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Ein Versuch, die Krise des deutschen Profiboxens einzuordnen

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In der achten und neunten Klasse hatte ich einen Sozial- und Wirtschaftskundelehrer, der nicht müde wurde zu erklären: „In der Freien Marktwirtschaft wird über Angebot und Nachfrage bestimmt, ob etwas produziert wird, wie viel produziert wird und zu welchem Preis es verkauft wird.“ Nun ist Profiboxen, mal ganz unsentimental betrachtet, ein Produkt wie jedes andere auch und als solches muss es erstmal am Markt bestehen. Daher kann man auch die entsprechenden Kriterien hier zur Anwendung bringen.

Die Ware Profiboxen ist nun in Deutschland in einer tiefen Krise. Seine Qualität kann man als mäßig bezeichnen. Die Nachfrage ist gering und der Preis auch. Das war „in der guten alten Zeit“ auch mal ganz anders. Ab 1990 boxte Henry Maske für Wilfried Sauerland, der dadurch etwas schuf, das man „Boxen Made in Germany“ nennen könnte. Sauerland hatte mit Maske, Axel Schulz, Markus Beyer und Sven Ottke ein deutsches Produkt, deutsche Helden, für den deutschen Absatzmarkt. Es wurde die Marke von 18 Millionen bei den Einschaltquoten geknackt und man erreichte zwischenzeitlich einen Marktanteil von über 73 Prozent.

Im Zuge der hohen Nachfrage wurden auch andere Veranstalter groß, wie Universum Box-Promotion. Universum konzentrierte sich auf osteuropäische Boxer, denen man allerdings z. T., zwecks besserer Vermarktbarkeit, deutsche Namen gab. Die großen TV Sender wie RTL, das Erste und ZDF übertrugen Profiboxen. Und hierzulande wurden mit den Klitschko-Brüdern Boxer, die das Schwergewicht lange Zeit prägten, aufgebaut. Das Boxen Made in Germany war zu einem gewinnträchtigen Premiumprodukt geworden.

Dann kam es zu einer klassischen Überproduktionskrise. D.h. der Widerspruch zwischen den Produktionsgewinnen der Veranstalter und dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion wurde offensichtlich. Die Veranstalter bauten immer mehr Boxer auf, die sie als vermeintliche Jahrhundertboxer, Nachfolger von X, Nachfolger von Y  usw. bewarben. Zwar stieg die Anzahl der Boxer bei den großen Veranstaltern mit TV-Verträgen, aber die Qualität sank. Dies blieb sowohl beim Publikum als auch bei den TV-Sendern nicht unbemerkt. Einer nach dem anderen verabschiedeten sich alle großen Sender vom Boxen. Der Markt bereinigte sich. Universum verschwand ganz. Sauerland Promotion verfolgte eine andere Strategie. Unprofitable Standorte wurden geschlossen und Angestellte wurden, um Kosten zu senken, entlassen. Man konzentrierte sich auf profitablere Absatzmärkte. Stichworte: Skandinavien und World Boxing Super Series.

Der deutsche Absatzmarkt scheint im Augenblick für Sauerland kaum noch von besonderem Interesse zu sein. Die Einschaltquoten kann man nur noch mäßig nennen und das Interesse des Publikums vor Ort ist schlecht. Vermutlich will man auch gar nicht mehr Zuschauer in den Hallen haben. Selbst bei einer Vervierfachung der Zuschauerzahl würde man auf kein Interesse stoßen.

Die verbliebenen Konkurrenten von Sauerland haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Boxen ist zu einer Randsportart verkommen und kaum noch zu vermarkten. Selbst SES, das einen Vertrag mit dem MDR hat und damit der größte Konkurrent ist, hat wohl keinen Boxer in ihren Reihen, der mehrere Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte locken könnte.

Das Grundproblem des Profiboxens in Deutschland kann man so beschreiben, dass das Angebot offensichtlich nicht so aussieht, dass es eine große Nachfrage nach sich zöge. Dabei ist es durchaus nicht so, dass es in Deutschland nicht genug gute Boxer oder neue Konzepte gäbe. Das Problem scheint  eher zu sein, dass die etablierten Veranstalter keinen Input von außen annehmen können. Würden sie das nämlich tun, so verhielten sie sich zwar professionell, müssten sich dann aber solche Fragen stellen wie: Wieso habe wir diesen Boxer übersehen? Wieso haben wir nicht diesen Trainer unter Vertrag? Wieso hatten wir nicht die Idee?

