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Mit Netz und doppeltem Boden

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Eigentlich kann man gegen einen Kampf zwischen Sebastian Sylvester und Mahir Oral nicht wirklich etwas sagen. Der Weltmeister der IBF im Mittelgewicht boxt die Nummer 10 der IBF-Rangliste. Ein normaler Vorgang im Profiboxen – so sollte man meinen. Merkwürdigkeiten gibt es trotzdem; die haben allerdings nicht direkt mit der Paarung zu tun. Zunächst gibt es im Kampfrekord von Sylvester (37 Kämpfe, 33 Siege, 16 durch KO, 3 Niederlagen, 2 durch KO und 1 Unentschieden) und in der Rangliste der IBF gibt es ein paar Auffälligkeiten.
Der „Hurrikan“ aus Greifswald ist kein Boxer, der vorsichtig aufgebaut wurde. Seinen ersten Kampf verlor er durch KO, dann wurde er Deutscher Meister und Europameister. Sein erster Versuch Weltmeister zu werden misslang. Der WBA-Weltmeister im Mittelgewicht, Felix Sturm, besiegte ihn klar nach Punkten (01.11.2008). Dann bekam er die Chance, um den vakanten IBF-Titel zu boxen, den Arthur Abraham aufgeben hatte, um am Super-Six-Turnier teilzunehmen. Er wurde durch einen Punktsieg gegen Giovanni Lorenzo (19.09.2009) Weltmeister. Zwei der drei Punktrichter sahen ihn als Sieger.
„Lion“ Oral (32 Kämpfe, 28 Siege, 11 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO und 2 Unentschieden) zeigte seine beste Leistung in der letzten Titelverteidigung (27.06.2009) von Arthur Abraham. Oral verlor zwar durch TKO in Runde 10, aber in den ersten vier Runden sah er sehr gut.
Was an der IBF-Rangliste so erstaunlich ist, ist die Tatsache, dass die ersten beiden Plätze hinter dem Weltmeister nicht besetzt sind. Dies halte ich für eine Unsitte. Wieso sind die Plätze nicht besetzt? Können sich die verantwortlichen Herren nicht entscheiden? Oder gibt es keine Boxer, die würdig sind, diese Plätze einzunehmen?
Stattdessen veranstalten die IBF jedes Mal einen Ausscheidungskampf um den Platz des Pflichtherausforderers, der zwischen dem bereits 37-jährigen Roman Karmasin (46 Kämpfe, 40 Siege, 26 durch KO, 3 Niederlagen, 2 durch KO und 2 Unentschieden) und dem Australier Daniel Geale (24 Kämpfe, 23 Siege, 14 durch KO und 1 Niederlage) ausgetragen werden soll.
Diese Maßnahme entbehrt nicht eines gewissen Zynismus’, denn Karmasin war unlängst erst Pflichtherausforderer. In seinem letzten Kampf nämlich (05.06.2010) boxte er gegen Sylvester und gewann sogar eigentlich nach Punkten. Die Punktrichter werteten 117:111, 114:113 für Karmasin und118:111 für Sylvester. Da aber der eine Punkrichter, der 114:113 gepunktet hatte, eine Runde Unentschieden gegeben hatte und ein Unentschieden seit kurzem im Regelwerk der IBF nicht mehr vorgesehen ist, wurde diese Runde Sylvester zugeschlagen, womit er insgesamt ein Unentschieden erreichte und Weltmeister blieb.
Würde es mehr um Sport als ums Geschäft gehen, hätte Sauerland Event einen sofortigen Rückkampf angeboten. Das taten sie aber nicht. So suchte Karmasin Hilfe bei der IBF. Würde es mehr um Sport als ums Geschäft gehen, hätte die IBF einen sofortigen Rückkampf angeordnet. Stattdessen ordnete sie einen vorherigen Ausscheidungskampf an. – Man könnte schon auf die Idee kommen, dass dies den traditionell guten Beziehungen zwischen der IBF und Sauerland Event geschuldet ist.
Sylvester darf sich noch weiter Weltmeister nennen und seinen Titel jetzt freiwillig verteidigen. Was einen bei der Kampfansetzung nun stutzig machen kann, ist, dass Sauerland Event Oral kurzfristig bei Arena rausgekauft hat, um ihm einen eigenen Vertrag zu geben. Wieso machen die das? Hat Sauerland etwa Angst, dass Sylvester gegen Oral verlieren könnte?
Für mich sieht das fast so aus, als ob Sauerland Event hier ganz auf Nummer Sicher gehen will, sozusagen veranstalten mit Netz und doppeltem Boden. Es soll halt auf jeden Fall gewährleistet werden, dass der Titel beim Veranstalter bleibt. Man kann schließlich nicht immer so ein Glück mit uninformierten Punktrichtern haben.
© Uwe Betker