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Trainer und Boxerin des Jahres

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Zum Ende eines jeden Jahres sind alle Sportjournalisten, die im Verband Deutscher Sportjournalisten organisiert sind, aufgerufen, den „Sportler der Jahres“ zu wählen. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Snookerspieler, ein Behindertensportler oder ein Voltigierer nur eine theoretische Chance haben, die Auszeichnung in Empfang zu nehmen.
Der BoxSport, die einzige deutsche Box-Zeitschrift, geht einen anderen Weg. Sie befragt ihre Leser. Dieses Jahr gewann hier in der Kategorie bester Trainer: Ulli Wegner. Oder besser gesagt, er vereinigte die meisten abgegebenen Stimmen auf sich. Aber es gab auch eine „Expertenjury“, die Fritz Sdunek kürte. Daher wurde der Titel geteilt. An dieser Stelle kann man sich natürlich schon fragen, warum denn erst die Leser gefragt werden, wenn die Zeitschrift dann deren Votum doch nicht traut?
Eine interessante andere Titelvergabe erfolgte in der Kategorie „Boxerin des Jahres“. Den ersten Platz erreichte Cecilia Braekhus, ihr folgten Susianna Kentikian und Jessica Balogun. Die gebürtige Kolumbianerin, die für Sauerland Event boxt, „bekam 976 Stimmen und sechs Jury-Punkte“, was immer das auch heißen mag. Um es deutlich zu sagen: 976 Leser (!) waren der Meinung, dass die Norwegerin, die mittlerweile bevorzugt in Dänemark boxt, die Boxerin des Jahres sein soll. Mich persönlich erstaunt diese Wahl allerdings doch ein wenig.
Frau Braekhus (16, Kämpfe, 16 Siege, 4 durch KO) boxte im Jahr 2010 insgesamt dreimal, zweimal in Dänemark und einmal in Deutschland. Wenn ich mich recht entsinne, wurden zwei der drei Kämpfe abschnittsweise als Beimischung von der ARD gezeigt. Sie bestritt ihren ersten Kampf des Jahres 2010 (15.05.2010) gegen Victoria Cisneros (15, Kämpfe, 5 Siege. 1 KO, 8 Niederlagen, 1 durch KO, 2 Unentschieden), also gegen eine Gegnerin mit negativem Kampfrekord. Danach boxte sie (30.10.2010) gegen die ungeschlagene Mikaele Lauren (6 Kämpfe, 6 Siege, 1 durch KO). Aber mit nur sechs Kämpfen ist eine solche Gegnerin eher als Anfängerin in Sachen Profiboxen anzusehen. Über die Unwürdigkeit von Eva Halasi (8 Kämpfe, 6 Siege, 6 durch KO, 2 Niederlage, 2 durch KO), die Braekhus dann auch standesgemäß in der dritten Rune KO schlug (20.11.2010), habe ich schon mehrfach hier geschrieben. Was also qualifiziert die selbsternannte „First Lady“ nun zur „Boxerin des Jahres“? Ich zumindest kann es nicht sehen.
Die Wahl der Vorjahressiegerin Susianna Kentikian (28 Kämpfe, 27 Siege, 16 durch KO, 1 keine Wertung) auf den zweiten Platz ist, so finde ich, nur noch absurd. Syuzanna Kentikyan, so heißt die in Yerevan, Armenien geboren Dame wirklich, hat 2010 überhaupt nur zweimal geboxt. Das erste Mal wurde sie von Nadia Raoui aus Herne (24.04.2010) vermöbelt. Zwei in meinen Augen unfähige deutsche Punktrichter (Werner Kasimir und Franz-Michael Maaß – die Namen muss man sich merken) sahen aber Frau Kentikian aus Gründen, die, wie ich glaube, viele wissen möchten, als Siegerin.
Die Titelverteidigerin zeigte nach dem Kampf, wie ich finde, eine eklatante Unfähigkeit zur Selbstkritik und zur realistischen Wahrnehmung der eigenen Leistung und der Realität. Ihre Äußerungen verrieten eine maßlose Selbstüberschätzung sowie richtig schlechten Stil. Zu einem Rückkampf kam es nicht, obwohl der Veranstalter Klaus-Peter Kohl nach dem Kampf angekündigt hatte, über einen Rückkampf nachzudenken wolle. Es ist nicht bekannt, ob er heute, mehr als 8 Monate später, immer noch darüber nachdenkt.
Stattdessen kämpfte die selbsternannte „Killer Queen“ gegen eine vermeintlich schwächere Gegnerin, Arely Mucino (17.07.2010). Auch hier sah Frau Kentikian alles andere als gut aus. Sie kam überhaupt nicht in den Kampf. Als sie sich dann eine Cutverletzung im Haaransatz zuzog, der bei einem Männerboxkampf wohl nie zu einem Abbruch geführt hätte, wurde der Kampf zu einem No Contest erklärt. Hierdurch waren ihre WM-Gürtel wieder einmal gerettet. Auch nach diesem Kampf legte sie ein ähnliches Verhalten wie schon nach ihrer Begegnung mit Raoui an den Tag.
Fassen wir das Boxjahr von Frau Kentikian zusammen: Zwei Kämpfe, ein skandalöses Fehlurteil, ein glücklicher Kampfabbruch und Äußerungen der Boxerin, die ihr nicht gerade schmeicheln. Was hat Frau Kentikian auf Platz zwei zu suchen?
Erfreulich ist, dass Jessica Balogun Platz drei erreichte. Balogun (19 Kämpfe, 18 Siege, 8 durch KO, 1 Niederlage) hat bereits einige Gürtel eingesammelt, wenn auch von kleineren Verbänden. Sie ist wohl eine der stärksten Weltergewichtlerinnen der Welt und damit eine direkte Konkurrenz für Cecilia Braekhus. Besonders erfreulich wird ihre Platzierung noch dadurch, dass hinter ihr kein großer Veranstalter steht. Dementsprechend waren ihre Kämpfe aber auch noch nicht im Fernsehen zu sehen, jedenfalls nicht im überregionalen. Ich würde auf jeden Fall die Boxerin von Mario Guedes auf eine höhere Position setzen.
© Uwe Betker