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Mindener Nächte sind lang

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In Minden stellte am 03.02.2018 Christoph Gresfoerder (Flügelmann Sportspromotion) eine schöne, aber sehr lange Veranstaltung auf die Beine. In der ziemlich gut gefüllten Kampa Halle gab es insgesamt 16 Kämpfe zu sehen, wovon sieben nach den K1 Regeln geführt wurden. Der Rest waren Profiboxkämpfe, wobei hier ein Schwergewichtsturnier à la „Bigger, Better“ enthalten war.
Es begann mit einem Profiboxkampf über 6 Runden zwischen Shokran Parwani (10 Kämpfe, 9 Siege, 8 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch KO) gegen Vojtech Koncitik (9 Kämpfe, 3 Siege, 2 durch KO; 6 Niederlagen, 5 durch KO). Der Rechtsausleger Parwani bestimmte den Kampf. Er boxte lang und überlegen. In der Mitte der ersten Runde stellte er seinen Gegner an den Seilen und deckte ihn ein. Nach einem rechten Haken zur Schläfe musste der dann auch runter und wurde vom umsichtig agierenden GBA Ringrichter Cornelius Bernds angezählt. Koncitik kam zwar wieder hoch, musste aber bereits nach der nächsten Kombination erneut zu Boden. Bernds zählte den stehenden, aber nicht mehr kampffähigen Koncitik aus. Sieger durch KO in Runde 1, nach 2:35 Minuten: Shokran Parwani.

Es folgte ein Achtrunder im Super Weltergewicht zwischen Yaser Yüksel (6 Kämpfe, 6 Siege, 4 durch KO) und Ziya Gökalp (16 Kämpfe, 1 Sieg, 1 durch KO, 15 Niederlagen, 11 durch KO). Beide Boxer begannen verhalten. Es gab nur wenige Aktionen und nur selten fand eine einzelne Hand ihr Ziel. Die zweite Runde war etwas munterer, wobei der Kampf von beider guten Technik und gutem Auge gekennzeichnet war. Viele Aktionen wurden, noch bevor sie stattfanden, vom Gegner schon vorhergesehen. Mitte des dritten Durchgangs fing Yüksel Gökalp mit einer Rechten zum Kopf ab, die diesen leicht einknicken ließ. Danach spielte Yüksel nur noch mit seinem Gegner. Die nächste Runde begann Gökalp ungestüm, aber nach kurzer Zeit besannen beide sich wieder auf gutes technisches Boxen. In der fünften Runde gab es wieder mehr Aktionen. In der sechsten Runde versuchte Gökalp mit Schwingern zum Ziel zu kommen, die allerdings nicht ihr Ziel trafen. In der siebten Runde machte Yüksel mehr Druck und Gökalp baute konditionell ab. Gökalp versuchte dann noch, durch einen Auslagenwechsel seinen Gegner zu irritieren; das funktionierte jedoch nicht. Er nahm mehr und mehr Schläge. Auf einen Ruf aus dem Publikum „Boxe!“ erwiderte er: „Keine Luft“: Zum Pausengong brachte er noch einen Schwinger, wobei er von seinem eigenen Schwung zu Boden ging. In der achten Runde blieb Yüksel am Mann dran und suchte den KO, der aber nicht kam. Punktsieger (78:74): Yaser Yüksel.

Im Halbschwergewicht traf Armenak Havhannisyan (3 Kämpfe, 3 Siege, 2 durch KO) auf Emin Karimli, der sein Profidebüt gab. Es war ein ausgesprochen munteres Aufeinadertreffen. Beide suchten den Schlagabtausch und fanden ihn auch. Havhannisyan, der bessere und erfahrenere Boxer, hatte es nicht leicht, den unorthodox agierenden und boxenden Karimli zu beherrschen. In der dritten Runde stellte er ihn zwar in einer Ecke und kam mit einer Rechten gut durch, die Karimli auch erschütterte, aber er schaffte es nicht, ihn zu finishen. Ich muss gestehen, mein Herz schlug für den Außenseiter und ich war froh, als er den Schlussgong erreichte. Sieger nach Punkten (40:36): Armenak Havhannisyan.

Im Anschluss startete die erste Runde des Schwergewichtsboxturniers. Als erstes traf der Debütant Frederik Kretschmer auf Muhammed Ali Durmaz (37 Kämpfe, 10 Siege, 9 durch KO, 26 Niederlagen, 23 durch KO). Der Rechtsausleger Kretschmer übernahm weitestgehend das Kommando im Ring. Er trieb Durmaz vor sich her und versuchte es mit Rechts-Links-Kombinationen. Durmaz beschränkte sich eher auf Konter und war damit zu passiv, um nur eine Runde gewinnen zu können. Ende der vierten Runde wurde er sogar von Ringrichter Kazim Kurnaz, der sonst nichts zu tun hatte, angezählt. Er war in seiner eigenen Ecke gestellt worden und musste nach einer längeren Kombination auf die Bretter. Sieger nach Punkten (40:35): Frederik Kretschmer.

Ebenfalls im Schwergewicht traf Vincenzo Anzalone (2 Kämpfe, 2 Niederlagen) auf den Debütanten Arnold Kasongo. Kasongo bestimmte die erste Runde. Mit seiner Linken hielt er sich seinen kleineren Gegner vom Hals und bereitete seine Rechte vor, die auch immer wieder ihr Ziel fand. In der zweiten Runde setzte er seine Linke weniger ein, wodurch Anzalone an ihm herkam und ihn seinerseits mit Schwingern eindeckte. Die dritte Runde gestaltete sich als recht muntere und unterhaltsame Keilerei. Am Ende der Runde wackelte Anzalone sichtlich, aber zu Boden ging er nicht. In der letzten Runde waren beide Boxer mit ihrer Kraft am Ende, sie konnten nicht mehr Aber für ein Tänzchen von Anzalone und die Andeutung eines Bolapunchs von Kasongo und einen gemeinsamen Tanz reichte es dann doch noch. Punksieger (40:36): Arnold Kasongo.
Damit standen die Teilnehmer des Turnierfinales fest: Frederik Kretschmer und Arnold Kasongo.

