Box-Blog

Posts Tagged ‘USA

Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Ring Lardner (3) „The Battle of the Century“

leave a comment »

Zu Beginn dieser Kurzgeschichte berichten der Schwergewichtsweltmeister Jim Dugan und sein Manager Larry Moon dem Ich-Erzähler, ihrem guten Bekannten Pinkie von ihrer finanziellen Misere. Jim ist ein so guter Boxer, daß es unmöglich ist einen adäquaten Gegner für ihn zu finden und deshalb muß sich der Champion mit einer Theatershow über Wasser halten.

Eine Weile später treffen die drei wieder zusammen. Auf die Nachricht vom K.-o.-Sieg des französischen Meister und Kriegshelden Goulet über den englischen Schwergewichtsmeister Bradford entwirft Moon einen Plan um Goulet zum Gegner für Dugan zu machen. darauf reagiert dieser folgendermaßen:

„All right,“ says Jim. „You´re my matchmaker and I fight who you pick out. But I don´t see how you come to overlook Benny Leonard“ (Lardner,  Some Champions, S. 136) [Anm.: Benny Leonard war zu dieser Zeit Weltmeister im Leichtgewicht, also damals vier (heute acht) Gewichtsklassen niedriger. D.h. er hätte als Gegner nicht den Hauch einer Chance gehabt.]

Als Goulet und sein Manager La Chance in die USA kommen bietet Moon ihnen 200 000 Dollar an, wenn sie bei seinem Plan mitspielen woraufhin La Chance vor Freude eine leichte Herzattacke erleidet.

Nach einigen Monaten haben Goulet und Dugan je einen leichten Kampf bestritten, wobei Dugan sich für seinen K.-o.-Sieg in der dritten Runde zwei Runden länger Zeit ließ als unbedingt nötig und Goulets Gegner alle damit überraschte, daß er drei Runden ohne Krücken stehen konnte. Anschließend macht Dugan noch einen Kampf gegen einen Boxer den er schon einmal besiegt hat. Diesmal hat er jedoch deutlich mehr Mühe und gewinnt erst in der zwölften Runde. Dadurch erweckt er bei den Zuschauern den Eindruck, er wäre schlagbar. dies trägt auch dazu bei, daß Goulet allmählich zum Favoriten wird.

Anschließend gelingt es Moon den Millionär Cawley als Geldgeber für den bevorstehenden Kampf zwischen Goulet und Dugan zu gewinnen, indem er ihn mit erfundenen Angeboten angeblicher kubanischer Geschäftsleuten unter Druck setzt.

Etwas später wird der Erzähler von Moon angesprochen, der ihn als Gefährten zum Zeitvertreib im Trainingscamp engagieren will, den Dugan hat Probleme sich für das Training zu motivieren, da er weiß, daß es unnötig ist. Er muß sich aber Mühe geben, damit die Zuschauer nicht den Verdacht schöpfen Goulet sei kein ernstzunehmender Gegner.

Natürlich gewinnt Dugan den Kampf mit Leichtigkeit. Goulet und sein Manager sind glücklich und der Promoter Cawley macht eine halbe Million Gewinn.

Die in dieser Kurzgeschichte beschriebenen Personen und Ereignisse lassen keinen Zweifel zu, daß es sich dabei um eine satirische Darstellung der Vorgänge um den Kampf zwischen Jack Dempsey und dem Franzosen George Carpentier handelt. Der englische Gegner Carpentiers hieß „Bombardier“ Billi Wells, der amerikanische Battling Levinsky. So lassen sich praktisch für alle Charaktere in dieser Kurzgeschichte Vorbilder aus dem echten Leben finden. Es wird vollends klar, daß Lardner hier nur wahre Sachverhalte satirisch überspitzt darstellte, wenn man in Betracht zieht, daß der tatsächliche Kampf unter dem Titel The Battle of the Century vermarktet wurde.

(C) Martin Scheja

Boxen in der Literatur: Ernest Hemingway (4) – „Der Kämpfer“

leave a comment »

Die Kurzgeschichte „The Battler“ („Der Kämpfer“) ist, wenn ich richtig gezählt habe, eine von vier Short Stories von Ernest Hemingway, die sich mit Boxen oder Boxern beschäftigt. Zum ersten Mal wurde sie 1925 in „In Our Time“ („In unserer Zeit“) veröffentlicht. Sie ist die fünfte Geschichte, in der Nick Adams, das autobiographische Alter Ego von Hemingway, der Protagonist ist. Nick Adams ist jene fiktive Figur mit autobiographischen Zügen, mit der sich Hemingway jahrzehntelang beschäftigte.
„Der Kämpfer“ beginnt damit, dass Nick Adams von einem Bremser, irgendwo zwischen Kalkaska und Mancelona in Michigan, USA, von einem Güterzug geschmissen wird. Er macht sich entlang den Schienen auf den Weg in die nächste Ortschaft. Da sieht er ein Feuer in der Dunkelheit. Der Mann am Feuer begrüßt ihn und fragt ihn, woher er die Beule im Gesicht hat. Nick erzählt, er sei von einem Zug geworfen worden. Der Mann empfiehlt ihm, das nächste Mal wenn der Zug vorbei kommt, mit einem Stein auf den Bremser zu zielen. Adams erwidert, er werde ihn schon bekommen. Der Mann:
«Du bist´n ganz Harter, was?»
«Nein», sagte Nick.
«Seid ihr Jungs ja alle.»
«Muß man schon», sagte Nick.
«Genau, was ich gesagt habe. »
Erst jetzt sieht er, dass das Gesicht des Mannes deformiert ist und dass ihm ein Ohr fehlt. Der Mann, Adolph Francis, ist ein ehemaliger Boxchampion, der stolz darauf ist, dass sich alle seine Gegner ihre Hände an ihm zerschlagen haben. Er sagt aber auch, er sei verrückt.
Wenig später erscheint Bugs, ein Farbiger. Er hat Essen mitgebracht. Während Bugs das Essen zubereitet, möchte Francis sich das Messer, mit dem Nick gerade das Brot geschnitten hat, von ihm ausleihen. Bugs rät Adams, ihm das Messer nicht zu geben, worauf Francis immer aggressiver wird und Adams zum Kampf auffordert.
Bugs schlägt Franzis mit einem Todschläger KO und dann kümmern sich beide um den Niedergeschlagenen. Adams erkundigt sich, wie der Boxchampion Al Francis so verrückt werden konnte.
«Wodurch ist er verrückt geworden?» fragte Nick.
«Ach, durch allerhand», antwortete der Neger vom Feuer aus. «Wollen Sie eine Tasse Kaffee haben, Mister Adams?»
Er reichte Nick die Tasse und glättete den Mantel, den er unter den Kopf des bewusstlosen Mannes geschoben hatte.
«Erstens hat er zuviel abgekriegt.» Der Neger schlürfte seinen Kaffee. «Aber das machte ihn eigentlich nur ein bißchen einfältig. Dann war seine Schwester sein Manager, und es stand immer alles lang und breit in den Zeitungen von Bruder und Schwester, und wie sie ihren Bruder liebte, und wie er seine Schwester liebte, und dann heirateten sie in New York, und da gab es natürlich ’ne Menge Unannehmlichkeiten.»
«Ja, ich besinne mich darauf.»
«Bestimmt. Natürlich waren sie so wenig Geschwister wie wir zwei beiden, aber da waren eine Menge Leute, die es auf jeden Fall unerhört fanden, und dann begannen die Streitigkeiten, und eines Tages ging sie einfach weg und ist niemals zurückgekommen.»
Er trank seinen Kaffee aus und wischte sich mit der rosa Fläche seiner Hand den Mund ab.
«Er ist einfach verrückt geworden. Wollen Sie noch etwas Kaffee haben, Mister Adams?»
Kurze Zeit später geht Nick Adams wieder an den Schienen entlang weg.
Hemingway beschreibt in seiner Short Story sehr drastisch die möglichen Folgen des Boxens, was insofern bemerkenswert ist, als Apologeten des Boxsports die Tendenz haben, die Gefahren zu verharmlosen. Die Geschichte hat schon auch ihre Schwächen. Man kann sich daher trefflich darüber streiten, ob „Der Kämpfer“ zu Hemingways besten Werken zählt. Ich persönlich finde die Kurzgeschichte aber gut und stimmig.
© Uwe Betker

