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Rezension: „Old Holborn Book of Boxing“, herausgegeben von Peter Wilson

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Das Internet verleitet mich manchmal zu blinden Bücherkäufen. Bei meinen Ausflügen im Internet stieß ich so auf eine Anzeige, in der nur ein schlechter Scan vom Cover zu sehen war. Kein Autor wurde genannt, keine Inhaltsangabe gegeben – nichts. Aber das Kaufrisiko war gering. Inklusive Versand sollte das Buch weniger als eine Packung Zigarettentabak kosten – und dabei rauche ich seit einer kleinen Ewigkeit schon nicht mehr.
Das Exemplar des „Old Holborn Book of Boxing“, das ich bekam, war ein vergilbtes Taschenbuch, 160 Seiten stark und auf relativ schlechtem Papier gedruckt. In der Mitte finden sich auf 16 Seiten aus glattem und dickem Papier sogar Fotos; sie füllen jeweils eine Seite, einige sind sogar in Farbe. Es ist zu vermuten, dass dieses Buch nicht über den Buchhandel vertrieben wurde. Man findet auch keinen aufgedruckten Preis. Offenbar war es Teil einer Werbekampagne für die englische Zigarettentabakmarke „Old Holborn“. Dem Inhalt ist zu entnehmen, dass es 1969 erschien ist. Der Herausgeber ist Peter Wilson, der auch viele der Texte selber geschrieben hat. Nun muss man wissen, dass Wilson von Mitte der 30er Jahre bis in die 70er Jahre hinein im Daily Mirror über Boxen schrieb. Und wie er schrieb!
Das Buch beginnt mit einer kurzen Einleitung, die einen kurzen Abriss der Geschichte des Boxens präsentiert. Es folgt ein Abschnitt mit dem Titel „Twelve fights I shall never forget“. Hier beschreibt Wilson und/oder erzählt zwölf Kämpfe nach, bei denen er selbst am Ring saß und die für ihn aus ganz verschiedenen, zum Teil sehr subjektiven Gründen, unvergesslich waren:
Rocky Marciano vs. Jersey Joe Walcott (23.09.1952)
Joe Louis vs. Max Schmeling II (22.06.1938)
Sonny Liston vs. Floyd Patterson I (25.08.1962)
Cassius Clay vs. Cleveland Williams (14.11.1966)
Archie Moore vs. Yvon Durelle II (12.08.1959)
Sugar Ray Robinson vs. Joey Maxim (25.06.1952)
Sugar Ray Robinson vs. Carmen Basilio (23.09.1957)
Henry Armstrong vs. Ernie Roderick (25.05.1939)
Ike Williams vs. Ronnie James (04.09.1945)
Sand Saddler vs. Ray Famechon (25.10.1954)
Eder Jofre vs. Johnny Caldwell (18.01.1962)
Benny Lynch vs. Peter Kane (13.10.1937)
Wie Wilson schreibt, ist schon wirklich beeindruckend. Er ist ein großer Könner der Boxjournalistik. Diese zwölf Beschreibungen der Kämpfe sind mit das Beste, was ich an Kampfberichten je gelesen habe. – Einfach nur großartig. Wenn man sich an Begriffen, die heute nicht mehr politisch korrekt sind, nicht stößt, entdeckt man einen Großmeister des Sportjournalismus. Seine Sprache ist schön, klar, präzise und manchmal sogar poetisch.
Es folgt eine Portraitgalerie der Britischen Meister, unter ihnen Henry Cooper, der auch das Cover ziert, Ken Buchanan und Alan Rudkin. – Gibt es heute einen Verband in Deutschland, der in allen Gewichtsklassen Meister hat?
Es gibt einen großen Artikel über Jimmy Wilde, der im Erscheinungsjahr gestorben ist. Wilde, the Mighty Atom, war einer der besten Fliegengewichtler aller Zeiten. Das Büchlein enthält noch ein Box-Quiz, einen Artikel übers Amateurboxen, gefolgt von Kurzportraits aller amtierenden britischen Amateurmeister. Hinzu kommen Artikel über Veranstalter, über die Geldanlagen erfolgreicher Boxer, Frauen im Boxen, Henry Cooper, Cutmen, Ringrichter und ein Foto-Quiz.
