Anfang 1987. Ein Kampf zwischen Tyson und Klitschko würde Fragen hinsichtlich der wirklichen Größe von Tyson beantworten: Siegchance 55:45. Joe Frazier und Rocky Marciano aber würden regelrecht an Klitschko kleben, seinen Körper bearbeiten und ihn mit Kopfhaken eindecken. Beide würden sicher auch viel nehmen, aber beide sehe ich auch klar als KO Sieger aus dem Ring steigen.
Zum Abschluss kommen wir zu dem Größten, zu Muhammad Ali. Ehrlich gesagt, bin ich hier aber ratlos. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund kann ich mir nämlich ein Aufeinandertreffen gerade dieser Beiden nicht vorstellen. Natürlich glaube ich, einfach aufgrund meines Alters und meiner Sozialisation, an einen Sieg von Ali. Aber gerade Ali könnte Klitschko liegen. Genau an diesem Punkte beende ich denn auch das Turnier.
Das hätte ich übrigens beinahe vergessen: Irgendwann boxt Klitschko in diesem Jahr gegen Kubrat Pulev (20 Kämpfe, 20 Siege, 11 durch KO). Muhammad Ali, Joe Louis, George Foreman, Mike Tyson, Jack Johnson, Joe Frazier, Lennox Lewis, Jack Dempsey, Rocky Marciano, Sonny Liston, Larry Holmes, Jim Jeffries, Evander Holyfield, Gene Tunney, John L. Sullivan, Floyd Patterson, Harry Wills, Ezzard Charles, Riddick Bowe, Max Schmeling, Ken Norton, Joe Walcott, Sam Langford, Max Baer, Joe Jeanette aber auch James J. Corbett, Archie Moore und Jim Braddock würden Pulev jedenfalls schlagen.
© Uwe Betker

Gastbeitrag von Jean-Marcel Nartz: Die Klasse aller Klassen

leave a comment »

Seit 1892 gab es stets in der Klasse aller Klassen Ausnahmeboxer, die die Szene beherrschten. Es gab immer einen Superstar, der als unbesiegbar galt, was allerdings nicht immer stimmte, denn so manch unbekannter Herausforderer sorgte mit einen Schlag für eine Sensation. Das ist das, was das zahlende Publikum so liebt am Schwergewichtsboxen.
Kommen wir zu einigen Stars, die als unschlagbar galten, aber alle dann doch, außer Rocky Marciano, irgendwann mal verloren. Es begann 1899 mit dem Amerikaner James J. Jeffries, der bis 1904 sechsmal den Titel verteidigte. Damals gab es noch keine Rundenzahlen. Es ging immer bis zur Dunkelheit – immer bis zur totalen Entscheidung. 25 Runden waren damals nicht unüblich und wenn es Flutlicht gegeben hätte, dann wäre es auch länger gegangen!
Später war es dann von 1919 bis 1923 Jack Dempsey, der fünfmal den Titel verteidigte und dann sensationell gegen Gene Tunney verlor. Dann kam Max Schmeling, der einmal den Titel verteidigte und dann wechselte alles nach jeden Kampf, bis 1937 Joe Louis kam, der bis 1948 25 (!) mal den Titel verteidigte. Dann kam der einzige Schwergewichtsweltmeister, der ungeschlagen abtrat, Rocky Marciano, der von 1952 bis 1955 sechsmal den Titel verteidigte.
Zu bedenken ist bis 1962, dass es immer nur einen Verband gab und nicht 17 wie heute! 1964 kam Cassius Clay (später Muhammad Ali), der Liston stoppte und bis zu seiner Verhaftung wegen Fahnenflucht 1967 achtmal seinen WBC-Titel verteidigte und erst 1974 wieder Champion wurde, wo er bis 1978 neunmal den Titel verteidigte. Er war und ist der Größte aller Zeiten! In Abwesenheit von Ali dominierte der Strassenfighter Joe Frazier von 1969 bis 1973 als Titelträger mit acht Titelverteidigungen. Es folgte George Foreman von 1973-1974 mit zwei Titelverteidigungen, bevor in den Kampf gegen Ali antrat und vorzeitig verlor.V on 1978 bis 1985 war Larry Holmes der neue Superweltmeister, der zwanzigmal den Titel verteidigte, ehe ihn Michael Spinks über 15(!) Runden auspunktete. 1986 kam, sah und siegte nur noch der damals jüngste Weltmeister aller Zeiten im Schwergewicht, Mike Tyson, der bis 1990 zehnmal den Titel verteidigte. Evander Holyfield verteidigte bis 1994 dreimal den Titel, den er dann an Michael Moorer verlor, diesen sich 1996 von WBA-Weltmeister Tyson wieder holte und 1999 nach drei Titelverteidigungen an Lennox Lewis wieder verlor. Lewis war mit kurzer Unterbrechung von 1993 bis 2003 WBC-Weltmeister und hat den Titel 22 mal verteidigt.
WBO-Weltmeister war Vitali Klitschko von 1999 bis 2000 und verteidigte zweimal den Titel. Dann wurde er von 2004-2014 WBC-Weltmeister mit 11 Titelverteidigungen.Von 2000 bis 2003 war dann Wladimir Klitschko WBO-Weltmeister mit 5 Titelverteidigungen.2006 holte er sich den IBF-Titel. Es folgten bis zum heutigen Tag den Titelgewinne von WBA-und-WBO und insgesamt 15 Titelverteidigungen. Der achtunddreißigjährige Klitschko hat die Weltranglisten rauf und runter geboxt und außer Überheblichkeit und Unachtsamkeit kann ihn keiner stoppen.
(C) Jean-Marcel Nartz

