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Ein Pas de deux mit Mahmoud Omeirat Charr und Matthias Preuß

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Wenden wir uns noch einmal dem Kampf zwischen Mahmoud Omeirat Charr mit Robert Hawkins vom 19.11.2010 im Gym der Universum Box-Promotion zu. Charr (16 Kämpfe, 15 Siege, 8 durch KO) gewann durch TKO und führte einen, wie ich finde, bemerkenswerten Tanz mit dem Ringrichter Frank Michael Maass auf. Ich gestehe, ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich die Darbietung der Beiden sah. Aber als ich dann auch noch hörte, wie der Kommentator von Sport 1 diese Vorstellung für das Fernsehpublikum kommentierte, bekam ich Angst, davon Ohrenbluten zu bekommen.
Matthias Preuß hatte den Kopfstoß von Charr und die Reaktion von Maass nicht kommentiert. Als dann Charr zu Beginn der nächsten Runde eine wunderschön große Geste der Entschuldigung zur Aufführung brachte und seinen Gegner dann noch umarmte, nachdem sein Trainer ihn vorher in der Pause zusammengestaucht hatte, schaltete sich der Kommentator wieder ein. Er sagte: „So versöhnliche Geste. Da gab es eine unschöne Geste zum Rundenende. (…) Da gehen mit ihm die Gäule durch. Das kann auch mal eine Disqualifikation nach sich ziehen. Wäre eine dumme Sache, wenn man nach Punkten führt. Aber er ist eben ein emotionaler Mensch. (…) Charr hat einiges drauf. Aber er muss eben auch sein Temperament zügeln, wie wir eben gesehen haben. Charr geht dann in die Ringecke, umarmt seinen Gegner und dann ist alles wieder gut.“
Es ist vermutlich ziemlich naiv anzunehmen, dass der Kommentator eines Boxkampfes für das Fernsehen ein Mindestmaß an journalistischer Objektivität zeigen sollte. Meiner Meinung nach kommt hier der TV-Journalist in seiner Unparteilichkeit dem Auftreten des Ringrichters in diesem Kampf doch sehr nahe. Ich frage mich ernsthaft, ob Herr Preuß, wenn es gegen einen Heimboxer mehrere Fouls hintereinander gegeben hätte und noch einen abschließenden absichtlichen Kopfstoss, das dann auch als bloßen Ausdruck von Temperament ansehen hätte. Wäre dann eine Umarmung auch als eine Geste gesehen worden, die „Alles wieder gut“ macht? Diese entschuldigende Umarmung von Charr wirkte auf mich jedenfalls nicht sonderlich aufrichtig. Der Ringrichter entschuldigte sich natürlich nicht.
Was für ein Kommentar! Was für ein Pas de deux, aufgeführt von einem syrischen Schwergewichtler und einem deutschen Fernsehjournalisten!
© Uwe Betker

