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Boxen in der Kunst: „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main

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Es ist mir ein Bedürfnis, eine Ausstellung zu loben und zu empfehlen: „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main. Sie läuft noch bis zum 25. Februar 2018. „Soziale Spannungen, politische Kämpfe, gesellschaftliche Umbrüche, aber auch künstlerische Revolutionen und Neuerungen charakterisieren die Weimarer Republik. In einer großen Themenausstellung wirft die Schirn Kunsthalle Frankfurt (…) einen Blick auf die Kunst im Deutschland der Jahre 1918 bis 1933. Direkte, ironische, wütende, anklagende und oftmals auch prophetische Werke verdeutlichen den Kampf um die Demokratie und zeichnen das Bild einer Gesellschaft in der Krise und am Übergang. Die Probleme der Zeit bewegten zahlreiche Künstlerinnen und Künstler zu einer Spiegelung der Wirklichkeit und des Alltags, auf der Suche nach einem neuen Realismus oder „Naturalismus“. Mit individueller Handschrift hielten sie die Geschichten ihrer Zeitgenossen einprägsam fest: Die Verarbeitung des Ersten Weltkriegs mit Darstellungen von versehrten Soldaten und von „Kriegsgewinnlern“, die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Großstadt mit ihrer Vergnügungsindustrie und die zunehmende Prostitution, die politischen Unruhen und wirtschaftlichen Abgründe werden ebenso verhandelt wie das Rollenbild der Neuen Frau, die Debatten um die Paragrafen 175 und 218 – Homosexualität und Abtreibung –, die sozialen Veränderungen durch die Industrialisierung oder die wachsende Begeisterung für den Sport. (…)
Die Schirn vereint 190 Gemälde, Grafiken und Skulpturen von 62 bekannten sowie bislang weniger beachteten Künstlerinnen und Künstlern, darunter Max Beckmann, Kate Diehn, Bitt, Otto Dix, Dodo, Conrad Felixmüller, George Grosz, Carl Grossberg, Hans und Lea Grundig, Karl Hubbuch, Lotte Laserstein, Alice Lex, Nerlinger, Elfriede Lohse, Wächtler, Jeanne Mammen, Oskar Nerlinger, Franz Radziwill, Christian Schad, Rudolf Schlichter, Georg Scholz und Richard Ziegler. Historische Filme, Zeitschriften, Plakate und Fotografien liefern darüber hinaus Hintergrundinformationen.“ (Pressetext Schirn Kunsthalle Frankfurt)
Wie ich durch die Ausstellung ging, die Bilder, Grafiken, Plakate, Skulpturen usw. betrachtete, da fiel mir sehr schnell auf, in wie hohem Maße Boxen bzw. Boxer ein Thema der Zeit, also der Weimarer Republik, war. Sieben Exponate haben mit dem Boxen zu tun oder bilden Boxer ab. Keine Sportart ist häufiger zu finden. Interessant ist, dass es dabei nicht nur um eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Sport des Boxens und mit den Boxern geht. Vielmehr zeigt sich hier die Bedeutung dieses Sports für die Gesellschaft an sich. Denn Boxen stellt hier sehr viel mehr dar als nur einen Sport oder einen Beruf.
Die Weimarer Republik, 1918 bis 1933, war eine Gesellschaft im Umbruch. Eine Gesellschaft, in der große Teile der Bevölkerung der Politik und den Politiker misstrauten, politische Extreme Zulauf fanden, breite Bevölkerungsschichten verunsichert waren … Gleichzeitig war es eine Zeit des rasanten gesellschaftlichen Wandels und der Modernisierung.
Das Boxen kam praktisch mit den heimkehrenden Kriegsgefangenen aus England nach Deutschland. Innerhalb kürzester Zeit wurde Boxen sehr populär. Natürlich bedeutete diese Popularität des Boxens nicht, dass plötzlich ganz viele Menschen Spaß daran fanden, im Ring aufeinander einzuschlagen, bzw. dem zuzusehen. Boxen traf vielmehr den Nerv der Zeit. Boxen repräsentierte den Geist der Zeit, und das in vielen Facetten, was die Ausstellung auch deutlich zeigt.
Zum einen finden wir natürlich die Abbildung des Boxers an sich, als Darstellung eines schönen, wohlproportionierten, nackten oder fast nackten Mannes. In diese Kategorie fallen zwei Skulpturen. Die erste Skulptur ist etwas über 40 Zentimeter groß und wurde von Reneé Sintenis geschaffen. Sie trägt den Titel „Der Boxer“. Renée Sintenis, die eigentlich Renate Alice hieß, schuf das Werk 1925. Es bildet den Mittelgewichtsboxer Erich Brandl (24 Kämpfe, 11 Siege, 9 durch KO, 8 Niederlagen, 3 durch KO, 4 Unentschieden) ab.
Die zweite Skulptur, mit 54 Zentimetern ein wenig größer, ist von Rudolf Belling. Auch sie ist betitelt: „Der Boxer“ und stellt Max Schmeling, nackt und in stilisierter Form, dar. Sie entstand 1929, also noch bevor Schmeling Schwergewichtsweltmeister wurde. Beide Skulpturen wurden offenbar von Alfred Flechtheim angeregt oder in Auftrag gegeben.

GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK. VON OTTO DIX BIS JEANNE MAMMEN, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2017, Foto: Norbert Miguletz

Alfred Flechtheim war wahrscheinlich der bedeutendste Gallerist der Weimarer Republik und er war außerdem ein bekennender Boxfan. In seiner legendären Kunstzeitschrift „Der Querschnitt“ wurden nicht nur Photos von Boxern, sondern auch Boxberichte abgedruckt. Flechtheim stellte Sintenis und Belling aus.
Beide Kleinskulpturen bilden unterschiedlich populäre Boxer ihrer Zeit ab. Zugleich wird hier einem Schönheitsideal von Männlichkeit gehuldigt, dem beide Männer entsprechen. Beide sind aufgrund ihrer Pose eindeutig als Boxer zu erkennen.
Ein Ölbild von Conrad Felixmüller heißt: „Der Schattenboxer“. Das Bild von 1921 zeigt, in der Mitte positioniert, einen verhärmten Mann in braunem Jackett, Boxhandschuhen und einer blauen Schiebermütze. Links, im Hintergrund, stehen zwei Damen in Trikot. Sie erinnern an Revuetänzerinnen. Rechts, ebenfalls im Hintergrund, findet sich ein Mann im blauen Anzug, mit braunen Schaftstiefeln oder Gamaschen. Er hat sein Hände zu Fäusten geballt und schaut hoch in die Ecke. Die alles beherrschende Figur ist jedoch der „Schattenboxer“, der im Vordergrund steht. Er hat ein sehr schmales und spitzes Gesicht. Seine Augenpartie ist durch das Schild seiner Mütze beschattet. Seine Augen sind nur Schlitze, sie könnten auch zugeschwollen sein. Seine Rechte lässt er schlaff herunterhängen und seine Linke hebt er nur bis zur Gürtellinie an. Bedrohlich oder gefährlich wirkt der „Schattenboxer“ gar nicht. Er sieht eher wie ein geschlagener Mann aus.
Damit bildet der „Schattenboxer“ von Felixmüller so etwas wie den Gegenpol zu den zwei oben beschriebenen Skulpturen. Hier sehen wir nicht mehr den gut aussehenden, strahlenden Sieger und Helden, den wir bewundern, sondern einen ausgemergelten Verlierer.
Da ist der untersetzte Mann, der uns seine gereckte rechte Faust drohend vorhält, schon noch mal von einem ganz anderen Kaliber. Auf dem Aquarell „Kraft und Tücke“ von Rudolf Schlichter ist ein nicht mehr ganz junger Mann mit freiem Oberkörper zu sehen. Er trägt eine seltsame, rote Kopfbedeckung. Mit seiner linken Faust stützt er sich auf einen Tisch. Dabei wirkt er einfach nur gemein und hinterhältig.
Damit wären wir dann auch schon bei einem weiteren Aspekt, der durch das Boxen versinnbildlicht wird, nämlich Gewalt, die durchaus bedrohlich wirken kann.
Auf derselben Ebene würde ich auch die Lithographie von Karl Hubbuch „Im Rausch des Irrens“ aus dem Jahre 1923 ansiedeln. Auf dem Bild, auf dem es von Gewalt und Schreckennur so wimmelt, sind eine Vergewaltigung, ein Mord, das Ausweiden eines Tieres und viele andere Brutalitäten zu sehen – und, im Hintergrund, auch ein Boxkampf. Das Boxen steht ebenfalls für eine existenzbedrohende Gewalt.
Wuchtiger und ähnlich gewalttätig kommt das Gemälde „Weimarer Fasching“ von Horst Naumann aus dem Jahr 1928/29 daher, das im ersten Raum hängt. Aus dem Zentrum heraus sieht den Betrachter ein Soldat im flammenroten Waffenrock an. Auf seinem Stahlhelm ist ein Hakenkreuz. Um ihn herum findet sich ein Panorama der Gesellschaft der Weimarer Republik: Politiker (Hindenburg und Ebert), Demagogen (Redner) ein Vertreter des Klerus (Mönch), ein Proletarier (ganzkörpertätowierter Arbeiter) und auch die Hochfinanz ist verteten (durch die Leuchtreklame einer Bank und Bündel von amerikanischen Dollars). Das alles wirkt sehr bedrohlich. Am Himmel fliegen auch schon Kriegsflugzeuge, ein Soldat mit Säbel hat einen Knüppel in der Hand, moderne Wohnhäuser brennen, Panzer rollen, ein Soldat mit Gasmaske kommt durch eine Giftgaswolke hindurch auf den Zuschauer zu und ein elektrischer Stuhl steht bereit. Aber auch die Vergnügungsindustrie hat ihren Platz mit tanzenden Revuegirls; die gespreizten bestrumpften Beine einer Dame werden in die Luft gestreckt und man sieht einen Boxer, der seinen Bizeps anspannt. Außerdem ist da noch ein Sarg, ein Zeppelin, Kriegsgräber, marschierende Soldaten und ein Auge, das alles sieht. Naumann malt ein düsteres Bild der Weimarer Republik. Boxen steht dabei für Gewalt und Vergnügungssucht.