Hiernach traf der Jubilar Suleyman Dag (100 Kämpfe, 10 Siege, 5 durch KO; 90 Niederlagen, 62 durch KO) im Halbschwergewicht auf Selim Sarialioglu (16 Kämpfe, 7 Siege, 7 durch KO, 9 Niederlagen, 9 durch KO). Dag bestritt seinen einhundertsten Profiboxkampf, in dem er dann auch genau das machte, was er immer machte: Er versuchte zu überleben, seinen Gegner mit unerwarteten Aktionen zu ärgern und möglichst wenig abzubekommen. Sarialioglu seinerseits versuchte Dag KO zu hauen. In der dritten Runde stellte er Dag in seiner Ecke und kam mit zwei Volltreffern durch. Cornelius Bernds zählte Dag an. Kurze Zeit später wiederholte sich die Szene an gleicher Stelle, nur mit dem Unterschied, dass Dag mehr nehmen musste. Bernds ging dazwischen und brach den Kampf ab. Sieger durch TKO in Runde 3, nach 2:10 Minuten; Selim Sarialioglu .

Im Mittelgewicht boxten Oleg Harder (3 Kämpfe, 1 Sieg, 2 Niederlagen, 1 durch KO) und Dogan Kurnaz (16 Kämpfe, 3 Siege, 3 durch KO, 13 Niederlagen, 12 durch KO) gegeneinander. Harder versuchte Kurnaz zu stellen und ihn KO zu schlagen. Kurnaz versuchte Harders Kampf kaputt zu machen, indem er um ihn herum tanzte und mit schnellen Händen ärgerte. In der dritten Runde bekam Kurnaz leichte Konditionsprobleme, wodurch er häufiger gestellt wurde und mehr kassierte. Anfang der vierten Runde wurde Kurnaz von Ringrichter Bernds angezählt. Ein Ausrutscher mit gleichzeitigem Schlag hatte ihn zu Boden gebracht. Hierdurch wurde die Runde sehr munter, weil Kurnaz mehr machte. Zur fünften Runde trat er dann nicht mehr an. Sieger durch TKO in Runde 5: Oleg Harder.
Ebenfalls im Mittelgewicht trafen Besir Ay (8 Kämpfe, 7 Siege, 3 durch KO, 1 Niederlage) und Recepagy Emir, ein Debütant, für einen Vierrunder aufeinander. Ay dominierte den Kampf. Er nutzte seinen Reichweitenvorteil und verteilte gut. Mehrfach stellte er Emir, der seine liebe Müh und Not hatte zu überleben. In der zweiten Runde konnte Emir dann auch manchmal kontern. In der dritten und vierten Runde wurde Ay wieder stärker und Emir musste viele Treffer nehmen. Punktsieger (40:36): Besir Ay.

Den Abschlusskampf bei den Profis, der schließlich am Sonntag um 01:45 Uhr begann, bildete das Turnierfinale im Schwergewicht zwischen Frederik Kretschmer und Arnold Kasongo. Kretschmer kam schneller in den Kampf. Obwohl kleiner, nutzte er seine Schnelligkeit, um in der Halbdistanz zu explodieren. Obwohl Kasongo in der zweiten Hälfte besser boxte, machte er aber doch mit seiner Linken zu wenig. Die zweite Runde war ausgeglichen, wobei Kretschmer am Ende der Runde Probleme hatte. Der dritte und vierte Durchgang gehörten dann wieder Kretschmer. Kasongo machte zu wenig. Punktsieger (37:39): Frederik Kretschmer.

Die Zutaten für eine richtig gute Kampfsportveranstaltung sind gefunden: muntere KI-Kämpfe, unterhaltsame Profiboxkämpfe und ein Profiboxturnier, eventuell im Schwergewicht. Die Kampa Halle ist schön. Man kann nur hoffen, dass Flügelmann Sportspromotion weiter Profiboxkämpfe zeigt. Ich würde mir nur wünschen, beim nächsten Mal 02:00 Uhr morgens aus der Halle zu kommen.
Die Veranstaltung ist über die Facebook-Seite von Boxwelt als Lifestream übertragen worden. Obwohl hierfür keine Werbung gemacht wurde, gab es immerhin 22.200 Aufrufe in der Summe: Dabei gab es die Konkurrenz von mehreren andern Boxveranstaltungen, die im Fernsehen gezeigt wurden.
(C) Uwe Betker