Boxen im Film: Stanley Kubrick (2) „Der Tiger von New York“

leave a comment »

Stanley Kubrick (26. Juli 1928 in New York, USA – 07. März 1999 im Childwickbury Manor bei London, Großbritannien) galt als Filmregisseurgenie. Seine Filme 2001: Odyssee im Weltraum, Uhrwerk Orange und Shining haben Kultstatus erreicht.
Mit dem Thema Boxen beschäftigte Kubrick sich mehrfach. Sowohl sein erster Film überhaupt, der Dokumentarfilm „Day of the Fight“ (1950), als auch sein zweiter Spielfilm „Der Tiger von New York“ wählten Boxen und Boxer zum Gegenstand der Handlung.
„Killer’s Kiss“, wie der Originaltitel von „Der Tiger von New York“ lautet, wurde 1955 von dem erst 26-jährigen Kubrick in Schwarz-Weiß gedreht. Es ist ein Low-Budget-Film. Freunde und Verwandte hatten etwa 40.000 US-Dollar aufgebracht, damit Kubrick den Film drehen konnte. Stilistisch wurde es eine Mischung aus Film noir und Melodrama. Man kann ihn auch als Kriminalfilm bezeichnen oder, genauer gesagt, als Kriminal- und Liebesfilm.
Ästhetisch ist der Film geschult an den ausdrucksstarken Bildern in Schwarz-Weiß der Filme der „Schwarzen Serie“. Das erste Viertel, das von den Vorbereitungen auf einen Boxkampf und dem Boxkampf selber handelt, ist stark angelehnt an Kubricks dokumentarischen Kurzfilm „Day of the Fight“. Wer diesen kennt, dem fallen sogleich Gesten und Handlungen des Protagonisten sowie Kameraeinstellungen auf, die er wiedererkennt.
(https://betker.wordpress.com/2017/07/16/boxen-im-film-stanley-kubricks-day-of-the-fight/)
Ein großer Teil des Films wurde in den Straßen von New York gedreht. Durch dieses Drehen „on location“ erhält der Krimi den Anschein von Authentizität. Selbst äußerte Kubrick dazu: „Der Film gibt keinen sehr tiefgründigen Einblick in New York. Es handelt sich ganz einfach um die Standardkulisse eines in New York spielenden Kriminalfilms. Das ist ein nachgemachter Dokumentarfilm.“ Offensichtlich maß er den Außenaufnahmen keine tiefere Bedeutung zu. Dennoch haben sie einerseits eine ästhetische Qualität, die nicht zu unterschätzen ist, und andererseits geben sie dem Film einen dunklen und melancholischen Ton.
Die Handlung beginnt auf einem Bahnhof in New York City, vermutlich Grand Central Station. Davey Gordon (Jamie Smith) führt einen inneren Monolog und fragt sich, wie er in diese Schwierigkeiten hatte geraten können. Er erinnert sich an einige Tage im Rückblick.
Gordon, ein mäßig erfolgreicher Profiboxer, der seine besten Tage hinter hat, lebt in einem bescheidenen Apartment in New York. Er bereitet sich vor und wartet auf seinen letzten großen Kampf, den er dann verliert.

Im gegenüberliegenden Appartement lebt die attraktive Gloria Price (Irene Kane), die als Tänzerin in einem Club arbeitet. Sie wird von ihrem Arbeitgeber, dem Nachclubbesitzer und Gangster Vincent Rapallo (Frank Silvera), bedrängt.
Price und Gordon verlieben sich ineinander. Sie wollen zusammen die Stadt verlassen. Rappallo ist eifersüchtig. Er lässt Price entführen und will Gordon umbringen lassen. Dabei stirbt dann Gordons Manager.
Gordon versucht, Price zu befreien. Dabei kommt es zu einem tödliches Duell mit Rappallo in einer Fabrik für Schaufensterpuppen. Gordon und Price werden getrennt voneinander von der Polizei verhört. Gordon wird nicht angeklagt, da es sich in den Augen der Polizei um Notwehr handelte, und freigelassen. Er beschließt die Stadt zu verlassen und wartet am Bahnhof auf seinen Zug – die Anfangsszene des Films. Kurz vor Abfahrt des Zuges taucht Gloria auf, beide küssen und umarmen sich – ein klassisches Happy End.
„Der Tiger von New York“ ist noch kein klassischer Stanley Kubrick Film. Er ist nicht bombastisch und ausufernd wie die bekannten Filme der zweiten Hälfte seiner Schaffensphase. Es ist ein guter und kleiner Genrefilm mit einem tollen Duell in einer Schaufensterpuppenfabrik. Aber Kubrick wäre nicht Kubrick, hätte er dem Genre nicht etwas Neue abgewinnen können. Wenn man genau hinsieht und -hört, wird man bemerken, dass Kubrick seinem Protagonisten nämlich das glückliche Ende nicht gönnt. Aber wie gesagt, man muss schon bei der Sache sein, um dem versöhnlichen Touch des Endes nicht aufzusitzen. Mehr möchte ich hier nicht verraten. Man kann nur jedem empfehlen, sich „Der Tiger von New York“ anzusehen.
© Uwe Betker