Horst Naumann, Weimarer Fasching, um 1928/29, Öl auf Leinwand, 91 x 71 cm, Albertinum / Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, © Nachlass Naumann, Foto: bpk / Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Elke Estel / Hans-Peter Klut

In der humoristischen Illustration aus dem Simplicissimus aus dem Jahre 1929 von Jeanne Mammen wird nur über einen Boxer gesprochen. Da sagt einen Dame in Trikot und kurzem Rock zu einer Dame im Matrosenoutfit: „Mein Boxer trainiert uff Meistertitel un´ mein Rejierungsrat uff Jroße Koalition – wat bleibt een´ da übrig als det Restchen Fasching!“
„Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main zeigt deutlich, dass das Boxen „die“ Sportart der Weimarer Republik war. Kein Sport repräsentiert die Modernität mehr – und auch die damit einhergehenden Ängste in einer sich schnell verändernden Gesellschaft. Daher wird das Boxen auch ambivalent dargestellt. Boxen ist mehr als nur ein Sport und daher geht es bei seiner Abbildung und der seiner Protagonisten auch immer um mehr. Boxen ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.
© Uwe Betker

Written by betker

10. Februar 2018 at 23:59

Veröffentlicht in Kunst, Rezensionen, Uncategorized

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Boxen in der Literatur: Ernest Hemingway (1): „Die Killer“

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Fragt man nach Literaten, die sich mit Boxen beschäftigt haben, dann fällt schon ganz früh der Name Ernest Hemingway. Der Literaturnobelpreisträger liebte das Fischen, das Jagen, den Stierkampf und das Boxen. Es gibt viel Fotos von ihm mit Boxhandschuhen an, in Boxpose und beim Sparring während einer Pause auf einer Safari. Wenn er sich mit anderen Literaten auseinandersetzte, verwandte er häufig eine Sprache, die aus dem Boxen kommt. Sätze wie: „Ich habe sachte angefangen, und dann Herrn Turgenew geschlagen. Dann habe ich hart trainiert und Herrn de Maupassant besiegt. Anschließend bin ich zwei Runden in den Ring mit Herrn Stendhal und konnte einen guten Haken setzen.“
Ernest Miller Hemingway (* 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois, USA – † 02. Juli 1961 in Ketchum, Idaho, USA) war einer der besten Schriftsteller, sozusagen ein Schwergewichtsweltmeister. Obwohl er das Boxen liebte und praktizierte, hat er tatsächlich gar nicht viel direkt übers Boxen geschrieben. Wenn ich es richtig sehe, hat Hemingway in zwei Romanen Boxer auftreten lassen und in vier Kurzgeschichten kommt Boxen bzw. Boxer vor. Eine der Kurzgeschichten ist „Die Killer“.
Für mich ist „Die Killer“ eventuell sogar die beste Short Story von Hemingway überhaupt. Sie erschien zuerst im März 1927 im Scribner’s Magazine. Im gleichen Jahr erschien sie dann in die Sammlung „Men Without Women“. In deutscher Übersetzung kam das Buch dann 1958 heraus.
Der Inhalt ist schnell erzählt. Nick Adams, der Lieblingsprotagonist von Hemingway – immerhin tritt er in 24 seiner Short Stories auf -, wird als Stammgast eines Lokals in einer Kleinstadt Zeuge eines Überfalls. Zwei Killer bedrohen Adams, den Wirt und den Koch und lauern einem anderen Stammgast auf, der aber nicht kommt. Die Killer ziehen sich zurück. Adams sucht und trifft dann das anvisierte Opfer, den früheren Boxer Ole Andreson. Er warnt ihn, obwohl er sich selber dadurch in Gefahr bringt. Andreson weiß um die Gefahr, in der er schwebt. Dennoch lehnt er es auch ab zu fliehen. Er ist zu müde und zu ausgebrannt, um sein Leben durch Flucht zu retten.
Als Grund für den geplanten Mord an Andreson wird lediglich eine Vermutung genannt: „Er war wohl in Chicago in irgendwas verwickelt.“
In „The Killers“ erleben wir Hemingway in Bestform. Er schreibt präzise und emotionslos. Obwohl in der Kurzgeschichte nicht getötet wird, hat der Leser dennoch die Gewissheit, dass Ole Andreson irgendwann ermordet werden wird. Nick Adams versucht erfolglos, das Schicksal aufzuhalten und Ole Andreson zu retten. Andresons Schicksal ist besiegelt und es spielt keine Rolle mehr, zu welchem Zeitpunkt es sich erfüllt. Andreson weiß, dass er bereits tot ist, obwohl er noch atmet.
An dieser Stelle möchte ich diese tolle Geschichte nicht tot analysieren. Auf einige Aspekte sei hier aber noch kurz hingewiesen. Den historischen Hintergrund stellt die Prohibition und die organisierte Kriminalität dar, die auch massiv Einfluss auf das Boxen nahm. Interessant ist, dass ein Jahr vor der Veröffentlichung von „The Killers“, am 31. April 1926, der zur damaligen Zeit bekannte Schwergewichtsboxer Andre Anderson (45 Kämpfe, 17 Siege, 14 durch KO, 19 Niederlagen, 15 durch KO, 9 Unentschieden) in Cicero, einem Vorort von Chicago, vermutlich von Mitgliedern der Mafia erschossen worden war. Anderson, eigentlich Frederick Boeseneilers, erreichte gegen Jack Dempsey im Juni 1916, bei dessen erstem Kampf in New York, ein Unentschieden. Er hatte Dempsey angeblich sogar am Boden. Hiernach kämpfte Anderson 17 Monate lang während des Ersten Weltkriegs in Italien. Er wurde der einzige US-amerikanische Boxer, der für seinen Einsatz im Krieg die Ehren-Medaille bekam. Es wird behauptet, Anderson hätte den einen oder den andern Kampf für die Mafia verschoben, bzw. absichtlich verloren. Laut Angaben der ermittelnden Polizei wurde Anderson ermordet, weil er seinen vorletzten Kampf, am 22. Dezember 1925 gegen Wayne (Big) Munn, durch KO in der ersten Runde gewonnen hatte. Anderson soll gesagt haben: „I’m through throwing fights and laying down whenever they want me to. I’m going to knock Munn out in one punch, if I can.“
Hemingway wurde möglicherweise durch diese Vorkommnisse inspiriert zu der Gestaltung der Figur des Ole Andreson.
© Uwe Betker

