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Eine große Show in Roeselare

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Im Zentrum der belgischen Provinz Westflandern fand am Samstag eine bemerkenswerte Veranstaltung statt, deren Austragungsort die Eventhal Schiervelde in Roeselare war. Zu sehen gab es fünf Amateur- und sechs Profiboxkämpfe.
Den Anfang machten im Weltergewicht Houssain Ghulian (10 Kämpfe, 3 Siege, 1 durch KO, 5 Niederlagen, 1 durch KO, 2 Unentschieden) und Brice Bula Galo (11 Kämpfe, 10 Siege, 4 durch KO, 1 Niederlage). Der amtierende belgische Meister Bula Galo hatte nur wenig Mühe in dem Kampf. Er bestimmte ihn. Bereits nach wenigen Sekunden kam er in seiner eigenen Ecke mit einer harten Graden zum Kopf durch, die Ghulian erschütterte. Wenig später nahm Ghulian Kopftreffer in einer neutralen Ecke und ging das erste Mal zu Boden. Das wiederholte sich kurze Zeit später noch einmal. Den dritten Niederschlag gab es, als der nun im Rückwärtsgang agierende Ghulian durch einen Schrittfehler aus der Balance geraten war und gleichzeitig Treffer nehmen musste. Der Ringrichter Hassan Naji hatte genug gesehen und winkte den Kampf ab. Sieger durch TKO in Runde 1, nach 2:15 Minuten: Brice Bula Galo.
Es folgte eine Ehrung für den unvergessenen „Löwen von Flandern“, Jean Pierre Coopman. Die belgische Schwergewichtslegende kämpfte am 20. Februar 1972 in Puerto Rico gegen Muhammad Ali. Er unterlag durch KO in Runde 5. Coopman bekam einen Ehrengürtel der Europäischen Boxunion überreicht.
Im zweiten Kampf des Abend trafen im Super Leichtgewicht Ahmed El Hamwi (28 Kämpfe, 18 Siege, 1 durch KO, 8 Niederlagen, 2 durch KO, 2 Unentschieden) und Luka Leskovic (32 Kämpfe, 5 Siege, 1 durch KO, 25 Niederlagen, 2 durch KO, 2 Unentschieden) für einen Sechsrunder aufeinander. El Hamwi machte von Anfang an Druck. Er trieb seinen Gegner vor sich her und kam immer wieder mit Rechten zum Kopf durch. Leskovic hielt sporadisch dagegen und versuchte mit heiler Haut aus den Ring zu kommen. El Hamwi arbeitete gut mit der Führhand aber aus einem unerfindlichen Grund schlug er so gut wie keine rechte Grade. So einseitig wie der Kampf war, so einseitig war auch das Punkturteil. Einstimmiger Sieger nach Punkten (60:54, 60:52 und 60:54): Ahmed El Hamwi.
Nach einer kurzen Pause begann die TV Übertragung. Im Super Mittelgewicht boxten Timo Rost (7 Kämpfe, 6 Siege, 2 durch KO, 1 Unentschieden) und Constantin Pancrat (16 Kämpfe, 7 Siege, 1 durch KO, 8 Niederlagen, 1 Unentschieden) in einem Sechsrunder gegeneinander. Rost suchte direkt den Abtausch. Mitte der ersten Runde öffnete er einen Cut am linken Auge von Pancrat. Die Runde wurde intensiv geführt. In der zweiten und dritten Runde agierte Rost verhaltener, stellte sich immer wieder in Doppeldeckung vor seinen Gegner, ließ diesen agieren und blockte die Schläge ab, um dann zu kontern. In der vierten Runde dominierte Rost das Geschehen im Ring mit seiner Führhand. Immer wieder kam er dann mit Links-Rechts-Kombinationen durch die Mitte zum Kopf durch. Mehrfach ließen Aufwärtshaken den Kopf von Pancrat nach