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Boxen in der Literatur: Sir Arthur Conan Doyle (3) – „Lord Falconbridge“ und „Sir John Hawker hat ausgespielt“

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Die Erzählung „Lord Falconbridge“ („The Lord of Falconbridge: A Legend of the Ring“) erschien im August 1909 im Strand Magazine. The Strand Magazine war, eine britische Monatszeitschrift, war bekanntlich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, von 1891 bis 1950, die führende Literaturzeitschrift Großbritanniens.
In Lord Falconbridge treffen wir am 25. August 1818 auf Tom Cribb (https://betker.wordpress.com/2011/11/19/tom-cribb-1/) in seinem Pub in London. Hinzu kommt Tom Spring. Spring hatte zwei Wochen vorher gegen Ned Painter verloren. (https://betker.wordpress.com/2019/05/30/tom-spring/) Er war deprimiert und pleite. Cribb, sein Freund, Mentor, Trainer und Promoter, stellt ihm eine Möglichkeit in Aussicht, Geld zu verdienen. (https://betker.wordpress.com/2011/11/20/tom-cribb-2/)
Am Morgen war eine vornehme Dame, die sich offensichtlich mit Boxen auskannte, zu Cribb gekommen und hatte sich nach dem besten Boxer erkundigt. Die Dame, die ihren Namen nicht nennen will, unterbreitete ihm einen Plan: Spring soll Geld für einen privaten Kampf, ohne Sekundanten, gegen einen noch zu benennenden Gegner bekommen. Allerdings soll er das Geld nur bekommen, wenn er auch gewinnt. Spring willigte ein.

Cribb und Spring trainieren und bereiten sich mehrere Wochen vor. Dann kommt der erwartete Tag. Spring wird mit einer Kutsche abgeholt und aufs Land zum Gasthaus eines Boxfans gebracht. Dort holt ihn die rätselhafte Auftraggeberin dann später, wiederum mit einer Kutsche, ab. Sie fährt mit ihm immer weiter, über Feldwege und durch Wälder, bis sie zu einer Lichtung kommen. Dort steht der Mann, gegen den Spring boxen soll. Spring hat Skrupel, gegen einen Herrn zu boxen, zumal sich herausstellt, dass der der Ehemann der Dame ist. Sie besteht aber auf dem Kampf. Sie möchte sehen, wie ihr Mann, ein geübter Boxer und Schläger, verprügelt wird. Spring wird von dem Mann gesehen, der ihn sofort aggressiv angeht und beleidigt. Kurze Zeit später sind beide bereit für einen Kampf.
Der Kampf wogt hin und her, aber am Ende kann Spring seinen schwereren und größeren Gegner doch KO schlagen. Als der Mann am Boden liegt, fordert die Dame Spring auf, ihm „den Rest zu geben“. Um überzeugender zu wirken, erhöht sie das versprochene Preisgeld immer weiter – aber Spring lehnt ab.
Der Geschlagene geht Hilfe holen; er will seine Frau und Spring gefangen nehmen lassen. Die Dame flieht jedoch mit der Kutsche. Zurück bleibt Spring, der aber von dem Wirt des Gasthofes aufgelesen und gerettet wird; der Wirt hatte nämlich den Kampf von einem Versteck aus beobachtet.
„Lord Falconbridge“ von Sir Arthur Conan Doyle findet sich in “Der Silberspiegel”, einem Band mit 14 Erzählungen, erschienen im Verlag 28 Eichen.
Tom Cribb taucht noch in einer weiteren Erzählung von Arthur Conan Doyle auf: nämlich in „Sir John Hawker hat ausgespielt“, „The End of Devil Hawker“, die zuerst im November 1930 im Strand Magazine erschien.
In dieser Erzählung geht es nicht um Boxen. Es geht um „Sir John Hawker“, einen brutalen Verbrecher, der über einen Betrug zu Fall kommt. Ein großer Teil der Handlung spielt im Pub von Cribb, der auch immer wieder als Person auftritt, zuletzt als Zeuge bei einer Art Prozess im Club von Hawker.
„Sir John Hawker hat ausgespielt“ findet sich in Sir Arthur Conan Doyles “Der Skandal im Regiment”, einem Band mit 15 Erzählungen, erschienen im Verlag 28 Eichen.
Sir Arthur Conan Doyle muss man einfach lesen.
© Uwe Betker

