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Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (2)

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Seine KO-Erfolge ließen den Bantamgewichtler Pimentel zu einem Zuschauermagneten werden. Zunächst musste er jedoch am 16.08.1963 gegen einen anderen Liebling der Fans antreten, den Ranglistenboxer Jose „Portillo“ Lopez. Lopez hatte zuvor von 38 Kämpfen nur einen verloren, und er war wie Pimentel ein KO-König. 8.500 Zuschauer kamen ins Olympic Auditorium in Los Angeles, um das Aufeinandertreffen der beiden zu verfolgen. „Ich hatte alle gegen mich: Der Promoter [George Parnassus, der später eine entscheidende Rolle in Pimentels Karriere spielen sollte] war gegen mich, weil Lopez einer seiner Fighter war. Die Punktrichter waren gegen mich. Was aber am allerschlimmsten war, die Boxfans waren auch gegen mich. Ich musste als erster in den Ring steigen, und sie buhten mich aus. Aber Gott sei Dank endete der Kampf damit, dass meine Hand nach acht großartigen Runden hochgehalten wurde.“ Diese Begegnung hielt, was das Publikum von ihm versprechen konnte. Es war ein offener Schlagabtausch, der klären sollte, wer der Härtere war. In der achten Runde schlug Pimentel im Infight Lopez KO. Dabei waren seine Fäuste nur fünf Zentimeter vom Kopf seines Gegners entfernt, als er die entscheidenden Schläge abfeuerte. Damit wurde Pimentel zum Star und zum Liebling der Boxfans links und rechts der mexikanischen Grenze.
Als er am 05.10.1963 das nächste Mal in den Ring stieg, traf er auf seinen alten Bekannten Trino Savala. Diesmal überließ er die Entscheidung nicht den Punktrichtern. Er gewann durch KO in Runde 2.
Am Ende des Jahres, am 18. Dezember, füllte er erneut eine Riesenhalle, die Los Angeles Sports Arena, bis auf den letzten Platz. Dort schlug er den Spitzenboxer Ray Asis von den Philippinen. Pimentel war zu diesem Zeitpunkt die Nummer sechs und Asis die Nummer zehn der Weltrangliste. „Vor dem Kampf, in der Umkleidekabine, sagte ich zu Kabakoff und zu meinem Bruder Joe [Jose Luis], dass ich Asis KO geschlagen habe. Kabakoff schaute meinen Bruder an und meinte, dass ich zu viele Schläge abbekommen hätte. Einen Tag später druckten die Zeitungen das Photo, auf dem Ringrichter John Thomas meine Hand zum Sieg hebt und Ray Asis auf dem Boden liegt.“ Pimentel war auf dem Höhepunkt seines Könnens, er schien unschlagbar, und ein Kampf um die Weltmeisterschaft im Bantamgewicht erschien nur folgerichtig.
Der Promoter Tony Padilla aus San Antonio/Texas, wollte einen Kampf zwischen Pimentel und dem amtierenden brasilianischen Weltmeister Eder Jofre Mitte 1964 veranstalten. Er war aber nur ein Strohmann für den einflussreichen und mächtigen Promoter George Parnassus. Pimentel bereitete sich in seinem Trainingslager vor. Der Vorverkauf für den Kampf in San Antonio zwischen einem südamerikanischen Weltmeister und einem mexikanischen Herausforderer, die beide niemals zuvor in Texas aufgetreten waren, lief sehr schlecht. Kurz vor dem Kampf hatte Jofre noch fast 5 kg Übergewicht. Es sah alles danach aus, als ob Jofre nicht mehr rechtzeitig das Limit würde bringen können. Parnassus, „der Don King der 60er“, teilte Pimentel deshalb mit, dass er aufgrund des schlechten Vorverkaufs seine und Jofres Börse halbieren müsste, damit der Kampf überhaupt stattfinden könnte. Pimentel reiste daraufhin einen Tag vor der offiziellen Absage des Kampftermins ab. Diese Abreise gab Parnassus die Möglichkeit, Pimentel für den geplatzten Kampf verantwortlich zu machen. Er behauptete, Pimentel habe seinen Gegner beim Training gesehen und Angst bekommen. Er ließ seine Beziehungen zum Präsidenten der WBC spielen, der Pimentel für ein Jahr sperrte.
Pimentel sagt dazu: „Tatsache ist: Jesus Pimentel hätte der neue Champion werden können. George Parnasssus ist dafür verantwortlich, dass ich nicht Weltmeister wurde. Er und der Präsident der WBC hielten mich bis zu meinem letzten Kampf von einem Titelkampf fern. Parnassus kontrollierte alle Manager und alle Boxer aus Mexiko, aber nicht meinen Manager Harry Kabakoff.“
Wenn Pimentel Parnasssus als „den Don King der 60er“ Jahre beschreibt, ist dies eine Untertreibung. Denn was den Einfluss angeht, so ist Don King im Vergleich zu George Parnasssus ein Kleinringveranstalter. Parnasssus war der Initiator für die Gründung des WBC (World Boxing Council). Er brachte die Seuche der Gründungen immer neuer Boxverbände in die Welt, unter der der Sport noch heute leidet. Der WBC gilt heute als ein seriöser Verband. Jedoch waren die Anfänge alles andere als das. Thomas Hauser, einer der renommiertesten Boxkenner der Welt, brachte es auf den Punkt, als er schrieb, dass der WBC in jener Zeit „nicht mehr als ein korrupter Scherz“ war.