hinten schnappen. In der fünften und sechsten Runde boxte Rost für die Galerie. Er bestimmte den Kampf nach Belieben, er spielte geradezu mit Pancrat und performte. In der letzten Runde startete Pancrat noch ein paar verzweifelte Angriffe, um sich der drohenden Niederlage entgegenzustemmen. Die aber konnte Rost souverän abkontern Die Punkrichter werten 58:56, 57:57 und 57:57, damit gab es durch Mehrheitsentscheidung ein Unentschieden – was ich persönlich aber nicht so gesehen habe – für mich ein Fehlurteil.
Im Mittelgewicht maßen Sasha Yengoyan (49 Kämpfe, 42 Siege, 25 durch KO, 6 Niederlagen, 1 Unentschieden) und Nikola Matic (56 Kämpfe, 16 Siege, 11 durch KO, 40 Niederlagen, 8 durch KO) ihre Kräfte. Der Kampf lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Yengoyan wollte den KO, bekam ihn aber nicht. Yengoyan versuchte von der ersten Sekunde an, seinen Gegner KO zu schlagen. Der wollte das aber aus verständlichen Gründen nicht. Matic erkannte schnell, dass seine boxerischen Mittel für einen Sieg nicht reichen würden. Also versuchte er, Yengoyan den Kampf kaputt zu machen. Einstimmiger Punktsieger (60:54, 60:54 und 59: 56): Sasha Yengoyan.
Hiernach stiegen zwei Frauen in den Ring, Oshin Derieuw (11 Kämpfe, 11 Siege, 4 durch KO) und Gülsum Tatar (4 Kämpfe, 3 Siege, 2 durch KO, 1 Niederlage). Der Achtrunder wurde im Super Leichtgewicht geführt. Derieuw begann verhalten. Sie hatte offensichtlich Respekt vor der Schlagkraft ihrer Gegnerin. Sie trug Tatar zwar immer wieder den Kampf an, aber mit großer Vorsicht. Tatar setzte die besseren Treffer. Derieuw wurde im zweiten Durchgang stärker. Mitte der Runde kam sie mit einer schönen 1-2-Kombination zum Kopf durch. Hierdurch bestärkt, versuchte sie in der nächsten Runde mehr zu machen. Sie boxte an und versuchte zu punkten. Tatar aber hielt sie sich mit ihrer steifen Rechten Derieuw vom Hals. In der vierten Runde kam Derieuw praktisch nicht an ihre Gegnerin heran. In den folgenden Runde erhöhten beide Boxerin den Druck. So kam es zu vielen schönen Abtauschen. Über dem rechten Auge von Tatar bildete sich eine Schwellung. Die Runden sechs und sieben gingen an Derieuw, die die Distanz gefunden hatte und mutiger geworden war. Die achte Runde war dann wieder hart umkämpft. Tatar suchte den KO, aber er kam nicht. Einstimmige Punktsiegerin (79:73, 78:74 und 78:74): Oshin Derieuw. Der Kampf war, so wie ich ihn gesehen habe, sehr viel enger.
Den Hauptkampf des Abends bestritten Yves Ngabu (20 Kämpfe, 20 Siege, 14 durch KO) und Micki Nielsen (27 Kämpfe, 25 Siege, 15 durch KO, 2 Niederlage). Ngabu machte die zweite Titelverteidigung seines Europameistertitels im Cruisergewicht. Beide Kontrahenten lieferten sich einen richtig guten Kampf, wenn er auch nicht immer schön anzusehen war, denn es wurde immer wieder geklammert. Am Anfang gab es nur ein sehr kurzes Abtasten und schon ging es zur Sache. Insgesamt wurde der Kampf hart geführt. Ab der fünften Runde hatte Nielsen schwer Nasenbluten. Aber er machte Ngabu das Leben schwer. Einstimmiger Punktsieger (119:111, 117:112 und 117:112): Yves Ngabu.
© Uwe Betker