Boxen in der Literatur: Sir Arthur Conan Doyle (2) – „Der Meister von Croxley“

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Die Erzählung „Der Meister von Croxley“ („The Coxley Master“) erschien 1900 im Strand Magazine. The Strand Magazine war eine britische Monatszeitschrift, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, von 1891 bis 1950, die führende Literaturzeitschrift Großbritanniens war.
In dieser Geschichte begegnen wir an einem Sonntagmorgen einem jungen Mann, Robert Montgomery. Er ist Medizinstudent und verdingt sich in den Semesterferien bei einem Doktor im nordenglischen Industriegebiet. Ihm fehlt nur noch ein Jahr bis zum Examen, aber er hat nicht das Geld für die Studiengebühren. Er braucht 60 Pfund. Der Versuch, sich das Geld in Form eines Darlehens von seinem Arbeitgeber Dr. Oldacres zu leihen, scheitert. Der bigotte und selbstgefällige Mann denkt gar nicht daran zu helfen.
Während nun Montgomery weiter Arzneien abfüllt, kommt ein vierschrötiger junger Bergmann, Ted Barton, in den Behandlungsraum der Praxis. Er beschwert sich in ziemlich rüder Weise darüber, dass ein verschriebenes Medikament noch nicht ausgeliefert worden sei. Der Mann provoziert und droht Montgomery. Es kommt zu einer kurzen körperlichen Auseinandersetzung, in deren Verlauf Montgomery sein Gegenüber KO schlägt.

Am Nachmittag kommen drei Männer zu Montgomery in die Arztpraxis. Einer von ihnen ist der wohlhabende Sohn des Kohlegrubenbesitzers, der zweite ein Gastwirt und lokaler Buchmacher und der dritte ein Pferdezureiter. Diese drei also klären Montgomery darüber auf, dass Barton, der Mann, den er vor ein paar Stunden KO geschlagen hat, ein bekannter Schläger und Boxer sei. Am nächsten Samstag sollte er gegen Silas Craggs den „Meister von Croxley“ boxen. Bei diesem Aufeinandertreffen sollten der beste Boxer der Eisenhütte Croxley und der beste der Zeche Wilson ihre Kräfte miteinander messen. Der Kampf war auf zwanzig Runden nach Queenberry Regeln angesetzt. Gekämpft werden sollte mit 2 Unzen Handschuhen und – die Börse betrug 100 Pfund.
Nachdem nun Montgomery Barton KO geschlagen hat, macht man ihm das Angebot, dessen Rolle in dem anstehenden Kampf zu übernehmen. Montgomery ergreift die Chance und sichert den Dreien zu, unter diesen Bedingungen, gegen den „Meister von Croxley“ anzutreten. Ihm wird ein Gym zur Verfügung gestellt, in dem er sich während der nächsten Tage auf den Kampf vorbereitet. An der Universität hat er Boxen gelernt und regelmäßig trainiert. Eines Tages kommt die Ehefrau von Silas Craggs zu Montgomery und erzählt ihm, dass ihr Mann auf dem linken Auge blind ist. Sie ist eifersüchtig, weil ihr Mann sie für eine andere Frau verlassen hat, die zugleich seine Trainerin und Sparringspartnerin ist.
Der Kampf findet unter großem Zuspruch in einer alten Fabrikhalle statt, in der auf einer Plattform ein Ring aufgebaut ist. Das Kampfgeschehen wogt hin und her. Am Ende gewinnt Montgomery durch KO. Ein Angebot für weitere Kämpfe lehnt er ab.
Liest man diese Geschichte – und ich empfehle das wärmstens – so hat man gleich das Gefühl, sie bereits zu kennen. Es ist, als sähe man ein Gemälde, das man schon einmal gesehen hat und sehr mochte, wieder; man entdeckt neue Details und findet es noch schöner als zuvor. – Meine generelle Empfehlung: Arthur Conan Doyle lesen. Man kann mit dem Band Erzählungen „Die Grüne Flagge“ anfangen, in der auch „Der Meister von Croxley“ zu finden ist.
© Uwe Betker

Boxen in der Literatur: Sir Arthur Conan Doyle (1)

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Sir Arthur Conan Doyle (22. Mai 1859, Edinburgh, Schottland – 07. Juli 1930, Crowborough, Sussex, England) kennt jeder: Zumindest trifft das zu für eine von ihm in die Welt gesetzte Figur, nämlich den genialen und exzentrischen Detektiv Sherlock Holmes. Bereits zu Stummfilmzeiten gab es etliche Verfilmungen: 1911 Dänemark, 1912 Frankreich, 1914 Deutschland und 1916 England. Einige dieser Werke auf Celluloid wuchsen sich bereits zu Filmreihen aus. Unzählige Verfilmungen, Buchauflagen und Comics machten Holmes seither zu einem Teil unseres Bildungskanons.