Wir dürfen gespannt sein, ob das Produkt Profiboxen überhaupt noch eine Zukunft in Deutschland hat.

© Uwe Betker

Die ultimativ subjektive Liste 2017

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Boxer des Jahres
Wladimir Klitschko (69 Kämpfe, 64 Siege, 53 durch KO, 5 Niederlagen, 4 durch KO) stieg am 29.04.2017 im Wembley Stadion in London zum letzten Mal in den Ring. Er verlor gegen Anthony Joshua. Es hätte vermutlich keiner vorher ernsthaft erwartet, dass Klitschko im Herbst seiner Karriere noch einmal zu einer solchen Leistung fähig wäre.

Boxer des Jahres (ehrenhalber)
Alexander Mengis und Eduard Gutknecht zahlen einen hohen Preis für ihre Liebe zum Boxen.

Boxerin des Jahres
2017 sah ich in Deutschland keine Boxerin, die diesen Titel verdient hätte.

KO des Jahres
Im Viertelfinale der World Boxing Super Series, im Turnier im Cruisergewicht, knockte der Kubaner Yunier Dorticos (22 Kämpfe, 22 Siege, 21 durch KO) den Russen Dmitry Kudryashov (23 Kämpfe, 21 Siege, 21 durch KO, 2 Niederlagen, 2 durch KO) in der zweiten Runde durch eine perfekte Rechte zur Schläfe aus.

Schlechteste Veranstaltung des Jahres
Alle Veranstaltungen von großen Promotern, die das Geld nicht wert waren, das die Fernsehsender und die Zuschauer an den Kassen bezahlt haben und bei denen Boxer um den Sieg betrogen wurden.

Rookie des Jahres
Sherif Morina (6 Kämpfe, 6 Siege, 4 durch KO) ist seit eineinhalb Jahren Profi. Er boxt im Weltergewicht und boxt mit hohem Risiko, sowohl was seinen Kampfstil als auch was die Auswahl seiner Gegner anbelangt.

Überschätzter Boxer des Jahres
Christian Hammer (27 Kämpfe, 22 Siege, 12 durch KO, 5 Niederlagen, 2 durch KO) alias Cristian Ciocan boxte am 15. Dezember 2017 um den WBO International Titel im Schwergewicht gegen Alexander Povetkin (34 Kämpfe, 33 Siege, 23 durch KO, 1 Niederlage). Auf meinem Punktzettel gewann er keine Runde.

Überschätzte Boxerin des Jahres
Es gibt sie, aber ich will sie hier nicht mit einer Nennung ehren.

Punktrichter des Jahres
Urs Schneider (BDB), ein Punktrichter der in seiner ganzen Karriere noch kein einziges Fehlurteil gefällt hat: Hinzu kommt ein vorbildlicher Auftritt als Supervisor.

Ringrichter des Jahres
Jens-Uwe Baum (GBA) agiert unauffällig und unaufgeregt, auch wenn es im Ring hektisch wird.

Absteiger des Jahres (männlich)
Der am 22.12.2014 verstorbene Erfolgstrainer Fritz Sdunek war so etwas wie der Säulenheilige des deutschen Boxens. Eine Reportage im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zeigte, dass er wohl doch so heilig nicht war.

Absteiger des Jahres (weiblich)
Gab es sie?

Aussteiger des Jahres
Der Wuppertaler Schwergewichtler und Kultboxer Werner Kreiskott (46 Kämpfe, 25 Siege, 17 durch KO, 19 Niederlagen, 8 durch KO, 2 Unentschieden) machte im Oktober seinen letzten Kampf. Er war ein Boxer, der seine Kämpfe gewann, der aber auch verlor und beides machte er mit Würde. Viele werden ihn im Ring vermissen. Alle aber sind, wie ich, froh, dass er den richtigen Zeitpunkt für seinen Rücktritt gewählt hat.

