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Die junge Garde von SES Boxing in Potsdam

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In der schönen und neuen MSB Arena in Potsdam konnten 3.000 Zuschauer eine Show von SES Boxing sehen, in der einige Boxer antraten, die vermutlich die Zukunft des deutschen Profiboxens verkörpern. Im Publikum war viel Prominenz aus Sport, Musik und Politik. Am Ring saßen unter anderen der Ministerpräsident des Landes Brandenburg Matthias Platzeck und SPD Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier.
Den Anfang machte der Supermittelgewichtler Dario Bredicean, der sein Profidebüt gab. Der aus Fort Myers USA stammende Bredicean hatte dort einige Amateurkämpfe bestritten, bevor er von Axel Schulz entdeckt wurde, der ihn jetzt auch managt. Bevor Bredicean zum Ring ging, wurde eine Videogrußbotschaft von Heino gezeigt, in der er ihm Glück wünschte. Dazu passte auch die Einmarschmusik, ein von Heino gesungenes Lied. Sein Gegner war Vladimir Fecko (62 Kämpfe, 4 Siege, 1 durch KO, 55 Niederlagen, 27 durch Ko, 3 Unentschieden)aus der Tschechischen Republik. Fecko ist seit Jahren ein beliebter Aufbaugegner. In der Vergangenheit stand er u.a. schon mit Alexander Sipos, Alexander Abraham, Dirk Demski und Michel Trabant im Ring und bringt dementsprechend viel Erfahrung mit.
Die Qualität eines Boxers ist nur sehr selten an seinem Profidebüt abzulesen. Entsprechend wenig kann ich auch über den Rechtsausleger Bredicean sagen. Er dominierte den Kampf. Seine Führhand hielt er lässig tief und sein linker Cross war sein bester Schlag. Alle Punktrichter werteten 40:36 für den 19jährigen Bredicean.
Im zweiten Kampf des Abend trafen Nicole Wesner (2 Kämpfe, 2 Siege, 1 durch KO) und Helga Petukov (2 Kämpfe, 2 Niederlagen, 1 durch KO) aufeinander. Die Begegnung fand im Leichtgewicht statt. Es war eine sehr einseitige Angelegenheit. Wesner war sehr viel stärker als die Ungarin. Immer wieder traf sie mit 1-2-Kombinationen. Ende der ersten Runde ging Petukov in ihrer eigenen Ecke zu Boden.
In der darauffolgenden Runde unterbrach der Ringrichter Klaus Griesel die erste Aktion und nahm aus mir unerfindlichen Gründen Petukov aus dem Kampf. Sieger durch TKO in Runde 2 nach 0:21 Minuten Nicole Wesner.
Im nächsten Kampf boxten im Junior Weltergewicht Felix Lamm (6 Kämpfe, 5 Siege, 3 durch KO, 1 Niederlage) und Nico Schröder (17 Kämpfe, 6 Siege, 4 durch Ko, 10 Niederlagen 7 durch KO, 1 Unentschieden)gegeneinander. Schröder ist amtierender deutscher Meister der GBA im Leichtgewicht. Der 23jährige Lamm war allerdings der bessere Boxer. Er hielt seine Fäuste niedrig – das ist wohl im Augenblick Mode – und boxte unspektakulär systematisch. Umso spektakulärer war dann sein kurzer linker Kopfhaken, der seinen Gegner am Ende der zweiten Runde fällte. Sieger durch KO in Runde 2 nach 2:22 Minuten: Felix Lamm.
Im vierten Kampf des Abends boxten im Mittelgewicht Ronny Mittag (20 Kämpfe, 18 Siege, 8 durch KO, 1 Niederlage) und Rabie Ben Lakhbhar Inoubli (15 Kämpfe, 5 Siege, 1 durch KO, 10 Niederlagen, 5 durch KO)gegeneinander. Mittag war überlegen, und er boxte auch überlegen. Er ging schön zum Körper und stellte seinen Gegner immer wieder an den Seilen. Inoubli verschanzte sich hinter seiner Doppeldeckung und versuchte mit als Innenhand geschlagenen Schwingern zu punkten. Am Ende feierte er die Tatsache, dass er das Ende der sechsten Runder erreicht hatte, als einen Sieg. Die Punktrichter werteten 60:54, 60:54 und 60:55 für Mittag.