Die Sperre jedenfalls verhinderte, dass Pimentel in der Folgezeit bei großen Veranstaltungen boxen konnte. Das wiederum kostete ihn seinen Platz als Nummer eins der Weltrangliste. Pimentel blieb jedoch fleißig und umging die Sperre, indem er in Mexiko weiterboxte. Er boxte jeden, der ihm vorgesetzt wurde, und viele seiner Gegner waren Boxer der Weltspitze. Dennoch kam er seinem Titelkampf nicht näher. Man ließ ihn mehr als sieben Jahre warten! In diesen sieben Jahren war er ununterbrochen unter den ersten zehn im Bantamgewicht.
Am 30. August 1964 in Culican endete Pimentels KO-Serie. Sein Gegner Mauro Miranda schaffte es, den Schlussgong stehend zu erreichen. Pimentel gewann nach Punkten. Weitere Spitzenboxer, die er in der Folgezeit besiegte, waren Rudolfo Cruz („Der Rudolfo-Cruz-Kampf war ein sehr harter Kampf. Ich habe noch nicht einmal Geld dafür bekommen, wegen meiner Sperre“), Fernando Soto und Alex Benitez.
In der Zwischenzeit war der Japaner Masahiko „Fighting“ Harada Weltmeister geworden. Doch auch er trat nicht gegen Pimentel an und das, obwohl Pimentel einen Vertrag mit Harada hatte, der ihn zu einem Kampf verpflichtete. Schon Anfang 1964 sollten beide gegeneinander antreten. Der Kampf fand jedoch nicht statt, weil Pimentel sich vorher verletzt hatte. Der Veranstalter des geplanten Kampfes Pimentel-Harada war – Parnassus. Parnassus wollte den Weltmeisterschaftskampf mit Jofre vorziehen und den Kampf mit Harada dann nachholen. Aber beide Kämpfe fanden nie statt.
© Uwe Betker

Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (1)

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In der heutigen Zeit, in der es nahezu so viele Titel im Profiboxen gibt wie das Alphabet an Buchstabenkombinationen zulässt, gibt es kaum jemanden, der die Weltmeister aller Weltverbände in allen Gewichtsklassen kennt. Daher ist es heute auch kaum vorstellbar, dass es möglich sein könnte, dass ein Boxer der absoluten Extraklasse – einer der besten Bantamgewichtler aller Zeiten, ein Fighter, der in der World Hall Of Fame Of Boxing aufgenommen wurde und dem dieser Platz in der Hall Of Fame Of Boxing zusteht, einer, den die amerikanische Zeitschrift Sports Illustrated unter die 50 härtesten Puncher aller Zeiten wählte – niemals Weltmeister wurde. Ein solcher Boxer war Jesus Pimentel.
Die Kindheit und Jugend Pimentels verlief so, wie sie eigentlich nur ein zu Kitsch und Plattitüden neigender Autor erfinden kann. Pimentel wurde am 17.02.1940 in einem kleinen Ort namens Sayula Salisco in Mexiko geboren. Er wuchs zusammen mit sieben Geschwistern in El Camiche, Michoacan auf. Sein Vater war zunächst Soldat in der mexikanischen Armee, bis er 1948 beschloss, in die USA zu gehen, um „Arbeit und ein besseres Leben zu suchen.“ Zwei Jahre nachdem sein Vater die Familie verlassen hatte, holte er einen Teil seiner Familie nach: Seine Mutter, seine drei älteren Brüder und er fuhren nach Tijuana, Mexiko. Dort krochen sie unter dem Stacheldrahtzaun durch und liefen über die Eisenbahngleise, um in Santiago California in den USA anzukommen. Dort wurden sie von einem Onkel mit einem Wagen erwartet und nach Los Angeles gefahren. Die sechsköpfige Familie lebte in einer Garage den amerikanischen Traum. Die Kinder gingen schon bald zur Schule. In den Schulferien nahm ihr Vater sie mit auf die Felder, um Baumwolle und Obst zu pflücken. Sieben Jahre ging das so, bis die Einwanderungsbehörde sie erwischte und nach Tijuana abschob.
Die Familie Pimentel verdingte sich wieder als Tagelöhner, nunmehr auf den Feldern von Mexiko. Ende 1958 hatte Jesus Pimentel genug. „Ich sagte mir selbst: Nein, nein, ich will nicht mein ganzes Leben lang Baumwolle pflücken. Ich gehe in die Stadt und suche mir einen Job, “ und seine Familie folgte ihm.