Den Abschluss bildet eine Liste der Weltmeister von 1872 bis 1969. Wobei die amtierenden Weltmeister (Muhammad Ali, Joe Frazier, Jimmy Ellis, Bob Foster, Nino Benvenutti, Curtis Cokes, Amando Ramos, Johnny Famechon, Lionel Rose, Efren Torres) noch jeweils in einem Kurzportrait vorgestellt werden. Zum Schluss erfahren wir dann noch die Auflösung des Bilderquiz.
„Old Holborn Book of Boxing“, herausgegeben von Peter Wilson = 160 Seiten voll Spaß und Unterhaltung. Wo bekommt man für weniger als eine Packung Zigarettentabak noch so viel geboten? Nur im Internet.
© Uwe Betker

Rezension: „Boxing’s Strangest Fights“ von Graeme Kent

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Graeme Kent ist ein Autor, der schon jede Menge Bücher geschrieben hat, darunter auch einige über das Boxen. Sein Buch „Boxing’s Strangest Fights“ erschien zum ersten Mal 1991 und hat mittlerweile schon mehrere Auflagen erlebt. Das Konzept ist so simpel wie genial. Es werden einfach nur Geschichten von seltsamen Boxkämpfen erzählt.
Abgedeckt wird der Zeitraum von 1722 bis 1990, also mehr als 250 Jahre Boxen. Insgesamt werden 102 Geschichten erzählt, die zwischen 1 und 3 Seiten lang sind. „Boxing’s Strangest Fights“ ist also kein Buch, das man in einem Rutsch durchliest, sondern es ist ein Almanach, in dem man jeden Tag eine kleine Geschichte lesen kann.
Der Schwerpunkte dieser Auswahl liegt auf den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts und auf Groß Britannien. Leider gibt es hier, wie in fast keinem Boxbuch, ein Register, was das Wiederlesen des Buches oder die Recherche schon deutlich vereinfachen würde. Aber die Kämpfe werden in chronologischer Reihenfolge behandelt. Es finden sich im Buch Namen wie: Muhammad Ali, Abe Attell, Max Baer, Tommy Burns, George Carpentier, Marcel Cerdan, Primo Carnera, Jack Dempsey, Roberto Duran, Chris Eubank, Luis Angel Firpo, Bob Fitzsimmons, Jack Johnson, Ingemar Johansson, Harry Grebb, Mitch Green, Jake LaMotta, Joe Louis, Rocky Marciano, Archie Moore, Battling Nelson, Johnny Nelson, Ken Norton, Sandy Sadler, Max Schmeling, John L. Sullivan, Willie Pastrano, Ray Robinson, Mike Tyson, Jimmy Wilde und viele andere.
© Uwe Betker

Gedankenspiele rund um Wladimir Klitschkos Platz in der Geschichte

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Es gibt Sportjournalisten, besonders amerikanische und britische, die lieben Listen. Listen wie: Die besten Boxer, die härtesten Puncher, die besten Weltergewichtler, die besten Rechtsausleger usw.. All diese Listen haben ihre Berechtigung. Sie sind informativ und im besten Fall sogar amüsant. Das gilt gerade auch, wenn man sich selber vor Augen führen will, wo wohl der zukünftige Platz eines Boxers in der Boxgeschichte sein wird. Wladimir Klitschko (65 Kämpfe, 62 Siege, 52 durch KO, 3 Niederlagen, 3 durch KO) ist derzeit das Maß aller Dinge im Schwergewicht und das schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Aber wo wird sein Platz in der Geschichte sein?