Boxen an einem Pfingstmontag in Krefeld

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Das Kaya Plaza in Krefeld hat sich als Veranstaltungsort für Kampfsport etabliert. Am Pfingstmontag, dem 16.05.2016, stellte Klaus Waschkewitz wieder eine schöne Veranstaltung auf die Beine. Es gab acht K1, ein MMA und zwei Boxkämpfe, Version IKBO, zu sehen. Den Abschluss bildeten drei Profiboxkämpfe. Wie immer berichte ich nur von den letztgenannten. Habe ich schon erwähnt, dass das mit dem Treten nicht so meine Welt ist?
Als erste stiegen im Mittelgewicht Burak Cakir (9 Kämpfe, 9 Niederlagen, 7 durch KO) und Sahan Aybay (2 Kämpfe, 2 Siege, 1 durch KO) in den Ring. Aybay boxte, wie schon in seinem Profidebüt vor zweieinhalb Wochen, souverän. Er machte von Anfang an Druck und dominierte den Kampf. Er verteilte seine Schläge gut und schlug viel und hart zum Körper. Cakir hatte dem nichts entgegenzusetzen. Zwei Minuten lang hielt Aybay den Druck am Anfang konstant aufrecht. Dann nahm er ihn, nach einer Kampfunterbrechung, erst mal wieder heraus, um ihn ca. eine halbe Minute später erneut aufzubauen. Am Ende der Runde nahm Cakir einen rechten Aufwärtshaken, der ihn erstarren ließ. Erstaunlicherweise ließ Aybay dann von ihm ab. Kurze Zeit später war die Runde, bzw. der Kampf, zu Ende. Cakir trat zur zweiten Runde nicht mehr an: Sieger durch TKO in Runde 2: Sahan Aybay.
Im Super Mittelgewicht trafen danach Yusuf Kanguel (12 Kämpfe, 9 Siege, 3 durch KO, 2 Niederlagen, 1 Unentschieden) und Yesilat Berkta (32 Kämpfe, 5 Siege, 4 durch KO, 27 Niederlagen, 12 durch KO) für einen Zehnrunder aufeinander. Kanguel war auf schnellen Beinen unterwegs, zeigte einen beweglichen Oberkörper und versuchte, seine Rechte ins Ziel zu bringen. Berkta verschanzte sich hinter seiner Doppeldeckung und versuchte, sich an sein Gegenüber heranzuschieben, um dort zu explodieren. In der zweiten Runde ging Kanguel vermehrt zum Köper. Einer der Schläge ging sehr tief, mit der entsprechenden Wirkung. Nach einer relativ kurzen Unterbrechung stellte sich Berkta wieder zum Kampf. Am Ende der Runde ging er wieder zu Boden, diesmal nach einer Links-Rechts-Kombination zum Körper. Die folgende Runde war munter und hart umkämpft. Beide hatten ihre Momente, wenn sie ihren Gegner in der Ecke oder an den Ringseilen stellten. Kanguel hatte aber mehr solche Momente.
In der vierten Runde wollte Kanguel den KO. Immer wieder suchte er mit Links-Rechts-Kombination zum Körper den Erfolg. Jedoch war es eine Rechte zum Kopf, die Berkta auf die Bretter schickte. Kurz darauf musste er dann noch dreimal zu Boden: Das erste Mal durch Schlagwirkung, das zweite Mal durch einen Ausrutscher und das dritte Mal durch einen Tiefschlag. Zur fünften Runde trat Yesilat Berkta dann auch nicht mehr an. Er hatte sich seine Schlaghand verletzt. Später konnte man sehen, dass das Gelenk an seinem Daumen dick geschwollen war. Kanguel erschien mir unter der Führung von Trainer Werner Kreiskott technisch und taktisch sichtbar verbessert. Sieger durch TKO in Runde 5: Yusuf Kanguel.
Den Hauptkampf des Abends stellte die WBU-Europameisterschaft im Halbschwergewicht zwischen Badien Hasso (12 Kämpfe, 12 Siege, 6 durch KO) und Remo Arns (21 Kämpfe, 6 Siege, 4 durch KO, 15 Niederlagen, 9 durch KO) dar. Von der ersten Sekunde an war klar, der Kampf geht auf keinen Fall über die Distanz. Hasso machte Druck mit seiner Führhand und ging zum Körper. Arns versuchte sein Glück mit rechten Schwingern, gefolgt von einer Linken. Dabei konnte man das Gefühl bekommen, Arns, der eigentlich nicht den Kampf bestimmte, setzte mehr als Hasso auf einen vorzeitigen Sieg. In der zweiten Runde wurde das Gefecht intensiver. Hasso erhöhte deutlich den Druck, wobei er ruhig und konzentriert blieb. In der dritten Runde kam dann das plötzliche Ende. Nach einer Folge von schönen harten Jabs, setzte Hasso einen brutalen Leberhaken, der Arns fällte. Das Handtuch verhinderte, dass er ausgezählt wurde. Sieger durch TKO in Runde 3, nach 50 Sekunden: Badien Hasso.
Wenn Klaus Waschkewitz im Kaya Plaza in Krefeld veranstaltet, dann muss man einfach hin. Wenn mir persönlich dort auch immer zu viele Kämpfe mit Tretern gezeigt werden, so sind seine Veranstaltungen doch immer wieder gut und definitiv einen Besuch wert. Ich warte schon auf die nächste Veranstaltung.
© Uwe Betker

