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Tom Spring

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So schön auch das World Wide Web ist, die reale und analoge Welt ziehe ich ihm vor. Man kann zwar Bücher von überall auf der Welt beziehen. Und das ist ja auch schön, aber es ist doch ziemlich unsinnlich. Das Buch – und mit ihm der Boxer, den ich hier vorstellen möchte – kam nicht übers Internet, sondern in London zu mir. An einem sonnigen Sonntagnachmittag schlenderte ich auf einem Spaziergang an einem kleinen Antiquariat vorbei. Ich ging hinein, stöberte etwas herum und fand dort “Tom Spring” von John Hurley – ein sehr schönes und empfehlenswertes Buch. Mit meiner Neuerwerbung versehen, fand ich wenig später einen Platz auf einer Bank vor einem netten alten und altmodischen Pub, wo ich dann in der Nachmittagssonne, ein Real Ale vor mir auf dem Tisch, anfing, mich mit Tom Spring zu beschäftigen. So etwas passiert in der realen Welt, das World Wide Web kann einem das nicht bieten.
Tom Spring, geboren als Thomas Winter (22. Februar 1795 – 20. August 1851), war ein englischer Bare-Knuckle Boxer – einer der ganz Großen. Er war Schwergewichtschampion von England von 1821 bis 1824. Spring gilt als einer der „wissenschaftlichsten“ der frühen englischen Boxer. Es setzte sich mit der Technik des Boxens auseinander, was zu seiner Zeit unüblich war. Da er keinen harten Punch hatte, war er darauf angewiesen, dass seine Deckung hielt. Er hatte eine gute Beinarbeit. Er musste seine Gegner ermüden, um sie dann mit seinen relativ starken linken Haken eventuell doch zu fällen. Seine Hände waren sehr verletzungsanfällig.