Eine Frage der Verantwortung

leave a comment »

Die Ausgangslage ist bekannt: Frank Warren, der englische Veranstalter, kam auf die Idee, die Schwergewichtler David Haye (27 Kämpfe, 25 Siege, 23 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO) und Dereck Chisora (18 Kämpfe, 15 Siege, 9 durch KO, 3 Niederlagen) gegeneinander boxen zu lassen. Der Londoner Upton Park, der 35.000 Zuschauer fasst, die auch erwartet werden, wurde gebucht. Ein Problem war allerdings die Box-Lizenz, denn beide Boxer hatten keine mehr.
Haye hatte seine abgegeben, weil er nach seiner Punktniederlage gegen Wladimir Klitschko, am 02.07.2011, seine Karriere für beendet erklärt hatte. Chisora war die Lizenz vom britischen Boxverband BBBC, British Boxing Board of Control, entzogen worden, nachdem er sich u.a. während der Pressekonferenz nach seiner Punktniederlage gegen Vitali Klitschko, am 18.02.2012 mit Haye geprügelt hatte.
Wie leider im Profiboxen üblich, sind Lizenzentzüge oder Sperren kein Hindernis, wenn ein Veranstalter sie denn umgehen will. So bekam auch Chisora ohne Probleme eine Lizenz vom luxemburgischen Verband F.L.B. (Fédération Luxembourgeoise de Boxe). Hier nun fängt die Geschichte an interessant zu werden. Die öffentliche Empörung war groß. Die ARD nötige Sauerland Event, die gerne mit veranstaltet hätten, zum Ausstieg.
Der luxemburger Sportminister Romalin Schneider reagierte sofort. Er kritisierte den Verband massiv. Er wies in einem Brief darauf hin, dass Verbände, um vom Ministerium anerkannt zu werden, „positive Botschaften wie Fair-Play oder gegenseitigen Respekt vermitteln sollen.“ Man kann dem Minister hier nur Recht geben, die Lizenzierung eines Boxers, dem die Lizenz wegen einer öffentlichen Schlägerei entzogen wurde, ist definitiv kein Eintreten für Fair-Play und gegenseitigen Respekt. Weiter führte Schneider aus: „Die FLB vermittlt durch diese Entscheidung ein äußerst negatives Image des Boxsports.“ Dies würde „ein schlechtes Licht auf den Luxemburger Sport und das Großherzogtum im Allgemeinen werfen.“ Sehr konsequent entzog der Minister daher auch dem Verband die staatlichen Fördergelder für das Jahr 2012.
Die Erwiderung des Generalsekretärs des FLB Toni Tiberi ist nun, in meinen Augen, sehr aufschlussreich: „Wir haben im Gegensatz zu anderen Vereinen nie viel bekommen. Ich will auch betonen, dass die rund 2.700 Euro an Fördergeldern, die wir im Schnitt jährlich bekommen, nie vom Verband in Beschlag genommen wurden. Alle Verantwortlichen arbeiten ehrenamtlich. Die Gelder sind zum Großteil in die Vereine geflossen. Zudem wurden Schiedsrichter mit den Geldern bezahlt. Durch die Streichung der Fördergelder werden nun in erster Linie die Vereine bestraft.“
Was Generalsekretär Tiberi hier als Gegenargument anführt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als weiterer Vorwurf gegen ihn selber. Der luxemburger Verband vertritt nicht nur die Profis, sondern auch die Amateurboxer. Dementsprechend haben die Offiziellen des Verbandes auch eine Verpflichtung beiden Gruppen gegenüber. Bei der Lizensierung von Chisora haben sie sich nicht anders verhalten wie viele Profiverbände in der Welt auch. Aber genau dieses Verhalten, was nur darauf abzielt, den Veranstaltern zu Willen zu sein, um Gebühren zu kassieren, hat auch den Ruf der Profiverbände so ruiniert. An einen Amateurverband, bei dem es ja nicht darum geht, durch Boxen Geld zu verdienen, sind, zumal wenn er staatliche Zuschüsse bekommt, schlicht andere und viel höhere moralische Maßstäbe anzulegen.
Dementsprechend geht auch folgende Argumentation der FLB vollkommen ins Leere: „Als sich Joe Frazier und George Foreman eine Schlägerei geliefert haben, hat auch keiner etwas gesagt. Und auch nicht, als Mike Tyson Evander Holyfield ein Stück seines Ohres abgebissen hat. Nun hat Dereck Chisora Vitali Klitschko eine Ohrfeige verpasst und wird dann von allen Seiten verurteilt.“
So kann meinetwegen der Präsident eines Profiverbandes argumentieren, aber nicht der eines Amateurverbandes. Mir kommt der Verdacht, dass Toni Tiberi sich hier schlicht seiner Verantwortung gegenüber den Amateuren und dem luxemburger Steuerzahlern nicht bewusst ist.
© Uwe Betker

