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Susianna Kentikians Fähigkeit zur Selbstkritik (2)

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Dann ist aber da noch das Boxen … Susianna Kentikian wurde vorsichtig aufgebaut. Im Januar 2005 gab sie ihr Profi-Debüt. Die Gegnerinnen ihrer ersten 11 Kämpfe hatten zusammen 7 Kämpfe gewonnen, fünf von ihnen standen niemals vorher als Profi im Boxring. Hier etablierte sie ihren aggressiven Kampfstil. Ihr Bestreben, ihre Gegnerin bis zum KO anzugreifen, brachte ihr dann ja auch den Kampfnamen „Killer Queen“ ein.

Im Februar 2007 wurde sie erwartungsgemäß Weltmeisterin im Fliegengewicht nach Version WBA gegen eine Dame namens Carolina Alvarez aus Venezuela. Der Kampf wurde life von ProSieben im Rahmen ihrer „ProSieben Fight Night“ aus der „Fight Night Arena“ in Köln übertragen und bewegte sich auf einem sportlichen Niveau, das noch sehr viel Luft nach oben ließ. Bereits in ihrer zweiten Titelverteidigung hatte sie aber schon sichtlich Schwierigkeiten. Ihr Punktsieg über Nadia Hokmi war sehr schmeichelhaft. Nicht wenige sahen die Französin als Siegerin. Immerhin gab es ein halbes Jahr später einen Rückkampf, den Kentikian verdient gewann. Sieben Kämpfe später hat sie noch die Gürtel von IBF und WBO dazugewonnen.

Dann kam im April dieses Jahres ihr Kampf gegen die deutsche Nadia Raoui. Was hier passierte, spottet einfach nur noch jeder Beschreibung. Diesen Kampf verlor sie klar, jedenfalls nach Meinung der Boxexperten und der meisten Zuschauer. Nur die eingefleischtesten Kentikian-Fans, ihr Veranstalter und zwei Punktrichter sahen sie siegen. Als das Urteil verkündet wurde, musste Sie sich von den Zuschauern in ihrer Heimatstadt auspfeifen lassen. Nach dem Kampf zeigte sie sich dann auch noch als schlechte Verliererin. Kritik an dem Urteil und an ihrer Leistung tat sie als „einseitig“ ab. Zu dem versprochenen Rückkampf gegen die Dame aus Herne kam es dann nicht, weil Raoui angeblich eine zu hohe Börse verlangt hätte. – Hier sei nur kurz angemerkt, dass es Frau Kentikian und ihr Management waren, die darüber befanden, dass die Börsenforderung zu hoch sei.

Stattdessen boxte sie lieber eine weitgehend unbekannte Mexikanerin namens Arely Mucino. Auch gegen diese Gegnerin sah sie alles andere als souverän aus. Eine Cutverletzung im Haar der Titelverteidigerin, der durch einen Zusammenprall der Köpfe entstanden war, beendete den Kampf. Bei einem Männerkampf würde ein solcher Cut vermutlich niemals zu einem Abbruch führen. Das „No Contest“ ermöglichte es Kentikian, die mittlerweile in den einschlägigen Foren im Internet gerne als Milchschnitte tituliert wird, ihre drei Titel zu behalten. Dann machte sie auch noch allen Ernstes den Vorschlag, ihre beiden letzten Gegnerinnen sollten erst mal gegeneinander boxen, um sich das Recht zu erwerben, ein weiteres Mal gegen sie antreten zu dürfen. Sie demonstrierte damit wahrlich ihre Selbstwahrnehmung und stellte ihre Fähigkeit zur Selbstkritik unter Beweis.

© Uwe Betker

Susianna Kentikians Fähigkeit zur Selbstkritik (1)

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Alles deutete darauf hin, dass Susianna Kentikian die Nachfolgerin von Regina Halmich werden könnte. Die schwierige Lebensgeschichte der in Armenien geborenen Boxerin wurde gerne und ausführlich von den Medien kolportiert. Ihre Flucht von Armenien nach Berlin, dann nach Moldawien, endete schließlich in Hamburg. Der Rest ihrer Geschichte wird gerne zusammengefasst unter der Überschrift „Boxen fürs Bleiberecht“. Nach ein paar Jahren als Amateurin nahm sie der größte und einflussreichste Veranstalter von Frauenboxkämpfen, Universum Box-Promotion/Spotlight Boxing, unter Vertrag. In der Folge war wohl kein Klischee abgeschmackt genug, um es auf sie anzuwenden. So wurde sie mit dem „Million Dollar Baby“ verglichen. Dann wurde sie kurzerhand zur „kleinsten Profiboxerin Deutschlands“ erklärt, was vermutlich, wie fast immer, wenn Superlative verwendet werden, auch nicht wahr ist. Der WDR drehte eine Dokumentation über sie. Sie durfte auch Stefan Raab auf seinen Rückkampf mit Regina Halmich vorbereiten. Sie nahm an der Wok-Weltmeisterschaf 2007 teil und gewann sogar den Wettbewerb im Vierer-Wok. Kentikians Aufstieg schien unaufhaltsam.