Ein sprachliche Entgleisung – oder mehr: Über Wladimir Klitschkos Hitler Vergleich

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Wenn die griechische, die polnische, die türkische oder irgendeine andere Presse Angela Merkel mit Hitler vergleicht, dann finden wir das geschmacklos. Eigentlich weiß jeder in Deutschland, dass man niemanden mit Hitler vergleichen sollte. Und jeder weiß auch, dass jemand, der davon nichts wissen will und es trotzdem macht, immer schlecht dasteht. Trotzdem hat Wladimir Klitschko unlängst Tyson Fury mit Adolf Hitler verglichen.
Am 9. Juli sollten Wladimir Klitschko (68 Kämpfe, 64 Siege, 53 durch KO 4 Niederlagen, 3 durch KO) und Tyson Fury (25 Kämpfe, 25 Siege, 18 durch KO) eigentlich ihren Rückkampf in Manchester bestreiten. Dann, bei einem Medientermin im österreichischen Going, wo Klitschko sich, wie schon so oft, im „Stanglwirt“, dem Fünf Sterne Biohotel, auf den Kampf vorbereitet hatte, passierte es: Der promovierte Akademiker Klitschko sagte in die Mikrofone und Kameras, die er gerufen hatte, Fury „klang wie Hitler“. Anlass waren Äußerungen des Schwergewichtsweltmeisters in einem YouTube-Video, in dem er sexistische, antisemitische und homophobe Ansichten zum Besten gab. Und er bezeichnete außerdem seinen Herausforderer als bisexuell.
Immer wenn Fury und Klitschko außerhalb des Ringes aufeinander trafen, wurde es für anwesende Journalisten kurzweilig. Fury redete viel, war dabei amüsant bis lustig. Er war immer für eine Überraschung gut und oft machte er Dinge, die man nicht erwartete. Er verkleidete sich als Batman, um Klitschko vor einem Joker zu retten. Er versprach Klitschko, für ihn ein Lied zu singen und machte es dann auch. Klitschko reagierte seinerseits immer souverän und konterte mit Ironie. Das hat sich nun offensichtlich geändert. Jetzt reagierte er auf ein Video aus dem Internet, bei dem er nicht einmal Hauptgegenstand der verbalen Ausfälle von Fury war.
Klitschko sagte: „Ich war schockiert über seine Aussagen zu Frauen und die Homosexuellen-Gemeinschaft. Aber als er über Juden sprach, klang er wie Hitler.“ Und weiter: „Ich kämpfe gegen einen Typen, der seinen Mund nicht halten kann. Er ist wirklich ein Idiot. Wir haben einen Dummkopf als Schwergewichts-Champion.“ Später bezeichnet er ihn als einen „geisteskranken Schwachmaten“. „Statt wie Muhammad Ali das Boxen glänzen zu lassen, sind seine Aussagen nur peinlich. Dass er diese Bühne hat, das passt nicht in meinen Kopf. Er wirbt für die falsche Seite.“ In Erinnerung aber bleibt der Hitlervergleich.
Die Klitschkos betreiben seit Oktober 2007 eine eigene Vermarktungsagentur „Klitschko Management Group GmbH“ (KMG). Als Service bietet die KMG u. a. Consulting im Bereich Presse und Öffentlichkeitsarbeit und Personality Branding mit Personality Analyse, Personal Profiling, Short Term Strategy, Long Term Strategy und Vermarktung an. Wenn man noch die Hunderte von Pressekonferenzen und vermutlich Tausende von Interviews hinzurechnet, dann erscheint einem Klitschko schon als ein abgebrühter Medienvollprofi. Aber nahezu jeder weiß doch, dass man keinen mit Hitler vergleicht.
Man kann nun nur darüber spekulieren, was den sonst immer so abgeklärten und ruhigen promovierten Sportwissenschaftler, der wohl seinen Doktortitel 2001 an der Universität Hryhory Skovoroda in Perejaslaw-Chmelnyzkyj bei Kiew gemacht hat, so aus der Reserve gelockt hat. – Ich kann mir jedenfalls schlicht nicht vorstellen, dass das dumme Gelaber von Fury, gespeist aus dessen Frauenfeindlichkeit, Homophobie, latentem Judenhass und seinen wahrscheinlichen intellektuellen Defiziten, Klitschko so in Rage gebracht haben könnte.
Klitschko sagte auch. „Fury ist schwachsinnig. Ernsthaft. Ich war geschockt von seinen Äußerungen über Frauen, die Schwulenszene. Und wenn er über Juden redet, hört er sich an wie Hitler.“ Und: „Bei all der Dummheit, die bei ihm herauskommt, ist eine Stufe erreicht, die ich nicht akzeptieren kann. Speziell in dieser verrückt gewordenen Welt sehen wir doch, wohin es führt, wenn über Juden Hass ausgeschüttet wird.“ Klitschko wiederholt: „Ja, er hört sich an wie Hitler, wie schon gesagt. Fury ist psychisch krank.“
Womöglich geht es Wladimir Klitschko aber gar nicht um die Verteidigung von Frauen, Homosexuellen, Juden sowie von moralischen und intellektuellen Standards. Eventuell geht es nur darum, dass er Fury für psychisch krank hält. Klitschko hat das schon einmal, nämlich bei der ersten Pressekonferenz vor dem Kampf im Rheinstadion in Düsseldorf, gesagt. Damals aber hatte er es als Scherz gesagt und ergänzt, dass er ihn im Ring therapieren wolle. Der Ausgang des Kampfes ist bekannt.
Wenn Klitschko ihn für psychisch krank oder für verrückt hält, dann hat Klitschko ein Problem. Ein psychisch Kranker oder ein Verrückter hat nämlich vermutlich keine Angst vor ihm. Was aber noch viel schlimmer ist, er ist auch nicht berechenbar. Er macht Dinge, die keiner von ihm erwartet. Fury hat Klitschko nicht nur geschlagen, er hat ihn regelrecht vorgeführt. Womöglich steckt genau das dahinter, wenn Wladimir Klitschko seine Nonchalance verliert.
© Uwe Betker