Boxen in der Literatur: Ernest Hemingway (1): „Die Killer“

with 2 comments

Fragt man nach Literaten, die sich mit Boxen beschäftigt haben, dann fällt schon ganz früh der Name Ernest Hemingway. Der Literaturnobelpreisträger liebte das Fischen, das Jagen, den Stierkampf und das Boxen. Es gibt viel Fotos von ihm mit Boxhandschuhen an, in Boxpose und beim Sparring während einer Pause auf einer Safari. Wenn er sich mit anderen Literaten auseinandersetzte, verwandte er häufig eine Sprache, die aus dem Boxen kommt. Sätze wie: „Ich habe sachte angefangen, und dann Herrn Turgenew geschlagen. Dann habe ich hart trainiert und Herrn de Maupassant besiegt. Anschließend bin ich zwei Runden in den Ring mit Herrn Stendhal und konnte einen guten Haken setzen.“
Ernest Miller Hemingway (* 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois, USA – † 02. Juli 1961 in Ketchum, Idaho, USA) war einer der besten Schriftsteller, sozusagen ein Schwergewichtsweltmeister. Obwohl er das Boxen liebte und praktizierte, hat er tatsächlich gar nicht viel direkt übers Boxen geschrieben. Wenn ich es richtig sehe, hat Hemingway in zwei Romanen Boxer auftreten lassen und in vier Kurzgeschichten kommt Boxen bzw. Boxer vor. Eine der Kurzgeschichten ist „Die Killer“.
Für mich ist „Die Killer“ eventuell sogar die beste Short Story von Hemingway überhaupt. Sie erschien zuerst im März 1927 im Scribner’s Magazine. Im gleichen Jahr erschien sie dann in die Sammlung „Men Without Women“. In deutscher Übersetzung kam das Buch dann 1958 heraus.
Der Inhalt ist schnell erzählt. Nick Adams, der Lieblingsprotagonist von Hemingway – immerhin tritt er in 24 seiner Short Stories auf -, wird als Stammgast eines Lokals in einer Kleinstadt Zeuge eines Überfalls. Zwei Killer bedrohen Adams, den Wirt und den Koch und lauern einem anderen Stammgast auf, der aber nicht kommt. Die Killer ziehen sich zurück. Adams sucht und trifft dann das anvisierte Opfer, den früheren Boxer Ole Andreson. Er warnt ihn, obwohl er sich selber dadurch in Gefahr bringt. Andreson weiß um die Gefahr, in der er schwebt. Dennoch lehnt er es auch ab zu fliehen. Er ist zu müde und zu ausgebrannt, um sein Leben durch Flucht zu retten.
Als Grund für den geplanten Mord an Andreson wird lediglich eine Vermutung genannt: „Er war wohl in Chicago in irgendwas verwickelt.“
In „The Killers“ erleben wir Hemingway in Bestform. Er schreibt präzise und emotionslos. Obwohl in der Kurzgeschichte nicht getötet wird, hat der Leser dennoch die Gewissheit, dass Ole Andreson irgendwann ermordet werden wird. Nick Adams versucht erfolglos, das Schicksal aufzuhalten und Ole Andreson zu retten. Andresons Schicksal ist besiegelt und es spielt keine Rolle mehr, zu welchem Zeitpunkt es sich erfüllt. Andreson weiß, dass er bereits tot ist, obwohl er noch atmet.
An dieser Stelle möchte ich diese tolle Geschichte nicht tot analysieren. Auf einige Aspekte sei hier aber noch kurz hingewiesen. Den historischen Hintergrund stellt die Prohibition und die organisierte Kriminalität dar, die auch massiv Einfluss auf das Boxen nahm. Interessant ist, dass ein Jahr vor der Veröffentlichung von „The Killers“, am 31. April 1926, der zur damaligen Zeit bekannte Schwergewichtsboxer Andre Anderson (45 Kämpfe, 17 Siege, 14 durch KO, 19 Niederlagen, 15 durch KO, 9 Unentschieden) in Cicero, einem Vorort von Chicago, vermutlich von Mitgliedern der Mafia erschossen worden war. Anderson, eigentlich Frederick Boeseneilers, erreichte gegen Jack Dempsey im Juni 1916, bei dessen erstem Kampf in New York, ein Unentschieden. Er hatte Dempsey angeblich sogar am Boden. Hiernach kämpfte Anderson 17 Monate lang während des Ersten Weltkriegs in Italien. Er wurde der einzige US-amerikanische Boxer, der für seinen Einsatz im Krieg die Ehren-Medaille bekam. Es wird behauptet, Anderson hätte den einen oder den andern Kampf für die Mafia verschoben, bzw. absichtlich verloren. Laut Angaben der ermittelnden Polizei wurde Anderson ermordet, weil er seinen vorletzten Kampf, am 22. Dezember 1925 gegen Wayne (Big) Munn, durch KO in der ersten Runde gewonnen hatte. Anderson soll gesagt haben: „I’m through throwing fights and laying down whenever they want me to. I’m going to knock Munn out in one punch, if I can.“
Hemingway wurde möglicherweise durch diese Vorkommnisse inspiriert zu der Gestaltung der Figur des Ole Andreson.
© Uwe Betker

Boxen in der Literatur: Robert E. Howard

with 2 comments

Boxen in der Literatur: Robert E. Howard
Ein Kollege von mir machte mich darauf aufmerksam, dass ein gewisser Robert E. Howard Geschichten übers Boxen geschrieben hat. Er gab mir auch eine Kopie von einer, die er einem Sammelband mit Horrorgeschichten von besagtem Autor entnommen hatte. Hier muss ich nun gestehen, dass mir ein Autor namens Howard bislang nicht bekannt war. Die Zusatzinformation, es handele sich um den Autor von „Conan“, vergrößerte nur meine Skepsis. Weder Horrorgeschichten noch Geschichten über Barbaren gehören eigentlich zu meiner bevorzugten Lektüre. Trotzdem gab ich der Geschichte „The Spirt of Tom Molyneaux“ eine Chance.

„The Spirt of Tom Molyneaux“ erschien erstmals im April 1929 in dem Pulp-Magazin „Gost Stories“. Erzählt wird die Geschichte des Boxers Ace Jessel aus der Perspektive seines früheren Managers. Jessel ist ein technisch guter farbiger Boxer, der aber keinen Killerinstinkt hat. – Interessanterweise trägt er einen jüdischen Nachnamen. Jessel kommt von Joseph und bedeutet „Gott möge vermehren“. – Sein Vorbild ist der große Tommy Molineaux, den er wie einen Heiligen verehrt und zu ihm betet. Irgendwann muss er gegen Mankiller Gomez antreten, einen brutal harten und Furcht einflößenden Senegalesen, der alle seine Gegner brutal KO schlägt.
Hier nun wird die Geschichte spannend und sehr blutig. Jessel wird von Runde zu Runde immer fürchterlicher von seinem übermächtigen Gegner verprügelt. Aber er will nicht aufgeben. Als Jessel im wahrsten Sinne am Boden zerstört ist, kommt der Geist vom Tom Molineaux und hilft ihm, seinen Gegner KO zu schlagen.
Tom Molineaux (* 1784 in Georgetown, South Carolina, USA; † 4. August 1818 in Dublin, Irland) war ein legendärer afroamerikanischer Boxer der Bare-Knuckle-Ära. Noch als Sklave für einen Plantagenbesitzer begann er mit dem Boxen. Später wurde er, als Belohnung für einen Sieg, freigelassen. Berühmt wurde er durch seine zwei Ringschlachten mit Tom Cribb 1810 und 1811 in England. [mehr zu Tom Crip: https://betker.wordpress.com/2011/11/19/tom-cribb-1/ und https://betker.wordpress.com/2011/11/20/tom-cribb-2/%5D Bemerkenswert ist vor allem, dass ein schwarzer Exsklave in England und Irland zu einer Berühmtheit werden konnte.