Veranstalter des Jahres
Die 15-jährige Ranee Schröder dürfte wahrscheinlich immer noch die jüngste Promoterin der Welt sein. Sie war Veranstalterin des WBF WM-Kampfes im Cruisergewicht zwischen Serdar Sahin und Javier Sanabria auf der Messe „Mode, Heim und Handwerk“ am 18. November 2017 in der Messe Essen.

Veranstaltung des Jahres
Die GBA ging am 18. November 2017 neue Wege, um Werbung für das Profiboxen in Deutschland zu machen: Sie veranstaltete selber eine Profiboxveranstaltung, und zwar in der Messehalle Halle 7 der Messe Essen. Auf der Messe „Mode, Heim und Handwerk“, einer Verbrauchermesse, gab es Profiboxen zu sehen und die Zuschauer waren die Messebesucher, die vorbei kamen.

Boxevent des Jahres
Da findet eine Schwergewichtsweltmeisterschaft in Deutschland statt und die Halle ist nicht ausverkauft. Da wird jemand, der seit ewiger Zeit in Deutschland lebt, Weltmeister im Schwergewicht und ein Teil der Presse fragt nach seinem Pass. In der Arena Oberhausen fand am 15.11.2017 eines der seltsamsten Boxevents aller Zeiten statt: Manuel Charr vs. Alexander Ustinov.

Fehlentscheidung des Jahres
Am 04. März 2017 gab Araik Marutjan sein Profidebüt gegen Serhii Ksendzov. Sauerlands neuer Mittelgewichtler Marutjan dominierte den Kampf. Dann erlitt er einen Achillessehnen-Abriss und konnte nicht weiter boxen. Im Ring wurde offenbar ein “No Contest“ verkündet. Später wandelte der BDB das Urteil in einen Sieg für Marutjan um.

Trainer des Jahres
Habe ich nicht gesehen.

Entgleisung des Jahres
Malte Müller-Michaelis und Gerhard Pfeil schrieben in „Der Spiegel“: „Die Promoter witterten das schnelle Geld. Statt Talente ordentlich auszubilden, schickten sie unfertige Athleten ins Feuer. Durchschnittsboxer wie Sven Ottke oder Markus Beyer wurden zu Weltmeistern hochgejazzt.“

Boxkampf des Jahres (männlich)
Im Wembley Stadion in London versuchte Wladimir Klitschko (69 Kämpfe, 64 Siege, 53 durch KO, 5 Niederlagen, 4 durch KO) am 29.04.2017 gegen Anthony Joshua noch mal Weltmeister im Schwergewicht zu werden. Vorher hatte kaum jemand geglaubt, dass der einundvierzigjährige Herausforderer Klitschko zu einer solchen Leistung, wie er sie dann zeigte, nochmal fähig sein würde. Womöglich hätte er den Kampf sogar gewinnen können, hätte er in den Kunstpausen von Joshua nur konsequent angegriffen. Seine Ecke aber, allen voran sein Bruder Vitali, verhinderten dies.

Boxkampf des Jahres (weiblich)
Özlem Sahin (25 Kämpfe, 23 Siege, 7 durch KO, 1 Niederlage, 1 Unentschieden) besiegte am 05.08.2017 in Essen auf sehr beeindruckende Weise Sandy Coget (16 Kämpfe, 8 Siege, 7 Niederlagen, 1 Unentschieden). Durch einen technisch sehr gut und hart geführten Kampf verteidigte Sahin ihren UBO Weltmeister- und ihren WBF Interconti-Titel.

Comeback des Jahres (männlich)
Habe ich übersehen.

Comeback des Jahres (weiblich)
Habe ich übersehen.

Bester Show Act des Jahres
Der Ringsprecher Dave Kaufmann sang bei der Freiluftveranstaltung in Gelsenkirchen am 08. Juli 2017 „New York, New York“ – großartig.

Ringsprecher des Jahres
Thomas Bielefeld ist die Stimme des Profiboxens in Deutschland.

Boxer, der einen WM-Kampf verdient (männlich)
Der Leichtgewichtler Gabor Veto (31 Kämpfe, 31 Siege, 23 durch KO) hat 2017 nicht geboxt. Dennoch verdient er einen WM Kampf. Er sitzt in einer Falle: Er lebt in der Schweiz, ist Ungar und ist zu stark, um ohne Not eine Chance auf einen Titelkampf zu bekommem.