Ihr leicht, ich nenne es mal quietschiges Jungmädchen-Gehabe kam gut an. Der TV-Sender ProSieben machte mit seiner so genannten „ProSieben Fight Night“ eine Zeitlang auch in Boxen und Kentikian trat mehrmals bei TV total auf. Der Flüchtling aus Armenien hatte es geschafft. Sie bekam einen Werbevertrag und wirbt seitdem für „Milch-Schnitte“. Sie durfte sogar die Laudatio auf Michael Wendler halten bei der Preisverleihung zur Krone der Volksmusik. Dann ist aber da noch das Boxen …

© Uwe Betker

Klatschen üben

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Ich kann von mir sagen: Ich bin dabei gewesen, als ProSieben glaubte, mit Boxen seine Zielgruppe treffen zu können. Wenn ProSieben ein solches Projekt schon in die Hand nimmt, dann wird daraus auch gleich eine „ProSieben Fight Night“, die dann natürlich auch in einer „Fight Night Arena“ stattfindet. Diese Arena war allerdings nichts anderes als ein Fernsehstudio der Firma Brainpool TV GmbH in Köln-Mühlheim, die zu einem nicht unerheblichen Teil Stefan Raab gehört. Wie wohl vom TV-Sender auch geplant, erzeugte das relativ kleine Fernsehstudio die Atmosphäre einer kleinen Halle.
Während ich noch der Wiederbelebung des klassischen Freitagabend-Termins für Boxen mit großer Spannung entgegen fieberte, wurde schnell klar – hier geht es nicht ums Boxen. Die „Fight Night“ war eine neue Art von Stefan-Raab-Show. Dieses Missverständnis hatte Folgen.
Es war für mich eine regelrechte Tortur, und nicht nur wegen des Niveaus der Kämpfe. Ich gebe zu, dass ich mir vorab keine Gedanken darüber gemacht habe, was es heißt wenn Stefan Raab in Boxen macht. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Vor allem nicht die Reaktion der Zuschauer. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, und das kann natürlich passieren bei einer Überdosis Stefan Raab, wurde eigentlich die ganze Zeit Klatschen geübt.
Erst kam ein „Anheizer“, sozusagen ein Raab-Dummy, die Showtreppe herunter. Über den Applaus freute er sich, aber er war noch nicht gut genug, deshalb musste er immer wieder und wieder mit dem Publikum geübt werden. Zur Auflockerung erzählte er dann an Raab gestählte Witze.
Zur Generalprobe kam dann Stefan Raab persönlich die Showtreppe herunter und zeigte sein unvergleichliches, die Zähne entblößendes Lächeln. Auch ihm war der Applaus sehr wichtig und vor allen Dingen noch nicht enthusiastisch genug. Daher musste auch er mit dem untalentierten Zuschauer noch weiter üben. Besonderen Wert legte der lächelnde Raab darauf, dass, sobald er dem Publikum Zeichen gab, mit dem Klatschen aufzuhören, der Applaus noch lauter und ekstatischer werden sollte, um schließlich in einem Orkan zu enden.
Raab war so phantastisch darin, die Treppe herunter zu kommen, mit den Zuschauern zu reden und ständig lächelnd seine Zähne zu zeigen, dass alle Mitarbeiter von Brainpool in der Halle, wenn sie denn nicht arbeiten mussten, vor Begeisterung die Hände gegeneinander schlugen und das Publikum animierten, ihre Anstrengungen im Klatschen zu verstärken. Wenn schon Mitarbeiter von Raab, die ihn vermutlich schon öfters life erleben durften, bei seinem Auftritt so aus dem Häuschen gerieten, dann kann man sich ungefähr vorstellen, wie großartig er an diesem Abend war.
Geboxt wurde auch. Es gab einen Kampf von Frau Kentikian. Dabei hatte ich aber eher die Assoziation, einen Duracell-Hasen zu sehen. Aber vielleicht war ich einfach nur vom Klatschenüben zu entkräftet, um noch etwas richtig wahrnehmen zu können.
© Uwe Betker

Written by betker

11. Oktober 2010 at 23:59