Eine Alternative zum sonntäglichen Tatort – Boxen in Heerlen

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Ein Ausflug nach Heerlen in das Cultureel Centrum Corneliushuis am 31.01.2016 war tatsächlich schon mehr als eine Alternative zum Sonntags-Tatort. Patricken Driessen veranstaltete „True Champions part 3“. Wie schon seine Vorgänger war diese Boxveranstaltung wieder richtig gut. Driessen entwickelt sich inzwischen geradezu zum Wiederholungs-, wenn nicht sogar Überzeugungstäter, denn seine Shows werden immer besser. Diesmal gab es 17 Amateurkämpfe und fünf Profiboxkämpfe zu sehen. Bevor die Profis in den Ring stiegen, gab es auch noch einen Showact mit einem Sänger, der mehrere Lieder vortrug.
Den Anfang bei den Profis machten Somay Bilal (6 Kämpfe 6 Siege, 4 durch KO) und Bakhtiyar Isgandarzada (18 Kämpfe, 10 Siege, 3 durch KO, 8 Niederlagen, 5 durch KO) in einem auf sechs Runden angesetzten Kampf im Weltergewicht. Isgandarzada versuchte, immer wieder schnell an den Mann heranzukommen. Zu Beginn der zweiten Runde versuchte Isgandarzada besser in den Kampf zu kommen, dabei wurde er aber von Bilal immer wieder abgekontert. Auch am Anfang der dritten Runde begann Isgandarzada stark, bis es zu dem ersten Zusammenstoß mit den Köpfen kam. Hiernach wurde der Kampf von beiden verbissener und härter geführt, wobei Bilal bis kurz vor dem Rundenende die Oberhand behielt. Kurz vor dem Gong kam Isgandarzada aber mit einer harten Rechten zum Kopf durch und sein Gegenüber schien beeindruckt. In der vierten Runde übernahm Bilal nun endgültig das Kommando im Ring. Er erhöhte den Druck und schlug mehr. Irgendwann blutete Isgandarzada stark aus der Nase. Zwar reklamierte er einen Ellenbogenschlag und seine Ecke meinte später, er sei das Opfer eines Kopfstoßes gewesen, aber es war eine schöne Grade durch die Deckung, die das sehr starke Nasenbluten auslöste. In der fünften Runde kam Bilal erneut mit einem Schlag zur Nase durch und Isgandarzada hatte buchstäblich die Nase voll und gab auf. Sieger durch TKO in Runde 5 nach 47 Sekunden: Somay Bilal.
bilal
Dann stiegen Melvin Wassing (9 Kämpfe, 4 Siege, 2 durch KO, 2 Niederlagen, 2 durch KO, 3 Unentschieden) und Sergej Wotschel (1 Kampf, 1 Unentschieden) für einen Vierrunder im Super Weltergewicht in den Ring. Das Kampfgeschehen wogte hin und her. Wassing begann stark, wurde aber auch immer wieder mit der Linken zum Kopf abgekontert. Im zweiten Durchgang, seiner besten Runde, kam er selber mit linken Haken durch und es sah so aus, als würde Wotschel wackeln. In der nächsten Runde gab dieser aber stark zurück und stellte Wassing immer wieder in den Seilen. Um die vierte Runde wurde hart und verbissen gekämpft. Am Ende werteten die Punktrichter Mufadel Elghazaoui 38:38, Martin Jansen 40:36 und Robert Verwijs 38:39, also Unentschieden.
Einige Worte zu Melvin Wassing: Er ist nicht der beste seiner Gewichtsklasse, aber er ist ein Boxer mit Herz, der spektakulär boxt und den Zuschauern etwas bietet. Immer wenn ich ihn boxen sehe, habe ich den Eindruck, dass er entweder groß gewinnt oder groß untergeht. Ich mag ihn boxen zu sehen.
Und auch noch einige Worte zu den Offiziellen vom niederländischen Profiboxverband: Alle zeigten eine sehr gute und souveräne Leistung. Die Ringrichter agierten aufmerksam, unaufgeregt und unauffällig – so wie es sein soll. An dem Punkturteil Melvin Wassing vs. Sergej Wotschel sieht man, dass kein Heimbonus gegeben wurde. Ein solch enger Kampf, wäre bei anderen Kampfgerichten ein Punktsieg für Wassing geworden.
wassing
Ebenfalls im Super Weltergewicht maßen Steve Suppan (5 Kämpfe, 4 Siege, 3 durch KO, 1 Unentschieden) und Cankan Guenyuezlue (10 Kämpfe, 2 Siege, 1 durch KO, 8 Niederlagen, 7 durch KO) ihre Kräfte – wenn man das denn so nennen möchte. Suppan dominierte nämlich den Kampf nach Belieben. Mitte der ersten Runde schickte er seinen Gegner mit einem schönen linken Körperhaken auf die Bretter. Hiernach war es nicht mehr die Frage ob, sondern nur noch, wann Guenyuezlue KO gehen würde. Überraschenderweise schaffte dieser es aber noch, den Pausengong zu erreichen. Suppan legte allerdings auch keinen gesteigerten Ehrgeiz an den Tag. Zu Anfang der zweiten Runde ging Guenyuezlue erneut zu Boden. Dort zeigte er dann an, er habe sich seine linke Schulter verletzt. Er kam wieder hoch, ging aber nach der nächsten Aktion erneut zu Boden. Dies wiederholte sich noch einmal, dann wurde er aber schließlich ausgezählt. Sieger durch KO in Runde 2, nach 1:30 Minuten: Steve Suppan.