Geboren wurde Winter in Witchend in Fownhope, Herefordshire. Er kam aus einer Boxerfamilie; sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren Boxer. Wie sein Vater wurde auch er Metzger von Beruf. Der in der Nähe in Fownhope Court residierende elfte Duke of Norfolk veranstaltete für seine Gäste gerne Boxkämpfe mit den lokalen Boxern. Winter begeisterte den Adligen, der ihn von nun an unterstützte.
1811 verlor Winter seinen Trainer und Mentor, seinen Vater. Der wurde nämlich wegen seiner Schulden ins Gefängnis gesteckt. Im Frühjahr 1814 traf er dann auf den legendären und damals amtierenden Schwergewichtschampion Tom Cribb. (https://betker.wordpress.com/2011/11/19/tom-cribb-1/) Schon bald überzeugte er diesen von seinem Können. Winter ging mit Cribb (https://betker.wordpress.com/2011/11/20/tom-cribb-2/) nach London, der sein Trainer und Promoter wurde, und aus Winter wurde Spring.
1818 kämpfte Spring zweimal gegen den sehr erfahrenen Ned Painter. Der ersten Kampf, am 01. April 1818, wurde nach 31 Runden, einer Stunde und neunundzwanzig Minuten abgebrochen und Spring zum Sieger erklärt. Painter war vorher mehrfach ohne Schlagwirkung zu Boden gegangen. Mit diesem Sieg beanspruchte Spring den Titel des englischen Schwergewichtschampions.
Im Rückkampf, am 07. August 1818, unterlag er dann nach 42 Runden, einer Stunde und vier Minuten. Bereits in der ersten Runde war er nach einer sehr harten Rechten zum Kopf zu Boden gegangen. Von diesem Niederschlag erholte er sich nicht mehr. In Runde 42 gelang es ihm nicht mehr, auf die Beine zu kommen. Spring wollte unbedingt einen Rückkampf, aber Painter trat gegen ihn nie wieder an, woraufhin sich Spring wieder zum Titelhalter erklärte.
1822 hängte Springs Promoter, Mentor und Trainer Tom Cribb seine Handschuhe an den Nagel, wodurch der Britische Schwergewichtstitel vakant wurde. Cribb nominierte seinen Boxer Spring als seinen Nachfolger. Um diesen Titel zu verteidigen, bot Spring an, gegen jeden in England anzutreten. Aber niemand forderte ihn bis 1823 heraus.
Am 20 Mai 1823 trat er dann gegen Bill Neat an. Dieser hatte sich vorher über Springs Schlagstärke lustig gemacht und ihn als „Dienstmädchen der Dame“ bezeichnet. Der Kampf dauerte nur 37 Minuten. Spring schickte Neat bereits in der ersten Runde zu Boden. Danach verteidigte er (1824) zweimal erfolgreich seinen Titel gegen den Iren Jack Langan. Am 07. Januar brauchte er 77 Runden, zwei Stunden neunundzwanzig Minuten und am 08. Juni 76 Runden, eine Stunde und neunundvierzig Minuten.
Hiernach stieg er nicht mehr als Preisboxer in den Ring. Er erwarb das „Castle Inn“ in Holborn, das dem Boxer Bob Gregson gehört hatte. Hier traf sich nun das Boxen in England. Kämpfe wurden organisiert und Verträge unter seiner Aufsicht unterzeichnet. Spring suchte nach Kräften, der Korruption im englischen Boxen entgegenzutreten. Am 25. September 1828 wurde eine als „Fair Play Club“ bekannte Organisation gegründet, die sich zur Aufgabe setzte, das Boxen von kriminellen Machenschaften zu säubern. Spring wurde zum ersten Schatzmeister des Clubs gewählt.
Überschattet wurde seine Tätigkeit von zwei Kämpfen, die er für den irischen Champion im Schwergewicht, Simon Byrne, arrangierte. Im zweiten Kampf kämpfte Byrne am 30. Mai 1833 gegen James Burke um den Titel im Schwergewicht. Dieser Kampf wurde der zweitlängste Kampf der Boxgeschichte, nur der berühmte Kampf zwischen Andy Bowen und Jack Burke im Jahr 1893 dauerte länger. (https://betker.wordpress.com/2016/03/05/andy-bowen-vs-jack-burke-der-laengste-boxkampf-aller-zeiten/) Das Aufeinandertreffen der beiden gestaltete sich brutal und blutig. Und es wurden riesige Summen auf den Ausgang des Kampfes gesetzt. In der 99. Runde, Spring war Sekundant von Byrne, trug er seinen fast bewusstlosen Schützling in die Ringmitte. – Dazu muss man wissen, dass der Boxer in der Ringpause häufig auf dem Schoss seines Sekundanten saß. – Byrne wurde erneut niedergeschlagen und starb drei Tage später. Dazu ist allerdings anzumerken, dass derlei zu jener Zeit nicht selten vorkam.
Hatte Spring als Boxer schon gutes Geld verdient, so wurde er im Ruhestand reich. Dennoch galt er als großzügig und Boxern gegenüber, die weniger Glück gehabt hatten als er, als freigebig; er war hoch geachtet. Offensichtlich konnte er aber nicht mit Geld umgehen. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Später trennte er sich von seiner Frau. Sie starb mittellos im Holborn-Arbeitshaus. Spring starb am 20. August 1851 mit 56 Jahren. Er wurde unter seinem richtigen Namen Thomas Winter begraben.
Das Buch von Jon Hurley über Tom Spring ist ohne Einschränkung zu empfehlen. Es ist offensichtlich gut recherchiert und lässt sich gut herunter lesen. Seine besondere Stärke besteht darin, immer wieder ein anschauliches Bild von den Menschen dieser Zeit und ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu zeichnen.
Auch Sir Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes, schrieb eine Kurzgeschichte „Der Lord von Falconbridge“ mit Spring als Protagonisten. Hierzu aber später mehr.
(C) Uwe Betker