(C) wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Conan_doyle.jpg


Die Sherlock Holmes Bücher fanden und finden seit Generationen, zu Recht, immer wieder begeisterte Leser. Holmes, der seinen Schöpfer Arthur Conan Doyle unsterblich machte, verstellt andererseits aber auch den Blick auf den vielseitigen und auch ansonsten sehr lesenswerten Autor Doyle.
Doyle war tatsächlich in nahezu jedem literarischen Genre zu Hause: Er schrieb Krimis, Horror- und Abenteuerromane, Liebesromane, Science Fiction und historische Romane. Hinzu kommen Sachbücher über Themen von Krieg bis Spiritismus und über 200 Erzählungen. Weitere schriftstellerische Aktivitäten reichen vom Opernlibretto bis zum politischen Zeitungsartikel, von der juristischen Streitschrift bis zum Kriegsbericht.
Trotz dieses kaum zu überschauenden Werks war Sir Arthur Conan Doyle kein reiner „Homme de lettres“ – Mann der Schrift. Er war auch ein Mann der Tat und des Sports. Er studierte Medizin an der Universität von Edinburgh. Als Schiffsarzt reiste er 1880 auf einem Walfänger in die Arktis und ein Jahr später nach Westafrika. Acht Jahre praktizierte er als Arzt in Southsea bei Portsmouth. 1894 überquerte er in einem gewagten Unternehmen auf Skiern die Maienfelder Furgga von Davos nach Arosa und er nahm 1899 am Zweiten Burenkrieg in Südafrika teil.
Er lief Ski, spielte Fußball, Kricket, Golf und betrieb alle möglichen anderen Sportarten. Natürlich boxte er auch. Er war eines der ersten Mitglieder des 1892 gegründeten „London’s National Sporting Club”. Und so machte Doyle auch mehrfach das Boxen zum Thema seiner Literatur.
Das Werk von Sir Arthur Conan Doyle ist ein Kontinent, den es zu entdecken gilt. Dem Verlag 28 Eichen und seinem Herausgeber Olaf R. Spittel ist es zu danken, dass dieser Kontinent inzwischen in groben Zügen zu erkennen ist. Die Edition der „Ausgewählten Werke“ ist nun fast abgeschlossen und umfasst bislang 45 Bände. Anfangen kann man natürlich mit Sherlock Holmes oder, wenn man so will, sich sämtliche Romane und Erzählungen in 9 Bänden zu Gemüte führen. Man kann aber auch mit den Boxgeschichten anfangen. Wie gesagt: Der Kontinent Arthur Conan Doyle ist für die meisten Leser erst noch zu entdecken und zu erkunden.
© Uwe Betker

Boxen in der Literatur: Ernst Jünger

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An Ernst Jüngers Badezimmerspiegel hing – und hängt auch heute noch – ein Paar weiße Miniboxhandschuhe. Auf dem einen steht geschrieben: Boxclub Freigericht; und auf dem anderen ist ein auf seinen Hinterbeinen stehendes Tier (Fuchs, Wolf oder Hund) mit Boxhandschuhen abgebildet. Bedeutet das, dass Ernst Jünger, der Homme de lettres Deutschlands des letzten Jahrhunderts, Boxfan war? In seinen Werken beschäftigt sich Jünger jedenfalls nicht mit dem Boxen. Lediglich in seinen Tagebüchern finden sich ganze zwei Einträge.


(C) Uwe Betker

Der erste Eintrag:
„Wilflingen, 21. September 1978
Zur Milieu-Theorie. Der schwarze Boxer Sprinks schlug »Ali, den Größten«; seine Börse wurde auf 3,75 Millionen Dollar limitiert. Er kauft sich Luxusautomobile, rast sie ohne Führerschein zuschanden, läßt sich weiße Mädchen zuführen, wird fünfmal verhaftet; die Zeitungen bringen »das Bild des Weltmeisters in Handschellen«.
Er kommt aus den finstersten Slums. »Wenn ich so viel Geld ausgebe, so deshalb, weil ich niemals was hatte.« Ich notiere das wegen eines Geniespruchs:
» Du kannst einen Neger aus dem Ghetto holen, aber nicht das Ghetto aus ihm.«“
(aus Siebzig Verweht II)

Der Eintrag im Tagebuch von Ernst Jünger beruht vermutlich auf einem Artikel in der Zeitschrift „Der Spiegel“ Nummer 38, vom 18.09.1978. In diesem Artikel mit dem Titel „Nie was gehabt“ finden sich alle Fakten die Jünger aufzählt. Interessanterweise ist der zitierte „Geniespruch“ ein Zitat von Leon Spinks selber.