Robert Ervin Howard, (* 22. Januar 1906 in Peaster, Texas, USA; † 11. Juni 1936 in Cross Plains, Texas, USA) war ein US-amerikanischer Autor von Fantasy-, Abenteuer- und Horrorgeschichten; er schrieb außerdem mehrere Westernromane. Berühmt wurde er mit seinem Romanzyklus um „Conan, den Cimmerier“. Er erschuf auch „Kull von Atlantis“, den Pikten Bran Mak Morn, den irischen Piraten Turlogh O’Brien und den englischen Puritaner Solomon Kane. Howard arbeitete als Baumwollpflücker, Cowboy, Verkäufer, als Gehilfe in einem Rechtsanwaltsbüro, als Landvermesser und als Journalist, bevor ihn der Verkauf seiner Geschichten an diverse Pulp-Magazine ernähren konnte. Er nahm sich im Alter von 30 Jahren das Leben. (nach wikipedia).
Howard boxte nachweislich als Amateur im Gym Fifth Street, Ecke Main Street in Cross Plane in Texas. Ab Juli 1929, also mit 23 Jahren, veröffentlichte er Boxgeschichten im „Fight Stories“, einem „Pulp Magazine“, das Geschichten übers Boxen veröffentlichte. Später erschienen Short Stories von Howard auch in „Action Stories“ und in „Sport Story Magazine“. In einigen der Geschichten tauchen immer wieder die gleichen Protagonisten auf: Sailor Steve Costigan, Dennis Dogan, Kid Allison und natürlich Ace Jessel, dem wir schon begegnet sind. Vermutlich hat Howard insgesamt 26 Short Stories übers Boxer verfasst, von denen einige erst posthum veröffentlicht wurden. Angeblich hat er auch für das „Ring“ Magazine geschrieben. Er war auf jeden Fall ein profunder Kenner des Profiboxens, was sich auch anhand seiner Briefe nachweisen lässt.
Leser, die radikale Verfechter dessen, was heute Political Correctness bedeutet, sind, sollten nicht zu Howard greifen. Er arbeitet mit Stereotypen und charakterisiert Personen und deren ethnische und soziale Herkunft durch die Wiedergabe von deren Sprache. Das machte Howard allerdings mit allen Ethnien und sozialen Gruppen, wobei er auch die eigene nicht ausnahm. Es ist ein Stilmittel – und da fragt sich, inwieweit Political Correctness in Bezug auf Literatur nicht überhaupt nur dumpfer Unsinn ist.
Robert E. Howard kann jedenfalls schreiben – und wie er schreiben kann. Seine Sprache ist große Literatur, auch wenn seine Themen es nicht sind. Nach der Lektüre von „The Spirt of Tom Molyneaux“ habe ich mir jedenfalls den Sammelband “Waterfront Fists and Others: The Collected Fight Stories of Robert E. Howard” sofort bestellt. Ich verspreche mir von diesem Bändchen Boxgeschichten von einem ganz großen Literaten, nämlich Robert E. Howard.
© Uwe Betker

Ein Freitagabend in Essen – die Recover Fight Club House Gala am 17.03.2017

leave a comment »

Die Veranstaltungen im Recover Fight Club in Essen haben inzwischen schon Tradition. Sie sind bereits ausverkauft, kaum dass der Termin festgesetzt ist. So war es auch diesmal: Keine Abendkasse, nur Einlasskontrolle. Und es gab fünf Profikämpfe. Um ungefähr 22 Uhr war schon alles vorbei. Früh genug noch für eine Freitagnacht. Das – und natürlich die Kämpfe – ist das Erfolgsrezept.
Den Anfang machten im Mittelgewicht Akmal Gertsen und Dogan Kurnaz (10 Kämpfe, 2 Siege, 2 durch KO, 8 Niederlagen, 7 durch KO). Der Debütant Gertsen trug sehr auffälliges Schuhwerk. Es sah fast so aus, als hätte er schwarze Straßenschuhe an und darüber ein Art Gamaschen aus Stoff. Es waren aber keine Straßenschuhe, sondern originale Boxschuhe aus den 30er Jahren, die er sich aus den USA hatte schicken lassen. Eigentlich wollte er auch mit Leggins boxen, so wie man sie auf Fotos von uralten Boxern sieht – das wurde ihm aber untersagt.
Gertsen boxte so, wie man es von einem Boxer mit solchen Schuhen erwartet. Er machte Druck und er verteilte seine Schläge. Allerdings machte er auch den Eindruck, zu sehr einen schnellen KO zu suchen. Kurnaz, der kleinere Boxer, schlug schnelle Hände und versuchte Gertsen das Leben möglichst schwer zu machen. Er kam sogar das ein oder andere Mal durch. Mitte der zweiten Runde nahm Gertsen seinem Gegner durch einen schönen linken Haken zum Körper, gefolgt von einer schönen Rechten zum Kopf, die Luft. Danach stellte er ihn an den Seilen und holte ihn mit einem brutalen Aufwärtshaken ans Kinn von den Beinen. Das sah schon nach dem Ende des Kampfes aus. GBA Ringrichter Kornelius Bernds zählte und der sichtlich hart getroffene Kurnaz rappelte sich wieder auf und stellte sich zum Kampf. Der wurde denn auch wieder freigegeben. Und irgendwie schaffte es Kurnaz tatsächlich, den Schlussgong zu erreichen. Als der Gong zur dritten Runde ertönte, warf aber seine Ecke das Handtuch. Sieger durch TKO in Runde 3: Akmal Gertsen. Gertsen will nun das Regelwerk prüfen, um herauszufinden, welche Vorgaben es zu den Sporthosen gibt.

Danach stiegen Dejan Pavlovic (5 Kämpfe, 5 Niederlagen, 4 durch KO) und Bader Fattah im Super Weltergewicht in den Ring. Der Kampf war kurz. Fattah, ein Debütant, boxte unorthodox, was aber nicht wirklich zielführend war. Pavlovic konterte seine ungestümen Aktionen souverän ab. Zwei Lebertreffer zwangen Fattah zur Aufgabe. Sieger durch TKO in Runde 1, nach 2:50 Minuten: Dejan Pavlovic.