Über das berühmte „Save me, Joe Louis!“

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Liest man über den großen Schwergewichtsweltmeister Joe Louis, so stolpert man fast zwangsläufig über folgende Geschichte: Ein zum Tode verurteilter Afroamerikaner fleht unmittelbar vor seiner Exekution: „Rette mich, Joe Louis“! Da ist z.B. ein Folk Lied von Curtis Eller’s American Circus mit dem Titel „Save Me, Joe Louis”, das diese Geschichte aufnimmt. Es gibt auch einen Roman von Madison Smartt Bell mit dem gleichen Titel. Am bekanntesten aber wurde die Darstellung dieses Ereignisses bei Luther King Jr. Der schrieb in seinem Buch „Why We Can’t Wait“, das erstmals im Juni 1964 erschien:
„More than twenty-five years ago, one of the southern states adopted a new method of capital punishment. Poison gas supplanted the gallows. In its earliest stages, a microphone was placed inside the sealed death chamber so that scientific observers might hear the words of the dying prisoner to judge how the human reacted in this novel situation.
The first victim was a young Negro. As the pellet dropped into the container, and the gas curled upward, through the microphone came these words: „Save me, Joe Louis. Save me, Joe Louis. Save me, Joe Louis…“
Und später erklärt er:
„Not God, not government, not charitably minded white men, but a Negro who was the world’s most expert fighter, in this last extremity, was the last hope.“
Damit galt die Geschichte als verbürgt. In der Folgezeit diente sie immer wieder dazu zu illustrieren, welchen messiasgleichen Status Joe Louis bei den Afroamerikanern in den USA vor ihrem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg hatte. Sie zeigt aber, wie tief verwurzelt der Rassismus damals noch war.
In den letzten Jahren hat sich die Rezeption etwas verändert. Es wurden inzwischen mehrere Aufsätze veröffentlicht, in denen der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte einer Überprüfung unterzogen wurde. Um es gleich vorab zu sagen, die Geschichte ist einfach zu schön, zu bildhaft und zu rührend, um wahr zu sein. Aber bemerkenswert bleibt, dass diese Geschichte sich so lange hat halten und für wahrscheinlich und wahr erachtet werden können und tatsächlich immer noch wird.
Da auch bei der Vollstreckung von Todesurteilen, jedenfalls in demokratischen Staaten, der Staat genau Buch führt, konnte man den „jungen Neger“ von Martin Luther King Jr. identifizieren. Der bot genug Informationen, um zielführende Suchkriterien herauszuarbeiten.
1. Die Methode der Hinrichtung wurde kürzlich von Hängen auf Gaskammer umgestellt.
2. Die Hinrichtung fand in einem der Südstaaten statt.
3. Der Hingerichtete war Afroamerikaner.
4. Die Hinrichtung fand zwischen 1935 und 1939 statt.
Bei der Suche fand sich dann eine einzige Hinrichtung, die weitgehend diesen Kriterien entspricht. Und das war die Exekution von Allen Foster am 24. Januar 1936.
Foster wurde in Birmingham, Alabama, geboren, wo er in einer rassistischen Gesellschaft in Unbildung und Armut aufwuchs. Er war geistig zurückgeblieben. 1929 wurde er, im Alter von 13 Jahren, wegen Raubes verurteilt. Bis zu seinem 19 Lebensjahr wurde er in eine staatliche „Negro Industrial School“ verbracht. Unter einer solchen „Arbeitsschule“ muss man sich so etwas wie ein Waisenhaus oder Arbeitshaus vorstellen. Sein Verbrechen, für das er so lange einsaß, war der Diebstahl von Eiern von einem Güterwagen.
Foster war im „Civilian Conservation Corps“, dem Arbeitsdienst der USA (Stichworte hier: Roosevelt und New Deal), in Fort Bragg, North Carolina. Er verließ das Lager am 02. September 1935 und ging die Landstraße entlang, wo er auf die weiße Frau eines ortsansässigen Farmers traf. Später behauptete die Frau, er habe Geld von ihr verlangt, sie dann mit einer Flasche niedergeschlagen und sie schließlich mit vorgehaltenem Messer vergewaltigt. Sechs Wochen später war er zum Tode verurteilt. Foster erklärte später, sein Geständnis sei mittels Prügel erzwungen worden.
Was am 02. September 1935 auf der staubigen Landstraße bei Fort Bragg wirklich geschehen ist, wird man wohl niemals erfahren. Ausgehen kann man aber davon, dass ein Afroamerikaner, dem vorgeworfen wurde, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben, in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bei einem Gerichtsprozess in den Südstaaten wohl kaum eine Chance hatte.
Seine Exekution sollte die erste mithilfe der Gaskammer in North Carolina werden. Gas ersetzte den Elektrischen Stuhl. Es sollte „humaner“ sein. Vorher hatte man es an ein paar Hunden getestet. Die Hinrichtung am 24. Januar 1936 im Gefängnis von Raleigh verlief dann aber anders als geplant.
Einige Dutzend Journalisten und Zeugen sahen, wie Foster, nur mit einer Boxerhose aus Baumwolle bekleidet, die Todeskammer betrat. Er fröstelte sichtlich in dem kalten Raum. Man kettete ihn an einen Stuhl und klebte ihm ein Stethoskop auf die Brust. Man stellte eine Schale mit Hydrochlorid-Säure unter seinen Stuhl. Foster sagte irgendetwas und deutete einen Uppercut an. Er nahm damit auf einen Kampf Bezug, den er als Junge mit Joe Louis gehabt hätte. Dieser Kampf hatte tatsächlich aber nur in Fosters Vorstellung stattgefunden, denn Louis konnte nachweislich nicht in Birmingham gewesen sein. Die Zeitung Daily Worker nahm diese Vorstellung jedoch für bare Münze und ein Mythos war geboren.
Foster verabschiedete sich noch von seiner Mutter und schrie noch, er sei unschuldig. Der Henker zog an einer Schnur und Kaliumcyanid-Kügelchen fielen in die Säure. Weiß-grauer Rauch, Blausäure, füllte den Raum. Foster inhalierte mit offenem Mund das Gift. Sein Ausatmen sah aus wie das Ausphauchen von Zigarettenrauch. Foster atmete tief ein und aus. Nach zwei Minuten sahen ihn die Zeugen durch die Glasscheibe immer noch reden. Noch Minuten später – er ließ seinen Kopf hängen, seine Augen traten hervor, sein Körper zuckte – versuchte er weiterzureden. Nach 10 Minuten atmete er immer noch. Seine Augen hatten sich grotesk verdreht. Es wurden schon Überlegungen angestellt, ob vielleicht jemand die Gaskammer betreten sollte, um noch Giftkügelchen nachzulegen. Es dauerte schließlich 12 ganze Minuten, bis Foster für tot erklärt wurde.
Die Hinrichtung war dermaßen barbarisch, dass Allen Foster, zumindest für kurze Zeit, in North Carolina bekannter war als Joe Louis. Das hatte nun aber keine nachhaltigen Folgen. Bis heute werden in North Carolina im Auftrag des Staates Menschen mit Hilfe der Gaskammer exekutiert.
Noch eine andere Geschichte ist verbürgt: Im Frühling 1935 erhielt Joe Louis einen Brief von einem afroamerikanischen Häftling im Todestrakt eines Südstaatengefängnisses. In diesem Brief waren folgende Worte enthalten: „I’m in death row, and I got only six more weeks to go. Your picture hanging on the wall will make me feel better as I wait for the electric chair.“
© Uwe Betker

