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Vom Wiegen (1)

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Wer sich eine längere Zeit intensiv mit dem Boxen beschäftigt, landet früher oder später automatisch auch beim Wiegen. Einen Tag vor dem Wettkampf findet das offizielle Wiegen statt, bei dem die Boxer öffentlich auf eine Waage steigen. Dabei achten die Delegierten der nationalen und internationalen Verbände darauf, dass die Boxer innerhalb des Gewichtlimits sind, das die Regeln vorschreiben – soweit jedenfalls die Theorie.
In der Praxis sieht es manchmal etwas anders aus. Wenn man genauer hinsieht, fällt da gelegentlich geradezu Ungeheuerliches ins Auge. Man kann z.B. Trainer und Betreuer dabei beobachten, wie sie mit dem Fuß die Trittfläche der Waage anheben. Man kann auch schon mal Mitarbeiter von Veranstaltern erleben, die, kaum dass der Boxer die Waage betritt, auch schon das Gewicht verkünden, das dann immer auch das obere Limit der Gewichtsklasse darstellt. Komplett zur Farce wird das Ganze sowieso durch die Tatsache, dass beim Wiegen fast immer Laufmassenwaagen verwendet werden. Das sind Waagen, bei denen das Gewicht durch einen Schieberegler eingestellt werden kann. Also: Das Limit wird eingestellt. Der Boxer steigt auf die Waage. Und dann hört man ein vernehmliches metallisches Klacken. Jeder, der jemals selber eine solche Waage benutzt hat, weiß nun: Der Boxer ist über dem Limit. Ein Mitarbeiter des Veranstalters verkündet dann schnell das exakte Gewicht, ohne dass das Reglergewicht noch einmal verschoben wurde, und die Offiziellen der Verbände nicken eilfertig das Verkündete ab. Gerade im Vorprogramm scheint das Gewicht kaum noch jemanden zu interessieren.
Es ist nun für einen Boxer nicht immer leicht, das Limit zu bringen. Je älter er wird, umso schwieriger wird es. Einige Boxer können das Gewicht nur noch bringen, wenn sie sich vorher dehydrieren. Oft stehen daher hinter einem Paravent unzählige Flaschen mit Getränken bereit. Nicht selten sieht man die Boxer dann, direkt von der Waage kommend, eine oder mehrere Flaschen mit irgendwelchen Getränken leeren. Auch Glukoseinfusionen waren eine zeitlang in Mode.
Boxer machen Gewicht, weil sie meinen, einen Vorteil in einer niedrigeren Gewichtsklasse zu haben. Wenn es jemand schafft, eine oder mehrere Gewichtsklassen tiefer zu boxen, dann hat er nämlich meist physische Vorteile. Er ist in der Regel größer und schlagstärker als die Mehrheit seiner Mitbewerber. Das wohl bekannteste Beispiel in Deutschland war Dariusz Michalczewski (50 Kämpfe, 48 Siege, 2 Niederlagen, 1 durch KO). Bei kaum einem der hiesigen Boxer war der Unterschied zwischen vorher und nachher, zwischen auf der Waage und im Kampf, so unübersehbar wie bei dem WBO-Weltmeister in Halb Schwergewicht von 1994 bis 2003. Geschätzte mindestens 5 bis 8 Kilo Unterschied lagen zwischen den beiden öffentlichen Auftritten. Wie man an den KOs sehen kann, konnte Michalczewski seine körperliche Überlegenheit dann auch nutzen.
Gerade diese KOs aber zeigen auch die Notwendigkeit, das Wiegen ernster zu nehmen. Jeder, der schon einmal im Ring stand oder eine andere Kampfsportart betrieben hat, weiß schließlich, was es heißt, wenn sein Gegenüber mehrere Kilo schwerer ist als man selber. Ganz simpel formuliert: Je schwerer man ist, umso mehr Gewicht kann man in seine Schläge legen und umso härter sind dann die Schläge. Daher ist es auch unverantwortlich, dass so viele Menschen, die mit dem Profiboxen zu tun haben, das Wiegen so wenig ernst nehmen und die Nichteinhaltung von Regeln für ein Kavaliersdelikt halten. Ich kann mich nicht erinnern, jemals bei einem Wiegen in Deutschland erlebt zu haben, dass offiziell eingeschritten worden wäre, weil ein Boxer das Gewicht nicht gebracht hat. Aber die oben beschriebenen Methoden habe ich schon unzählige Male gesehen.
© Uwe Betker

Written by betker

4. Dezember 2010 at 23:59