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Ein großer Kampfabend in Heerlen

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Heerlen ist – ich werde es nicht müde zu wiederholen – ein sehr guter Ort fürs Profiboxen. Regelmäßig gibt es hier die Veranstaltungen von Patrick Driessen – und dessen Name steht für Qualität. So ist es nicht verwunderlich, dass die Show am 15.09.2018 im Cultureel Centrum Corneliushuis wieder einmal richtig gut war. Neun Amateurkämpfe und sechs Profikämpfe waren zu sehen.

Den Anfang bei den Profis machten Julaidan Abdul Fatah und Daniel Botlik (60 Kämpfe, 7 Siege, 2 durch KO, 50 Niederlagen, 18 durch KO, 3 Unentschieden) im Super Mittelgewicht. Der Debütant aus Saudi Arabien, der seinen ersten Boxkampf überhaupt bestritt, war physisch sehr stark und dominierte die erste Hälfte der ersten Runde. In der zweiten Hälfte machte er weniger Druck; so wurde Botlik stärker und hielt dagegen. Anfang der zweiten machte Fatah wieder mehr Druck. Er trieb seinen Gegner vor sich her. Eine schöne Rechte zur Schläfe schickte Botlik zum ersten Mal auf die Bretter. Danach suchte  er den vorzeitigen Sieg. Er stellte sein Gegenüber in seiner eigenen Ecke, ließ ihn nicht mehr raus und deckte ihn mit Schlägen ein. Nach mehreren Treffern ging Botlik wieder runter. Er stellte sich zwar noch einmal zum Kampf, aber er lief in einen Konter rein, ein linker Kopfhaken, der ihn erneut zu Boden zwang. Der Ringrichter hatte genug gesehen und winkte den Kampf ab. Sieger durch TKO in Runde 2, nach 2 Minuten und 3 Sekunden: Julaidan Abdul Fatah.

Dann stiegen im Weltergewicht Xavier Kohlen und Dijby Diagne (7 Kämpfe, 3 Siege, 1 durch KO, 4 Niederlagen, 2 durch KO) in der Ring. Für einen Vierrunder war dieser Kampf außerordentlich gut. Zwar machte der Debütant Kohlen den Kampf, aber Diagne hielt dagegen. Kohlen boxte mehr, Diagne fightete mehr. In der zweiten Runde errang Kohlen die Oberhand. Er bestimmte mit seiner steifen Führhand das Geschehen und punktete immer wieder schön mir seiner Rechten als Graden oder Cross. In der dritten Runde kam Diagne auf. Kohlen machte zu wenig. Gegen Ende der Runde kam Kohlen dann mit einer Rechten zum Kopf durch, die sein Gegenüber erschütterte. Kohlen versuchte nun, ihn zu finishen, wobei er aber etwas überhastet ans Werk ging. Dennoch kam er mehrfach mit schweren Händen durch. Was nun folgte, war kurios. Diagne hatte bei einem der Treffer, die er nehmen musste, seinen Zahnschutz verloren: Der war irgendwo ins Publikum geflogen. Diagnes Ecke hatte keinen Ersatzschutz dabei. Nach langem Suchen brach der Ringrichter den Kampf ab. Sieger durch Disqualifikation in Runde 4: Xavier Kohlen. – Noch im Ring wurde ein Rückkampf angekündigt.

Den dritten Kampf des Abends, einen Sechsrunder, bestritten Timo Rost (5 Kämpfe, 5 Siege, 2 durch KO) und Jann Kulik (2 Kämpfe, 1 Sieg, 1 durch KO, 1 Niederlage) im Super Mittelgewicht. Beide gingen ein extrem hohes Tempo. Sie zeigten technisch gutes Boxen. Es gab viele harte Schlagabtäusche. Der Kampf wurde extrem intensiv geführt, wobei die erste Runde etwas hektisch war. Die folgenden Runden wurden ruhiger, aber nicht langsamer, geführt. In den ersten beiden Runden hatte Rost immer eine Hand mehr im Ziel. Die folgenden Runden gingen hin und her. Kulik trug Rost den Kampf immer und immer wieder an und Rost nahm an. Der Kampf blieb bis zur letzten Sekunde spannend und begeisterte das Publikum. Die Punkrichter des niederländischen Boxverbandes werteten: 58:56, 58:56 und 59:55. Einstimmiger Punktsieger: Timo Rost.

Der folgende Schwergewichtskampf zwischen Ricardo Snijders (14 Kämpfe, 14 Siege, 5 durch KO) und Paul Zummach (5 Kämpfe, 3 Siege, 1 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO) war auf acht Runden angesetzt. Beide Boxer zeigten gutes technisches Boxen. Snijders boxte systematisch und abgeklärt. Er dominierte aufgrund seiner Technik. Ende der vierten Runde kam Snijders mehrfach mit schönen harten Schlägen durch. Zur Runde fünf trat Zummach nicht mehr an. Sieger durch TKO: Ricardo Snijders.