Den einzigen Frauenboxkampf des Abends bestritten Özlem Sahin (24 Kämpfe, 22 Siege, 7 durch KO, 1 Niederlage, 1 Unentschieden) und Claudia Ferenczi (79 Kämpfe, 16 Siege, 7 durch KO, 56 Niederlagen, 3 durch KO, 6 Unentschieden) im Halbfliegengewicht. Es war auch der einzige Kampf, der über die angesetzte Distanz ging. Sahin stieg nach einer neunmonatigen Pause zum ersten Mal wieder in den Ring. Es ging bei dem Kampf zum einen darum, Ringrost abzuschütteln und zum anderen darum, den ersten Kampf mit neuem Trainer, Sebastian Tlatlik, zu bestreiten.
Sahin besetzte die Ringmitte, bestimmte den Kampf und setzte boxerische Akzente. Ferenczi, die Muhammad Ali als Tatoo auf dem linken Oberarm trägt, hielt dagegen. Ferenczi wurde in der zweiten Runde sichtbar wütend, weil sie nur sehr selten mit ihren Aktionen durchkam. Gleichwohl wurde die Begegnung härter. In der dritten Runde verlor Sahin die boxerische Linie, wodurch Ferenczi stärker und der Kampf härter wurde. Die letzten drei Runden gehörten wieder Sahin. Sie trug Ferenczi den Kampf an, wobei sie vor allem auf Haken setzte. In der sechsten Runde hatte Sahin ihre Gegnerin zweimal nahe am KO, aber Ferenczi erreichte stehend den Schlussgong. Die Punktrichter werteten: 60:54, 60:54 und 60:55. Einstimmige Punktsiegerin: Özlem Sahin.

Nach einer Pause ging es mit zwei Schwergewichtsbegegnungen weiter.
Hasan Kurnaz (5 Kämpfe, 2 Siege, 2 durch KO, 3 Niederlagen, 3 durch KO) boxte gegen Sezer Sahin. Sahin, ein Debütant, verausgabte sich mit wilden Attacken zum Körper, wobei er aber keine Wirkung erzielte. Am Ende der Runde ging er nach einer Linken zum Körper zu Boden, wobei dies aber wohl eher Konditionsproblemen als der Schlagwirkung zu danken war. Ringrichter Michael Erdinc zählte ihn an. Sahin erreichte die Rundenpause und warf mit dem Gong zur zweiten Runde das Handtuch. Sieger durch TKO in Rune 2: Hasan Kurnaz.

Den Hauptkampf des Abends bestritt der Lokalmatador Patrick Korte (9 Kämpfe, 9 Siege, 8 durch KO). Er traf auf Asad Adrovic (2 Kämpfe, 1 Sieg, 1 Niederlage, 1 durch KO). Der Kampf war etwas konfus. Korte besetzte die Mitte des Rings und bestimmt das Kampfgeschehen. Korte, der eindeutig bessere Boxer, brachte Adrovic zweimal zu Boden – beide Male wurde es allerdings nur als Ausrutscher gewertet. Zum Ende der Runde stellte Korte seinen Gegner in einer neutralen Ecke und ließ ihn nicht mehr raus. Dann passierte etwas Bizarres: Adrovic tat das, was er meistens tut, wenn er sich rauskämpfen will. Er trat zweimal in den Bauch seines Gegners. Adrovic ist nämlich sehr viel mehr K1-Kämpfer als Boxer. Der Ringrichter Roman Morawiec entschied sich dafür – vermutlich auch, weil Adrovic ihm gesagt hatte, er wolle zur nächsten Runde nicht mehr antreten -, ihm nur einen Punkt abzuziehen. Wenige Sekunden später ertönte auch schon der Schlussgong, den Korte überhörte. Zur zweiten Runde trat Adrovic dann auch wirklich nicht mehr an. Sieger durch TKO in Runde 2: Patrick Korte.

Man kann mal wieder feststellen, die Veranstaltungen des Recover Fight Club von Promoter Hani ElJarie stellen eine schöne Einstimmung fürs Wochenende dar.
© Uwe Betker

Rezension: Boxing in the Los Angeles Area: 1880-2005 von Tracy Callis und Chuck Johnston

leave a comment »

Los Angeles und seine Umgebung ist eines der großen Boxzentren der USA. Hier gibt es nicht nur viele Boxveranstaltungen. Aus Los Angeles und Umgebung kommen auch solche Boxer wie Jim Jeffries, Solomon “Solly” Smith, “Mexican” Joe Rivers, Bert Colima, Fidel La Barba, Ace Hudkins, Jimmy McLarnin, Henry Armstrong, Enrique Bolanos, Art Aragon, Bobby Chacon, Danny “Little Red” Lopez, Armando Muniz, Oscar De La Hoya, “Sugar” Shane Mosley und Armando “Mando” Ramos, einer meiner absoluten Lieblingsboxer.
Andere Boxer, die nicht in Los Angeles und Umgebung lebten aber beliebt bei den Fans waren, boxten hier immer wieder. Unter ihnen Tommy Burns, George Godfrey, Alberto “Baby” Arizmendi, Ricardo “Pajarito” Moreno, Jose Becerra, Raymundo “Battling” Torres, Jose Napoles, Carlos Zarate, Jose “Pipino” Cuevas, Julio Cesar Chavez und Ruben Olivares, auch einer meiner Lieblingsboxer.
Große Weltmeisterschaftskämpfe wie der von Tommy Burns gegen Marvin Hart (im Schwergewicht 1906) oder Ad Wolgast gegen “Mexican” Joe Rivers (im Leichtgewicht 1912) fanden hier statt. Und die beiden Local Heroes „Sugar“ Shane Mosley und Oscar De La Hoya kämpften in Los Angeles 2000 um den Weltergewichtstitel. Kaum ein Großer des Boxens hat nicht irgendwann an diesem Ort geboxt.
Boxing in the Los Angeles Area 1880-2005 ist ein Geschichts-/Geschichtenbuch und gleichzeitig ein Bilderbuch. Auf nahezu allen seinen 155 Seiten finden sich drei bis vier Fotos, Kampfplakate, Tickets, Zeitungsausschnitte oder sonstige Abbildungen. Das Buch hat sieben Kapitel, von denen jedes eine Epoche abdeckt. Es ist kein Buch, das man in einem Rutsch durchliest. Es ist vielmehr ein Buch, das einlädt zum Blättern, zum Schauen und zum kapitelweisen Lesen.
Die beiden Autoren Tracy Callis und Chuck Johnston sind ausgewiesene Boxhistoriker. Callis beschäftigt sich bereits seit 45 Jahren mit der Geschichte des Boxens. Er ist Mitglied der International Boxing Research Organization, maßgebliches Mitglied für die historischen Forschungen der Website “The Cyber Boxing Zone”, die ich nur ausdrücklich empfehlen kann, und Juror der International Boxing Hall of Fame. Auch Johnston ist Mitglied der International Boxing Research Organization und einer der beiden Herausgeber der Website “Boxing Records Web”.
Boxing in the Los Angeles Area: 1880-2005 gehört in jede gute Bibliothek für Boxbücher.
© Uwe Betker

Die seltsame Lebensgeschichte des Karl-Heinz Guder

leave a comment »