Wenn man die besten 25 Schwergewichtler alle Zeiten sucht, fallen mit Sicherheit folgende Namen – die Reihenfolge variiert dann allerdings etwas:
1. Muhammad Ali
2. Joe Louis
3. George Foreman
4. Mike Tyson
5. Jack Johnson
6. Joe Frazier
7. Lennox Lewis
8. Jack Dempsey
9. Rocky Marciano
10. Sonny Liston
11. Larry Holmes
12. Jim Jeffries
13. Evander Holyfield
14. Gene Tunney
15. John L. Sullivan
16. Floyd Patterson
17. Harry Wills
18. Ezzard Charles
19. Riddick Bowe
20. Max Schmeling
21. Ken Norton
22. Joe Walcott
23. Sam Langford
24. Max Baer
25. Joe Jeanette

Eventuell auch noch:
James J. Corbett
Archie Moore
Jim Braddock

[Anmerkung: Dies ist nicht meine Liste!]

Irgendwo zwischen diesen Namen wird auch Wladimir Klitschko eingeordnet werden und damit einen anderen um einen Platz nach unten drücken. Ich gehe auch fast davon aus, dass er es unter die Top Ten schaffen wird.
Ein anderes Spiel, das Boxjournalisten, besonders die amerikanischen und britischen, gerne spielen, ist, sich vorzustellen, wie Kämpfe zwischen Boxern ausgehen würden, die nicht in derselben Zeit geboxt habe. Also wie würde Wladimir Klitschko gegen die anderen Boxer auf der Liste zu deren Hochzeit abschneiden. Wenn ich jetzt hier ein paar Gedanken notiere über einen möglichen Ausgang von solchen Paarungen, dann gehe ich natürlich ein relativ hohes Risiko ein, mich lächerlich zu machen, zumal ich mir auch nicht die Mühe gemacht habe, die einzelnen Boxer noch mal genauer zu studieren. Ich würde mich freuen, wenn ich korrigiert würde oder andere Meinungen zu hören bekäme.
Ich tendiere dazu, ausschließlich Boxer, die nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv waren, zu meinem Turnier einzuladen. Von den früheren gibt es halt nur wenige Filmaufnahmen. Ich aknn daher ihre Leistung aus eigener Anschauung nicht beurteilen. Joe Louis, Jack Johnson, Jack Dempsey, Jim Jeffries, Gene Tunney, John L. Sullivan, Harry Wills, Max Schmeling, Sam Langford, Max Baer, Joe Jeanette, James J. Corbett und Jim Braddock müssen darum leider zuschauen.
Es bleiben immerhin 15 Gegner für Klitschko übrig: Muhammad Ali, George Foreman, Mike Tyson, Joe Frazier, Lennox Lewis, Rocky Marciano, Sonny Liston, Larry Holmes, Evander Holyfield, Floyd Patterson, Ezzard Charles, Riddick Bowe, Ken Norton, Joe Walcott und Archie Moore. Alle 15 würden großartige Kämpfe gegen Klitschko abliefern. Leider finden sich aber auch einige unter ihnen, die keine Chance hätten. Ich gehe davon aus, dass Floyd Patterson, Ezzard Charles, Joe Walcott und Archie Moore keine Chance hätten, u. z. Ganz einfach deshalb, weil sie physisch zu schwach sind. Alle vier wären nach heutigem Standard eher im Halbschwergewicht anzusiedeln. Dies würde zwar in gewissem Grad auch für Evander Holyfield zutreffen. Der aber hat auch oft genug unter Beweis gestellt, dass er gegen physisch stärkere Boxer durchaus gewinnen konnte. Holyfield würde ich darum schon eine 50:50 Chance geben.
Der eigentlich körperlich sehr starke Riddick Bowe dürfte dagegen gegen Klitschko seine liebe Not haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dem Druck auf Dauer standhalten kann. Auch dürfte er Probleme mit dem Jab von Klitschko haben. Ähnliches trifft auch auf Ken Norton zu. Bowe hätte für mich eine 25:75 und Norton eine 20:80 Chance zu gewinnen.
Die beiden großen Führhandkünstler Sonny Liston und Larry Holmes würden mit ihrem Jab Klitschko allerdings große Schwierigkeiten bereiten. Klitschko stand noch mit keinem Boxer im Ring, der eine bessere und härtere Führhand hatte als er selbst. Ich könnte mir also vorstellen, dass sowohl Liston als auch Holmes ihn KO schlagen würden. Auch Lennox Lewis traue das zu, zumal er in seinem letzten Kampf Vitali Klitschko relativ mühelos knackte bzw. TKO schlug.