Der vorletzte Kampf des Abends, ein Sechsrunder mit Andranik Mirzoyan (6 Kämpfe, 4 Siege, 4 durch KO, 1 Niederlagen, 1 durch KO, 1 Unentschieden) und Nassar Bukenya, hielt eine faustdicke Überraschung für die Zuschauer bereit. Der ungeschlagene Mirzoyan war von Anfang an auf einen KO aus. Jede seiner Aktionen wollte nur ein KO-Schlag sein. In der ersten Runde gab es nur wenige Aktionen, was sich aber mit zunehmender Kampfdauer änderte. Am Ende der zweiten sah es auch tatsächlkich danach aus, dass  Mirzoyan vorzeitig gewinnen könnte. In der folgenden Runde hatte aber Bukenya, der Debütant aus Uganda, seine Momente. In der vierten Runde boxte Mirzoyan überhaupt nicht mehr an, wodurch er immer mehr Schläge nahm. Am Ende der Runde wurde er dann an den Seilen gestellt  und nahm viele Volltreffer zum Kopf. Torkelnd und mit wackeligen Knien ging er in seine Ecke zurück. In die fünfte Runde versuchte er mit einem verzweifelten Schlaghagel seine Schwäche zu kaschieren. Aber er erzielte keine Wirkung. Ihm wurde noch etwas Zeit geschenkt, weil sich das Tape von seinem Handschuh gelöst hatte. Aber nach dieser Pause nahm er Treffer um Treffer zum Kopf. Erst wurde Mirzoyan im Stehen angezählt und dann vom Ringrichter aus dem Kampf genommen. Sieger durch TKO in Runde 5, nach 2 Minuten 13 Sekunden: Nassar Bukenya.

Im Hauptkampf des Abend boxten Gevorg Khatchikian (30 Kämpfe, 28 Siege, 14 durch KO, 2 Niederlagen, 1 durch KO) und Volodymyr Romanenko (16 Kämpfe, 8 Siege, 7 durch KO, 8 Niederlagen, 5 durch KO) um den BeNeLux Titel im Mittelgewicht. Auch Khatchikian ging auf den KO aus, aber er boxte an. Er trieb sein Gegenüber unaufgeregt vor sich her und verteilte gut. Ende der Runde hatte er Romanenko in einer neutralen Ecke, wo er ihn mit einer brutalen Rechten zum Körper von den Beinen holte. Es sah so aus, als hätte er ihm eine oder mehrere Rippen gebrochen. In der zweiten Runde stellte Khatchikian Romanenko an den Seilen und schickte ihn wieder mit einer brutalen Rechten zum Körper zu Boden. Der Ringrichter brach den Kampf an dieser Stelle ab. Es war eine beeindruckende Demonstration der boxerischen und physischen Qualität von Khatchikian. Sieger durch TKO in Runde 2, nach 1 Minute und 6 Sekunden: Gevorg Khatchikian.

Mal wieder habe ich eine richtig gute Veranstaltung in Heerlen gesehen und ich freue mich schon auf die nächste.

© Uwe Betker

Ein sprachliche Entgleisung – oder mehr: Über Wladimir Klitschkos Hitler Vergleich