Der Kampf zwischen Suppan und Guenyuezlue war der schwächste des Abends. Zur Ehrenrettung muss man allerdings sagen, dass der ursprünglich geplante Gegner von Suppan kurzfristig ausgefallen war und ersetzt werden musste.
suppan
Die beiden letzten Kämpfe, die nun folgten, waren die Hauptkämpfe des Abends. Beide waren Profidebüts – aber was für welche!
Im Weltergewicht stieg erstmalig Djiby Diagne (1 Kampf, 1 Sieg, 1 durch KO) als Berufsboxer in den Ring. Dort traf er auf Bilal Messoudi (2 Kämpfe, 1 Niederlage, 1 durch KO, 1 Unentschieden). Diagne machte seine Sache gut. Er setzte seinen Gegner von Anfang an unter Druck und versuchte harte Treffer zu landen. Er zeigte schöne schnelle Hände. Messoudi versuchte eher, Treffer zu vermeiden. Ansonsten machte er Faxen. Diagne ging für einen Debütanten erstaunlich abgeklärt ans Werk. Auch als er Messoudi angeschlagen hatte, überhastete er nicht, sondern boxte einfach weiter. In der zweiten Runde suchte Messoudi sein Glück in überfallartigen Angriffen. Dabei kam er sogar mit einem Schlag durch, der seinen Gegner zu Boden schickte. Das war aber wohl mehr auf einen Schrittfehler als auf die Wirkung des Schlags zurückzuführen. Gleichwohl wurde Diagne angezählt. Als Messoudi merkte, dass sein Gegner nicht angeschlagen war, versuchte er weiter, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen und, wenn möglich, Faxen und Clownerien zu machen. In der dritten Runde kam es zu einem unbeabsichtigten Aneinanderstoßen der Köpfe beider Boxer, wobei Messoudi sich einen Cut am rechten Auge zuzog. Der Ringarzt begutachtete ihn und empfahl dem Ringrichter, den Kampf zu beenden. Die Ecke von Messoudi forderte diesen daraufhin auf, den Ring zu verlassen. Das war nun nicht gerade sehr sportlich. So verkündete der Ringrichter das Urteil ohne den Verlierer. Sieger durch TKO in Runde 3, nah 1:46 Minute: Djiby Diagne.
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Im letzten Kampf des Abends gab Ricardo Snijders sein Profidebüt im Schwergewicht gegen Emre Altintas (20 Kämpfe, 10 Siege, 6 durch KO, 8 Niederlagen, 7 durch KO, 1 Unentschieden). Sieht man sich den Kampfrekord von Altintas so an, dann kann man nur über diese mutige und selbstbewusste Kampfansetzung staunen. Ein Profidebüt als Hauptkampf, das ist schon ungewöhnlich. Und dann noch gegen so einen Gegner – das ist schon ein Knaller.
Es gab kaum ein Abtasten. Von Anfang an gingen beide ein hohes Tempo. Es gab viele Schlagabtäusche mit einer hohen Schlagfrequenz. Bemerkenswert war die gute Deckung von Snijders und die schönen Pendelbewegungen, die er mit dem Oberkörper zeigte. Im zweiten Durchgang wurde der Kampf härter. Ein rechter Kopfhaken zwang Altintas zu Boden. Das war der erste von vier Niederschlägen in dieser Runde. Altintas stellte sich immer wieder zum Kampf und das buchstäblich. Er versuchte sein Bestes gegen Snijders. Aber der war einfach zu stark. Anfang der dritten Runde brachte eine Linke zum Körper, gefolgt von einem rechten Kopfhaken, Altintas erneut zu Boden, wo er hockend mit ansehen musste, wie seine Ecke das Handtuch warf. Sieger durch TKO in Runde 3, nach 20 Sekunden: Ricardo Snijders.
snijders
Eine Veranstaltung, bei der zwei Debütanten die Hauptkämpfe bestreiten, ist schon ungewöhnlich. Aber ich muss sagen, Patricken Driessen, der Wiederholungstäter, was das Veranstalten von guten Boxshows anbelangt, hat wirklich gut daran getan, die beiden Jungprofis Djiby Diagne und Ricardo Snijders zuletzt boxen zu lassen. Beide haben gute Leistungen gezeigt, die auf mehr hoffen lassen. Ich jedenfalls werde beide Boxer im Auge behalten. Ohne den Tatort im Fernsehen gesehen zu haben, möchte ich doch behaupten, es war die richtige Entscheidung, zum Boxen nach Heerlen gefahren zu sein.
(C) Uwe Betker