Erkan Teper vs. David Price: Ein Vorbericht

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Am 17. Juli soll Erkan Teper (14 Kämpfe, 14 Siege, 9 durch KO) in Ludwigsburger MHP Arena gegen David Price (21 Kämpfe, 19 Siege, 16 durch KO, 2 Niederlagen, 2 durch KO) boxen. Dabei geht es um den vakanten Europameistertitel (EBU) im Schwergewicht. Teper gegen Price ist eine gute Ansetzung. Teper ist die Nummer 17 der unabhängigen Weltrangliste und Price die Nummer 26. Das heißt, beide Athleten sind in der Rangliste nahe genug beieinander, um sich einen guten Kampf liefern zu können. Teper ist aber wohl der Favorit und Price eher der Außenseiter, der nur durch KO gewinnen kann.
Der Deutsche Teper wurde zuletzt gut aufgebaut. In seinen letzten Kämpfen besiegte er Johann Duhaupas (14.03.2015, W 12), Newfel Ouatah (13.06.2014, TKO 6), Martin Rogan (16.11.2013, KO 1) und Michael Sprott (31.08.2013, TKO 1). Er ist ungeschlagen. Der Brite Price wechselte erst vor ca. einem Jahr zu Sauerland Event. Davor musste er zwei Niederlagen gegen Tony Thompson (23.02.1013, TKO 2 und 06.07.2013, TKO 5) hinnehmen. Dementsprechend ist er auch relativ vorsichtig wieder aufgebaut worden, um sein Selbstvertrauen zu stärken. Dies ist auch eines der Argumente, die für einen Sieg von Teper sprechen.
Interessant ist, dass der Veranstalter Z!-Promotion sich gegen Sauerland Event bei der Kampfversteigerung durchgesetzt hat. Sie boten 252.500 Euro, Sauerland nur 23.979,55 Euro. Das kann man verschieden interpretieren. Zum einen kann das heißen, dass Z!-Promotion von Alexander und Boris Zastrow sowie Matchmaker Hagen Döring nun zu den großen in der Branche gehört. Es kann aber auch heißen, dass der Berliner Veranstalter einfach nicht mehr so viel Geld hat wie früher. Oder, dass er einfach kein gesteigertes Interesse an dem Kampf von Price hat. Jedenfalls, zu Zeiten, als Sauerland noch einen TV Vertrag mit der ARD hatte, wäre ein solches Ergebnis einer Versteigerung gar nicht denkbar gewesen. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass die Brüder Zastrow – mit Hilfe von Hagen Döring – zu einer Größe im deutschen Boxsport geworden sind. Mit dem Bezahlsender Sky Select haben sie auch einen starken Partner an ihrer Seite.
Sollte Teper gewinnen, so hätte Z!-Promotion einen Schwergewichtler unter Vertrag, der gegen Wladimir Klitschko (67 Kämpfe, 64 Siege, 53 durch KO, 3 Niederlagen, 3 durch KO), den Schwergewichtsweltmeister der IBF und WBO und Super Champion der WBA, oder gegen den Weltmeister light der WBA, Ruslan Chagaev (37 Kämpfe, 34 Siege, 21 durch KO, 2 Niederlagen. 1 durch KO) antreten könnte.
Persönlich bin ich gespannt, ob der Super Leichtgewichtler Timo Schwarzkopf (5 Kämpfe, 14 Siege, 8 durch KO, 1 Niederlage) nach seiner Niederlage gegen Anthony Yigit, am 21.03.2015, wieder boxt. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Schwarzkopf, Festim Kryeziu, zu Z!-Promotion gegangen ist.
(C) Uwe Betker

