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Wladimir Klitschko – ein Rückblick

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Vor einem Monat erklärte Wladimir Klitschko seinen Rücktritt. Knapp 21 Jahre lang war er Profiboxer. Die Aufregung hat sich inzwischen gelegt und daher soll hier versucht werden, ihn zu würdigen.
Die nackten Zahlen sind sehr beeindruckend: 69 Kämpfe, 64 Siege, 53 durch KO, 5 Niederlagen, 4 durch KO, Europameister im Schwergewichtler 1999, Weltmeister der WBO von 2000 bis 2003, Weltmeister der IBF von 2006 bis 2015, Weltmeister der WBO von 2008 bis 2015 und Weltmeister der WBA von 2011 bis 2015. Gleichwohl war in den sozialen Medien nach dem Rücktritt von Klitschko eine gewisse Erleichterung spürbar. Lange Jahre flogen sowohl ihm als auch seinem Bruder die Herzen der Fans nur so zu. Zuletzt aber hatten sich viele Fans des Profiboxens von dem in Kasachstan geborenen Ukrainer Wolodymyr Wolodymyrowytsch Klytschko, der sein meistes Geld in der Bundesrepublik verdient hatte, abgewendet.
Klitschkos Problem könnte man das Herold-Johnson-Problem nennen. Herold Johnson (89 Kämpfe, 78 Siege, 33 durch KO, 11 Niederlagen, 2 durch KO) war von 1962 bis 1963 Weltmeister im Halbschwergewicht. Für seine erste Titelverteidigung kam er nach Berlin, wo er am 23. Juni 1962 im Olympiastadion Bubi Scholz nach Punkten besiegte. Johnson war ein großartiger Boxer. Er boxte technisch nahezu perfekt. Perfektion aber ist langweilig. Und daher blieb Johnson die große Zuneigung der Fans verwehrt.
Meiner Auffassung nach hat Wladimir Klitschko in seiner Boxkarriere alles richtig gemacht. Als er Profi wurde, schlug er Angebote aus den USA aus, um in Deutschland, bei Universum Box-Promotion seine Karriere zu starten. Ihm war wohl bewusst, dass er hier umsichtiger aufgebaut würde. Dann kam er aber auch zu einem Trainer, nämlich Fritz Sdunek, der nicht nur selber aus der osteuropäischen Boxschule kam, sondern gleichzeitig auch erfahren war in der Transformation von Amateurboxern zu Profiboxern. – Und so ging es mit seinen Entscheidungen, die stets richtig waren, immer weiter. Er wurde Weltmeister, trennte sich von Klaus-Peter Kohl und vermarktete sich selber.
Je mehr er sich und sein Handeln perfektionierte, desto mehr Hardcoreboxfans verlor er aber. Von sonderlicher Bedeutung war das eigentlich nicht, denn an Stelle der Boxfans kam nun ein Publikum zu ihm, das sich für Boxen nicht interessierte. Damit kamen dann auch Werbeauftritte und diverse erfolgreiche Geschäfte.
Die meisten Hardcoreboxfans wünschen sich Ringschlachten, große Rivalitäten …, sie möchten sehen wie schon verloren geglaubte Kämpfe auf den Kopf gestellt werden u.ä. Sie lieben schlicht Emotionen und Herzblut. Genau das wollte Klitschko aber nicht liefern. Abzulesen ist das an seinem Umgang mit Niederlagen. Am 05. Dezember 1998 verlor er gegen Ross Puritty seinen ersten Profikampf. Wollte er nun einen Rückkampf? Wir wissen es nicht. Jedenfalls fand er nicht statt, sein Bruder boxte am 08. Dezember 2001 gegen Puritty und schlug ihn in der elften Runde KO. Am 08 März 2003 verlor er gegen Corrie Sanders. Am 24. April 2004 wetzte der große Bruder auch diese Scharte wieder aus. – Das ist nicht unbedingt das, was richtige Boxfans sehen wollen. Aber sehr clever war das schon. Einerseits nahm es den psychischen Druck von Wladimir Klitschko. Andererseits zeigte diese Strategie den anderen Boxer auf, dass sie es immer mit zwei starken Brüdern gleichzeitig zu tun haben. Das dürfte nun eine Situation sein, die mancher noch aus seiner Kindheit kennt.