„Kingsvillage Beatdown“ – ein Anwärter auf den Titel „beste Veranstaltung 2015“

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Das Foyer des Abtei Gymnasiums in Pulheim war am 12.12.2015 Austragungsort einer sehr bemerkenswerten Veranstaltung, die Bihes Barakat auf die Beine gestellt hatte. Der Ring stand, wie gesagt, im Foyer der Schule. Darum herum standen Stühle. Es gab auch noch eine Empore, von der aus man auf den Ring gucken konnte. Der Ort war fürs Boxen gut gewählt. Das ganze nannte sich „Kingsvillage Beatdown“ Es begann mit einer Darbietung der Cheerleader des 1. FC Köln. Überhaupt war die Veranstaltung etwas FC-lastig. Chistoph Daum war Ehrengast und Michael Tripple, der Stadionsprecher des FC, war Kommentator fürs Fernsehen. Im Vorprogramm gab es erst mal vier Kämpfe nach K1 Regeln.
Den ersten richtigen Boxkampf des Abend bestritten dann im Superleichtgewicht Khavazhy Khatsyhau (24 Kämpfe, 12 Siege, 8 durch KO, 12 Niederlagen, 8 durch KO) und Agali Alishov (29 Kämpfe, 21 Siege, 15 durch KO, 6 Niederlagen, 2 durch KO, 2 Unentschieden). Khatsyhau, der kompaktere und kleinere Boxer, hatte von Anfang an Schwierigkeiten. Alishov, der Rechtsausleger, versuchte es mit Schwingern, war aber dabei zu hektisch, um für sein Gegenüber gefährlich zu werden. Die zweite Runde war härter. Beide Kontrahenten suchten den Schlagabtausch, wobei aber viele Schläge die Deckung trafen. Am Ende der Runde verletzte sich Khatsyhau den rechten Ellbogen. Er schaffte es noch, die Rundenpause zu erreichen, aber zur dritten Runde trat er nicht mehr an. Sieger durch TKO in Runde 3 nach 0:00 Minuten: Agali Alishov.
Im folgenden Kampf gab Branimir Stankovic sein Profidebüt im Weltergewicht. Stankovic, der für die German Eagles in der World Series of Boxing geboxt hatte, traf auf Samir Boukrara (34 Kämpfe, 12 Siege, 2 durch KO, 21 Niederlagen, 8 durch KO, 1 Unentschieden). Um es gleich vorweg zu sagen, Stankovic sah richtig gut aus. Von Nervosität bei seinem Debüt war kaum etwas zu sehen. Er beherrschte auf beeindruckende Art und Weise das Geschehen im Ring. Er boxte variabel auf schnellen Beinen. Immer wieder ging er schön zum Körper. In der zweiten Runde kam er wiederholt mit Kopfhaken durch. In der dritten Runde erhöhte er das Tempo. Er verteilte seine Schläge gut und klug und Boukrara musste viele harte Treffer nehmen. Irgendwann hatte die Ecke von ihm genug gesehen und schütze ihn vor weiteren Schlägen mit dem Wurf des Handtuchs. Sieger durch TKO in Runde 3 nach 1:02 Minuten: Branimir Stankovic. Der Boxer von CSC-Boxpromotion hat da ein wirklich sehr beeindruckendes Profidebüt gegeben.
Danach trafen Badien Hasso (10 Kämpfe, 10 Siege, 4 durch KO) und Dzianis Makar (38, Kämpfe, 5 Siege, 4 durch KO, 31 Niederlagen, 8 durch KO, 2 Unentschieden) im Halbschwergewicht aufeinander. Hasso ist ein Boxer, der sich von Kampf zu Kampf steigert; er lernt und wird besser. Er begann ruhig und verhalten und studierte erst mal seinen Gegner. In der zweiten Runde erhöhte er dann den Druck und boxte systematischer. Zum Ende hin, deckte er ihn mit mehreren harten Kombinationen ein. Makar versuchte zwar gegenzuhalten, bekam aber von Hasso keine Chance. Bei einer der letzten Aktionen verletzte sich Makar am linken Auge. Auf Anraten des Ringarztes trat er zur folgenden Runde dann nicht mehr an. Sieger durch TKO in Runde 3 nach 0:00 Minuten: Badien Hasso.
Es folgte ein kleine Pause und ein Showact: Die Pop-Sängerin Almok. Die stimmgewaltige Sängerin ist in Togo ein Superstar. Sie trug zwei Lieder vor.
Im Weltergewicht maßen dann Ilhami Aydemir (8 Kämpfe, 8 Siege, 5 durch KO) und Anton Bekish (22 Kämpfe, 5 Siege, 4 durch KO, 16 Niederlagen, 4 durch KO, 1 Unentschieden) ihre Kräfte. Aydemir, auch von CSC-Boxpromotion, besetzte die Ringmitte und beherrschte das Geschehen mit seinem beeindruckenden Jab. Überhaupt war seine ganze Vorstellung beeindruckend. Angriffe von Bekish pendelte er locker aus, um dann selber effektiv und hart zu kontern. Ende der ersten Runde wurde Bekish durch eine Linke, gefolgt von und zwei Rechten zum Kopf, gefällt. Während der Ringrichter Tengis Sade von der GBA noch zählte, ertönte der Gong. Bekish trat aber zur nächsten Runde nicht mehr an. Sieger durch TKO in Runde 2, nach 0:00 Minuten: Ilhami Aydemir.
Die Einmarschmusik für Kouami Folly Kuegah (16 Kämpfe, 13 Siege, 9 durch KO, 3 Niederlagen), genannt Prinz Lorenzo, sang Almok live. Kuegah traf auf Bakhtiyar Isgandarzada (17 Kämpfe, 10 Siege, 3 durch KO, 7 Niederlagen, 4 durch KO). Dabei ging es um die Weltmeisterschaft der GBC im Halbweltergewicht. Der Prinz machte von Anfang an Druck. Isgandarzada hielt gegen und versuchte mit Haken zu kontern. Lorenzo traf aber besser. Ende der zweiten Runde verletzte sich Isgandarzada die Schlaghand. Daher erhöhte Kuegah auch den Druck. Isgandarzada trat aber trotz seiner Verletzung zur dritten Runde an. Er arbeitete viel mit der Linken und nur im Ausnahmefall mit der Rechten. Er versuchte dem Druck von Lorenzo durch schnelle Beine, Auslagenwechsel und hohe Schlagfrequenz mit der Linken etwas entgegenzusetzen. Das Vorhaben war aber zum Scheitern verurteilt. Dennoch stellte er sich auch zur vierten Runde, in der er viel nehmen musste, denn Lorenzo erhöhte immer weiter den Druck und suchte den KO-Erfolg. Zur fünften Runde trat Isgandarzada dann nicht mehr an. Sieger durch TKO in Runde 5 nach 0:00 Minuten: Kouami Folly Kuegah – Prinz Lorenzo.
Für mich stellt der erste „Kingsvillage Beatdown“ einen ganz heißen Anwärter auf den Titel „beste Veranstaltung 2015“ dar. Es war einfach ein richtig gute Veranstaltung. Auch der Veranstaltungsort war gut gewählt. Besonders bemerkenswert aber fand ich die Qualität des Vorprogramms. Von vier Vorkämpfen waren drei wirklich gut. Wäre da noch zu erwähnen, dass es beim Hauptkampf ein Nummerngirl gab, eine Sambatänzerin.
© Uwe Betker

Ein Kessel Buntes: Arthur Abraham, Robert Stieglitz, Vincent Feigenbutz und viele andere