Ein Pas de deux mit Mahmoud Omeirat Charr und Frank Michael Maass

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Wieso muss ich immer wieder in deutschen Boxringen Ringrichter sehen, die bei mir den Eindruck erwecken, nicht ihrer eigentlichen Aufgabe nachzugehen, sondern sich zum Büttel der Veranstalter zu machen? Da frage ich mich doch: Was ist eigentlich die Aufgabe eines Ringrichters? Gibt man den Begriff „Ringrichter“ bei Wikipedia ein, so wird man schnell zu dem Synonym Kampfrichter weitergeleitet, und dort ist zu lesen: „Als Kampfrichter werden alle unparteiischen Personen bezeichnet, die die Überwachung und Einhaltung der Regeln bei einer Sportveranstaltung sicherstellen.“ Also nochmals: Ein Ringrichter soll unparteiisch sein. Außerdem soll er darauf achten, dass die Regeln eingehalten werden.
Wieso versucht dann aber kein Ringrichter ernsthaft, bei dem syrischen Schwergewichtler Mahmoud Omeirat Charr, der sich Manuel Charr nennt und der sich den Kampfnamen Diamond Boy gegeben hat, auf der Einhaltung der Regeln zu bestehen. Ein Beispiel: In seinem letzten Kampf – dem ersten nach einer mehrmonatigen Knieverletzung – bekam es Charr (15 Kämpfe, 14 Siege, 7 durch KO) mit Robert Hawkins (38, Kämpfe, 23 Siege, 7 durch KO, 16 Niederlagen, 3 durch KO) zu tun. Der 40jährige Hawkins ist ein alter Haudegen, der gerne als Aufbaugegner genommen wird. So hat er schon gegen Eddie Chambers (09.09.2005), Samuel Peter (15.12.2005), David Tua (22.02.2007, Denis Boytsov (26.04.2008) und Oleg Maskaev (06.09.2008) geboxt und – verloren.
In der ersten Runde des Kampfes waren Charr und Maass als Paar noch nicht so richtig aufeinander eingestimmt. Der Ringrichter Frank Michael Maass ermahnte den Boxer, nicht mit der Innenhand zu schlagen und nicht mit dem Elleboxen zu stoßen bzw. zu schlagen. Aber schon am Ende der Runde zeigten sie sich besser eingespielt: Charr drückte mit der Linken den Kopf seines Gegners runter, hielt ihn fest und schlug mit der Rechten mehrfach zu. Maass, der direkt daneben stand, übersah das. Danach war das Muster etabliert. Maass sah keine Ellebogeneinsätze mehr und störte auch sonst kaum noch die Kampfführung von Charr.
Am Ende der vierten Runde kam es dann zum Höhepunkt im Tanz der Beiden: Charr stieß mehrfach mit der Schulter zu, und als er damit keine Wirkung erzielte und sein Gegner sich auch noch beschwerte, gab er noch einen Kopfstoß. Der Ringrichter, der direkt dabei stand, reagierte, ganz Tanzpartner, indem er sagte „Pass auf. Hör auf damit.“
Versuchen wir, die Situation des Ringrichter nachzuvollziehen! Ein Mensch wird Ringrichter, weil er in den Ring will, und er will natürlich bei den Großen in den Ring. So ein Ausflug mit Unterbringung in einem meist guten Hotel, einer netten After-Show-Party und einer kleinen Aufwandsentschädigung, die man mit nach Hause nehmen kann, ist schließlich eine angenehme Sache. Ich gönne sie auch jedem Punkt- und Ringrichter von ganzem Herzen. Aber muss dabei die Anbiederung an den jeweiligen Veranstalter wirklich so weit gehen, dass selbst gröbste Regelverstöße nicht mehr geahndet werden? Vielleicht ist ja gerade dieser, wie ich finde, devote vorauseilende Gehorsam einer der Gründe dafür, dass dem Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) der Ruf vorauseilt, das vollstreckende Organ von Klaus-Peter Kohl und Universum Box-Promotion zu sein?
Von einem Ringrichter muss man erwarten können, dass er wenigsten die gröbsten Unsportlichkeiten und Fouls des Heimboxers ahndet. Hier sind wir noch nicht einmal auf der Ebene der Unparteilichkeit. Ein absichtlicher Kopfstoß stellt den Versuch dar, seinen Gegner durch unlautere Mittel zu verletzen. Der Ringrichter ist hier in der Pflicht, die Gesundheit dieses Boxers zu schützen. Ein Punktabzug für einen absichtlichen Kopfstoß wäre das absolute Minimum gewesen.
Aber was Maas und Charr da zeigten, hatte meiner Meinung nach nur noch sehr bedingt etwas zu tun mit einem Ringrichter-Boxer-Verhältnis. Es erinnerte mich vielmehr an einen Pas de deux, diesen Paartanz in einer Ballettaufführung. Hawkins, der auf das Ringrichterverhalten recht aufgebracht reagierte, erklärte Maass: „Come on. Ist OK.“ Das hätte er gar nicht erst sagen müssen, denn wenn er diese Aktion von Charr nicht OK gefunden hätte, hätte er Charr ja disqualifizieren müssen. Aber wer möchte schon, dass sein Tanzpartner disqualifiziert wird.
© Uwe Betker