Rezension: Thomas Hauser „Brutal Artistry“

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Thomas Hauser ist einer der ganz Großen des Boxjournalismus. In relativ regelmäßigen Abständen veröffentlicht er Bücher über Boxen. Er hat das ultimative Buch über Muhammad Ali geschrieben: „Muhammad Ali: His Life and Times“, das auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Ein Buch von Hauser zu kaufen, ist eine sichere Sache. Man bekommt guten bis exzellenten Boxjournalismus, und so ist es auch bei „Brutal Artistry“.
Auch wenn es um ein so wichtiges Kulturgut geht, wie Bücher unter die Menschen bringen, so sind Buchverlage doch in erster Linie profitorientierte Firmen. So haben Verlage die Unart entwickelt, bei kommerziell erfolgreichen Autoren, besonders wenn sie Kurzgeschichten, Abhandlungen oder Artikel veröffentlichen, die Anzahl der Buchveröffentlichungen künstlich zu erhöhen. Teile aus mehreren schon veröffentlichten Büchern werden dann schon mal zu einem neuen zusammengestellt. Genau das ist auch bei „Brutal Artistry“ der Fall.
Hausers Buch ist dementsprechend sowohl ein Quell der Freude als auch ein richtiges Ärgernis. Wer „Muhammad Ali: His Life and Times“ schon gelesen hat, kann gut ein Drittel der versammelten Artikel überblättern. Und wer „A Beautyful Sickness“ und „A Year at the Fights“ auch hat, findet in dem hier zu besprechenden Buch buchstäblich nichts Neues.
Hauser versammelt in diesem Buch Artikel u. a. über Muhammad Ali, Henry Cooper, George Foreman, Audley Harrison, Evander Holyfield, Bernard Hopkins, Ray Leonard, Lennox Lewis, Shane Mosley und ganz viel über Mike Tyson. Einige der Artikel sind einfach phantastisch, wie der über die Niederlage von Naseem Hamed gegen Marco Antonio Barrera (am 07.04.2001) und von Michael Grants gegen Lennox Lewis (29.04.2000).
Am Ende bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Alle drei Bücher von Hauser zu kaufen, wäre in, meinen Augen, eigentlich besser. Kennt man sie aber noch nicht alle und es fällt einem „Brutal Artistry“ in die Finger, dann sollte man zugreifen und sei es allein aus dem Grund, dass es ein Buch von Thomas Hauser ist.
© Uwe Betker

Rezension: Szczepan Twardoch „Der Boxer“

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09.04.1988 fand einer der ganz großen Boxkämpfe im Cruisergewicht statt; es boxten Evander Holyfield und Carlos De León gegeneinander. Eine Beschreibung dieses Kampfes, der als brutal und doch als zugleich von einer großen Schönheit bestimmt wird, fungiert im Buch als Schlüsselszene, die man als Bild, das eine pointierte Zusammenfassung des Romangeschehens enthält, lesen kann: „Holyfield bearbeitete de Leóns Rumpf, drückte ihn die ganze Zeit in die Seile, dann verlegte er seine Drescharbeit auf de Leóns Kopf, de León versuchte ein paar Erwiderungen, doch schwach waren seine Schläge, ganz schwach. […]
Den Rest der Wiederholung haben sie gekürzt, gleich nach Tysons Kommentar kam die siebte Runde. Holyfield traf de León mehrmals am Kopf, sodass er sich nur noch mit Mühe auf den Beinen hielt. In der achten ein Massaker: de León nur deshalb noch aufrecht, weil er in den Seilen hing, Holyfield demolierte seinen Kopf, schließlich brach der Ringrichter den Kampf ab.
Ich bewunderte de Leóns Niederlage zutiefst. Solche Prügel einzustecken und weiter auf den Beinen zu bleiben … Das war schon was.“ [Twardoch „Der Boxer, Seite 148f]
Ebendiesen Kampf sieht der Erzähler, Mojzesz Bernstein, während er die/seine Geschichte niederschreibt bzw. sie in Rückblicken erzählt. Er erinnert sich an seine Jugend als armer Jude in Warschau, dem Warschau vor dem Einmarsch der Nazis. Das Zwischenkriegs-Polen des Jahres 1937 bildet den historischen Hintergrund, ein Polen, das nach dem Tod Jozef Pilsudskis (1935) politisch wie ethnisch zerriss. Rechte und Linke, Faschisten, Antisemiten, Juden, Gangster und korrupte Politiker standen sich in einem gnadenlosen Kampf gegenüber, in dem keine Seite auch vor den abscheulichsten Taten nicht zurückschreckte. Diese historische Situation, in der ein Putsch rechtsnationaler und rechtsradikaler Kräfte in der Luft lag, polnische Juden, rund 10 % der polnischen Bevölkerung, immer stärker diskriminiert wurden und es zu Boykotten und Pogromen kam, liefert die aufgeladene Atmosphäre für die Romanhandlung. Wir erfahren auch, dass an Universitäten so genannte „Hörsaal-Ghettos“ eingeführt wurden, d.h. für jüdische Studenten wurden ausgewiesene Bänke eingerichtet, auf denen sie zu sitzen hatten.

