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Boxen in der Kunst: „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main

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Es ist mir ein Bedürfnis, eine Ausstellung zu loben und zu empfehlen: „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main. Sie läuft noch bis zum 25. Februar 2018. „Soziale Spannungen, politische Kämpfe, gesellschaftliche Umbrüche, aber auch künstlerische Revolutionen und Neuerungen charakterisieren die Weimarer Republik. In einer großen Themenausstellung wirft die Schirn Kunsthalle Frankfurt (…) einen Blick auf die Kunst im Deutschland der Jahre 1918 bis 1933. Direkte, ironische, wütende, anklagende und oftmals auch prophetische Werke verdeutlichen den Kampf um die Demokratie und zeichnen das Bild einer Gesellschaft in der Krise und am Übergang. Die Probleme der Zeit bewegten zahlreiche Künstlerinnen und Künstler zu einer Spiegelung der Wirklichkeit und des Alltags, auf der Suche nach einem neuen Realismus oder „Naturalismus“. Mit individueller Handschrift hielten sie die Geschichten ihrer Zeitgenossen einprägsam fest: Die Verarbeitung des Ersten Weltkriegs mit Darstellungen von versehrten Soldaten und von „Kriegsgewinnlern“, die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Großstadt mit ihrer Vergnügungsindustrie und die zunehmende Prostitution, die politischen Unruhen und wirtschaftlichen Abgründe werden ebenso verhandelt wie das Rollenbild der Neuen Frau, die Debatten um die Paragrafen 175 und 218 – Homosexualität und Abtreibung –, die sozialen Veränderungen durch die Industrialisierung oder die wachsende Begeisterung für den Sport. (…)
Die Schirn vereint 190 Gemälde, Grafiken und Skulpturen von 62 bekannten sowie bislang weniger beachteten Künstlerinnen und Künstlern, darunter Max Beckmann, Kate Diehn, Bitt, Otto Dix, Dodo, Conrad Felixmüller, George Grosz, Carl Grossberg, Hans und Lea Grundig, Karl Hubbuch, Lotte Laserstein, Alice Lex, Nerlinger, Elfriede Lohse, Wächtler, Jeanne Mammen, Oskar Nerlinger, Franz Radziwill, Christian Schad, Rudolf Schlichter, Georg Scholz und Richard Ziegler. Historische Filme, Zeitschriften, Plakate und Fotografien liefern darüber hinaus Hintergrundinformationen.“ (Pressetext Schirn Kunsthalle Frankfurt)
Wie ich durch die Ausstellung ging, die Bilder, Grafiken, Plakate, Skulpturen usw. betrachtete, da fiel mir sehr schnell auf, in wie hohem Maße Boxen bzw. Boxer ein Thema der Zeit, also der Weimarer Republik, war. Sieben Exponate haben mit dem Boxen zu tun oder bilden Boxer ab. Keine Sportart ist häufiger zu finden. Interessant ist, dass es dabei nicht nur um eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Sport des Boxens und mit den Boxern geht. Vielmehr zeigt sich hier die Bedeutung dieses Sports für die Gesellschaft an sich. Denn Boxen stellt hier sehr viel mehr dar als nur einen Sport oder einen Beruf.
Die Weimarer Republik, 1918 bis 1933, war eine Gesellschaft im Umbruch. Eine Gesellschaft, in der große Teile der Bevölkerung der Politik und den Politiker misstrauten, politische Extreme Zulauf fanden, breite Bevölkerungsschichten verunsichert waren … Gleichzeitig war es eine Zeit des rasanten gesellschaftlichen Wandels und der Modernisierung.
Das Boxen kam praktisch mit den heimkehrenden Kriegsgefangenen aus England nach Deutschland. Innerhalb kürzester Zeit wurde Boxen sehr populär. Natürlich bedeutete diese Popularität des Boxens nicht, dass plötzlich ganz viele Menschen Spaß daran fanden, im Ring aufeinander einzuschlagen, bzw. dem zuzusehen. Boxen traf vielmehr den Nerv der Zeit. Boxen repräsentierte den Geist der Zeit, und das in vielen Facetten, was die Ausstellung auch deutlich zeigt.
Zum einen finden wir natürlich die Abbildung des Boxers an sich, als Darstellung eines schönen, wohlproportionierten, nackten oder fast nackten Mannes. In diese Kategorie fallen zwei Skulpturen. Die erste Skulptur ist etwas über 40 Zentimeter groß und wurde von Reneé Sintenis geschaffen. Sie trägt den Titel „Der Boxer“. Renée Sintenis, die eigentlich Renate Alice hieß, schuf das Werk 1925. Es bildet den Mittelgewichtsboxer Erich Brandl (24 Kämpfe, 11 Siege, 9 durch KO, 8 Niederlagen, 3 durch KO, 4 Unentschieden) ab.
Die zweite Skulptur, mit 54 Zentimetern ein wenig größer, ist von Rudolf Belling. Auch sie ist betitelt: „Der Boxer“ und stellt Max Schmeling, nackt und in stilisierter Form, dar. Sie entstand 1929, also noch bevor Schmeling Schwergewichtsweltmeister wurde. Beide Skulpturen wurden offenbar von Alfred Flechtheim angeregt oder in Auftrag gegeben.

GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK. VON OTTO DIX BIS JEANNE MAMMEN, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2017, Foto: Norbert Miguletz

Alfred Flechtheim war wahrscheinlich der bedeutendste Gallerist der Weimarer Republik und er war außerdem ein bekennender Boxfan. In seiner legendären Kunstzeitschrift „Der Querschnitt“ wurden nicht nur Photos von Boxern, sondern auch Boxberichte abgedruckt. Flechtheim stellte Sintenis und Belling aus.
Beide Kleinskulpturen bilden unterschiedlich populäre Boxer ihrer Zeit ab. Zugleich wird hier einem Schönheitsideal von Männlichkeit gehuldigt, dem beide Männer entsprechen. Beide sind aufgrund ihrer Pose eindeutig als Boxer zu erkennen.
Ein Ölbild von Conrad Felixmüller heißt: „Der Schattenboxer“. Das Bild von 1921 zeigt, in der Mitte positioniert, einen verhärmten Mann in braunem Jackett, Boxhandschuhen und einer blauen Schiebermütze. Links, im Hintergrund, stehen zwei Damen in Trikot. Sie erinnern an Revuetänzerinnen. Rechts, ebenfalls im Hintergrund, findet sich ein Mann im blauen Anzug, mit braunen Schaftstiefeln oder Gamaschen. Er hat sein Hände zu Fäusten geballt und schaut hoch in die Ecke. Die alles beherrschende Figur ist jedoch der „Schattenboxer“, der im Vordergrund steht. Er hat ein sehr schmales und spitzes Gesicht. Seine Augenpartie ist durch das Schild seiner Mütze beschattet. Seine Augen sind nur Schlitze, sie könnten auch zugeschwollen sein. Seine Rechte lässt er schlaff herunterhängen und seine Linke hebt er nur bis zur Gürtellinie an. Bedrohlich oder gefährlich wirkt der „Schattenboxer“ gar nicht. Er sieht eher wie ein geschlagener Mann aus.
Damit bildet der „Schattenboxer“ von Felixmüller so etwas wie den Gegenpol zu den zwei oben beschriebenen Skulpturen. Hier sehen wir nicht mehr den gut aussehenden, strahlenden Sieger und Helden, den wir bewundern, sondern einen ausgemergelten Verlierer.
Da ist der untersetzte Mann, der uns seine gereckte rechte Faust drohend vorhält, schon noch mal von einem ganz anderen Kaliber. Auf dem Aquarell „Kraft und Tücke“ von Rudolf Schlichter ist ein nicht mehr ganz junger Mann mit freiem Oberkörper zu sehen. Er trägt eine seltsame, rote Kopfbedeckung. Mit seiner linken Faust stützt er sich auf einen Tisch. Dabei wirkt er einfach nur gemein und hinterhältig.
Damit wären wir dann auch schon bei einem weiteren Aspekt, der durch das Boxen versinnbildlicht wird, nämlich Gewalt, die durchaus bedrohlich wirken kann.
Auf derselben Ebene würde ich auch die Lithographie von Karl Hubbuch „Im Rausch des Irrens“ aus dem Jahre 1923 ansiedeln. Auf dem Bild, auf dem es von Gewalt und Schreckennur so wimmelt, sind eine Vergewaltigung, ein Mord, das Ausweiden eines Tieres und viele andere Brutalitäten zu sehen – und, im Hintergrund, auch ein Boxkampf. Das Boxen steht ebenfalls für eine existenzbedrohende Gewalt.