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Wer zu spät losfährt, muss sich auch nicht wundern, wenn er Kämpfe verpasst. Das ist mir passiert. Den ersten Kampf, Leon Bauer (2 Kämpfe, 2 Siege, 2 durch KO) gegen Misa Nikolic (58 Kämpfe, 20 Siege, 9 durch KO, 36 Niederlagen, 24 durch KO, 2 Unentschieden) im Super Mittelgewicht, habe ich verpasst. Und das tut mir sehr leid. Ich hatte mich nämlich darauf gefreut, mir Leon Bauer anzusehen, von dem ich schon viel gehört habe. Bauer gewann durch TKO in Runde zwei. Offensichtlich war man mit seiner Leistung zufrieden, denn Team Sauerland unterzeichnete mit ihm später, auf der Pressekonferenz, einen Vertrag.
Angekommen bin ich erst zur Mitte des zweiten Kampfes. Es schlugen sich Enrico Kölling (19 Kämpfe, 18 Siege, 6 durch KO, 1 Niederlage) und Vasyl Kondor (34 Kämpfe, 18 Siege, 5 durch KO, 15 Niederlagen, 8 durch KO, 1 Unentschieden) im Halb Schwergewicht. Kölling, der seinen vorletzten Kampf, am 25.04.2015 gegen Andrej Mauer, verloren hatte, traf hier auf einen soliden Aufbaugegner aus der Ukraine. Kondor hat einen Reichweitenvorteil, den er auch zu nutzen versuchte, indem bestrebt war, lang zu boxen. Kölling gelang es aber, sich, hinter seiner kompakten Doppeldeckung verschanzt, an ihn heranzuschieben und schöne Kombinationen zu Körper und Kopf zu schlagen. Er zeigte schönes und sauberes Boxen. Immer wieder kam er mit Schlägen, besonders zum Kopf, durch. In den letzten vier Runden – der Kampf war auf acht Runden angesetzt – gab es in jeder Runde zwei Situationen, in denen Kondor, der immerhin schon achtmal KO gegangen ist, wackelte. Mitte der letzten Runde wackelte Kondor nicht nur, sondern er torkelte. Kölling konnte oder wollte aber die Gelegenheit nicht nutzen. Schon nach geschätzten fünfzehn Sekunden suchte Kölling nicht mehr den KO. Sieger nach Punkten: Enrico Kölling.
Es folgte dann erst mal die WKU Kickbox WM im Leichtgewicht, in der Marie Lang Viktoria Emma Lomax nach Punkten besiegte.
Dann wurde aber nur noch klassisch geboxt. Im Mittelgewicht trafen Anthony Ogogo (8 Kämpfe, 8 Siege, 4 durch KO) und Ruslan Schelev (15 Kämpfe, 11 Siege, 4 durch KO, 4 Niederlagen, 1 durch KO) aufeinander. – Ein seltsamer Kampf! Es begann damit, dass der ungeschlagene Ogogo, der von einigen als ganz großes Talent gehandelt wird, mit einer braunen Maske oder einem Helm – irgendetwas Richtung Gladiator – in den Ring kam und damit natürlich Erwartungen, große Erwartungen, weckte, die er auch ein bis zwei Runden lang, zumindest ein wenig, halten konnte. Seine linke Führhand kam schnell und präzise zum Kopf. Aber es kam dann nur sehr wenig nach. Die Haken trafen nicht und die rechte Gerade, nachgezogen, kam zu selten. Ogogo sah gut aus, wenn er nach vorne ging. Im Rückwärtsgang hatte er seine Probleme. Er boxte sehr breitbeinig. Den Infight unterband er durch Klammern. Ab der dritten Runde versuchte Schelev, die Ringmitte zu besetzen und durch mehr Aktivität Ogogo in die Defensive zu drängen. Der Kampf wurde sehr unansehnlich. Schelev zerstörte den Kampf und Ogogo konnte ihn nicht führen. Es wurde viel geklammert und durchgesteckt, und nur sehr wenige Schläge fanden ihr Ziel. Am Ende der sechs Runden stand eine einstimmiger Punktsieg für Anthony Ogogo. Leider hat er, als er den Ring und die Halle verließ, seine Maske nicht wieder angezogen.
Auch Stefan Härtel (6 Kämpfe, 6 Siege) bestritt einen Sechsrunder und auch er musste über die Distanz gehen, aber er sah sehr viel besser aus als Ogogo. Er boxte im Super Mittelgewicht gegen Maurice Possiti (17 Kämpfe, 10 Siege, 5 durch KO, 7 Niederlagen, 3 durch KO). Härtel boxte sehr souverän und abgeklärt. Man hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, er könnte nicht Herr der Situation sein, auch wenn er sich an die Ringseile stellte und ihn der Franzose mit Schlägen eindeckte. Härtel boxt einen schönen klassischen Stil. Possiti hielt manchmal lässig seine Führhand auf Höhe des Hosenbundes. In der zweiten Runde kam Härtel mit einer schönen Linken durch, die Possiti, der schlecht stand, ins Straucheln brachte. Härtel zog eine Rechte nach. Wenn ich es richtig gesehen habe, traf der Schlag nur die Brust, aber Possiti ging zu Boden und wurde angezählt. Die nächsten drei Runden boxte Härtel lässig seinen Stiefel runter. In der sechsten und letzten Runde versuchte Possiti noch ein paar überfallartige Angriffe, aber die konterte Härtel locker. Es war ein Kampf für Boxästheten. Einstimmiger Punktsieger: Stefan Härtel.
Der folgende Kampf war das Gegenteil des Vorangegangenen. Es war ein Titelkampf. Dabei ging es um den vakanten Eurasia Pacific Titel oder die Euro-Asia Meisterschaft im Mittelgewicht der WBC, was immer dies auch für ein Titel sein mag. Mike Keta (22 Kämpfe, 19 Siege, 16 durch KO, 3 Niederlagen, 2 durch KO) traf auf Aliklych Kanbolatov (15 Kämpfe, 11 Siege, 6 durch KO, 3 Niederlagen, 2 durch KO). Der Kampf gestaltete sich als kurzweilige Keilerei. Der kleinere Keta stürmte auf seinen Gegner los und schlug, meist Schwinger, aus allen Positionen. Der größere Kanbolatov versuchte nur sehr kurze Zeit boxen und beteilige sich dann an der Keilerei. In den ersten beiden Runden ging er jeweils zweimal zu Boden. Zum Ende der dritten Runde kam dann das endgültige Aus. Keta kam mit zwei hintereinander geschlagenen Rechten zum Kopf durch, die Kanbolatov erneut zu Boden zwangen. Dann stellte Keta seinen Gegner in der neutralen Ecke, wo dieser ohne Deckung stand und schlug ihm, praktisch mit Anlauf, eine Rechte gegen die Schläfe. Kanbolatov ging schwer runter und der Ringrichter winkte den Kampf sofort ab. Sieger durch TKO in Runde 3 nach 3:00 Minuten: Mike Keta.