Der 17-Jährige Bernstein wird Zeuge, wie sein Vater von dem Titelhelden Jakub Shapiro auf bestialische Weise getötet, zerstückelt und entsorgt wird. Dennoch lässt er sich später von eben jenem Shapiro als Ziehsohn aufnehmen. Den Anfang der Beziehung markiert ein Amateurboxkampf, bei dem der Jude Shapiro auf den katholischen Polen Andrzej Ziembinski trifft, einen Faschisten, blond und groß, „wie die deutschen Sportler, arische Halbgötter auf den Fotos und Zeichnungen, die man manchmal in den Illustrierten fand.“ Shapiro strahlt eine andere Art von Schönheit aus, er ist „anders schön als Ziembinski, eine gleichsam finstere Art von Schönheit.“ Shapiro gewinnt durch KO und verschafft den unterdrückten Juden im Publikum dadurch eine kurzzeitige Genugtuung. Das gibt auch den Ausschlag dafür, dass Bernstein sich ihm anschließt. In der Folge wird er Shapiros Handlanger. Er lernt das Boxen und er begleitet Shapiro, auch zu dem (nicht-jüdischen) Unterwelt-Paten Jan Kaplica, in dessen Diensten der Boxer steht, dessen „rechte Hand“ er ist, sein Mann fürs „Grobe“. Shapiro treibt Schutzgelder ein, führt Straßenschlachten, begeht gelegentlich Morde und beseitigt Leichen. Im Warschau jener Zeit, das wird überdeutlich, geht es in erster Linie ums Überleben.
„Der Boxer“ ist kein Buch für Zartbesaitete. Es ist ein brutales Buch. Es ist sehr brutal. Gegen Ende des Buches meint man, der Brutalität nun endlich entronnen zu sein. Aber weit gefehlt! Die letzten eineinhalb Seiten stellen an Grausamkeit noch mal alles Vorangegangene in den Schatten. Der Autor zerstört hier noch seine letzten überlebenden Figuren. Wie schon gesagt: „Der Boxer“ ist nichts für Zartbesaitete.
„Der Boxer“ von Twardoch kommt daher als rasante, atmosphärisch dichte Gangsterballade, enthüllt dem genaueren Blick aber noch sehr viel mehr. Es geht nämlich hier um Schönheit, um eine Schönheit der Sprache und Schönheit auch im Schrecken.
Twardoch ist nicht nett zu seinen Figuren. Er drückt zwar schon eine gewisse Sympathie für sie aus, gleichwohl versetzt er sie mitleidlos in eine Hölle, in der es keine Zuneigung und kein Miteinander gibt. Alle auftretenden Personen sind mehr oder weniger böse und vor allem leben sie in einer brutalen Welt, die sie nur ihre schlechtesten Eigenschaften entwickeln lässt. Einigen wenigen Figuren gewährt Twardoch ein Überleben, aber damit noch lange kein „Happy End“. Unter dem Schatten des kommenden Holocaust gerät ein solches Überleben noch brutaler, grausamer und härter als der Tod.
Trotz aller Schmissigkeit und Rasanz haben wir es mit einer komplexen Geschichte zu tun. Das Buch bewegt sich auf verschiedenen Ebenen. Zunächst einmal haben wir verschiedene Zeitebenen, 1937 in Warschau und 1988 in Israel. Es hat auch eine metaphysische Ebene, die ihren Ausdruck findet in dem nur für wenige sichtbaren, durch die Luft schwebenden Pottwal, der sich von schwarzer Milch ernährt, womit dann schon gleich diversre literarische Bezüge angedeutet werden (Herman Melville, Thomas Hobbes und Paul Celan – ich höre schon auf). Schließlich verschwimmen die Grenzen der erzählten Realität immer mehr. Im Verlauf der Lektüre gerät man in wachsende Zweifel an der Identität des Erzählers. Ist es wirklich Bernstein, der sich jetzt Mojzesz Inbar nennt, ein ehemaliger Militär und ein alter, gebrochener Mann, der sich da erinnert, oder womöglich Shapiro?
„Der Boxer“ von Szczepan Twardoch ist schlicht ganz große Literatur. Seit ewigen Zeiten ist mir kein literarisches Werk untergekommen, das mit einer solchen sprachlichen Kraft und Intensität auf mich gewirkt hätte. Und ich finde auch, es ist ein Muss für jeden Boxfan, Boxer, Trainer, Leser und Nicht-Leser.
(C) Uwe Betker