Gastbeitrag von Jean-Marcel Nartz: Die Klasse aller Klassen

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Seit 1892 gab es stets in der Klasse aller Klassen Ausnahmeboxer, die die Szene beherrschten. Es gab immer einen Superstar, der als unbesiegbar galt, was allerdings nicht immer stimmte, denn so manch unbekannter Herausforderer sorgte mit einen Schlag für eine Sensation. Das ist das, was das zahlende Publikum so liebt am Schwergewichtsboxen.
Kommen wir zu einigen Stars, die als unschlagbar galten, aber alle dann doch, außer Rocky Marciano, irgendwann mal verloren. Es begann 1899 mit dem Amerikaner James J. Jeffries, der bis 1904 sechsmal den Titel verteidigte. Damals gab es noch keine Rundenzahlen. Es ging immer bis zur Dunkelheit – immer bis zur totalen Entscheidung. 25 Runden waren damals nicht unüblich und wenn es Flutlicht gegeben hätte, dann wäre es auch länger gegangen!
Später war es dann von 1919 bis 1923 Jack Dempsey, der fünfmal den Titel verteidigte und dann sensationell gegen Gene Tunney verlor. Dann kam Max Schmeling, der einmal den Titel verteidigte und dann wechselte alles nach jeden Kampf, bis 1937 Joe Louis kam, der bis 1948 25 (!) mal den Titel verteidigte. Dann kam der einzige Schwergewichtsweltmeister, der ungeschlagen abtrat, Rocky Marciano, der von 1952 bis 1955 sechsmal den Titel verteidigte.
Zu bedenken ist bis 1962, dass es immer nur einen Verband gab und nicht 17 wie heute! 1964 kam Cassius Clay (später Muhammad Ali), der Liston stoppte und bis zu seiner Verhaftung wegen Fahnenflucht 1967 achtmal seinen WBC-Titel verteidigte und erst 1974 wieder Champion wurde, wo er bis 1978 neunmal den Titel verteidigte. Er war und ist der Größte aller Zeiten! In Abwesenheit von Ali dominierte der Strassenfighter Joe Frazier von 1969 bis 1973 als Titelträger mit acht Titelverteidigungen. Es folgte George Foreman von 1973-1974 mit zwei Titelverteidigungen, bevor in den Kampf gegen Ali antrat und vorzeitig verlor.V on 1978 bis 1985 war Larry Holmes der neue Superweltmeister, der zwanzigmal den Titel verteidigte, ehe ihn Michael Spinks über 15(!) Runden auspunktete. 1986 kam, sah und siegte nur noch der damals jüngste Weltmeister aller Zeiten im Schwergewicht, Mike Tyson, der bis 1990 zehnmal den Titel verteidigte. Evander Holyfield verteidigte bis 1994 dreimal den Titel, den er dann an Michael Moorer verlor, diesen sich 1996 von WBA-Weltmeister Tyson wieder holte und 1999 nach drei Titelverteidigungen an Lennox Lewis wieder verlor. Lewis war mit kurzer Unterbrechung von 1993 bis 2003 WBC-Weltmeister und hat den Titel 22 mal verteidigt.
WBO-Weltmeister war Vitali Klitschko von 1999 bis 2000 und verteidigte zweimal den Titel. Dann wurde er von 2004-2014 WBC-Weltmeister mit 11 Titelverteidigungen.Von 2000 bis 2003 war dann Wladimir Klitschko WBO-Weltmeister mit 5 Titelverteidigungen.2006 holte er sich den IBF-Titel. Es folgten bis zum heutigen Tag den Titelgewinne von WBA-und-WBO und insgesamt 15 Titelverteidigungen. Der achtunddreißigjährige Klitschko hat die Weltranglisten rauf und runter geboxt und außer Überheblichkeit und Unachtsamkeit kann ihn keiner stoppen.
(C) Jean-Marcel Nartz