George Foreman dürfte wohl nach Klitschko der körperlich stärkste Boxer in diesem Turnier sein. Auch zu seiner Hochzeit war er nicht der beste Techniker, so dass Klitschko in diesem Bereich klare Vorteile hätte. Trotzdem gebe ich Foreman eine 80:20 Chance, einfach weil er der härtere Puncher ist und mehr einstecken kann.
Die drei großen, sich in den Gegner reinwühlenden Boxer Mike Tyson, Joe Frazier und Rocky Marciano würden Klitschko einen höllischen Kampf aufzwingen. Dabei neige ich sogar noch zu der Auffassung, dass Tyson von diesen dreien noch der schwächste ist. Seine wirklich große Zeit, die, in der er unschlagbar war, dauerte tatsächlich nur wenige Monate von Ende 1986 bis Anfang 1987. Ein Kampf zwischen Tyson und Klitschko würde Fragen hinsichtlich der wirklichen Größe von Tyson beantworten: Siegchance 55:45. Joe Frazier und Rocky Marciano aber würden regelrecht an Klitschko kleben, seinen Körper bearbeiten und ihn mit Kopfhaken eindecken. Beide würden sicher auch viel nehmen, aber beide sehe ich auch klar als KO Sieger aus dem Ring steigen.
Zum Abschluss kommen wir zu dem Größten, zu Muhammad Ali. Ehrlich gesagt, bin ich hier aber ratlos. Aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund kann ich mir nämlich ein Aufeinandertreffen gerade dieser Beiden nicht vorstellen. Natürlich glaube ich, einfach aufgrund meines Alters und meiner Sozialisation, an einen Sieg von Ali. Aber gerade Ali könnte Klitschko liegen. Genau an diesem Punkte beende ich denn auch das Turnier.
Das hätte ich übrigens beinahe vergessen: Irgendwann boxt Klitschko in diesem Jahr gegen Kubrat Pulev (20 Kämpfe, 20 Siege, 11 durch KO). Muhammad Ali, Joe Louis, George Foreman, Mike Tyson, Jack Johnson, Joe Frazier, Lennox Lewis, Jack Dempsey, Rocky Marciano, Sonny Liston, Larry Holmes, Jim Jeffries, Evander Holyfield, Gene Tunney, John L. Sullivan, Floyd Patterson, Harry Wills, Ezzard Charles, Riddick Bowe, Max Schmeling, Ken Norton, Joe Walcott, Sam Langford, Max Baer, Joe Jeanette aber auch James J. Corbett, Archie Moore und Jim Braddock würden Pulev jedenfalls schlagen.
© Uwe Betker

Ist das Profiboxen in Deutschland nur zweitklassig?

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Die englischsprachigen Boxzeitschriften bringen alle paar Jahre Sonderhefte oder Listen mit den 100 besten Kämpfen heraus, wie jetzt Boxing News aus England. Auch im Internet sind solche Listen zu finden. Diese Bestenlisten unterscheiden sich meist nur in Details. Da liegt zum einen daran, dass es relativ viele Kämpfe gibt, die unstrittig zu den besten aller Zeiten gehören: Marvin Hagler vs. Thomas Hearns, The Rumble in the Jungle, Archie Moore vs. Yvonne Durell, The Thrilla in Manila, Aaaron Pryor vs. Alexis Arguello und ähnliche. Hinzu kommt, dass auch wohl einige Journalisten voneinander abschreiben.
Ein Aspekt der aktuellen Bestenliste ist interessant: Nur ein einziger Kampf mit deutscher Beteiligung ist in der Liste zu finden, nämlich Max Schmeling vs. Joe Louis I. Dieser Kampf fand auch nicht in Deutschland, sondern in New York statt. Kein einziger Profiboxkampf, der in Deutschland ausgetragen wurde, fand also seinen Weg in eine der Listen mit den besten Kämpfen aller Zeiten.