Rezension: „The Golden Age of Boxing“ von Ian Welch

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Das World Wide Web mit seinen globalen Marktplätzen verführt mich immer wieder dazu, blind irgendwelche Boxbücher zu kaufen. So kam ich auch zu „The Golden Age of Boxing“ von Ian Welch, für etwas mehr als das Standardporto.
Das kleinformatige Büchlein mit vielen Fotos erwies sich dann mit seinen 130 Seiten als recht kurzweilig. In diesem Buch von 2010 findet sich eine kurze Abhandlung über „Die Geburt des modernen Boxens“. Hinzu kommen Kurzportraits von Muhammad Ali, Wilfred Benitez, Joe Calzaghe, Julio Cesar Chavez, Robeto Duran, Chris Eubank, George Foreman, Wilfredo Gomez, Rocky Graciano, Marvin Hagler, Larry Holmes, Roy Jones Jr., Jake LaMotta, Ray Leonard, Joe Louis, Rocky Marciano, Floyd Mayweather Jr., Manny Paquiao, Ray Robinson und Mike Tyson. Legendäre Kämpfe, Walcott vs. Marciano, Foreman vs. Ali, Ali vs. Frazier III, Duran vs. Leonard, Leonard vs. Hearns, Limon vs. Chacon, Hagler vs. Hearns, Tyson vs. Douglas, Chavez vs. Taylor, Benn vs. Eubank, Holyfield vs. Bowe, War vs. Gatti, Barrera vs. Gatti, Corrales vs. Castillo und Marquez vs. Vasques, werden auch kurz dargestellt. Hinzu kommen Zitate, Tabellen, Boxen im Kino und Fakten.
„The Golden Age of Boxing“ von Ian Welch ist isgesamt schon ein hübsches, kurzes und kurzweiliges Büchlein. Allerdings bringt es für einen Boxfan, der sich für Boxgeschichte interessiert, nichts Neues. Aber es macht Spaß, das Buch zu lesen oder auch nur durchzublättern. Wer also die globalen Marktplätze des World Wide Web durchstöbert, wird es mit ein wenig Glück erstehen können. Für den Preis eines Kaffees bietet es dann immerhin gute Unterhaltung für die Länge von zwei Tassen Kaffee.
(C) Uwe Betker