Ein unwürdiger Gegner

with 7 comments

Ein amerikanischer Journalist und Kenner des Boxens stellte den Kampf, wenn man ihn denn so nennen kann, von Wladimir Klitschko (57 Siege, 50 durch KO, 3 Niederlagen, 3 durch KO, ) gegen Jean-Marc Mormeck (41 Kämpfe, 36 Siege, 22 durch KO, 5 Niederlagen, 3 durch KO) vom 03.03.2012 in eine Reihe mit George Foreman gegen Jose Roman (01.09.1973), Joe Frazier gegen Ron Stander (25.05.1972), Joe Louis gegen Tony Galento (28.06.1939), Muhammad Ali gegen Chuck Wepner (24.03.1975) und Floyd Patterson gegen Pete Rademacher (22.08.1957). In all diesen Kämpfen verteidigte ein sehr starker Weltmeister im Schwergewicht seinen Titel gegen einen Gegner, der ihm weit unterlegen war. Aber wenn man nun Jean-Marc Mormeck in eine Reihe stellt mit Jose Roman, Ron Stander, Tony Galento, Chuck Wepner und Pete Rademacher, dann redet man, genau wie Wladimir Klitschko, ihn stark und, was noch viel schlimmer ist, man setzt die oben genannten Boxer herab.
Rademacher stellte sich als Olympiasieger und ohne Profierfahrung dem amtierenden Weltmeister im Schwergewicht, Patterson. Dabei kam es aber bis zum KO in Runde 6 doch zu einem recht unterhaltsamen, von Technik geprägten Kampf. – Das kann man über den Klitschko- Mormeck-Kampf aber durch nicht sagen.
Wepner verlor gegen Ali durch TKO in Runde 15, was schon für sich spricht. Immerhin wurde er das reale Vorbild für die Filmfigur Rocky. Eine unglaubliche Menge an Schlägen nehmend und stark blutend stapfte er unverdrossen dem Größten hinterher, um die Chance zu suchen, die er allerdings nicht hatte. – Ein unglaublicher Kampf, der Wepner zur Legende machte. Es ist nicht zu erwarten, dass jemals irgendjemand so über Mormecks Leistung sprechen könnte.
Auch der kleine, dickliche und kahl werdende Galento hatte nie eine Chance gegen Louis. Er suchte sein Glück in überfallartigen Angriffen und wilden Schwingern. Oft ließ er den Stilisten Louis dabei sogar schlecht aussehen. Auch er war sehr tapfer. Er verlor durch TKO in Runde 4. Dass auch Mormecks Kampf nur 4 Runden dauerte, ist die einzige Gemeinsamkeit zwischen ihm und Galento. Mormeck sah austrainiert aus, schlug aber so selten, auch wenn er die Möglichkeit dazu hatte, dass man ihn für den Friedensnobelpreis vorschlagen könnte.
Stander, der technisch limitiert war, hielt gegen Frazier nur eine Runde länger durch als Galento und der Herr aus Pointe-à-Pitre, Guadeloupe. Auch Stander wollte die sich bietende einmalige Chance nutzen. Er versuchte Frazier mit dessen eigenen Mitteln zu schlagen, durch Haken in der Halbdistanz und im Infight – ein absurdes und zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Aber Stander ging in den Kampf, um zu gewinnen, was man von Mormeck wohl nicht behaupten kann.
Roman schaffte es nur 117 Sekunden gegen Foreman durchzuhalten. In dieser Zeit ging er dreimal zu Boden. Foreman wollte offensichtlich von Anfang an den KO. Auch Wladimir Klitschko wollte den KO, denn er wollte sich ja für seinen 50sten KO feiern lassen. Genau dafür scheint er sich ja auch seinen Gegner ausgesucht zu haben. Mir drängte sich allerdings der Eindruck auf, dass der Titelverteidiger bereits in der ersten Runde hätte Schluss machen können. Er tat es aber nicht. Wollte er den zahlenden Zuschauern etwas bieten? Dachte er an die Werbekunden von RTL?
Es ist unübersehbar, dass die Klitschkos ein Problem haben Gegner zu finden. Aber musste es gerade ein, wie ich finde, so unwürdiger und schwacher Gegner wie Jean-Marc Mormeck sein? Mormeck wurde schließlich in keiner Rangliste mehr geführt, weil er seit über einem Jahr nicht mehr aktiv war.
© Uwe Betker