Im nachfolgenden Kampf ging es um die vakante Deutsche Meisterschaft der GBA im Weltergewicht. Hier trafen Mathias Zemski (9 Kämpfe, 8 Siege, 2 durch KO, 1 Niederlage) und Stefan Schröder (6 Kämpfe, 6 Siege, 5 durch KO)aufeinander. Am Anfang war der Kampf dieser beiden noch eine muntere Keilerei, die den Zuschauen Spaß machte. Dann wandelte sich das Geschehen immer mehr zu einem ermüdenden Geklammer zweier sehr müder Boxer. Schröder, der Mann mit der größeren Reichweite und dem härteren Puncher, benutzte seine Führhand zu wenig. Zemski, der kleinere Mann und vermutlich bessere Boxer, arbeitete nicht in der Halbdistanz und im Infight. Je länger der Kampf dauerte umso häufiger klammerten sich die beiden aneinander, wenn sie sich nicht gerade zu Boden schubsten, rangen, sich beim Ringrichter beschwerten, sich über die Seile zu werfen versuchten oder was man sonst noch so macht. Es wurde viel ermahnt und die verschiedensten Punkte abgezogen. Am Ende torkelte Schröder nur noch durch den Ring und ging immer wieder vom Schwung seiner Schläge zu Boden. Trotzdem sah die Mehrheit der Punktrichter ihn vorne (92:97, 95:92 und 95:92): In meinen Augen ein groteskes Fehlurteil.
Der folgende Kampf entschädigte, obwohl er nur 2:24 Minuten dauerte, dann aber wieder für den vorangegangenen. Der Supermittelgewichtler Moritz Stahl (3 Kämpfe, 3 Siege, 3 durch KO)setzte seine Sieges- und KO-Serie weiter fort. Sein Gegenüber, der nicht schlechte Aufbaugegner Ratislav Kovac (47 Kämpfe, 26 Siege, 9 durch KO, 20 Niederlagen, 13 durch KO, 1 Unentschieden), hatte nicht den Hauch einer Chance. Strahl, eigentlich Islam Nusaevich Suleymanov, schickte bereits am Anfang der Runde, mit einer schönen Links-Rechts-Kombination, seinen Gegner in dessen Ecke zu Boden. Hiernach jagte er ihn, sehr unaufgeregt durch den Ring. Ein Körpertreffer schickte Ratislav in die Seile, wo er später dann, ohne sichtbare Schlagwirkung zu Boden ging. Der Ringrichter brach den ungleichen Kampf ab.
Der vorletzte Kampf des Abends, zwischen Domenic Bösel (11 Kämpfe, 11 Siege, 4 durch KO) und Harut Sahakyan (7 Kämpfe, 5 Sieg, 2 durch KO, 1 Niederlage, 1 Unentschieden), war wieder ein Titelkampf, u.z. ging es um die Jugendweltmeisterschaft der WBO im Halbschwergewicht. Bösel dominierte den Kampf. Sein technisch sauberes Boxen, sein Reichweitenvorteil und seine gute Führhand drückten dem Kampf seinen Stempel auf. Immer wieder stellte er Sahakyan an den Seilen. Dieser versuchte mit Haken zum Ziel zu kommen. Nach der fünften Runde verflachte der Kampf ein wenig. Bösel spürte, dass er nicht vorzeitig gewinnen konnte und boxte seine Stiefel runter, um seinen ersten Titel zu erringen. Sahakyan seinerseits merkte, dass es nicht sein Abend war und schaltete einen Gang runter. In der zehnten und letzten Runde erhöhte Bösel noch einmal den Druck, aber für einen vorzeitigen Erfolg war es schon zu spät. Sein Punktsieg war sehr deutlich. Die Punktrichter werteten 100:90, 100:90 und 99:91.