Klitschko wird schon mal vorgeworfen, er hätte sich ja nur deshalb so lange an der Weltspitze halten können, weil seine Gegner so schwach waren – ein Vorwurf, den sich vor ihm auch schon Joe Louis (69 Kämpfe, 66 Siege, 3 Niederlagen, 2 durch KO, Weltmeister von 1937 bis 1950) und Larry Holmes (75 Kämpfe, 69 Siege, 44 durch KO, 6 Niederlagen, 1 durch KO, Weltmeister von 1978 bis 1985) gefallen lassen mussten. Boxer, die über einen langen Zeitraum eine Gewichtsklasse dominieren, bekommen diesen Vorwurf wohl immer zu hören.
Wenn man Klitschkos Kampfrekord aber durchsieht, dann findet man schon auch genug Namen, die beweisen, dass er sehr wohl gegen starke Gegner geboxt hat. Die meisten von ihnen hat er aber auf eine Art und Weise besiegt, die es so aussehen ließ, als seien diese Gegner keine sehr ernst zu nehmenden Herausforderer.
Natürlich gibt es Dinge, die man Klitschko vorwerfen könnte. Ich meine mich beispielsweise zu erinnern, dass er mal angekündigt hat, einen Boxstall und Boxer aufbauen zu wollen. Das geschah aber, zu meinem großen Bedauern, nie.
Das Vorprogramm von Klitschko-Veranstaltungen war oft läppisch. Nur selten gab es mal einen guten Kampf oder einen guten Mann zu sehen. Dem Vorprogramm konnte man im Gegenteil oft genug ansehen, dass es so wenig Geld wie möglich kosten sollte. Aber wer guckt sich schon das Vorprogramm an? Und wieso sollte man Geld aus der eigenen Tasche für Boxkämpfe ausgeben, die von kaum jemandem gesehen werden und sowieso nicht im Fernsehen gezeigt werden? Damit hat Klitschko also, auch wenn es einem nicht gefallen mag, wohl doch wieder mal alles richtig gemacht.
Am Ende seiner Karriere zeigte er aber auch mehrfach Größe. Sein letzter Kampf gegen Anthony Joshua entschädigte für einige doch eher langweilige Kämpfe. Und er zeigte auch damit Größe, dass er auf einen Rückkampf verzichtete. Wer verzichtet schon mal eben auf 30 bis 50 Millionen Dollar?
Wie immer man auch zu Wladimir Klitschko stehen mag. Für sich hat er jedenfalls alles richtig gemacht. Er hat Ruhm, ein sauberes Image, berufliche Zukunftsperspektiven und einen riesen Haufen Geld. Das ist sehr viel mehr als meisten Boxweltmeister haben. Er wird irgendwann unter den Top-Ten aller Zeiten des Schwergewichts geführt werden. Also: alles richtig gemacht.
(C) Uwe Betker

Wladimir Klitschko vs. Alexander Povetkin und vs. Markus Lanz

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Am Samstag, dem 05.10.2013 kämpft Wladimir Klitschko (63 Kämpfe, 60 Siege, 51 durch KO, 3 Niederlagen, 3 durch KO) gegen Alexander Povetkin (26 Kämpfe, 26 Siege, 18 durch KO). Der ukrainische Schwergewichtsweltmeister der IBF (International Boxing Federation) und der WBO (World Boxing Organization) und der Super Champion der WBA (World Boxing Association) reist nach Moskau, um dort auf seinen russischen Herausforderer zu treffen.
Alexander Wladimirowitsch Povetkin war die große Schwergewichtshoffung von Sauerland Event. Kalle Sauerland persönlich, der Sohn von Wilfried Sauerland, holte den Goldmedaillengewinner der Olympischen Spielen 2004 in Athen nach Deutschland. Dadurch wurde dann auch medienwirksam der Generationenwechsel beim berliner Veranstalter öffentlich vollzogen. Povetkin blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück, die man in ihn gesetzt hatte. In seinen acht Jahren als Profi errang er sich durch harte Arbeit den Titel „der zaghafte Zar“ und irgendwie wurde er auch so eine Art Quasi-Weltmeister der WBA im Schwergewicht.
Den Titel „zaghafter Zar“ hat er von mir verliehen bekommen. In einem früheren Internetauftritt gerierte er sich nicht nur als Zar, sondern bezeichnete sich auch selber so. Wie ein richtiger russischer Zar ist er natürlich ein „blütenreiner Demokrat“ und deshalb ist er Mitglied der Kremlpartei „Einiges Russland“. Er hat auch einen Abgeordnetensitz im Gebietsparlament der Oblast Kursk, was ihn wohl zu einem Nebenerwerbsprofiboxer macht. Jedenfalls boxte er in den letzten fünf Jahren nur ein Mal mehr als zweimal im Jahr. Das könnte man wohl so übersetzen: Povetkin kommt zweimal im Jahr nach Deutschland, um hier Geld zu verdienen. Dann geht er wieder zurück in seine Heimat, um dort seiner Haupttätigkeit in Kursk nachzugehen.