Die Klitschko und die Langweile

with one comment

Vitali und Wladimir Klitschko erinnern mich in gewisser Weise an Herold Johnson (87 Kämpfe, 76 Siege, 32 durch KO, 11 Niederlagen 5 durch KO), den großen Halbschwergewichtler der 50er und 60er Jahre, der als einer der besten Techniker aller Zeiten gilt. Johnson war auch derjenige, der Gustav „Bubi“ Scholz (96 Kämpfe, 88 Siege, 46 durch KO, 2 Niederlagen, 6 Unentschieden) am 23.06.1962 den Weltmeistertitel verwehrte. Johnsons Kämpfe wurden nie vom amerikanischen Fernsehen übertragen. Die damaligen Verantwortlichen gingen davon aus, dass Johnsons Maß an boxerischer Perfektion für das Publikum nur langweilig sein könnte.
Die Klitschko Brüder sind nicht perfekt, auch wenn sich unlängst eine Moderatorin eines Kulturmagazins im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bei einer Besprechung der Klitschko-Dokumentation hierzu verstiegen hat. Die beiden ukrainischen Brüder sind weit von der boxerischen Perfektion eines Herold Johnson entfernt, aber sie haben etwas mit ihm gemeinsam, das mich langweilt, nämlich ihre Dominanz.
Die Klitschkos beherrschen das Schwergewicht so deutlich, dass es schon langweilig ist. Spannung kann nur entstehen, wenn es einen Unsicherheitsfaktor gibt. Muhammad Ali (61 Kämpfe, 56 Siege, 37 durch KO, 5 Niederlagen, 1 durch KO) wurde erst zum Größten durch seine epischen Ringschlachten mit Joe Frazier (37 Kämpfe, 32 Siege, 27 durch KO, 4 Niederlagen, 3 durch KO, 1 Unentschieden). Die Klitschkos haben keinen Frazier. Sie haben keinen Erzrivalen. Daher gibt es auch keine Spannung und ich empfinde es einfach nur als langweilig und uninteressant.
Offensichtlich bin ich aber mit meinem Gefühl der Langweile nicht alleine. Wie ließe es sich denn sonst erklären, dass so viele für David Haye sind – und das, obwohl seine Bewerbung des nun bevorstehenden Kampfes an Geschmacklosigkeit kaum noch zu überbieten ist. Das Klitschko Management prahlt gerne damit, in wie viele Länder die Kämpfe übertragen werden. Es fällt aber auf, dass viele Klitschko-Kämpfe von dem großen Bezahlfernsehsender HBO nicht übertragen werden. Und HBO ist nun mal weltweit immer noch das Maß aller Dinge, jedenfalls was das Boxen angeht.
© Uwe Betker