Der zweite Eintrag:
Mike Tyson, Boxchampion aller Klassen, 21 Jahre alt, quasi Analphabet, Ehrendoktor für Geisteswissenschaften der Wilberforce University of Ohio, erwägt, ob er ein Angebot für eine Tournee annehmen soll, das sich auf hundert Millionen Dollar beläuft. Ein Schwarzer — Gesicht und Figur eines Gladiators aus der besten Zeit des Circus maximus. Auch seine Vita erinnert an den Cäsarismus; warum sollte ein Pferd nicht zum Konsul ernannt werden?
Gewalttätig, blickt auf eine Reihe von Vorstrafen zurück. Er gleicht, wie sein Biograph sagt, »einer Bombe, die jederzeit explodieren kann«. Dazu seine Selbstkritik:
»Ich weiß, daß ich ein Arschloch bin — aber das ist nun mal mein Stil. «
Nicht übel — ein Anarch auf seiner Stufe; das gäbe einen Zechgenossen des Trimalchio, eine Figur für den genialen Petronius.“
(aus Siebzig Verweht IV)

Auch hier reagiert Jünger auf einen Artikel aus „Der Spiegel“ Nummer 34, vom 21.08.1989. In diesem Artikel mit dem Titel „Unaufhörlich bumsen“ finden sich alle Fakten die Jünger aufzählt. 1989 war Mike Tyson in aller Munde. Er war mit 20 Jahren zum jüngsten Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten geworden und mit 21 hatte er alle damals bedeutenden Titel vereinigt. Jünger vergleicht Tyson mit Trimalchio.
Trimalchio ist eine Gestalt aus „Das Gastmahl des Trimalchio“, die bekannteste und längste der erhaltenen Episoden aus dem nur fragmentarisch überlieferten Roman Satyricon von Petronius Arbiter.
Über Titus Petronius Arbiter, geboren um 14 – gestorben 66 in Cumae, weiß man wenig. Er war ein römischer Senator und der Autor des erwähnten satirischen Romans Satyricon. Er soll den Tag im Schlaf, die Nacht mit Geschäften verbracht haben. Er war zwar jemand, der mit großem Aufwand den Müßiggang betrieb, gleichzeitig galt er aber nicht als Verschwender, sondern als feinsinniger und gebildeter Kenner feinen Genüsse.
Titus Petronius machte politisch Karriere. Er wurde einer der wenigen Vertrauten von Kaiser Nero, der ihm die Rolle als „Schiedsrichter des feinen Geschmacks“ (arbiter elegantiae) zuwies, wovon sich der Beiname „Arbiter“ ableiten dürfte.
Im Jahre 66 wurde er der Teilnahme an einer Verschwörung gegen Kaiser Nero beschuldigt. Er kam einer Verurteilung durch Selbstmord in Cumae zuvor. Dies machte er mit Stil, betont locker und „natürlich“. Er schnitt sich die Pulsadern auf. In seinem Testament schmeichelte er dem Kaiser nicht, sondern kritisierte dessen Laster.
Protagonist des Romans ist Encolpius: Gemeinsam mit zwei Gefährten wird er von einem Bekannten zu einem Gastmahl mitgenommen, das Gastmahl von Trimalchio. Trimalchio ist ein ehemaliger Sklave, ein neureicher Emporkömmling. Trimalchio, umgeben von Schmarotzern, ist bemüht, seine Gäste mit außergewöhnlichen Speisen, Darbietungen und seiner Belesenheit zu beeindrucken. Er beweist hiermit allerdings nur seine Geschmacklosigkeit und Halbbildung. Ernst Jünger setzt Mike Tyson mit Trimalchio gleich.
Zurück zu den Miniboxhandschuhen am Badezimmerspiegel. Der „Boxclub Freigericht“ wurde 1984 auf Initiative eines Oberstudienrat (Gerd Wolf) gegründet. Der Verein existierte 29 Jahren. Er löste sich 2013 auf. Freigericht liegt östlich von Frankfurt am Main und 320 Km von Wilflingen, dem Wohnort von Jünger entfernt. Man kann nur spekulieren, wie die Handschuhe zu Jünger kamen und wieso er sie an seinem Badezimmerspiegel hängte.
Wovon man allerdings getrost ausgehen kann, ist, dass Ernst Jünger sich nicht sonderlich fürs Boxen interessiert hat, sonst hätte dies sicher einen stärkeren Niederschlag in seinen Tagebüchern hinterlassen.
© Uwe Betker