Es gibt Dinge, die man von Karl-Heinz Guder weiß. Dann gibt es noch ganz viele Geschichten, die von ihm selbst in die Welt gesetzt worden sind und die wahr, halbwahr oder falsch sind. Und, damit es noch schwieriger wird, gibt es noch einen Autor, der in einem seiner Bücher auch noch eine Version der Lebensgeschichte Guders wiedergibt. Die ist nun leider unter einem Blickwinkel geschrieben worden, der die Bundesrepublik Deutschland als schlecht, ihre Organe als kriminell oder unfähig, Profiboxen prinzipiell als korrupt, Profiboxer als Menschen, die unglaubliche Summen verdienen, und ähnliches mehr darstellt. Und nicht zuletzt finden sich auch noch Informationen und Fehlinformationen im Internet. Daher möchte ich hier die Lebensgeschichte von Karl-Heinz Guder als Fiktion verstanden wissen, auch wenn ich versuchen will, sie so gut wie irgend möglich zu rekonstruieren.
Karl-Heinz Guder wurde am 10. Juni 1934 in Gelsenkirchen geboren. Er besuchte die Volksschule und arbeitete als Schlosser und Maurer. Mit dem Boxen hat er vermutlich mit 15 Jahren begonnen. Nach eigenen Angaben bestritt er bis 1954 etwa 150 Amateurkämpfe in mehreren Gewichtsklassen, vom Bantam- bis zum Halbmittelgewicht. Man kann diesen Angaben getrost misstrauen, denn Guder behauptet auch, er sei Deutscher Meister geworden, was aber nicht stimmt. Auch die Behauptung seiner Teilnahme an den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki und sein vierter Platz dort, war von ihm in die Welt gesetzt worden. Gleichwohl kann man ihm wohl boxerisches Talent unterstellen, denn, was er später als Profi zeigte, spricht schon dafür.
Mit 21 Jahren bestritt Guder 1954 sein Profidebüt. Ein Jahr später wurde er von dem Manager Riethmüller (Sportterrassen Riethmüller Essen) vertreten. Bis Mai 1957 absolvierte er im Welter- und Mittelgewicht in Deutschland und Holland 22 Profikämpfe. Von denen konnte er ganze 18 gewinnen, 13 durch KO. Die drei Boxern, denen er sich geschlagen geben musste, waren keine geringeren als Siegfried Burrow (01.07.1956, Westfalenhalle, Dortmund, TKO 9), Hans Werner Wohlers (30.12.1956, Arena Westfalenhalle, Dortmund, PTS 8) und Erich Walter (08.02.1957, Ernst Merck Halle, Hamburg KO 4). Aber diese Niederlagen zeigen auch die boxerischen Grenzen von Guder.
1957 ging Guder dann in die USA. Zuerst wurde er von Al Bachmann und Gunther Duhn vertreten. Bachmann, ein bekannter Cutman, trainierte auch Bob Cleroux (54 Kämpfe, 47 Siege, 37 durch KO, 6 Niederlagen, 1 Unentschieden), einen richtig guten kanadischen Schwergewichtler der späten 50er und der 60er Jahre. Später wurde Guder von dem schillernden Baron Henry von Stumme vertreten. Dieser war kein Baron und war auch nicht adlig, aber er war von Juni 1948 bis Juni 1950 Matchmaker des Hollywood Legion Stadium und danach Matchmaker von kleineren Arenen und Manager von vielen Boxern. Ich meine mich erinnern zu können, dass der „Boxprinz“ Norbert Grupe alias Wilhelm von Homburg, der deutsche Schwergewichtler, auch unter ihnen war.
Guder war ein „rauer, aggressiver Schläger“, was vor allem das amerikanische Publikum zu schätzen wusste. Er bestritt bis März 1961 27 Kämpfe in den USA, von denen er 18 verlor, 6 aber für sich entscheiden konnte. In seinem Kampfrekord finden sich so illustre Namen wie Don Jordan (15.02.1958, L SD 10), Gaspar Ortega (26.051960, L UD 10 und 13.09.1960, L RTD 6) und Joe Miceli (08.03.1958, L DU 10 und 11.10.1958 L TKO 8). Von den letzten elf Kämpfen, konnte er keinen einzigen für sich entscheiden, was wohl bedeutet, dass er boxerisch bereits mit 26 Jahren am Ende war. Einem Autor zufolge soll er in den USA mit seinem Boxen etwa 200.000 $ verdient haben, was ich für absolut unrealistisch halte.
369px-karl-heinz_guder2