Nach einer kleinen Pause wurde wieder geboxt – und das gut. Im Cruisergewicht boxten Noel Gevor (18 Kämpfe, 18 Siege, 10 durch KO) und Lukasz Rusiewicz (41 Kämpfe, 20 Siege, 11 durch KO, 21 Niederlagen, 2 durch KO) gegeneinander. Gevor zeigte gegen Rusiewicz „Fechten mit der Faust“. Mitte der dritten Runde stellte Gevor sein Gegenüber in der Ringmitte und deckte ihn mit einer langen Schlagkombination ein, die seinen Gegner sichtlich beeindruckte und leicht einknicken ließ. Ende der Runde schlug Gevor Rusiewicz noch einmal leicht an. Auch die folgenden zwei Runden dominierte Gevor. Am Ende der fünften Runde sah es wieder so aus, als ob Rusiewicz wackeln würde. Dann kamen die besten zwei Runden von Rusiewicz. Ich hatte den Eindruck, ein Leberhaken, den Gevor Anfang der sechsten Runde nehmen musste, war dafür die Ursache. Die letzte Runde gehörte aber wieder Gevor, obwohl sie zäh umkämpft war. Am Ende der Runde sah es noch mal so aus, als würde Rusiewicz wackeln. Punktsieger nach acht Runden: Noel Gevor.
Während dieses Kampfes traten dann auch das erste Mal Nummerngirls auf. Sie trugen einen schwarzen Tennis Rock und ein schwarzes Top von Adidas. Es ist, glaube ich, das erste Mal, dass ich Nummerngirls in Adidas gekleidet sah. Die hochhackigen Schuhe der Damen waren vermutlich nicht vom Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach, denn sie hatten keine Streifen.
Als nächstes kam die erwartete einseitige Interim Weltmeisterschaft der WBA im Super Mittelgewicht. Vincent Feigenbutz (21 Kämpfe, 20 Siege, 19 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch KO) machte seine Sache gegen Mauricio Reynoso (18 Kämpfe, 15 Siege, 11 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO, 1 Unentschieden) gut, und das Publikum in der Halle war begeistert. Während der ersten zwei Minuten der ersten Runde blieb Feigenputz passiv, studierte seinen Gegner und beschränkte sich aufs Mitschlagen. Dann kam er mit einem rechten Körperhaken durch und startete seine Attacke. Von da an bestimmte er das Geschehen im Ring und suchte den Schlagabtausch. Der KO war nur noch eine Frage der Zeit.
Anfang der zweiten Runde zwang ein rechter Kopfhaken Reynoso zu Boden. Danach ging Feigenbutz regelrecht auf die Jagd. Der Mann aus Peru versuchte sein Bestes. Er stellte sogar Feigenbutz zweimal an den Ringseilen, musste dafür aber jedesmal direkt einen hohen Preis bezahlen. Gleich in der ersten Szene nach Wiederangongen nahm Reynoso ein harte Rechte zum Kopf, die ihn einknicken ließ. Ca. eine Minute später kam Feigenputz mit einem rechten und einem linken Körperhaken, gefolgt von einem linken Kopfhaken, durch, die Reynoso zu Boden schickten. Er kam zwar wieder hoch, ging aber nach einem rechten Kopfhaken direkt wieder runter. Er versuchte noch bei acht aufzustehen, aber der Ringrichter Giuseppe Quartarone winkte den Kampf ab. Sieger durch TKO in Runde 3 nach 1:31 Minuten: Vincent Feigenbutz. – Ich möchte an dieser Stelle noch erwähnen, dass das Management von Feigenbutz über diese Kampfansetzung nicht glücklich war.
Hauptkampf des Abends war dann das vierte Aufeinandertreffen von Arthur Abraham (47 Kämpfe, 43 Siege, 29 durch KO, 4 Niederlagen, 1 durch KO) und Robert Stieglitz (53 Kämpfe, 47 Siege, 27 durch KO, 5 Niederlagen, 3 durch KO). Dabei ging es um Abrahams Weltmeistertitel der WBO im Super Mittelgewicht.
Beide Boxer gingen in der ersten Runde ein hohes Tempo. Abraham boxte von Anfang an mit, was er, wie wir uns erinnern, nicht in allen seinen Kämpfen macht und er versuchte seine harte Rechte ins Ziel zu bringen. Stieglitz griff unermüdlich an, traf aber meist nur die Deckung. In der zweiten Runde kam Abraham zweimal mit seiner Rechten durch. Bei einem Zusammenprall der Köpfe verletzte/beschädigte sich Abraham einen Zahn, was ihn für den Rest des Kampfes sichtlich störte. In der dritten Runde ließ der Tempo ein wenig nach, wodurch Stieglitz stärker wurde. In der vierten Runde wurde Stieglitz angezählt – für etwas, das halb nach Ausrutscher, halb nach Schlag aussah. In der sechsten Runde kam dann das Ende für Stieglitz. Abraham traf in sehr hart mit zwei Rechten an der Schläfe. Stieglitz knickte leicht ein. Abraham setzte nach, ging kurz zum Körper, um dann wieder mit einer Rechten zur Schläfe durchzukommen. Stieglitz sackte in sich zusammen. Der Ringrichter, zählte Earl Brown Stieglitz an und wollte den Kampf wieder freigeben. Abraham wies ihn aber darauf hin, dass Stieglitz Trainer Dirk Dzemski das Handtuch als Zeichen der Aufgabe hoch hielt. Sieger durch TKO in Runde 6, nach 1:14 Minuten: Arthur Abraham.
Dieser vierte Kampf von Arthur Abraham gegen Robert Stieglitz war richtig gut: Er wurde intensiv geführt und lebte geradezu von den unterschiedlichen Boxstilen. Eine fünfte Auflage, die, wie ich finde, auch wenig bis gar keinen Sinn machen würde, wird es, dem Vernehmen nach, nicht mehr geben. Die Frage drängt sich nun auf: Was wird sportlich aus Stieglitz?
Auf der Veranstaltung von Team Sauerland am 18.07.2015 im Gerry Weber Stadion, Halle in Westfalen gab es einen Kessel Buntes. Es gab einen tollen Kampf zwischen Arthur Abraham und Robert Stieglitz, einen soliden, beeindruckenden Vincent Feigenbutz, Noel Gevor und Stefan Härtel die durchaus überzeugten, allerdings auch einen Enrico Kölling, der mich nicht überzeugen konnte und einen Anthony Ogogo, der mich geradezu enttäuschte. Geboten wurde auch noch eine WM im Kickboxen der Frauen und eine amüsante Keilerei mit Mike Keta, einen Leon Bauer, den ich aber nicht gesehen habe, und Nummerngirls in Adidas. Zusammen ein Kessel Buntes, der viel Unterhaltsames zu bieten hatte und auf jeden Fall sehr viel unterhaltsamer war als jene Unterhaltungsshow gleichen Namens, die es einmal gab.
(C) Uwe Betker