Er fand eine Anstellung an der Tankstelle von Nick Rodriguez, wo er 125 Pesos (10 Dollar) die Woche verdiente und ein Zweizimmerappartement bezog, in dem er zusammen mit seiner ganzen Familie lebte. Nach einer Woche bemerkte er, dass alle seine Arbeitskollegen Boxer oder ehemalige Boxer waren und sein Arbeitgeber ein lokaler Boxpromoter. Einer dieser Kollegen, ein Amateurboxer, überredete ihn, mit ins Gym zu kommen. Was er dort sah, begeisterte ihn aber nicht. Wenige Tage später begleitete Pimentel diesen Arbeitskollegen zur lokalen Stierkampfarena, wo er einen Kampf bestreiten sollte. Der Gegner erschien jedoch nicht und man überredete Pimentel, in den Ring zu steigen. „Was passierte, war: Die Stierkampfarena war schon mit Fans gefüllt, die meinen Freund Arturo kämpfen sehen wollten. Die Boxkommission akzeptierte mich. Sie gaben mir eine Hose, Schuhe, einen Mundschutz und alles, was ich brauchte. Ich stieg mit meiner weißen Hose in den Ring. In der zweiten Runde war die Hose rot von dem Blut, das mir aus der Nase lief. Nach dem Kampf sagte ich mir: Nein, das ist nichts für mich!“
Der Vorsatz hielt nicht lange. Bereits eine Woche später wurde er wieder überredet, ins Gym zu gehen. „Wenn ich schon in den Krieg ziehe, dann als Profi. Diesmal versprach ich mir: Ich werde mich dem Boxen vollständig verschreiben.“ Der Boxer Jesus Pimentel war geboren.
Pimentel trainierte zwei Monate, bevor er seine ersten Amateurkämpfe bestritt. Nachdem er in der ersten Runde der nationalen Meisterschaften ausschied, wechselte er nach wenigen Monaten ins Profilager, um für seine Familie und sich selbst den Lebensunterhalt zu verdienen. Er hatte bis dahin 20 Kämpfe bestritten, von denen er 18 für sich entscheiden konnte.
An der Tankstelle lernte er auch Harry Kabakoff kennen, der ihn während seiner ganzen aktiven Preisboxerzeit als Manager vertrat und bei allen Kämpfen als Sekundant in seiner Ecke stand. Karbakoff hatte schon vorher unter anderen mit dem Schwergewichtsweltmeister Floyd Patterson und den Weltergewichtweltmeistern Don Jordan und Kid Gavillan zusammengearbeitet. Er gab ihm seinen Kampfnamen „Little Poison“ und seinem Zwillingsbruder Jose Luis den Namen „Big Poison“ nach erfolgreichen Zwillingen, die in der amerikanischen Profi-Baseballliga spielten. Die beiden sahen sich so ähnlich, dass Jose Luis in späteren Jahren für Jesus gehalten und um Autogramme gebeten wurde – ein Wunsch, dem Joe auch mit Freuden nachkam. Er sollte später ein ebenfalls erfolgreicher Boxer werden, der um die Weltmeisterschaft im Federgewicht nach Version WBA gegen den Japaner Shojo Swaijyo kämpfte.
Pimentel war ein typischer Vertreter des mexikanischen Boxstils. Er hatte eine exzellente Führhand. Er ging zum Körper. Er wollte seine Gegner KO schlagen, und er schlug sie KO. Er hatte einen unglaublichen Punch, konnte aber auch selber gut Schläge absorbieren. Er ging niemals KO. Obwohl er selbst technisch versiert war, hatte er mit rein technisch boxenden Gegnern seine Schwierigkeiten.
Am 18.07.1960 bestritt er in Mexicali gegen Jose Mendoza sein Profidebüt. Er gewann den Sechsrundenkampf nach Punkten. Bereits sein sechster Kampf war auf 10 Runden angesetzt. Wie die meisten, mit denen er in den Ring stieg, schlug er seinen Gegner Francisco Vasquez bereits in der ersten Runde KO.
Seinen 12. Kampf bestritt er am 17.07.1961 gegen den viel erfahreneren Trino Savala. Die Begegnung war wieder auf zehn Runden angesetzt. „Die Punktrichter gaben Trino den Sieg. Alle Sportreporter und Fans wussten, dass ich den Kampf gewonnen hatte. Das Wichtigste war aber, dass ich von der ersten bis zur letzten Runde durchkämpfte. Nach dem Kampf urinierte ich in der Umkleidekabine Blut, wegen der Körpertreffer. Ich stellte mir vor, wie Trino wohl auch Blut ausscheidet, da ich ihn wirklich mit Körpertreffern bombardiert hatte.“ Die Punktniederlage war die erste in seiner Karriere, und sie sollte für lange Zeit auch seine letzte bleiben. Er brauchte sich nur noch sehr selten auf die Urteilsfähigkeit der Punktrichter verlassen. Die nächsten 29 Kämpfe in Folge gewann er durch KO. Damit brach er den alten KO-Rekord von Henry Armstrong, der 27 seiner Gegner hintereinander auf die Bretter schickte.
© Uwe Betker