Written by betker

2. Juni 2019 at 23:59

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Tom Spring

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So schön auch das World Wide Web ist, die reale und analoge Welt ziehe ich ihm vor. Man kann zwar Bücher von überall auf der Welt beziehen. Und das ist ja auch schön, aber es ist doch ziemlich unsinnlich. Das Buch – und mit ihm der Boxer, den ich hier vorstellen möchte – kam nicht übers Internet, sondern in London zu mir. An einem sonnigen Sonntagnachmittag schlenderte ich auf einem Spaziergang an einem kleinen Antiquariat vorbei. Ich ging hinein, stöberte etwas herum und fand dort “Tom Spring” von John Hurley – ein sehr schönes und empfehlenswertes Buch. Mit meiner Neuerwerbung versehen, fand ich wenig später einen Platz auf einer Bank vor einem netten alten und altmodischen Pub, wo ich dann in der Nachmittagssonne, ein Real Ale vor mir auf dem Tisch, anfing, mich mit Tom Spring zu beschäftigen. So etwas passiert in der realen Welt, das World Wide Web kann einem das nicht bieten.
Tom Spring, geboren als Thomas Winter (22. Februar 1795 – 20. August 1851), war ein englischer Bare-Knuckle Boxer – einer der ganz Großen. Er war Schwergewichtschampion von England von 1821 bis 1824. Spring gilt als einer der „wissenschaftlichsten“ der frühen englischen Boxer. Es setzte sich mit der Technik des Boxens auseinander, was zu seiner Zeit unüblich war. Da er keinen harten Punch hatte, war er darauf angewiesen, dass seine Deckung hielt. Er hatte eine gute Beinarbeit. Er musste seine Gegner ermüden, um sie dann mit seinen relativ starken linken Haken eventuell doch zu fällen. Seine Hände waren sehr verletzungsanfällig.