Boxer, der einen WM-Kampf verdient (weiblich)
Die Leichtgewichtlerin Beke Bas (10 Kämpfe, 10 Siege, 5 durch KO) dürfte reif für eine WM sein. Sie eine Kriegerin, die nach vorne geht und den Sieg erkämpfen will.

Boxer, der zu Unrecht übersehen wird (männlich)
Der in Kanada lebende Kolumbianer Oscar Rivas (22 Kämpfe, 22 Siege, 16 durch KO) wird nie genannt, wenn es um einen WM Kampf geht. Der 22-jährige ist einer denen, die im Schwergewicht ganz weit oben mitmischen könnten.

Boxer, der zu Unrecht übersehen wird (weiblich)
Verena Kaiser (10 Kämpfe, 10 Siege, 5 durch KO) ist Weltmeisterin der WIBF und GBU im Weltergewicht.

Boxkampf, den wir 2018 nicht sehen wollen (männlich)
Irgendwelche Come-Back-Kämpfe von Boxern, die durch sind und nur noch einmal Kasse machen wollen, obwohl sie schon genug Geld verdient haben.

Boxkampf, den wir 2018 nicht sehen wollen (weiblich)
Alle schlechten.

Boxkampf, den wir 2018 sehen wollen (männlich)
Einen Kampf von Agit Kabayel (17 Kämpfe, 17 Siege, 12 durch KO) gegen einen Top-Ten Mann im Schwergewicht.

Boxkampf, den wir 2018 sehen wollen (weiblich)
Ein Aufeinandertreffer der beiden deutschen Minimumgewichtlerinnen Tina Rupprecht (7 Kämpfe, 7 Siege, 3 durch KO) und Özlem Sahin (25 Kämpfe, 23 Siege, 7 durch KO, 1 Niederlage, 1 Unentschieden) wäre einer der besten Frauenboxkämpfe, die 2018 weltweit möglich wären.
© Uwe Betker

Written by betker

31. Dezember 2017 at 23:59

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Über „Richtig bumm!“

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„Der Spiegel“ brachte dieses Jahr in Nr. 46 einen Artikel, „Richtig bumm!“, der einerseits ein Vorbericht zur WM von Manuel Charr war und andererseits eine pessimistische Situationsbeschreibung des Profiboxens in Deutschland gab. Es wurde festgestellt: Die ganz großen Zeiten des Profiboxens mit Henry Maske und Axel Schulz sind vorbei.
Die Autoren Malte Müller-Michaelis und Gerhard Pfeil schreiben: „Es werden Kämpfe vorher abgesprochen, Ringrichter manipuliert. Und immer wieder kommt es zu Fights, die jegliches Niveau vermissen lassen.“ Als Leser erwartet man nun, dass hier Beispiele und Beweise für diese Behauptungen vorgelegt werden. Die aber kommen nicht. Das ist schon sehr erstaunlich, denn einer der beiden Autoren, Müller-Michaelis, ist seit Jahren tief in der Boxszene verwurzelt. Jahrelang war er für den Boxveranstalter Ahmet Öner tätig und ist heute Supervisor des Weltverbandes WBC. Er wäre also durchaus interessant von ihm als Insider Namen und Fakten zu erfahren. Die liefert er aber leider nicht, sondern formuliert lediglich pauschal Vorwürfe, die die Vorurteile gegenüber dem Profiboxen bestätigen.
Um die These vom Niedergang des Boxens zu untermauern, versteigen sich die beiden Autoren zu der Behauptung: „Die Promoter witterten das schnelle Geld. Statt Talente ordentlich auszubilden, schickten sie unfertige Athleten ins Feuer. Durchschnittsboxer wie Sven Ottke oder Markus Beyer wurden zu Weltmeistern hochgejazzt.“ Nun weiß ich zwar nicht, was „hochjazzen“ sein soll, aber ich kenne Sven Ottke und Markus Beyer. Und ich finde dass, wer die als Durchschnittsboxer ansieht, der hat sehr-sehr hohe Ansprüche – so hohe Ansprüche, dass er auch sagen müsste, dass die deutschen Fußballnationalmannschaften, die in den WM Turnieren 1954, 1974, 1990 und 2014 antraten, Durchschnittsmannschaften waren. Zur Erinnerung: Sven Ottke war von 1998 bis 2004 Weltmeister im Super Mittelgewicht des Verbandes IBF und von 2003 bis 2004 auch noch für den Verband WBA. Er trat auch ungeschlagen als Weltmeister ab. Markus Beyer war 2000 Weltmeister im Mittelgewicht nach Version WBC, dann, von 2003 bis 2006, Weltmeister im Super Mittelgewicht nach Version WBC. Durchschnittsboxer? Hochgejazzt?
Im weiteren Verlauf des Textes reiten die Autoren immer mehr auf dem Niedergang des Boxens rum. Sie machen Vincent Feigenbutz und Leon Bauer als Talente aus und erwähnen auch immer wieder Manuel Charr. Da liest man z.B. etwas über die Sonnenbrille des Managers Rainer Gottwald und, dass er Kontakt hat zum Sohn von Gaddafi – was immer das auch über das Boxen in Deutschland aussagen soll. Und immer wieder liest man etwas über Manuel Charr. Nun meine ich bei der WM von Charr in Oberhausen allerdings auch gehört zu haben, dass Malte Müller-Michaelis, einer der Autoren, dort als Technischer Leiter fungiert hat.
© Uwe Betker