Vor dem Hauptkampf des Abends habe ich mich, offen gesagt, gefragt: Wie kann man nur so eine Gegnerin holen? Als Gegnerin von Ramona Kühne (21 Kämpfe, 20 Siege, 6 durch KO, 1 Niederlage, 1 durch Ko), die immerhin amtierende Weltmeisterin der WBO, WBF und WIBF im Super Federgewicht ist, trat die Brasilianerin Halanna Dos Santos (19 Kämpfe, 14 Siege, 9 durch KO, 5 Niederlagen, 2 durch KO) an, die Nummer 41 der unabhängigen Weltrangliste. Von ihren letzten 8 Kämpfen verlor sie 4. Ihre 4 Siege errang sie drei gegen Gegnerinnen, die gegen sie ihr Profidebüt gaben. Und einmal trat sie gegen eine Frau an, die vorher nur ein einziges Mal als Profi im Ring gestanden und dann auch noch verloren hatte.
Die Wahl der Gegnerin erwies sich aber erstaunlicherweise als gut. Dos Santos war, wie zu erwarten, technisch limitiert. Mehr als ein wenig Führhand und Schlaghand hatte sie nicht im Repertoire. – Ihre Haken schlug sie immer als Innenhand und holte dabei noch recht weit aus. Dennoch war sie die richtige Gegnerin für Kühne, denn diese bestritt nach einer einjährigen Zwangspause – sie hatte sich das Knie verletzt – ihren ersten Kampf. Kühne war ohne Zweifel Herrin im Ring. Sie gewann auf meinem Punktzettel jede Runde, aber es war ihr ihre Auszeit anzumerken. Es fehlte ihr an Explosivität. Ihr Timing war häufig nicht richtig. Sie stand oft zu nahe oder zu weit links an der Gegnerin. Sie hatte offensichtlich Ringrost angesetzt. Dementsprechend war ihr Erfolg nicht mehr als ein Arbeitssieg. Es war ein ungefährdeter und sehr eindeutiger, aber doch ein Arbeitssieg, der allerdings nach ihrer Verletzung sehr wichtig war. Die Punkrichter werteten 100:90, 100:90 und 99:91.
Mein Fazit der Veranstaltung: Auf Dario Bredicean, Felix Lamm, Moritz Stahl und Domenic Bösel werde in Zukunft achten, denn eventuell gehört ihnen ja die Zukunft.
© Uwe Betker

Über das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Boxer am Beispiel von Torsten Schmitz

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Den Boxtrainer Torsten Schmitz zieht es weiter – auf zu neuen Ufern. Es ist ihm nicht zu verdenken, denn eine Festanstellung bei dem größten deutschen Veranstalter, Sauerland Event, ist schon verlockend. Na ja, und so eine freiberufliche Trainertätigkeit dürfte auch kein Zuckerschlecken sein. Dementsprechend stellt sie keine Verpflichtung dar, der man nachkommen muss. Jedenfalls verlässt er nun seinen Weltmeister Robert Stieglitz kurz vor einem entscheidenden Kampf, um zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln. Der Eindruck, den mir Schmitz damit vermittelt, könnte folgendermaßen zusammengefasst werden: Meine Rolle in der Vorbereitung auf einen Kampf, auch auf einen WM-Kampf, ist so unbedeutend, dass ich, Torsten Schmitz, jederzeit ausgewechselt werden kann, ohne dass dies irgendwelche Folgen für meinen Kämpfer hätte. – Als Außenstehender fragt man sich dann aber natürlich schon: Wieso engagiert jemand Schmitz dann überhaupt als Trainer?