Wuchtiger und ähnlich gewalttätig kommt das Gemälde „Weimarer Fasching“ von Horst Naumann aus dem Jahr 1928/29 daher, das im ersten Raum hängt. Aus dem Zentrum heraus sieht den Betrachter ein Soldat im flammenroten Waffenrock an. Auf seinem Stahlhelm ist ein Hakenkreuz. Um ihn herum findet sich ein Panorama der Gesellschaft der Weimarer Republik: Politiker (Hindenburg und Ebert), Demagogen (Redner) ein Vertreter des Klerus (Mönch), ein Proletarier (ganzkörpertätowierter Arbeiter) und auch die Hochfinanz ist verteten (durch die Leuchtreklame einer Bank und Bündel von amerikanischen Dollars). Das alles wirkt sehr bedrohlich. Am Himmel fliegen auch schon Kriegsflugzeuge, ein Soldat mit Säbel hat einen Knüppel in der Hand, moderne Wohnhäuser brennen, Panzer rollen, ein Soldat mit Gasmaske kommt durch eine Giftgaswolke hindurch auf den Zuschauer zu und ein elektrischer Stuhl steht bereit. Aber auch die Vergnügungsindustrie hat ihren Platz mit tanzenden Revuegirls; die gespreizten bestrumpften Beine einer Dame werden in die Luft gestreckt und man sieht einen Boxer, der seinen Bizeps anspannt. Außerdem ist da noch ein Sarg, ein Zeppelin, Kriegsgräber, marschierende Soldaten und ein Auge, das alles sieht. Naumann malt ein düsteres Bild der Weimarer Republik. Boxen steht dabei für Gewalt und Vergnügungssucht.

Horst Naumann, Weimarer Fasching, um 1928/29, Öl auf Leinwand, 91 x 71 cm, Albertinum / Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, © Nachlass Naumann, Foto: bpk / Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Elke Estel / Hans-Peter Klut

In der humoristischen Illustration aus dem Simplicissimus aus dem Jahre 1929 von Jeanne Mammen wird nur über einen Boxer gesprochen. Da sagt einen Dame in Trikot und kurzem Rock zu einer Dame im Matrosenoutfit: „Mein Boxer trainiert uff Meistertitel un´ mein Rejierungsrat uff Jroße Koalition – wat bleibt een´ da übrig als det Restchen Fasching!“
„Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main zeigt deutlich, dass das Boxen „die“ Sportart der Weimarer Republik war. Kein Sport repräsentiert die Modernität mehr – und auch die damit einhergehenden Ängste in einer sich schnell verändernden Gesellschaft. Daher wird das Boxen auch ambivalent dargestellt. Boxen ist mehr als nur ein Sport und daher geht es bei seiner Abbildung und der seiner Protagonisten auch immer um mehr. Boxen ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.
© Uwe Betker

Written by betker

10. Februar 2018 at 23:59

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