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Vincent Feigenbutz hat Geschichte geschrieben

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Bis in den Spätsommer 2015 hinein lief fast alles wie geplant. Vincent Feigenbutz wurde als „der junge Wilde“ aufgebaut und die Medien liebten ihn dafür. Mit seiner „Hoppla, jetzt komm´ ich“-Haltung forderte er einfach die etablierten Weltmeister in Deutschland, Arthur Abraham und Felix Sturm, heraus. Er wollte sich einen Happen von der schönen Box-Welt schnappen und er war wohl auch davon überzeugt, tatsächlich so gut und so stark sein, wie seine Claqueure ihm weiß machen wollten. Kritik über eine zu löchrige Deckung und zu wenig Technik verhallte ungehört. Der Erfolg gab ja dem Super Mittelgewichtler und seinem Team Recht. Sauerland gab ihm einen Vertrag. Seine Kämpfe wurden im Fernsehen gezeigt. Er wurde zweimal Interims Inter-Continental Champion der WBO im Super Mittelgewicht. Dann wurde er auch noch Interims Weltmeister der WBA und gleichzeitig regulärer Weltmeister der GBU.
Dann kam die erste Verteidigung dieser Titel der World Boxing Association und der Global Boxing Union gegen Giovanni De Carolis am 17.10.2015 in Karlsruhe. Zwar wurde Feigenbutz von den Punktrichtern Erkki Meronen, Jesus Morata Garcia und Jean-Francois Toupin zum Sieger nach Punkten erklärt, aber sein heimisches Publikum und andere neutralere Beobachter sahen den italienischen Herausforderer vorne. Die Situation im Ring nach dem Kampf überforderte Feigenbutz. Er sagte Dinge, die man besser nicht öffentlich sagt. Und das brachte ihm dann noch mehr Kritik ein. Immerhin stimmte er einem unmittelbaren Rückkampf zu.
Dann kam der Rückkampf. Vier Tage vor den Kampf entschloss sich die World Boxing Association, diesen Kampf zu einer regulären WM hochzustufen. Das wurde möglich, weil zum Einen der WBA Superchampion Andre Ward ins Halbschwergewicht hoch ging und weil zum Anderen die WBA es eben konnte. Flux machte sie den regulären Weltmeister Fedor Chudinov zum Super Champion und dann den Kampf von Feigenbutz … – Die WBA machte es eben, weil sie es kann.
Feigenbutz hätte der jüngste deutsche Weltmeister im Profiboxen in Deutschland werden können. Ein Thema, das auch weidlich aufgenommen wurde. Er hatte also die „historische Chance“, mit einem Sieg über De Carolis alle seine Kritiker auf einmal zum Schweigen zu bringen. Ein gelungener Rückkampf hätte die Scharte ausgewetzt und ihm außerdem noch den ersehnten WM-Titel beschert. Aber es kam anders als geplant. Der Kampf, der am 09.01.2016 in Offenburg stattfand, geriet für Feigenbutz zum Desaster. Er bekam regelrecht Prügel und verlor durch TKO in Runde 11. Giovanni De Carolis (29 Kämpfe, 23 Siege, 11 durch KO, 6 Niederlagen, 1 Unentschieden) wurde neuer Weltmeister der WBA und Vincent Feigenbutz (23 Kämpfe, 21 Siege, 19 durch KO, 2 Niederlagen, 2 durch KO) stand mit leeren Händen und einem lädierten Ruf da.
Mit Sicherheit ist es weder für ihn noch für die Seinen ein Trost, aber Vincent Feigenbutz hat Geschichte geschrieben. Er ist der jüngste deutsche Weltmeister im Profiboxen aller Zeiten. Denn die WBA hatte ihn, den damals amtierenden Interimsweltmeister bei ihrer Titelschieberei zum regulären Weltmeister gemacht. Vincent Feigenbutz war Weltmeister vom 06.01.2016 bis zum 09.01.2016 Weltmeister – na gut, nur für drei Tage. Vincent Feigenbutz ist der jüngste deutsche Weltmeister aller Zeiten im Profiboxen. Aber er ist auch der Weltmeister, der diesen Titel am kürzesten hatte. Eventuell ist er sogar derjenige, der jemals für so kurze Zeit Weltmeister war.
(C) Uwe Betker