Rezension: „K.o. nach zwölf Runden“ von Christine Rocchigiani

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Christine Rocchigiani, zehn Jahre lang erst Partnerin, dann Ehefrau und Managerin von Graciano Rocchigiani, hat zusammen mit Claudia Weingärtner, einer Redakteurin bei der BILD Zeitung, ihre Autobiographie geschrieben. Sie erschien 2013. Irgendwie habe ich mir davon einige interessante Aufschlüsse versprochen. Christine Rocchigiani war schließlich eine Zeitlang in der deutschen Boxszene nicht zu übersehen. Allein die Tatsache, dass dort eine Frau für ihren boxenden Mann für alle sichtbar da war, machte sie zu einer interessanten Figur.
Um es aber gleich vorweg zu sagen: Ich wurde enttäuscht. Solche Aufschlüsse habe ich nicht bekommen. Das Buch hat mich eher überfordert.
Es fängt damit an, dass Christine Rocchigiani im Prolog erzählt, wie Graciano, offensichtlich betrunken, versucht, ins Ehebett zu pinkeln, weil er die Toilette nicht findet. Diese Szene ihrer Ehe bedeutet dann wohl auch ihr Ende. Alsdann springt sie in ihren Ausführungen zurück und erzählt, wie sie Graciano kennen gelernt hat. Und dann stoße ich, auf Seite 15f., auf Sätze, die ich einfach nicht verstehe. Da lese ich: „Ich bin selbstsicher, eigentlich. Immer schon. (…) Ich bin nicht zu klein, nicht zu groß, meine Taille ist etwas schlanker als das perfekte Modemaß von 90, mein Bauch flach. Na gut, meine Brüste könnten etwas größer sein, aber sie sind mal, wie sie sind. Es gibt Schlimmeres, als einen kleinen Busen zu haben – der besteht wenigstens länger den >>Bleistifttest<>Handvoll<< aussieht.“ – Und dann fragt sich auch, wieso erzählt sie mir das?
Es fällt auf, dass Christine Rocchigiani ihre Geschichte in Präsenz schreibt, also in der Gegenwartsform. Sie schreibt also, als würde ihr alles gerade jetzt passieren. Warum? Das stört ja auch den Erzählfluss. Und dann, besonders irritierend für mich, schreibt die jetzige Christine Rocchigiani am Ende ich glaube jedes Kapitels/Runde auch noch der jüngeren Christine Rocchigiani Briefe. Das überfordert mich nun vollends. Auf Seite 23 liest sich dann: „Liebe junge, unbedarfte Christine, hier schreibt Dein späteres Ich, und wenn ich mir diese Szenen aus dem Jahre 1989 durch den Kopf gehen lasse, kann ich nur an genau diesen fassen. Mein Gott, ist das alles schon ein Vierteljahrhundert her?! Es fühlt sich an, als wäre es gerade eben erst gewesen.“ – Ich bin einfach überfordert.
Viel weiter bin ich dann auch erst mal nicht gekommen. Im Weiteren habe ich das Buch nur noch quergelesen und nach Dingen gesucht, das Boxen betreffend, die mich interessieren oder die was Neues zum Vorschein bringen könnten. Da habe ich aber leider nichts finden können. Dabei war Christine Rocchigiani doch immerhin die Managerin von Graciano. Von Vertragsverhandlungen z.B. erfahre ich aber so gut wie gar nichts. Nichts verrät sie darüber – kann natürlich auch sein, dass ich es überlesen habe –, wie sie Kämpfe und Trainingslager organisiert und Verträge ausgehandelt hat. Ausgiebig breitet sie sich dagegen aus über ihr Eheleben. Aber will das denn einer wissen, ich zumindest sicher nicht. Ich persönlich hatte mir da doch was anderes erhofft. Am Ende Buches bekomme ich dann auch noch einen Zwölf-Punkte-Plan für ein leichteres und bereichertes Leben. Und wieder bin ich komplett überfordert.
Der Autobiographie „K.o. nach zwölf Runden“ von Christine Rocchigiani und Claudia Weingärtner fühle ich mich jedenfalls inhaltlich wie stilistisch nicht gewachsen. Daher kann ich auch nicht sagen, ob sie gut oder schlecht ist. Ich kann mit dem Buch schlicht nichts anfangen.
(C) Uwe Betker

Rezension: „Selbstverteidigung für Frauen“ von Jürgen Höller, Stefan Reinisch und Axel Maluschka – ein Muss