(c) http://static.boxrec.com/7/71/Karl-Heinz_Guder2.JPG

1961 erhielt Guder die amerikanische Staatsbürgerschaft. In den folgenden Jahren schlug er sich vermutlich als Trainer, Sparringspartner, Maurer, Hilfsarbeiter, Maschinist, Bankangestellter und mit anderen Jobs durch. Angeblich hatte er vor, mit Norbert Grupe ein Unternehmen zu gründen, erhielt dafür von den amerikanischen Behörden aber keine Lizenz. Dieser Information ist allerdings mit Skepsis zu begegnen.
Um diese Zeit begann dann auch die kriminelle Laufbahn von Guder. Wie FBI-Akten zu entnehmen ist, fiel er bis 1966 18-mal durch kriminelle Aktivitäten auf, darunter Diebstahl, mehrere Raubüberfälle und ein „Angriff mit einer tödlichen Waffe“. Im Juni 1966 überfiel er eine Bar in Los Angeles, wurde verhaftet und auf Kaution entlassen. Er setzte sich nach Paris ab, tauchte in verschiedenen europäischen Großstädten auf und kehrte im Herbst 1966 nach Deutschland zurück. Hier soll er im November und Dezember Sparring mit Willy Quator und Norbert Grupe gemacht haben. Am 19.11.1966 konnte er seinen Comeback-Kampf gegen Siegfried Gross in Berlin, im Vorprogramm von Norbert Gruppe, durch TKO in Runde 4 gewinnen. In seinem nächsten Kampf, am 09.12.1966 in Essen gegen Albert Duscha, der mit einem negativen Kampfrekord in den Ring stieg, konnte er nur ein Unentschieden erreichen. Das war dann auch sein letzter Profiboxkampf. Karl-Heinz Guders Kampfrekord: 51 Kämpfe, 313 Runden, 25 Siege, 19 durch KO, 21 Niederlagen, 12 durch KO, 5 Unentschieden.
Wenige Tage nach seinem letzten Kampf, am 17. Dezember 1966, knackte er mit einem Komplizen in Minden Automaten. Er wurde festgenommen und im Februar 1967 zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er musste nicht ins Gefängnis, weil er seine Strafe durch die Untersuchungshaft bereits verbüßt hatte.
Kurze Zeit später wurde Guder erneut verhaftet. Er war an einem Lohngeldraub beteiligt. Im Mai 1967 wurde er zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Guder legte gegen das Urteil Revision ein und wurde auf freien Fuß gesetzt. Bereits am 5. Juli 1967 überfiel er um ca. 16 Uhr die Sparkasse in Gohfeld-Wittel. Er und seine zwei Komplizen bedrohten die einzige Angestellte mit einer echt aussehenden Spielzeigpistole und erbeuteten dabei 19.500 DM. Sie flohen in einem hellen Opel Rekord. Guder versteckte sich auf einem Campingplatz bei Gütersloh in einem gestohlenen Wohnwagen. Nur wenige Stunden nach der Tat, wurde einer seiner Komplizen, ein 22-jähriger Bundeswehrdeserteur gefasst. Er hatte seinen Anteil von der Beute, 4.245 DM, bei sich.
Der Festgenommen verriet der Polizei, ein Karl-Heinz, ein Boxer aus Amerika, sei Chef und die treibende Kraft für den Bankraub gewesen. Die Polizei fand den gestohlenen Campingwagen, aber Guder war entkommen. Einen Tag nach dem Überfall wurde er jedoch festgenommen. Als Anhalter hatte er ein Zivilfahrzeug der Polizei angehalten.
Im Dezember 1967 verurteilte die 2. Große Strafkammer des Landgerichts Bielefeld ihn zu einer Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren Zuchthaus. Guder legte auch gegen dieses Urteil Revision ein, aber er wurde diesmal nicht auf freien Fuß gesetzt und der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofes verwarf im Juni 1968 den Einspruch auch als unbegründet. Auch sein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahren vom August 1968 wurde abgelehnt.
Guder wurde zur Verbüßung seiner Haftstrafe ins Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen überstellt. Zusammen mit einem Mitgefangenen brach er am 20. Januar 1969 von dort aus. Unbekannte Komplizen versorgten ihn mit Geld, einem Fluchtfahrzeug und falschen Papieren. Guder floh über London in die USA. Angeblich konnte er als naturalisierter Amerikaner nicht nach Deutschland ausgeliefert werden. Am 28. Oktober 1969 versuchte er, in Yorba Linda oder in Placentia in Orange County/Kalifornien – beide Orte liegen unmittelbar nebeneinander – zusammen mit einem Komplizen einen Barbesitzer zu überfallen. Von dem wurde er mit vier Schüssen niedergestreckt und starb. Guder wurde nur 35 Jahre alt.
Eine Quelle im Internet erzählt die Geschichte anders herum. Hiernach soll Guder der Barbesitzer gewesen sein, der von einem Räuber erschossen wurde. Legt man aber seine Vorgeschichte zugrunde, so erscheint diese Version aber ziemlich unwahrscheinlich. Karlheinz Guder wurde jedenfalls auf dem Forest Lawn Memorial Park (Glendale) beerdigt.
Auf dem Grabstein steht:
HERE REST IN PEACE
MY BIG DADDY
OUR SON
KARL.HEINZ GUDER
BORNE JUNE 10, 1934
DIED OCTOBER, 28. 1996
Irgendwann vor seinem Tod, gab es also eine Beziehung zu einer Frau – ich hoffe, eine glückliche und romantische. Er hatte offenbar auch eine Tochter oder einen Sohn, die oder der um ihn bei seinem Tod trauerte. Und seine Eltern beerdigten ihn. Aber über all das wissen wir nichts.
Das Dunkel der Geschichte hat sich mit seinem Vergessen über die Lebensgeschichte von Karl-Heinz Guder gelegt. Man könnte versuchen Verwandte von Guder ausfindig zu machen, um sie zu befragen, wenn man noch mehr erfahren will. Aber die seltsame Lebensgeschichte von Karl-Heinz Guder gefällt mir auch so, wie sie jetzt ist, mit all ihren Lücken und Widersprüchen.
© Uwe Betker

Über Nummerngirls

leave a comment »

Nummerngirls sind immer wieder ein Thema hier. Manchmal wird betont, dass sie besonders ansehnlich sind, manchmal auch, dass sie fehlen, dass sie wieselflink durch den Ring sprinten, dass sie die Karten so halten, dass die Zahl nicht zu lesen ist oder so, dass man sie gar nicht erst sieht. Nummerngirls sind hier ein Running Gag, über den offensichtlich doch einige schmunzeln können. Schreibe ich über Nummerngirls, werde ich immer kurz danach darauf angesprochen. Ein Promoter stellte mich mal neben seine Nummerngirls und ließ uns photographieren. „Ich will nicht, dass du behautest ich hätte hier keine Nummerngirls gehabt.“ Es ist sogar schon einmal vorgekommen, dass ein Offizieller – den Namen habe ich vergessen – eines Verbandes, der mir jetzt nicht einfallen will, mich glaubte abkanzeln zu können, indem er sich über mein Schreiben über die Damen mit den Schildern ausließ. Tatsächlich gefiel ihm aber vermutlich nicht, was ich über die Aktivitäten seines Verbandes geschrieben hatte. – Nun ist es an der Zeit, sich mal ernsthaft über ein so wichtiges Thema wie Nummerngirls Gedanken zu machen.
Bei Wikipedia gibt es bis auf eine Definition kaum weitere Informationen. „Nummerngirl ist der aus der Umgangssprache stammende Name für diejenige Dame, welche zwischen den Runden von Kampfsportarten, wie z. B. Boxen, Kickboxen oder Mixed Martial Arts, den Ring betritt und dem Publikum ein Schild mit der Nummer der folgenden Runde hochhält. Nummerngirls tragen meistens einen Badeanzug oder einen Bikini und sollen das Publikum während der Kampfpause unterhalten.
Der Begriff stammt ursprünglich vom Revuetheater und vom Zirkus her, bei denen traditionell jede Einzeldarbietung („Nummer“) von einem Nummerngirl angekündigt wurde oder wird.“ Als Quelle wird Sat1 angeben.
Das Magazin „The Ring“ veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom Mai/Juni 1965 das Foto eines Nummerngirls. Dieses wurde bei einer Boxveranstaltung im Hacienda Hotel in Las Vegas aufgenommen. Die 1965 abgebildete Dame, in der für heutige Verhältnisse züchtigen Korsage, war wohl eines der ersten Nummerngirls, dessen Foto publiziert wurde. Die Bildunterschrift lautet: „If something like this caught on around the country, gates receipts automatically would fatten.” Auf halbwegs gut Deutsch: „Wenn so etwas wie dies sich im ganzen Land durchsetzt, würden die Einnahmen an der Abendkasse automatisch fetter werden.“ – Nummerngirls setzten sich nicht nur in den USA durch, sondern weltweit. Kaum eine größere Veranstaltung will inzwischen auf sie verzichten.