Geboren wurde Winter in Witchend in Fownhope, Herefordshire. Er kam aus einer Boxerfamilie; sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren Boxer. Wie sein Vater wurde auch er Metzger von Beruf. Der in der Nähe in Fownhope Court residierende elfte Duke of Norfolk veranstaltete für seine Gäste gerne Boxkämpfe mit den lokalen Boxern. Winter begeisterte den Adligen, der ihn von nun an unterstützte.
1811 verlor Winter seinen Trainer und Mentor, seinen Vater. Der wurde nämlich wegen seiner Schulden ins Gefängnis gesteckt. Im Frühjahr 1814 traf er dann auf den legendären und damals amtierenden Schwergewichtschampion Tom Cribb. (https://betker.wordpress.com/2011/11/19/tom-cribb-1/) Schon bald überzeugte er diesen von seinem Können. Winter ging mit Cribb (https://betker.wordpress.com/2011/11/20/tom-cribb-2/) nach London, der sein Trainer und Promoter wurde, und aus Winter wurde Spring.
1818 kämpfte Spring zweimal gegen den sehr erfahrenen Ned Painter. Der ersten Kampf, am 01. April 1818, wurde nach 31 Runden, einer Stunde und neunundzwanzig Minuten abgebrochen und Spring zum Sieger erklärt. Painter war vorher mehrfach ohne Schlagwirkung zu Boden gegangen. Mit diesem Sieg beanspruchte Spring den Titel des englischen Schwergewichtschampions.
Im Rückkampf, am 07. August 1818, unterlag er dann nach 42 Runden, einer Stunde und vier Minuten. Bereits in der ersten Runde war er nach einer sehr harten Rechten zum Kopf zu Boden gegangen. Von diesem Niederschlag erholte er sich nicht mehr. In Runde 42 gelang es ihm nicht mehr, auf die Beine zu kommen. Spring wollte unbedingt einen Rückkampf, aber Painter trat gegen ihn nie wieder an, woraufhin sich Spring wieder zum Titelhalter erklärte.
1822 hängte Springs Promoter, Mentor und Trainer Tom Cribb seine Handschuhe an den Nagel, wodurch der Britische Schwergewichtstitel vakant wurde. Cribb nominierte seinen Boxer Spring als seinen Nachfolger. Um diesen Titel zu verteidigen, bot Spring an, gegen jeden in England anzutreten. Aber niemand forderte ihn bis 1823 heraus.
Am 20 Mai 1823 trat er dann gegen Bill Neat an. Dieser hatte sich vorher über Springs Schlagstärke lustig gemacht und ihn als „Dienstmädchen der Dame“ bezeichnet. Der Kampf dauerte nur 37 Minuten. Spring schickte Neat bereits in der ersten Runde zu Boden. Danach verteidigte er (1824) zweimal erfolgreich seinen Titel gegen den Iren Jack Langan. Am 07. Januar brauchte er 77 Runden, zwei Stunden neunundzwanzig Minuten und am 08. Juni 76 Runden, eine Stunde und neunundvierzig Minuten.
Hiernach stieg er nicht mehr als Preisboxer in den Ring. Er erwarb das „Castle Inn“ in Holborn, das dem Boxer Bob Gregson gehört hatte. Hier traf sich nun das Boxen in England. Kämpfe wurden organisiert und Verträge unter seiner Aufsicht unterzeichnet. Spring suchte nach Kräften, der Korruption im englischen Boxen entgegenzutreten. Am 25. September 1828 wurde eine als „Fair Play Club“ bekannte Organisation gegründet, die sich zur Aufgabe setzte, das Boxen von kriminellen Machenschaften zu säubern. Spring wurde zum ersten Schatzmeister des Clubs gewählt.
Überschattet wurde seine Tätigkeit von zwei Kämpfen, die er für den irischen Champion im Schwergewicht, Simon Byrne, arrangierte. Im zweiten Kampf kämpfte Byrne am 30. Mai 1833 gegen James Burke um den Titel im Schwergewicht. Dieser Kampf wurde der zweitlängste Kampf der Boxgeschichte, nur der berühmte Kampf zwischen Andy Bowen und Jack Burke im Jahr 1893 dauerte länger. (https://betker.wordpress.com/2016/03/05/andy-bowen-vs-jack-burke-der-laengste-boxkampf-aller-zeiten/) Das Aufeinandertreffen der beiden gestaltete sich brutal und blutig. Und es wurden riesige Summen auf den Ausgang des Kampfes gesetzt. In der 99. Runde, Spring war Sekundant von Byrne, trug er seinen fast bewusstlosen Schützling in die Ringmitte. – Dazu muss man wissen, dass der Boxer in der Ringpause häufig auf dem Schoss seines Sekundanten saß. – Byrne wurde erneut niedergeschlagen und starb drei Tage später. Dazu ist allerdings anzumerken, dass derlei zu jener Zeit nicht selten vorkam.
Hatte Spring als Boxer schon gutes Geld verdient, so wurde er im Ruhestand reich. Dennoch galt er als großzügig und Boxern gegenüber, die weniger Glück gehabt hatten als er, als freigebig; er war hoch geachtet. Offensichtlich konnte er aber nicht mit Geld umgehen. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Später trennte er sich von seiner Frau. Sie starb mittellos im Holborn-Arbeitshaus. Spring starb am 20. August 1851 mit 56 Jahren. Er wurde unter seinem richtigen Namen Thomas Winter begraben.
Das Buch von Jon Hurley über Tom Spring ist ohne Einschränkung zu empfehlen. Es ist offensichtlich gut recherchiert und lässt sich gut herunter lesen. Seine besondere Stärke besteht darin, immer wieder ein anschauliches Bild von den Menschen dieser Zeit und ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu zeichnen.
Auch Sir Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes, schrieb eine Kurzgeschichte „Der Lord von Falconbridge“ mit Spring als Protagonisten. Hierzu aber später mehr.
(C) Uwe Betker

Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Ring Lardner (3) „The Battle of the Century“

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Zu Beginn dieser Kurzgeschichte berichten der Schwergewichtsweltmeister Jim Dugan und sein Manager Larry Moon dem Ich-Erzähler, ihrem guten Bekannten Pinkie von ihrer finanziellen Misere. Jim ist ein so guter Boxer, daß es unmöglich ist einen adäquaten Gegner für ihn zu finden und deshalb muß sich der Champion mit einer Theatershow über Wasser halten.