Man könnte jetzt natürlich damit argumentieren, dass das Boxen in Deutschland erst in den letzten Jahrzehnten durch die TV Übertragungen etwas populärer geworden ist. Oder man könnte den Machern der Bestenlisten unterstellen, sie würden vor allem die Kämpfe in den eigenen Ländern sehen. An beiden Argumenten mag etwas dran sein, aber es erklärt dennoch nicht, warum nicht ein in Deutschland ausgetragener Kampf es in eine Bestenliste geschafft hat.
Lassen wir doch einfach mal die letzten Jahrzehnte Revue passieren. Welcher Kampf, den wir in Deutschland sahen, hätte es denn in eine Liste wie „die besten 100 Kämpfe“ schaffen können? Mir fallen nur zwei ein, wobei ich nicht ausschließen möchte, dass ich welche übersehe: Graciano Rocchigiani vs. Alex Blanchard und Graciano Rocchigiani vs. Dariusz Michalczewski. Den ersten Kampf (13.09.1991) könnte man eventuell als die größte Ringschlacht auf deutschem Boden bezeichnen. Aber dieser Kampf war „nur“ eine EM; damit war seine Chance, in einer Liste aufzutauchen, schon vernichtete. Im zweiten Kampf (10.08.1996) sorgte der Ringrichter Joe O’Neil und die Offiziellen der WBO dafür, dass Rocchigiani einer der größten KO Siege aberkannt wurde. Es war die, wie ich finde, geradezu ekelerregende Mauschelei, die damals Michalczewski und Universum Box-Promotion den Titel sicherte, die auch den Kampf aus der Liste katapultierte.
Was man insgesamt feststellen kann, ist, dass zu großen und unvergesslichen Kämpfen offensichtlich gleichwertige Boxer gehören. Und genau das ist denn auch der Grund, weshalb es kein deutscher Kampf in eine Bestenliste geschafft hat. Die deutschen Veranstalter versuchen vor allem auf Nummer sicher zu gegen. Es werden fast nur Kämpfe gezeigt, bei denen die Sieger bereits aufgrund des Matchmakings von vornherein schon feststehen.
Man kann sich da schon fragen: Ist das Profiboxen in Deutschland nur zweitklassig?
© Uwe Betker

Ein wahrer Champion braucht keinen Weltmeistergürtel (3)

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Pimentel konnte, nachdem seine Sperre endlich aufgehoben worden war, nach Los Angeles zurückkehren, um dort am 06.12.1965 auf einen weiteren harten Brocken zu treffen, Joe Medel aus Mexiko. Pimentel konnte zwar sein Gegenüber früh niederschlagen, ging dann aber selber zweimal in der neunten Runde zu Boden. Die harte Schlussrunde konnte Medel nur mit viel Geschick und Glück durchstehen. „Der Medel-Kampf machte mich erst richtig bekannt. Meine Leute akzeptierten mich von nun an wirklich, obwohl ich durch eine Mehrheitsentscheidung verlor. Obwohl er kein ausgesprochener Puncher war, war er der einzige Gegner in meiner Boxkarriere, der mir wirklich in einem Kampf Schmerzen zufügte. Er war der einzige Boxer, dessen Schläge ich wirklich spürte. Alle Medien gaben mir den Sieg, nur die Punktrichter nicht.“ Diese Entscheidung der Punktrichter ist für ihn bis heute die schmerzhafteste Erinnerung an seine Zeit als Boxer, zumal Medel ihm keinen Rückkampf gab. Das Boxmagazin „The Ring“ kürte den Kampf zum viertbesten des Jahres.
Im folgenden Jahr, 1966, stieg er sechsmal in den Ring und gewann immer durch KO. Unter seinen Opfern waren Boxer, die zur Spitzenklasse zählten: Kackie Burke aus Kanada und der Japaner Katsuo Saito. Beide schlug er KO.