(C) Ania Pospiech Photography

(C) Ania Pospiech Photography


Die genaue Geburtsstunde der Nummerngirls liegt im Dunkel der Boxgeschichte. Aber vermutlich ist die Dame aus „The Ring“ eine der ersten überhaupt gewesen. Mitte der 60er Jahre wurde Las Vegas mehr und mehr ein Zentrum des Profiboxens. Las Vegas steht in den USA für Unterhaltung, und Nummerngirls werteten die Profiboxveranstaltungen auf; sie unterhielten und unterhalten das Publikum in den Rundenpausen.
Auch was die Vorgänger der Nummerngirls anbelangt, so breitet sich das Dunkel der Boxgeschichte darüber aus. In den 30er Jahren jedenfalls waren Männer im Anzug zu sehen, die zum Teil Zigarre rauchten, die die Karten mit den Nummern in die Höhe hielten. Ich selbst kann mich an eine Filmaufnahme aus den 40er Jahren erinnern, wo ein Mann im Anzug einen flatternden Lappen mit einer Nummer drauf, der an eine Startnummer in der Leichtathletik erinnerte, vor sich hertrug. Es gibt aber insgesamt kaum filmische oder photographische Dokumente von diesen Herren. Sie waren schlicht nicht attraktiv und unterhaltsam genug.
Obwohl doch die Vorgänger der Nummerngirls Nummernmen waren, tat sich das Boxpublikum mit Nummernboys schwer. Auch deren Geburtsstunde liegt im Dunkel. Ich kann mich aber noch daran erinnern, wann und wo ich selbst den ersten in Deutschland gesehen habe. Das war bei der Veranstaltung von Universum Box-Promotion am 13.05.2000 in den Satory Sälen in Köln. Es war auch die erste reine Frauenboxveranstaltung. Es boxten Heidi Hartman, Silke Weikenmeier, Daisy Lang, Marischa Sjauw, Regina Halmich und Michel Aboro. Beim Hauptkampf des Abends, den Michel Aboro bestritt, gab es Nummernboys, also gut gebaute junge Männer mit freiem Oberkörper. Damals kamen die bei einem großen Teil des Publikums, das ja den Anblick von Männern mit nacktem Oberkörper schließlich gewohnt gewesen sollten, nicht gut an. Es gab auch Pfiffe.
Heute gehen boxaffine Zuschauer sehr viel entspannter mit Nummernboys um. Es gibt Promoter, die bei Boxkämpfen von Männern Nummerngirls und Kämpfen von Frauen Nummernboys auftreten lassen. Inzwischen gibt es dafür keine Pfiffe mehr. Offensichtlich fühlen sich die Zuschauerinnen durch Nummernboys unterhalten. Und das ist doch wohl die Hauptaufgabe von Nummerngirls wie Nummernboys, neben ihrem Job, eben die Rundennummern anzuzeigen.
© Uwe Betker

Rezension: “Dandy” von Daniel Patrick Joseph

leave a comment »

Der Autor Daniel P. Joseph ist der Sohn von Dandy Dillon (47 Kämpfe, 20 Siege, 9 durch KO, 18 Niederlagen, 3 durch KO, 9 Unentschieden), einem Federgewichtsboxer, der zwischen 1920 und 1927 aktiv war. Sein Vater starb, als Joseph siebzehn Jahre alt war. Vermutlich kannte er seinen Vater kaum. Die Eltern waren geschieden und der Autor lebte wohl bei seiner Mutter. In den letzten Jahres seines Lebens hatte Dillon auch psychische Probleme. Mit dieser Biographie versucht Joseph, seinem Vater, fast ein halbes Jahrhundert nach dessen Tod, ein Denkmal zu setzen. In seinen eigenen Worten klingt das so: “Writing the story of my father’s life was a labour of love.” Herausgekommen ist ein schmales Bändchen von 136 Seiten.
Danny Dillon wird am14.07.1903 in Grigoriopol in Moldawien, als Moishe Josofsky geboren. Seine Eltern fliehen vor den antijüdischen Pogromen des russischen Zarenreichs in die USA. Dort fängt Dillon, zusammen mit seinem Bruder, an zu boxen. Mit 16 Jahren wird er Profiboxer. Er ist einer von vielen jüdischen Boxern dieser Zeit. Er wird schnell bekannt und macht schnell Karriere. Aber der ganz große Erfolg bleibt ihm verwehrt. Nachdem er seine Boxhandschuhe an den berühmten Nagel gehängt hat, ist er als Trainer, Boxmanager, Restaurantbesitzer, Kneipenbesitzer, Taxifahrer und Verschiedenes mehr tätig. Hinzu kommen mehrere Ehen und verschiedene Kinder. Er stirbt am 28.02.1968 mit 64 Jahren.
Als Grundlage für das Buch, so der Autor, dienten ihm Sammelalben mit Zeitungsausschnitten und Internetrecherchen. Ein Grossteil des Buches besteht aus Beschreibungen der einzelnen Kämpfe, Runde für Runde. Der Sohn von Dandy Dillon verlässt sich dabei doch offensichtlich sehr aufs Internet. Er ist stolz darauf, dass sein Vater mit 17, in seinem zwölften Kampf, Champion wurde; er wurde Kanadischer Meister im Fliegengewicht. Er besiegte am 08.12.1920 Percy Buzza, den amtierenden Kanadischen Meister im Bantamgewicht. Das kann man auch nachlesen auf boxrec. Es bleibt aber weiterer Klärungsbedarf. Da sind noch einige Fragen offen, Fragen, wie: Wieso wird ein us-amerikanischer Boxer eigentlich kanadischer Meister? Wieso hat er den Titel nicht verteidigt, wenn er doch so stolz darauf war?
Bei einmal gewecktem Misstrauen stolpert man dann über immer mehr Ungereimtheiten. Am 06.09.1920 besiegte Dillon, seinem Sohn zufolge, Battling Baker, den Schottischen Meister. Dieser Kampf aber war Bakers Profidebüt. Auch, was ich da an Kampfbeschreibungen zu lesen bekomme, erscheint mir doch ziemlich unwahrscheinlich. Ich kann mir auch schlechterdings nicht vorstellen, dass Zeitungen in den zwanziger Jahren über jeden Kampf Runde für Runde berichtet haben. Die Abläufe der Kämpfe ähneln einander schon ein bisschen sehr. Viele Niederlagen sollen Fehlurteile gewesen sein. Aber belegt wird das, wenn ich es richtig gelesen habe, nur ein einziges Mal mit einem Zitat aus einer Zeitung.
Das Buch hangelt sich am Kampfrekord von Dillon entlang. Von seinem Leben erfährt man dagegen nicht so viel. Die Vorgeschichte, die Flucht vor den Pogromen, aber auch das Leben nach dem Boxen wird nur grob skizziert. Da stellt sich bei mir fast der Eindruck ein, der Autor hatte hierüber so gut wie keine Informationen. Wohlgemerkt der Autor ist der Sohn. Kein Wort verliert er auch darüber, wie Dandy Dillon so als Vater war.
Zusammenfassend kann ich nur sagen, “Dandy” von Daniel Patrick Joseph ist ein seltsames Buch. Es ist schmal, unterhaltsam und man hat es schnell gelesen. Aber, eine Biographie von Dandy Dillon ist es irgendwie nicht. Vielmehr erscheint es eher als das Produkt der Suche eines um die 60 Jahre alten Mannes nach seinem Vater, den er wohl nie richtig gekannt hat. Der Wunsch springt einen an, sein Vater möge mehr gewesen sein als nur einer von vielen guten jüdischen Boxern seiner Zeit, der Wunsch, sein Vater möge etwas Besonderes gewesen sein. Als würde die Erinnerung an einen Vater Dandy Dillon, der ein ganz besonderer Boxer gewesen wäre, seiner Abwesenheit als Vater nachträglich doch noch einen gewissen Sinn geben können. Daher erscheint mir das Buch nicht nur zwiespältig, sondern auch als ein trauriges Vergnügen.
© Uwe Betker