Ein Schwanengesang auf Arthur Abraham

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Arthur Abraham (49 Kämpfe, 44 Siege, 29 durch KO, 5 Niederlagen, 1 durch KO, 1 Unentschieden) verlor am 09.04.2016 in der MGM Garden Arena in Las Vegas gegen Gilberto Ramirez (34 Kämpfe, 34 Siege, 24 durch KO) nach Punkten. Durch diese Niederlage verlor er seinen Weltmeistertitel im Super Mittelgewicht nach Version WBO. So weit, so normal. Bemerkenswert an die Niederlage ist, wie sie zustande kam. Die Punktwertungen der Punktrichter (Adalaide Byrd 120:108, Glenn Trowbridge 120:108 und Glenn Feldman 120:108) geben den Kampfverlauf nämlich sehr genau wieder: Abraham konnte keine einzige Runde gewinnen. Vor dem Kampf hatte er noch angekündigt, dass die Zuschauer den besten Abraham aller Zeiten zu sehen bekommen würden. Aber das Gegenteil war der Fall.
Aufgrund der desaströsen Leistung, die er 36-jährigen Abraham hier zeigte, wurde in den einschlägigen Medien unverholen darüber spekuliert, ob dieser Kampf nicht das Ende seiner langen und sehr erfolgreichen Karriere als Profiboxer sei. Ich möchte mich hier nicht an diesen Spekulationen beteiligen. Vielmehr möchte ich mich daran erinnern, was für ein großer Fighter Abraham einst war.
Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich Abraham zum ersten Mal traf. Ich besuchte das Sauerland Gym in Köln, beim Müngersdorfer Stadion, um dort ein Interview mit Markus Beyer zu führen, der sich auf einen Titelkampf vorbereitete. Wie immer, wenn möglich, schaute ich mir die ganze Trainigseinheit ein. An der Tür des Gyms hing eine Liste, der Plan für das Sparring. Als letzter auf der Liste stand Arthur Abraham, der damals noch Artur geschrieben wurde. Er sollte 8 Runden Sparring machen. Ich hatte bis dahin weder Abraham gesehen und noch von ihm gehört. Er stand ganz am Anfang seiner Karriere.
Der junge Mittelgewichtler Abraham absolvierte die ersten vier Runden mit dem Sparringspartner von Markus Beyer, einem Super Mittelgewichtler. Danach traf er auf einen Sparringspartner von Kai Kurzawa, einem Halbschwergewichtler. Das Sparring war gut und man sah, dass Abraham kein Schlechter war. Man sah auch, dass er sich im Sparring nicht geschont hatte. Er pumpte und war fertig. Als Abraham sich durch die Seile zwängte, ertönte die knarzige Stimme von Ulli Wegner „Artur, du bist noch nicht fertig. Du musst noch vier Runden machen.“ Abraham: „Aber Trainer, ich habe die acht Runden doch gemacht. Auf dem Plan stehen acht Runden.“ Wegner ließ das nicht gelten: „Artur, du kannst nicht richtig lesen. Auf dem Plan stehen zwölf Runden.“
Abraham kletterte zurück in den Ring und bekam es nun mit einem Cruisergewichtler zu tun. Abraham war am Ende seiner Kraft, er atmete schwer, aber immer wenn sein Sparringspartner auch nur eine kleine Pause machte, um Atem zu holen oder sich zu orientieren, explodierte Abraham. Er war offensichtlich wütend und versuchte das Sparring durch einen Niederschlag vorzeitig zu beenden. Das schaffte er nicht. Aber er schaffte es, mich für sich einzunehmen. Ich fuhr nach Hause mit der Aufnahme eines Interviews und der Gewissheit, einen zukünftigen Weltmeister gesehen zu haben.
Arthur Abraham boxt am 16.07.2016 in Berlin gegen Tim Robin Lihaug (16 Kämpfe, 15 Siege, 8 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch KO). Lihaug ist die Nummer 74 in der Weltrangliste
(C) Uwe Betker