Am 11. Juni 1967 verlor Pimentel wieder einen Kampf. Sein Bezwinger in San Antonio war Yoshio Nakano aus Japan. „Yoshio Nakano – ein schwierig zu boxender Kämpfer. Bis heute weiß oder verstehe ich nicht, wie er mich geschlagen hat. Ich erinnere mich ganz deutlich, wie der Ringrichter, ein sehr ehrenwerter Offizieller, in unsere Ecke kam und meinem Manager sagte, dass er mich klar nach Punkten vorne hat. Und was war? Er war einer derjenigen, die den Kampf Nakano gaben.“
Der nächste Gegner war Mimoun Ben Ali aus Spanien, auf den er am 26.07.1967 traf. Ali war zu diesem Zeitpunkt zum dritten Mal Europameister. Er war von 1958 bis 1962 im Fliegengewicht und von 1963 bis 1967 im Bantamgewicht unter den besten zehn der Welt. In seinen bisherigen 62 Kämpfen war er niemals KO gegangen. Pimentel bezeichnet ihn gerne als seinen zähesten Gegner. Der Kampf wurde verbissen und hart geführt. Pimentel lag nach der achten Runde nach Punkten hinten. In der neunten zählte dann aber die Boxlegende Archie Moore, der als Ringrichter fungierte, Ali aus. Diese Begegnung wurde 1999 zum größten Kampf von San Antonio gewählt.
Mitte 1968 verlor der Boxstern Pimentel Zusehens an Leuchtkraft. Am 14.06.1968 traf er in Los Angeles auf Chucho Castillo, den amtierenden mexikanischen Meister im Bantamgewicht, der zwei Jahre später gegen Ruben Olivares Weltmeister werden sollte. Pimentel unterlag klar nach Punkten. „Chucho kämpfte diese Nacht den Kampf seines Lebens. Er führte einen sehr-sehr cleveren Kampf. Er flog wie eine Fliege und stach wie eine Biene – wie Cassius Clay zu sagen pflegte. Ich persönlich hatte viele Probleme gegen technische Boxer und besonders in dieser Nacht. Chucho Castillo kämpfte gegen mich, wie er es später gegen Ruben Olivares tat. Er war sehr anmutig und clever. Ich ziehe meinen Hut vor ihm.“ Pimentel verschweigt, dass er sich während des Kampfes seine Schlaghand mehrfach brach.
Nach der Niederlage gegen Castillo erwog Pimentel, sein Handwerk dranzugeben, zumal auch Castillo ihm keine Revanche geben wollte. Aber noch immer lockte das große Ziel: die Weltmeisterschaft. Pimentel boxte weiter. Am 10.03.1969 folgte wieder eine Niederlage. Kazuyoshi Kanazawa, der vierte der Weltrangliste „boxte mir die Ohren ab“. In diesem Kampf, der in der Korakuen Hall in Tokio stattfand, musste Pimentel viel einstecken. In der dritten Runde erlitt er eine Cutverletzung an der rechten Augenbraue, in der fünften kam ein weiterer Cut an der anderen Braue hinzu. In der neunten Runde stoppte der Ringrichter den Kampf wegen der stark blutenden Platzwunden.
Nach diesen Niederlagen fing sich Pimentel wieder, und es folgten 15 Siege mit 13 KOs in Folge. Unter seinen Opfern war auch der starke Kanadier Billy McGrandle, den er am 17.12.1969 in der siebten Runde KO schlug („er konnte meine Körpertreffer nicht nehmen“). Dieser Sieg brachte ihm den Titel des nordamerikanischen Meisters ein. „Der Sieg war eine große Befriedigung für mich. Obwohl es nicht der Weltmeistertitel war, hatte ich nun den schönsten Gürtel für meinen Trophäenschrank.“
Den Titel verteidigte er zweimal erfolgreich. Kuniaki Shimad schlug er am 01.07.1970 und Ushiwakamaru Harada am 14.09.1970 KO. Trotz dieser beeindruckenden Siege war Pimentel schon lange nicht mehr der Boxer, der er einst gewesen war. Es war offensichtlich, dass er sich dem Ende seiner Karriere näherte. Nun erst, am Ende seiner Laufbahn als Preisboxer und nach sieben Jahren des Wartens, bekam er schließlich doch noch die Chance, um die Weltmeisterschaft zu boxen.