Die traurige Geschichte des Wilfred Benítez (2)

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Wilfred Benítez wurde am 12. September 1958 in der Bronx in New York als jüngstes von acht Kindern geboren. Er wuchs mit Boxen auf. Sein Vater Gregorio („Goyo“) boxte als Junge in Puerto Rico selber. Er organisierte Boxkämpfe für seine Söhne auf Spielplätzen und nahm von den vorbeikommenden Zuschauern einen Vierteldollar Eintritt. Einer der älteren Brüder wurde ebenfalls später Profi. Frankie Benítez boxte von 1973 bis 1980 im Leichtgewicht (30 Kämpfe, 24 Siege, 15 durch KO, 5 Niederlagen, 2 durch KO, 1 Unentschieden). Wilfred besuchte regelmäßig ein Gym in der Nachbarschaft, wo er das Boxen lernte, indem er seine Brüder und andere Boxer beobachtete.
Mit sieben zog Wilfred Benítez mit seiner Familie nach Puerto Rico, wo er dann an dem regionalen Golden Gloves Turnier teilnahm. Mit 15 Jahren, im November 1973, begann er seine Profikarriere. Nachdem er die ersten 11 Kämpfe in Folge gewonnen hatte, 10 durch KO, ging er zurück nach New York, wo er am 16.09.1974 auf einen gewissen Al Hughes im Felt Forum traf. Der Kampf als solcher ist kaum erwähnenswert. Er gewann durch TKO in Runde 5. Bemerkenswert ist aber, dass Benítez erst ein paar Tage vorher 16 Jahre alt geworden war und er eigentlich gar nicht in New York boxen durfte. Er hatte aber eine gefälschte Geburtsurkunde vorgelegt, die ihn älter machte.
14 Kämpfe später stand er am 6. März 1976 im Hiram Bithorn Stadium (San Juan, Puerto Rico) der kolumbianischen Boxlegende Antonio Cervantes gegenüber. „Kid Pambele“ war der WBA Weltmeister im Junior Weltergewicht. Cervantes war 1972 Weltmeister gegen Alfonso Frazer (28.10.1972, KO 10) geworden und hatte in den folgenden Jahren den Titel neun Mal erfolgreich verteidigt. Besonders seine Ringschlachten gegen die großen Nicolino Locche (17.03.1973, TKO 10) und Esteban De Jesus (17.05.1975, W 15) begründeten seinen Ruf als viertbesten Junior Weltergewichtler aller Zeiten.
Im Kampf zwischen Benítez und Cervantes trafen zwei der größten Defensivkünstler der Boxgeschichte aufeinander. Im Gegensatz zu einigen späteren Kämpfen in seiner Karriere, war er hier optimal vorbereitet, und er war motiviert. So gewann er den auf 15 Runden angesetzten Kampf nach Punkten. Die Punktrichter werteten 148:144, 147:142 und 145:147, alle zu seinen Gunsten. Damit wurde er mit seinen 17 Jahren und 5 Monaten in seinem 26. Profikampf zum jüngsten Boxweltmeister aller Zeiten. Viele High School Klassenkameraden von Benítez saßen im Publikum.
Er verteidigte seinen Titel dreimal (Emiliano Villa, 31.05.1976, W 15; Tony Petronelli, 16.10.1976, TKO 3 und Ray Chavez Guerrero, 03.08.1978, TKO 15) und machte noch vier Nicht-Titelkämpfe, von denen er drei gewann und in einem ein Unentschieden erreichte. Ein angesetzter Rückkampf mit Cervantes fand nicht statt, weil Benítez sich bei einem Autounfall verletzte. Da er es anschließend versäumt hatte, schnell genug einen neuen Termin für den Rückkampf anzusetzen, erkannte ihm die WBA den Titel ab.
Nach dem Titelverlust ging er endgültig eine Gewichtsklasse höher. Die Nicht-Titelkämpfe hatte er bereits im Weltergewicht absolviert. Hier machte sich sein Hang zur laxen Vorbereitung auf seine Kämpfe immer mehr bemerkbar; es wurde sogar mehr und mehr zu einem chronischen Verhalten. Für seinen Kampf gegen Harold Weston (02.02.1977), der immerhin die Nummer 10 der Rangliste war, nahm er sich nur 12 Tage Vorbereitungszeit. Er spielte im Ring den Clown und erreichte nur ein Unentschieden. Für Bruce Curry (18.11.1977), dem Bruder von Donald Curry, der später Weltmeister im Weltergewicht werden sollte, nahm es sich nur knapp eine Woche Zeit. Er musste denn auch gegen die neue Nummer 10 dreimal zu Boden und erreichte nur einen schmeichelhaften Punktsieg durch Mehrheitsentscheidung. Den Rückkampf (04.02.1978) gewann er etwas deutlicher, aber nicht glänzend, nach Punkten.
© Uwe Betker

Die traurige Geschichte des Wilfred Benítez (1)

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Es gibt immer wieder Meldungen die mich an meiner Liebe zum Boxen zweifeln lassen. So las ich unlängst, dass es dem großen Wilfred Benítez sehr schlecht geht. Er zahlt einen unglaublich hohen Preis für seinen Ruhm als Boxer.
Heute lebt Benítez in Sain Just, etwas außerhalb von San Juan, der Hauptstadt von Puerto Rico in einem kleinen und beengten Betonhaus, in einer Kleine-Leute-Gegend. Er leidet unter einer unheilbaren Degenerierung seine Gehirns, die sich Post-Traumatische Encephalitis nennt. Seine Hirnschädigung ist eine direkte Folge der Schläge, die er während seiner Amateur- und Profikarriere nehmen musste. Sein Zustand verschlimmerte sich seit der ersten Diagnose 1989 rapide. 1994 fiel er sogar in seinem Wohnzimmer ins Koma. Vor mehreren Jahren wurde auch noch ein Diabetes festgestellt.
Benítez hat sich mental zurückentwickelt zu einem Kind, das andauernd lächelt und vor sich hin starrt. Es ist nicht sicher, ob er sich überhaupt an irgendetwas aus seiner Vergangenheit erinnern kann. Seine Familie sagt ja, und auf Aufforderung geht er in Boxpose, macht Schattenboxen und zeigt Meidbewegungen. Gleichzeitig aber erkennt er nicht das Haus, in dem er lebt, und fragt immer wieder, ob der andere wisse wo er wohne und ob er ihn nach Hause bringen können.
Auf dem linken Auge ist er nahezu blind. Er kann keinem Gespräch folgen und hat keine Kontrolle mehr über seine Körperfunktionen. Er schläft nur sporadisch und nicht länger als 90 Minuten und wandert ununterbrochen umher. Er muss 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche ununterbrochen betreut werden. Seine Familie hat diese Aufgabe übernommen, besonders seine ältere Schwester Yvonne, die diese Aufgabe von ihrer Mutter Clara Rosa Benítez übernommen hat, die 2008 verstarb.
Die Millionen, die Benítez während seiner Karriere verdient hat, sind verschwunden, ebenso die Weltmeistergürtel. Heute lebt er von einem Stipendium von 14.000 Dollar im Jahr von der Regierung von Puerto Rico und einer Pension von 250 Dollar vom World Boxing Council.
© Uwe Betker