Zu dem Adjektiv „zaghaft“ als Zusatz zu seinem selbstgewählten Herrschertitel kam er, weil ihm bislang jedes Mal, wenn er gegen einen der Klitschkos boxen sollte, etwas dazwischen kam. Das eine Mal hindert ihn eine Nebenhöhlenentzündung am Fliegen. Ein anderes Mal lauerten ungeahnte Gefahren für Leib und Leben in der unendlichen Weite der Wälder von Russland, wo er sich dann beim Joggen verletzte. Schließlich erklärte sein Trainer Teddy Atlas, sein Schützling sei noch nicht so weit.
Ach so, beinah hätte ich noch vergessen zu erwähnen, dass Povetkin irgendwie ja Weltmeister der WBA ist. Natürlich ist er nicht der richtige Weltmeister – das ist natürlich noch immer Wladimir Klitschko. Aber da Klitschko auch Weltmeister anderer Verbände ist, machte die WBA ihn zum Super Champion. Eine solche Transformation eines richtigen Weltmeistertitels in einen erfundenen finde ich zwar unnötig, grotesk und schädlich für den Boxsport, aber in diesem Fall entspricht sie den Statuten – im Gegensatz zum Titel von Felix Sturm.
Dadurch, dass der Weltmeistertitel der WBA nun praktisch wieder vakant wurde, konnte Povetkin um ihn boxen, ohne gegen Wladimir Klitschko antreten zu müssen. Durch einen Punktsieg am 27.08.2011 über Ruslan Chagaev wurde er dann auch so eine Art Quasi-Weltmeister.
Nun aber findet der Kampf wohl doch statt. Darüber, was Povetkin nun dazu getrieben haben könnte, jetzt doch gegen einen Klitschko anzutreten, kann man nur spekulieren. Vielleicht drängt sein Veranstalter ihn ja dazu. Ein richtiger Schwergewichtsweltmeister wäre schließlich ein gutes Argument, um dem drohenden Vertrags-Aus bei der ARD etwas entgegen zu setzen. Dem Charme der Quoten eines Schwergewichtsweltmeisters könnte sich die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland denn kaum entziehen können. Aber mit einem Povetkin als richtigem Weltmeister hätte Sauerland Event mit Sicherheit gute Chancen, auch bei einem anderen TV Sender unterzukommen.
Natürlich ist es auch genauso gut möglich, dass ich Povetkin in den letzten Jahren schlicht Unrecht getan habe und es sich wirklich nur um eine Aneinanderreihung von Unfällen und Zufällen handelte, die ihn dann daran gehindert haben gegen einen Klitschko anzutreten. – Es könnte aber auch noch eine ganz andere Erklärung geben. Wenn man sich nämlich mal so umhört, dann findet man kaum jemanden, der ernsthaft mit seinem Sieg rechnen würde. Aber im Schwergewicht ist immer alles möglich.
Interessant dürfte es sein, wie Wolodymyr Wolodymyrowytsch Klytschko mit dem Druck umgeht. Zum einen boxt er in der Heimat seines Gegners. Er boxt aber auch gegen Markus Lanz, denn RTL hat die Übertragung des Boxkampfes aus Moskau auf den Sendeplatz von „Wetten, dass …?“ gelegt. Noch vor gar nicht so langer Zeit, wäre das undenkbar gewesen. Aber seit Lanz sind die Quoten der einstmals großen Samstagabend Unterhaltungsshow im freien Fall begriffen. Zuletzt sahen nur noch 6,7 Millionen zu, während bei einem später boxenden Klitschko schon 10 Millionen einschalteten.
Radio Télévision Luxembourg greift also mit Wladimir Klitschko das ZDF frontal an. Schon heute wird in der Presse spekuliert, ob Lanz, bzw. „Wetten, dass …?“ nach einer Niederlage im direkten Vergleich der Zuschauergunst noch eine Zukunft hat.
Das Zweite Deutsche Fernsehen sollte sich überlegen, ob es nicht wieder ins Boxen einsteigen will, anstatt weiter auf ein 32 Jahre altes Showkonzept und einen Showmaster zu setzen, der vom Publikum nicht akzeptiert wird. Schließlich sollte es doch möglich sein, aus den Fehlern der Vergangenheit, d.h. aus der Zusammenarbeit mit Universum Box-Promotion, zu lernen.
© Uwe Betker