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Wenn die griechische, die polnische, die türkische oder irgendeine andere Presse Angela Merkel mit Hitler vergleicht, dann finden wir das geschmacklos. Eigentlich weiß jeder in Deutschland, dass man niemanden mit Hitler vergleichen sollte. Und jeder weiß auch, dass jemand, der davon nichts wissen will und es trotzdem macht, immer schlecht dasteht. Trotzdem hat Wladimir Klitschko unlängst Tyson Fury mit Adolf Hitler verglichen.
Am 9. Juli sollten Wladimir Klitschko (68 Kämpfe, 64 Siege, 53 durch KO 4 Niederlagen, 3 durch KO) und Tyson Fury (25 Kämpfe, 25 Siege, 18 durch KO) eigentlich ihren Rückkampf in Manchester bestreiten. Dann, bei einem Medientermin im österreichischen Going, wo Klitschko sich, wie schon so oft, im „Stanglwirt“, dem Fünf Sterne Biohotel, auf den Kampf vorbereitet hatte, passierte es: Der promovierte Akademiker Klitschko sagte in die Mikrofone und Kameras, die er gerufen hatte, Fury „klang wie Hitler“. Anlass waren Äußerungen des Schwergewichtsweltmeisters in einem YouTube-Video, in dem er sexistische, antisemitische und homophobe Ansichten zum Besten gab. Und er bezeichnete außerdem seinen Herausforderer als bisexuell.
Immer wenn Fury und Klitschko außerhalb des Ringes aufeinander trafen, wurde es für anwesende Journalisten kurzweilig. Fury redete viel, war dabei amüsant bis lustig. Er war immer für eine Überraschung gut und oft machte er Dinge, die man nicht erwartete. Er verkleidete sich als Batman, um Klitschko vor einem Joker zu retten. Er versprach Klitschko, für ihn ein Lied zu singen und machte es dann auch. Klitschko reagierte seinerseits immer souverän und konterte mit Ironie. Das hat sich nun offensichtlich geändert. Jetzt reagierte er auf ein Video aus dem Internet, bei dem er nicht einmal Hauptgegenstand der verbalen Ausfälle von Fury war.
Klitschko sagte: „Ich war schockiert über seine Aussagen zu Frauen und die Homosexuellen-Gemeinschaft. Aber als er über Juden sprach, klang er wie Hitler.“ Und weiter: „Ich kämpfe gegen einen Typen, der seinen Mund nicht halten kann. Er ist wirklich ein Idiot. Wir haben einen Dummkopf als Schwergewichts-Champion.“ Später bezeichnet er ihn als einen „geisteskranken Schwachmaten“. „Statt wie Muhammad Ali das Boxen glänzen zu lassen, sind seine Aussagen nur peinlich. Dass er diese Bühne hat, das passt nicht in meinen Kopf. Er wirbt für die falsche Seite.“ In Erinnerung aber bleibt der Hitlervergleich.
Die Klitschkos betreiben seit Oktober 2007 eine eigene Vermarktungsagentur „Klitschko Management Group GmbH“ (KMG). Als Service bietet die KMG u. a. Consulting im Bereich Presse und Öffentlichkeitsarbeit und Personality Branding mit Personality Analyse, Personal Profiling, Short Term Strategy, Long Term Strategy und Vermarktung an. Wenn man noch die Hunderte von Pressekonferenzen und vermutlich Tausende von Interviews hinzurechnet, dann erscheint einem Klitschko schon als ein abgebrühter Medienvollprofi. Aber nahezu jeder weiß doch, dass man keinen mit Hitler vergleicht.
Man kann nun nur darüber spekulieren, was den sonst immer so abgeklärten und ruhigen promovierten Sportwissenschaftler, der wohl seinen Doktortitel 2001 an der Universität Hryhory Skovoroda in Perejaslaw-Chmelnyzkyj bei Kiew gemacht hat, so aus der Reserve gelockt hat. – Ich kann mir jedenfalls schlicht nicht vorstellen, dass das dumme Gelaber von Fury, gespeist aus dessen Frauenfeindlichkeit, Homophobie, latentem Judenhass und seinen wahrscheinlichen intellektuellen Defiziten, Klitschko so in Rage gebracht haben könnte.
Klitschko sagte auch. „Fury ist schwachsinnig. Ernsthaft. Ich war geschockt von seinen Äußerungen über Frauen, die Schwulenszene. Und wenn er über Juden redet, hört er sich an wie Hitler.“ Und: „Bei all der Dummheit, die bei ihm herauskommt, ist eine Stufe erreicht, die ich nicht akzeptieren kann. Speziell in dieser verrückt gewordenen Welt sehen wir doch, wohin es führt, wenn über Juden Hass ausgeschüttet wird.“ Klitschko wiederholt: „Ja, er hört sich an wie Hitler, wie schon gesagt. Fury ist psychisch krank.“
Womöglich geht es Wladimir Klitschko aber gar nicht um die Verteidigung von Frauen, Homosexuellen, Juden sowie von moralischen und intellektuellen Standards. Eventuell geht es nur darum, dass er Fury für psychisch krank hält. Klitschko hat das schon einmal, nämlich bei der ersten Pressekonferenz vor dem Kampf im Rheinstadion in Düsseldorf, gesagt. Damals aber hatte er es als Scherz gesagt und ergänzt, dass er ihn im Ring therapieren wolle. Der Ausgang des Kampfes ist bekannt.
Wenn Klitschko ihn für psychisch krank oder für verrückt hält, dann hat Klitschko ein Problem. Ein psychisch Kranker oder ein Verrückter hat nämlich vermutlich keine Angst vor ihm. Was aber noch viel schlimmer ist, er ist auch nicht berechenbar. Er macht Dinge, die keiner von ihm erwartet. Fury hat Klitschko nicht nur geschlagen, er hat ihn regelrecht vorgeführt. Womöglich steckt genau das dahinter, wenn Wladimir Klitschko seine Nonchalance verliert.
© Uwe Betker