Eine Weile später treffen die drei wieder zusammen. Auf die Nachricht vom K.-o.-Sieg des französischen Meister und Kriegshelden Goulet über den englischen Schwergewichtsmeister Bradford entwirft Moon einen Plan um Goulet zum Gegner für Dugan zu machen. darauf reagiert dieser folgendermaßen:

„All right,“ says Jim. „You´re my matchmaker and I fight who you pick out. But I don´t see how you come to overlook Benny Leonard“ (Lardner,  Some Champions, S. 136) [Anm.: Benny Leonard war zu dieser Zeit Weltmeister im Leichtgewicht, also damals vier (heute acht) Gewichtsklassen niedriger. D.h. er hätte als Gegner nicht den Hauch einer Chance gehabt.]

Als Goulet und sein Manager La Chance in die USA kommen bietet Moon ihnen 200 000 Dollar an, wenn sie bei seinem Plan mitspielen woraufhin La Chance vor Freude eine leichte Herzattacke erleidet.

Nach einigen Monaten haben Goulet und Dugan je einen leichten Kampf bestritten, wobei Dugan sich für seinen K.-o.-Sieg in der dritten Runde zwei Runden länger Zeit ließ als unbedingt nötig und Goulets Gegner alle damit überraschte, daß er drei Runden ohne Krücken stehen konnte. Anschließend macht Dugan noch einen Kampf gegen einen Boxer den er schon einmal besiegt hat. Diesmal hat er jedoch deutlich mehr Mühe und gewinnt erst in der zwölften Runde. Dadurch erweckt er bei den Zuschauern den Eindruck, er wäre schlagbar. dies trägt auch dazu bei, daß Goulet allmählich zum Favoriten wird.

Anschließend gelingt es Moon den Millionär Cawley als Geldgeber für den bevorstehenden Kampf zwischen Goulet und Dugan zu gewinnen, indem er ihn mit erfundenen Angeboten angeblicher kubanischer Geschäftsleuten unter Druck setzt.

Etwas später wird der Erzähler von Moon angesprochen, der ihn als Gefährten zum Zeitvertreib im Trainingscamp engagieren will, den Dugan hat Probleme sich für das Training zu motivieren, da er weiß, daß es unnötig ist. Er muß sich aber Mühe geben, damit die Zuschauer nicht den Verdacht schöpfen Goulet sei kein ernstzunehmender Gegner.

Natürlich gewinnt Dugan den Kampf mit Leichtigkeit. Goulet und sein Manager sind glücklich und der Promoter Cawley macht eine halbe Million Gewinn.

Die in dieser Kurzgeschichte beschriebenen Personen und Ereignisse lassen keinen Zweifel zu, daß es sich dabei um eine satirische Darstellung der Vorgänge um den Kampf zwischen Jack Dempsey und dem Franzosen George Carpentier handelt. Der englische Gegner Carpentiers hieß „Bombardier“ Billi Wells, der amerikanische Battling Levinsky. So lassen sich praktisch für alle Charaktere in dieser Kurzgeschichte Vorbilder aus dem echten Leben finden. Es wird vollends klar, daß Lardner hier nur wahre Sachverhalte satirisch überspitzt darstellte, wenn man in Betracht zieht, daß der tatsächliche Kampf unter dem Titel The Battle of the Century vermarktet wurde.

(C) Martin Scheja

Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Ring Lardner (2) „A Frame Up“

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Der Ich-Erzähler dieser Kurzgeschichte berichtet, wie vor etwa einem Jahr ein heruntergekommener Bauernbursche namens Burke in einem Boxclub in Chicago auftauchte und dem Trainer Howard 700 Dollar anbot, damit er ihn lehrte, wie man boxt. Der Junge wollte dann, nach ein paar Trainingsstunden, einen der besten Weltergewichtler besiegen. Der Trainer wollte das Geld jedoch zunächst nicht annehmen, denn er hielt das Anliegen des Jungen für unerfüllbar und wollte ihn nicht ausnehmen. Der Junge überzeugt ihn schließlich doch. Als der Trainer danach fragte, warum er ausgerechnet jenen Porter besiegen wollte antwortet er nur, daß er einen Grund habe.

Als der Junge seine Kleidung ablegte erkannte ihn Howard als wahren Adonis:

„Howard says he felt like inviting the best sculptures [sculptors] in Chi to come and take a look. `I was going to box with him myself,´ says Howard, `but not after I seen them shoulder muscles. I figured I didn´t have enough insurance to justify me putting on the gloves with this bird. […].´“ [Lardner How. 254]

Burke erwies sich als geborener Boxer, wollte jedoch beim Training auf keinen Fall hart zuschlagen.