Eine Verteidigung von Arthur Abraham

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Anlässlich der zweiten Niederlage in Folge (27.03.2010 gegen Andre Direll durch DQ 11 und 27.11.2010 gegen Carl Froch durch DU 12) wird die Kritik an Arthur Abraham immer lauter. Es wurde und wird darauf hingewiesen, dass Abraham ein technisch limitierter und eindimensionaler Boxer ist, dass seine statische Doppeldeckung ihn behindert, dass er die ersten Runden immer verschläft, dass er zu klein ist und noch vieles mehr. Alles ist absolut richtig. Hinzu kommt eine generelle Kritik an deutschen Boxern bzw. am Boxen in Deutschland, die besagt, dass hiesige Boxer immer überbewertet, schwächer als dargestellt und wahrgenommen und durch clevere Promoter und ahnungslose TV-Sender geschützt würden. Die grundsätzliche Kritik lasse ich außen vor, aber der Kritik an Abraham möchte etwas entgegen halten.
Ich halte Abraham, obwohl er sich in seinem letzten Kampf wirklich nicht mit Ruhm bekleckert hat, für einen Boxer, der das Potential hat, ein ganz Großer zu werden. Heute spreche ich es aus: Ich habe schon immer gewusst, dass aus Arthur Abraham ein ganz großer Boxer wird.
Natürlich ist das gelogen. Ich habe es nicht schon immer gewusst. Aber ich habe es mir schon gedacht, als Abraham erst ganz wenige Profikämpfe absolviert hatte. Das Gym von Sauerland Event befand sich damals in einer umgebauten Schwimmhalle in unmittelbarer Nähe des Müngersdorfer Stadions in Köln. Ich war mit Markus Beyer zu einem Interview verabredet. Wenn es sich einrichten ließ, habe ich mir immer das ganze Training angesehen, um einen Eindruck von den einzelnen Boxern und von der Gruppendynamik zu bekommen.
Ein Sparring sollte die morgendliche Trainingseinheit abschließen. Arthur Abraham war als Letzter dran. Acht Runden Sparring standen auf dem Trainingsplan, der mit Tesafilm an eine Glastüre geklebt war. Die ersten vier Runden sparrte Abraham, der Mittelgewichtler, mit dem Sparringspartner von Markus Beyer, also einem Super Mittelgewichtler. Abraham sah gut aus, aber er beeindruckte mich nicht wirklich. Danach sparrte er mit dem Sparringspartner von Kai Kurzawa, also einem Halbschwergewichtler. Auch hier sah er gut aus, sogar besser als in den vorangegangenen Runden. Er ging sichtlich bis an seine Grenze und am Ende der achten und letzten Runde schnappte er schwer nach Luft.
Abraham kletterte gerade durch die Seile, als sein Trainer Ulli Wegner rief: „Arthur was machst du da? Du bist noch nicht fertig. Du musst noch vier Runden machen!“ Es folgte eines von jenen Geplänkeln zwischen Wegner und Abraham, die heute Kult sind. Abraham blieb im Ring.
Jetzt wurde es wirklich interessant. Zum einen hatte sich Abraham schon vorher komplett verausgabt. Zum anderen bekam er als Gegner einen Cruisergewichtler, also jemanden, der drei Gewichtsklassen höher boxt. Er quälte sich. Er war am Ende, aber immer wenn sein Gegenüber nur eine Sekunde inne hielt, um Luft zu holen oder einen Fehler machte, explodierte er. Abraham war sichtlich wütend auf seinen Trainer. Er kämpfte seinen Gegner, der größer, schwerer und erholter war als er, nieder. Er begnügte sich nicht damit, jede Runde zu gewinnen, er wollte seinen Sparringspartner zu Boden schlagen. Das schaffte er zwar nicht, aber ich war trotzdem sehr beeindruckt. Es war das beeindruckenste Training, das ich jemals gesehen habe.
Von diesem Tag an wusste ich: Arthur Abraham hat das Zeug dazu, ein ganz Großer werden. Abraham war ein Boxer, der anderen, auch wenn sie besser waren, seinen Willen aufzwingen konnte und dadurch in der Lage, sie zu besiegen. Wenn Abraham es schafft, wieder dieser harte und hungrige Boxer zu werden, dann wird er es auch wieder schaffen, erfolgreich zu sein, auch gegen sehr gute Gegner.
© Uwe Betker