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Wenn ein Buch „Selbstverteidigung für Frauen“ heißt, dann werde ich erst mal skeptisch. Da komme ich gleich auf die Idee, dass sich ein Verlag die Vorkommnisse von Silvester in Köln zu nutze machen. Wie soll eine Frau auch nur durchs Lesen eines Buches Selbstverteidigung lernen?
Auch das erste schnelle Durchblättern verwirrte mich. Das erste Drittel des Buches besteht aus ganz viel Text. Man findet Statistiken und Beispiele von Übergriffen auf Mädchen und Frauen. Erst danach geht es konkret um Verteidigungstechniken, die auch mit Fotofolgen erklärt werden. Also die Skepsis war groß und umso größer war dann die positive Überraschung. Beim Lesen nämlich zeigte sich, wie wichtig und richtig der gewählte Aufbau tatsächlich ist.
Bereits das Vorwort nahm mich für das Buch ein. Dort steht: „Bei einem Angriff ist nicht der Sieg anzustreben, sondern die Möglichkeit, bestenfalls unbeschadet weglaufen zu können bzw. aus der Situation herauszukommen. In diesem Sinne hoffen wir [die Autoren des Buches, Anm. U.B.], dass dieses Buch Frauen hilft Selbstverteidigungssituationen zu meistern, d.h. einem Angriff unbeeinträchtigt entkommen zu können. Unserer Meinung nach genügt es zur Vorbereitung allerdings nicht, ein Buch zu lesen. Der Besuch eines Kurses oder besser eines längeren Trainings ist Pflicht. In diesem Sinne schrieben wir dieses Buch auch für Trainerinnen und Trainer, die diese Kurse planen und durchführen (möchten).“
9783840375002
Wie die Autoren sagen, das Buch richtet sich an Mädchen und Frauen und an Trainerinnen und Trainer. Das Buch bezweckt zunächst mal, dass weibliche Leser, die nicht Kampfsport betreiben, dahin geführt werden, sich mit dem Thema Gewalt und Selbstverteidigung gedanklich und theoretisch auseinanderzusetzen. Dann kommt die Erkenntnis: „Gegenwehr ist sinnvoll!“ Das veranschaulichen die Autoren auch anhand von Statistiken. Verschieden Formen der Gegenwehr werden anhand konkreter Fallbeispiele veranschaulicht.
Aber auch für Trainerinnen und Trainer ist dieser Teil von Interesse. Will man einen Selbstverteidigungskurs für Mädchen und Frauen anbieten, macht es nämlich gar keinen Sinn, einfach nur Kampfsporttraining anzubieten. Die Anforderungen an einen solchen Kurs sind andere und darüber sollte man sich vorher Gedanken machen.
Auch der Teil mit den Verteidigungstechniken in verschiedenen Angriffssituationen ist sehr informativ. Ich wünsche diesem sehr guten Buch viele Mädchen und Frauen, aber auch Trainerinnen und Trainer als Leser. Für die Frauen ist es ein guter Einstieg in die Selbstverteidigung und die Trainer werden konfrontiert mit einer realistischen Sicht der Ausgangssituation dieser Frauen, so dass sie einen guten Einstieg in Selbstverteidigungskurse an die Hand bekommen. „Selbstverteidigung für Frauen“ von Jürgen Höller, Stefan Reinisch und Axel Maluschka ist einfach ein Muss.
© Uwe Betker