Burke hielt sich einen Monat außerhalb Chicagos auf und als Howard bei seiner Rückkehr nicht anwesend ist wendet er sich an den Boxmanager Nate. Inzwischen hatte der Bauernjunge sich neu eingekleidet und wollte nun richtig ins Boxgeschäft einsteigen. Sein Vater wollte nämlich, daß er ein Mädchen heiratete, daß jedoch in jenen Porter verliebt war. Deshalb schlug er ihn auch in einem Kampf, der während seiner Abwesendheit aus Chicago stattfand mit einem Schlag bewußtlos und brach ihm den Kiefer. Danach wurde ihm jedoch klar, daß er auch bei anderen Frauen Chancen hatte und er brach mit seinem Vater, um Boxer zu werden.

Nate organisierte Kämpfe für Burke, die er alle spielend gewann, allerdings ohne hart zuzuschlagen. Zum Beispiel gegen Red Harris:

„Red never laid a glove on him the whole bout, w´ile Nate´s boy played him like a piano. But it was soft music and when it ws over neither of them had a mark.“ [Lardner. How.  260]

In der Zwischenzeit zeigte Burke großes Interesse für Frauen. Als er bei einer Veranstaltung die Frau seiner Träume entdeckte, entwickelte Jack Grace, ein Mitarbeiter Nates spontan einen Plan. Er behauptete die Frau sei „Esther Fester“, die Tochter des Milliardärs „Lester Fester“ und hätte bisher alle Anträge abgelehnt, da sie nur einen Champion heiraten wollte. Außerdem sei sie ein großer Fan Kemps, des nächsten Gegners von Burke.

Nate und Jack fingierten Briefe von „Esther“ an Burke mit denen sie diesen für den bevorstehenden Kampf gegen Kemp aufstachelten. Der Plan ging auf und der junge Boxer gewannt in der ersten Runde. In einem weiteren Brief von „Esther“, den die beiden Burke nach dem Kampf schickten, stand, daß sie überraschend nach Europa reisen mußte. Als der junge Boxer und der Ich-Erzähler den Manager Nate einige Tage später zum Bahnhof begleiteten sahen sie dort überraschen jene Frau, die sie „Esther“ genannt hatten. Burke sprach sie an, wurde aber verständlicherweise brüsk zurückgewiesen. Von einem Begleiter der Dame erfuhr er schließlich, daß ihr richtiger Name Mary Holt war. Daraufhin machte er sich davon und kehrte erst am Tag bevor der Ich-Erzähler von den Ereignissen berichtete nach Chicago zurück, um Geld zu bekommen.

Der Boxer Burke erinnert in vieler Hinsicht an Pat Glendon. Er ist gutmütig, unglaublich talentiert, kann seine Kämpfe mit nur einem Schlag entscheiden, wenn er nur will und er kommt vom Lande. Sein Geschick im Umgang mit Frauen ist aber nicht gut entwickelt und seine „Esther Fester“ hat nur insofern Ähnlichkeit mit Maud Sangster, als auch sie Millionenerbin ist. Die Geschichte beruht auf de beliebten Motiv des trickster outtricked, zu deutsch vielleicht „wer anderen eine Grube gräbt fällt selbst hinein“, das schon Mark Twain verwendete.

„A Frame Up“ weißt gewisse Ähnlichkeiten zu Hemingway Frühwerken „A Matter of Color“ und „The Current“ auf. Hemingways Werke entstanden jedoch vorher und hatten sicherlich keinen Einfluß auf Lardner, da sie nicht oder nur in einer Schülerzeitung veröffentlicht wurden.

„A Frame Up“ zeichnet sich vor allem durch den Humor in der sprachlichen Darstellung aus. Es ist keinerlei Kritik am Boxen oder den Beteiligten zu erkennen. Die Manager sind eigentlich gutmütig und spielen dem jungen Burke nur einen Streich, allerdings zu ihren Gunsten. Burke selbst ist ein Beispiel für das Klischee des Bauernjungen, der eigentlich nicht dumm ist, sich aber in derr großen Welt nicht so ganz zurecht findet. Das Boxen bildet also nur die Kulisse für diese Komödie und die Kämpfe werden nicht argestellt sondern nur nachträglich erwähnt.

(C) Martin Scheja