Eine Frau in einer Männerwelt: Die Boxmanagerin Eva Dzepina

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Profiboxen ist eine Männerwelt, auch wenn es ein paar Frauen gibt, die in den Ring klettern und dort kämpfen. Die Trainer sind Männer. Die Veranstalter sind in der Regel auch Männer. Die Manager von den Boxern sind Männer. Fast allen Frauen, die man in Deutschland wahrgenommen hat sind Verwandte bzw. Ehefrauen von männlichen Profiboxern. Die bekanntesten dürften Christine Rocchigiani, die (Ex-)Frau von Graciano Rocchigiani und Daniela Haak, die (Ex-)Ehefrau von Markus Beyer gewesen sein.
Die Rechtsanwältin Eva Dzepina wird mehr und mehr zu einer festen Größe in der deutschen Profiboxszene. Einige ihre Mandanten sind oder waren Profiboxer und diese hat sie in verschieden Rechtstreits vertreten. Mittlerweile ist die Managerin von Özlem Sahin, der Ex-Weltmeisterin im Minimumgewicht.

Frage: Sie sind Rechtsanwältin, unter anderem für Marken-, Kunst- und Wettbewerbsrecht und Partnerin einer mittelständischen Wirtschaftskanzlei. Was haben Sie im Profiboxen zu suchen?

Antwort: Zufall. Als aktive und begeisterte Boxsportlerin habe ich auch viele Profis kennen gelernt und mit ihnen trainieren dürfen. Mit Özlem Sahin bin ich privat gut befreundet und eigentlich Ende letzten Jahres nur so in das Management reingerutscht, weil jemand gebraucht wurde, der Ordnung in die Kampf-Organisation brachte und mal auf den Tisch haut. Seitdem hänge ich drin, und das sehr gerne.

Frage: Wie sehen Sie als Rechtsanwältin die Realitäten des Profiboxens? Sie sind bestimmt eher geordnete Strukturen gewohnt.

Antwort: Es hat einige Zeit gebraucht, hinter das System und die Rolle der verschiedenen Verbände und insbesondere des Boxrec-Rankings zu steigen. Letzteres erscheint mir immer noch gelinde gesagt schleierhaft und häufig willkürlich. Mit klassischer anwaltlicher Arbeit hat das Profiboxen weniger zu tun. Das ist dagegen wilder Westen. Aber es hilft, ein charmantes Auftreten und Flexibilität zu haben. Es hat nach meiner bisherigen Erfahrung auch wenig Sinn, auf vermeintliche Rechte zu pochen. Das funktioniert nicht, wie man bereits häufig gesehen hat. Vielmehr geht es um individuelle Absprachen und praktische Lösungen.

Frage: Sehen Sie als Frau Ihre Rolle im Boxmanagement als schwieriger an? Das Frauenboxen ist ja nicht so populär wie das Männerboxen.