Nach einer relativ langen und erfolgreichen Amateurkarriere (250 Kämpfe mit 215 Siegen, Junioreneuropameister 1982, WM-Dritter 1986 und 1991 und WM-Zweiter 1989, DDR-Meister 1983, 1984, 1987 und 1989). 1996 wurde Schmitz Trainer bei Universum Box-Promotion. Er betreute u. a. Bert Schenk, Regina Halmich, Michel Trabant und Luan Krasniqi. Das Karriereende von Regina Halmich im November 2007 bedeutete für ihn zugleich den Verlust der Anstellung beim hamburger Boxstall. Danach betreute er freiberuflich Robert Stieglitz, der für Sport Events Steinforth (SES) boxt.
Robert Stieglitz (40 Kämpfe, 38 Siege, 23 durch KO, 2 Niederlagen, 2 durch KO), eigentlich Sergei Stieglitz, in Jeisk, im heutigen Russland, geboren, wurde mit seinem Trainer Schmitz am 22. August 2009 gegen den Universum-Boxer Károly Balzsay WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht. Nur wenige Tage vor der dritten Titelverteidigung am 20.11.2010 gegen Enrique Ornelas (36 Kämpfe, 30 Siege, 20 durch KO, 6 Niederlagen, 1 durch KO) in Dresden verlässt Schmitz jetzt seinen Schützling und wechselt zum Boxstall des Promoters Wilfried Sauerland nach Berlin.
Das Thema Fairness spielt nun im Profiboxen inzwischen eine so untergeordnete Rolle, dass ich in diesem Zusammenhang darauf nicht eingehen möchte. Eine andere Sache ist allerdings das besondere Verhältnis zwischen Trainer und Boxer, von dem man doch so gerne spricht. Welches Signal sendet Torsten Schmitz da eigentlich mit einer solchen Handlungsweise an seine künftigen Boxer? Für mich heißt das: So lange ich kein besseres Angebot bekomme, bin ich auf deiner Seite, in deiner Ecke. Bekomme ich aber ein besseres Angebot, bin ich sofort weg. Seine Begründung kann ich mir auch schon vorstellen. Sie wird dann wohl wieder lauten: „Job ist Job. Ich muss am Sonnabend XY in XY betreuen.“ Ich persönlich bin mir aber sehr sicher, dass ich einem solchen Trainer meinen Sohn oder meine Tochter bestimmt nicht anvertrauen würde, wenn denn meine Kinder, bzw. mein Sohn boxen würde. Ob also ein solches Verhalten, oder soll man sagen, ein solcher Charakter, die Grundlage für ein vertrauensvolles Trainer-Boxer-Verhältnis sein kann, sei dahin gestellt.
Ein anderer interessanter Aspekt ist, dass es schon verwunderlich ist, dass der größte Box-Veranstalter Deutschlands sich überhaupt die Mühe macht, einem Mitbewerber so zu schaden. Denn SES spielt doch offensichtlich nicht in derselben Liga wie Sauerland Event, auch wenn Ulf Steinforth das nun behauptet.
Man kann sich schlechterdings nicht vorstellen, dass dem berliner Veranstalter der WM-Kampf von Robert Stieglitz entgangen sein sollte. Also, wieso macht Sauerland Event so etwas? Machen sie es nur, weil sie es können? Wenn sich ein solcher Riese mit solcher Wucht auf einen im Vergleich zu ihm so viel Kleineren und Schwächeren stürzt, sieht das jedenfalls irgendwie nicht sonderlich souverän an.
Sauerland hätte ja Größe zeigen können und Torsten Schmitz unter Vertrag nehmen, um ihn bis nach dem WM-Kampf freizustellen. Das in Verbindung mit ein paar netten Presseerklärungen und guten Wünschen für Stieglitz („Wir drücken Stieglitz die Daumen!“), das hätte Klasse gehabt. Aber diese Form von Klasse und Souveränität ist wohl nicht en vogue.
Ob es nun Skrupellosigkeit von Torsten Schmitz war, oder eiskaltes Kalkül von Sauerland Events, oder knallharter Egoismus oder nur Unachtsamkeit Beider -, was auch immer es gewesen sein mag, ein solches Verhalten ist in meinen Augen, auch wenn es vielleicht üblich ist, ganz schlechter Stil.
© Uwe Betker