Rezension: “Dandy” von Daniel Patrick Joseph

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Der Autor Daniel P. Joseph ist der Sohn von Dandy Dillon (47 Kämpfe, 20 Siege, 9 durch KO, 18 Niederlagen, 3 durch KO, 9 Unentschieden), einem Federgewichtsboxer, der zwischen 1920 und 1927 aktiv war. Sein Vater starb, als Joseph siebzehn Jahre alt war. Vermutlich kannte er seinen Vater kaum. Die Eltern waren geschieden und der Autor lebte wohl bei seiner Mutter. In den letzten Jahres seines Lebens hatte Dillon auch psychische Probleme. Mit dieser Biographie versucht Joseph, seinem Vater, fast ein halbes Jahrhundert nach dessen Tod, ein Denkmal zu setzen. In seinen eigenen Worten klingt das so: “Writing the story of my father’s life was a labour of love.” Herausgekommen ist ein schmales Bändchen von 136 Seiten.
Danny Dillon wird am14.07.1903 in Grigoriopol in Moldawien, als Moishe Josofsky geboren. Seine Eltern fliehen vor den antijüdischen Pogromen des russischen Zarenreichs in die USA. Dort fängt Dillon, zusammen mit seinem Bruder, an zu boxen. Mit 16 Jahren wird er Profiboxer. Er ist einer von vielen jüdischen Boxern dieser Zeit. Er wird schnell bekannt und macht schnell Karriere. Aber der ganz große Erfolg bleibt ihm verwehrt. Nachdem er seine Boxhandschuhe an den berühmten Nagel gehängt hat, ist er als Trainer, Boxmanager, Restaurantbesitzer, Kneipenbesitzer, Taxifahrer und Verschiedenes mehr tätig. Hinzu kommen mehrere Ehen und verschiedene Kinder. Er stirbt am 28.02.1968 mit 64 Jahren.
Als Grundlage für das Buch, so der Autor, dienten ihm Sammelalben mit Zeitungsausschnitten und Internetrecherchen. Ein Grossteil des Buches besteht aus Beschreibungen der einzelnen Kämpfe, Runde für Runde. Der Sohn von Dandy Dillon verlässt sich dabei doch offensichtlich sehr aufs Internet. Er ist stolz darauf, dass sein Vater mit 17, in seinem zwölften Kampf, Champion wurde; er wurde Kanadischer Meister im Fliegengewicht. Er besiegte am 08.12.1920 Percy Buzza, den amtierenden Kanadischen Meister im Bantamgewicht. Das kann man auch nachlesen auf boxrec. Es bleibt aber weiterer Klärungsbedarf. Da sind noch einige Fragen offen, Fragen, wie: Wieso wird ein us-amerikanischer Boxer eigentlich kanadischer Meister? Wieso hat er den Titel nicht verteidigt, wenn er doch so stolz darauf war?
Bei einmal gewecktem Misstrauen stolpert man dann über immer mehr Ungereimtheiten. Am 06.09.1920 besiegte Dillon, seinem Sohn zufolge, Battling Baker, den Schottischen Meister. Dieser Kampf aber war Bakers Profidebüt. Auch, was ich da an Kampfbeschreibungen zu lesen bekomme, erscheint mir doch ziemlich unwahrscheinlich. Ich kann mir auch schlechterdings nicht vorstellen, dass Zeitungen in den zwanziger Jahren über jeden Kampf Runde für Runde berichtet haben. Die Abläufe der Kämpfe ähneln einander schon ein bisschen sehr. Viele Niederlagen sollen Fehlurteile gewesen sein. Aber belegt wird das, wenn ich es richtig gelesen habe, nur ein einziges Mal mit einem Zitat aus einer Zeitung.
Das Buch hangelt sich am Kampfrekord von Dillon entlang. Von seinem Leben erfährt man dagegen nicht so viel. Die Vorgeschichte, die Flucht vor den Pogromen, aber auch das Leben nach dem Boxen wird nur grob skizziert. Da stellt sich bei mir fast der Eindruck ein, der Autor hatte hierüber so gut wie keine Informationen. Wohlgemerkt der Autor ist der Sohn. Kein Wort verliert er auch darüber, wie Dandy Dillon so als Vater war.
Zusammenfassend kann ich nur sagen, “Dandy” von Daniel Patrick Joseph ist ein seltsames Buch. Es ist schmal, unterhaltsam und man hat es schnell gelesen. Aber, eine Biographie von Dandy Dillon ist es irgendwie nicht. Vielmehr erscheint es eher als das Produkt der Suche eines um die 60 Jahre alten Mannes nach seinem Vater, den er wohl nie richtig gekannt hat. Der Wunsch springt einen an, sein Vater möge mehr gewesen sein als nur einer von vielen guten jüdischen Boxern seiner Zeit, der Wunsch, sein Vater möge etwas Besonderes gewesen sein. Als würde die Erinnerung an einen Vater Dandy Dillon, der ein ganz besonderer Boxer gewesen wäre, seiner Abwesenheit als Vater nachträglich doch noch einen gewissen Sinn geben können. Daher erscheint mir das Buch nicht nur zwiespältig, sondern auch als ein trauriges Vergnügen.
© Uwe Betker