Antwort: Ich habe bisher nur gute Erfahrungen im Umgang mit den Verbänden und anderen Managern gemacht. Ich nehme den Boxsport sehr ernst und ich denke, dass merkt man. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass wenig verbindlich ist und alles regelmäßig und mehrfach absichern. Es ist unerlässlich, Sponsoren zu haben. Vielleicht ist es auch ein Vorteil, dass ich als Frau keinen Hahnenkampf durchführen muss wie oft bei Männern der Fall. Dann geht alles entspannter zu. Mein Beruf als Rechtsanwältin hilft aber definitiv. Ich gehe strukturiert an die Sachen heran und wundere mich eigentlich sowieso schon über nichts mehr (lacht).

Frage: Werden Sie noch tiefer in das Boxmanagement einsteigen?

Antwort: Das kann durchaus passieren. Ich werde demnächst auch einen jungen Boxer, der nach einer beachtlichen Amateurkarriere ins Profigeschäft wechseln möchte, mit Managementaufgaben unterstützen. Und mit Özlem haben wir dieses Jahr noch Einiges vor, wir wollen um WM-Gürtel weiterer Verbände kämpfen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir hier eine gute Medienpräsenz erhalten.

Frage: Was haben Sie bisher vom Profiboxgeschäft gelernt?

Antwort: Habe immer einen Plan B, C und D. Und: Keine Schnellschüsse. Manchmal hilft einfach nur entspanntes Abwarten.
© Uwe Betker

Rezension: „Mit Links und 40 Fieber“ von Monty Gräßner

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Monty Gräßners Buch „Mit Links und 40 Fieber“ hat den Untertitel „Die außergewöhnliche Karriere des Boxweltmeisters Markus Beyer“. Es erschien 2009. Es ist haptisch ein ungewöhnlich schönes Buch. Es ist ca. 20 mal 13 Zentimeter groß, liegt gut in der Hand und ist sogar fadengeheftet. Für meinen Geschmack sind die Fotos allerdings etwas zu klein.
Die Karriere von Beyer wird über die klassische 15 Runden/Kapitel Distanz erzählt. Das Buch in ungewöhnlich gut und klar strukturiert. In jedem einzelnen Kapitel wechseln sich Gräßner und Beyer, wohl O-Töne aus Interviews, ab, und am Ende steht immer ein kurzes Interview mit einer dritten Person. Da das Buch von 2009 ist, finden sich hier auch Dinge, die in einer Neuauflage oder einer Überarbeitung wohl so nicht mehr stehen würden. Eineinhalb Kapitel haben sich auf jeden Fall überholt, weil sie über die Hochzeit und Liebe zu Daniela Haak gehen. Soweit ich es mitbekommen habe, gehen Beyer und Haak mittlerweile getrennte Wege. Das Kapitel über die diversen TV-Auftritte bei Stefan Raab und Co. interessierten mich auch nur mäßig.
Als primär am Boxen Interessiertem kommt mir der Boxer Beyer und seine Kämpfe doch etwas zu kurz. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob Kollege Gräßner ein Boxfachmann ist. Jedenfalls sehen die Interviews, in denen sowohl Weggefährten als auch Freunde und Verwandte von Beyer zu Wort kommen, nicht so danach aus. Einige Zuschreibungen von Personen sind zumindest ungenau. Andere fehlen komplett. Das Interview mit Kai Ebel ist absolut nichtssagend. Dafür ist das mit Ulli Wegner zu kurz; hier hätte man schon mal nachfragen können. Mit dem mit Joey Kelly konnte ich einfach nichts anfangen. Wilfried Sauerland erzählt, eigentlich hätte er Thomas Ullrich haben wollen, am Ende hätte es dann aber Streit um Geld gegeben. Leider wurde auch hier nicht nachgefragt. Ein Register wäre auch nicht schlecht gewesen. Gut gefiel mir dagegen, dass Gräßner schreibt, dass der Ex-Bundestrainer der Amateure Helmut Ranzer alle Interviewanfragen ignoriert hat.
„Mit Links und 40 Fieber“ lässt sich gut und flüssig lesen. Man bekommt es an einem verregneten Sonntagnachmittag durch. Besonders gut gefallen hat mir immer, wenn Beyer selber zu Wort kommt. Viele meiner Erwartungen wurden nicht erfüllt. Aber empfehlen kann man das Buch dennoch – schon, weil es im Internet sehr preiswert zu haben ist.
(C) Uwe Betker

Foto: Markus Beyer

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Written by betker

3. April 2011 at 23:59

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