Wladimir Klitschko vs. Alexander Povetkin und vs. Markus Lanz

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Am Samstag, dem 05.10.2013 kämpft Wladimir Klitschko (63 Kämpfe, 60 Siege, 51 durch KO, 3 Niederlagen, 3 durch KO) gegen Alexander Povetkin (26 Kämpfe, 26 Siege, 18 durch KO). Der ukrainische Schwergewichtsweltmeister der IBF (International Boxing Federation) und der WBO (World Boxing Organization) und der Super Champion der WBA (World Boxing Association) reist nach Moskau, um dort auf seinen russischen Herausforderer zu treffen.
Alexander Wladimirowitsch Povetkin war die große Schwergewichtshoffung von Sauerland Event. Kalle Sauerland persönlich, der Sohn von Wilfried Sauerland, holte den Goldmedaillengewinner der Olympischen Spielen 2004 in Athen nach Deutschland. Dadurch wurde dann auch medienwirksam der Generationenwechsel beim berliner Veranstalter öffentlich vollzogen. Povetkin blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück, die man in ihn gesetzt hatte. In seinen acht Jahren als Profi errang er sich durch harte Arbeit den Titel „der zaghafte Zar“ und irgendwie wurde er auch so eine Art Quasi-Weltmeister der WBA im Schwergewicht.
Den Titel „zaghafter Zar“ hat er von mir verliehen bekommen. In einem früheren Internetauftritt gerierte er sich nicht nur als Zar, sondern bezeichnete sich auch selber so. Wie ein richtiger russischer Zar ist er natürlich ein „blütenreiner Demokrat“ und deshalb ist er Mitglied der Kremlpartei „Einiges Russland“. Er hat auch einen Abgeordnetensitz im Gebietsparlament der Oblast Kursk, was ihn wohl zu einem Nebenerwerbsprofiboxer macht. Jedenfalls boxte er in den letzten fünf Jahren nur ein Mal mehr als zweimal im Jahr. Das könnte man wohl so übersetzen: Povetkin kommt zweimal im Jahr nach Deutschland, um hier Geld zu verdienen. Dann geht er wieder zurück in seine Heimat, um dort seiner Haupttätigkeit in Kursk nachzugehen.
Zu dem Adjektiv „zaghaft“ als Zusatz zu seinem selbstgewählten Herrschertitel kam er, weil ihm bislang jedes Mal, wenn er gegen einen der Klitschkos boxen sollte, etwas dazwischen kam. Das eine Mal hindert ihn eine Nebenhöhlenentzündung am Fliegen. Ein anderes Mal lauerten ungeahnte Gefahren für Leib und Leben in der unendlichen Weite der Wälder von Russland, wo er sich dann beim Joggen verletzte. Schließlich erklärte sein Trainer Teddy Atlas, sein Schützling sei noch nicht so weit.
Ach so, beinah hätte ich noch vergessen zu erwähnen, dass Povetkin irgendwie ja Weltmeister der WBA ist. Natürlich ist er nicht der richtige Weltmeister – das ist natürlich noch immer Wladimir Klitschko. Aber da Klitschko auch Weltmeister anderer Verbände ist, machte die WBA ihn zum Super Champion. Eine solche Transformation eines richtigen Weltmeistertitels in einen erfundenen finde ich zwar unnötig, grotesk und schädlich für den Boxsport, aber in diesem Fall entspricht sie den Statuten – im Gegensatz zum Titel von Felix Sturm.
Dadurch, dass der Weltmeistertitel der WBA nun praktisch wieder vakant wurde, konnte Povetkin um ihn boxen, ohne gegen Wladimir Klitschko antreten zu müssen. Durch einen Punktsieg am 27.08.2011 über Ruslan Chagaev wurde er dann auch so eine Art Quasi-Weltmeister.
Nun aber findet der Kampf wohl doch statt. Darüber, was Povetkin nun dazu getrieben haben könnte, jetzt doch gegen einen Klitschko anzutreten, kann man nur spekulieren. Vielleicht drängt sein Veranstalter ihn ja dazu. Ein richtiger Schwergewichtsweltmeister wäre schließlich ein gutes Argument, um dem drohenden Vertrags-Aus bei der ARD etwas entgegen zu setzen. Dem Charme der Quoten eines Schwergewichtsweltmeisters könnte sich die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland denn kaum entziehen können. Aber mit einem Povetkin als richtigem Weltmeister hätte Sauerland Event mit Sicherheit gute Chancen, auch bei einem anderen TV Sender unterzukommen.
Natürlich ist es auch genauso gut möglich, dass ich Povetkin in den letzten Jahren schlicht Unrecht getan habe und es sich wirklich nur um eine Aneinanderreihung von Unfällen und Zufällen handelte, die ihn dann daran gehindert haben gegen einen Klitschko anzutreten. – Es könnte aber auch noch eine ganz andere Erklärung geben. Wenn man sich nämlich mal so umhört, dann findet man kaum jemanden, der ernsthaft mit seinem Sieg rechnen würde. Aber im Schwergewicht ist immer alles möglich.
Interessant dürfte es sein, wie Wolodymyr Wolodymyrowytsch Klytschko mit dem Druck umgeht. Zum einen boxt er in der Heimat seines Gegners. Er boxt aber auch gegen Markus Lanz, denn RTL hat die Übertragung des Boxkampfes aus Moskau auf den Sendeplatz von „Wetten, dass …?“ gelegt. Noch vor gar nicht so langer Zeit, wäre das undenkbar gewesen. Aber seit Lanz sind die Quoten der einstmals großen Samstagabend Unterhaltungsshow im freien Fall begriffen. Zuletzt sahen nur noch 6,7 Millionen zu, während bei einem später boxenden Klitschko schon 10 Millionen einschalteten.
Radio Télévision Luxembourg greift also mit Wladimir Klitschko das ZDF frontal an. Schon heute wird in der Presse spekuliert, ob Lanz, bzw. „Wetten, dass …?“ nach einer Niederlage im direkten Vergleich der Zuschauergunst noch eine Zukunft hat.
Das Zweite Deutsche Fernsehen sollte sich überlegen, ob es nicht wieder ins Boxen einsteigen will, anstatt weiter auf ein 32 Jahre altes Showkonzept und einen Showmaster zu setzen, der vom Publikum nicht akzeptiert wird. Schließlich sollte es doch möglich sein, aus den Fehlern der Vergangenheit, d.h. aus der Zusammenarbeit mit Universum Box-Promotion, zu lernen.
© Uwe Betker