Sein Gegner am 14.12.1971 in Los Angeles war der große Ruben Olivares. „Ich wollte, als ich gegen Ruben Olivares antrat, nicht meine Karriere mit einer Niederlage beenden, wie die meisten Boxer es tun. Aber als ich gegen Ruben Olivares kämpfte, wusste ich, dass meine Karriere zu Ende ist. Ich spürte die Schläge, denen ich früher so einfach ausweichen konnte. Nun spürte ich sie, und ich konnte ihnen nicht ausweichen.“
Olivares und Pimentel, die hier aufeinander trafen, hatten eine erschreckende KO-Bilanz. Zusammen verbuchten sie 134 KOs. Olivares war jünger, größer und hatte einen Reichweitenvorteil. Pimentel hatte dafür ein Mehr an Erfahrung und das Herz eines wahren Kriegers: Es war eine der großen Ringschlachten der Boxgeschichte.
„Als ich gegen Ruben kämpfte, war ich schon 32 Jahre alt und auf dem absteigenden Ast. Aber ich gab ihm trotzdem eine Hölle an Kampf.“ Die amerikanische „Boxing Illustrated“ schrieb, im Vergleich zu diesem Krieg sei der erste Kampf Ali gegen Frazier ein Langeweiler-Kampf gewesen.
Bereits in der ersten Runde hatten beide Kontrahenten ihren Kampfrhythmus gefunden. Olivares kam immer wieder mit seinen gefürchteten linken Haken durch und konnte Rechts-Links-Rechts-Kombinationen zum Körper und zum Kopf anbringen. Pimentel ließ den Kopf seines Gegenübers immer wieder mit seinem harten Jab zurückschnappen und landete krachende Rechte an den Kopf. Beide gingen ein mörderisches Tempo.
Die zweite Runde folgte diesem Muster, und es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste zu Boden gehen würde. Am Ende des dritten Durchgangs zog sich Olivares nach einem Zusammenstoß mit den Köpfen eine große und stark blutende Platzwunde über dem linken Auge zu. Heute würde eine solche Verletzung automatisch zum Abbruch führen. Aber hier führte sie nur dazu, dass sich das Tempo des Kampfes noch verschärfte. Die fünfte Runde war ein einziger Schlagabtausch. Pimentel kam wieder mit einer harten Links-Rechts-Links-Kombination durch, die Olivares beeindruckte. Es folgten ein Jab – ein rechter Haken zum Kinn. Der Weltmeister war schwer angeschlagen. Plötzlich kam dann aber Olivares mit einem rechten Cross durch, und Pimentel ging zu Boden. Er kam wieder hoch und schenkte Olivares in den folgenden Runden nichts. Aber Olivares war auf der Siegerstraße. Systematisch bearbeitete er Körper und Kopf seines Gegners. Lediglich die achte Runde konnte Pimentel noch für sich entscheiden. Als Pimentel am Ende der zehnten Runde in seine Ecke ging, war sein Gesicht verschwollen und sein Körper übersät mit blauen Flecken. „Ich sagte meinem Manager: Harry, ich fühle meine Beine nicht mehr. Er sagte zu mir: Geh raus in die nächste Runde, und wenn du ihn nicht KO haust, stoppe ich den Kampf – was er dann auch tat.“ Pimentel hatte seinen einzigen Titelkampf verloren. Noch im Ring erklärte er seinen Rücktritt vom Boxen.
„Ich bin mir sehr sicher, dass ich Ruben Olivares und Eder Jofre hätte KO schlagen können. Ich wünschte mir, ich hätte früher gegen Ruben kämpfen können. Ich wünschte mir, ich hätte Eder boxen können. Ich hätte ein Champion werden können.“ Selbst Parnassus, der dieses Aufeinandertreffen veranstaltet hatte, sagte nach dem Kampf zur Presse, dass, hätte der Kampf nur zwei Jahre früher stattgefunden, Pimentel wohl durch KO gewonnen hätte. Dieser Kampf war so schwer und kostete auch seinen Sieger soviel Substanz, dass Olivares bereits in seinem nächsten Kampf den Titel wieder verlor.
Nach dem Ende seiner Karriere als Preiskämpfer veranstaltete Pimentel zusammen mit seinem ehemaligen Manager Kabakoff Boxkämpfe in Mexiko. Heute betreibt er eine Firma für Garten- und Landschaftsbau in Northridge/Kalifornien. Dem Boxen ist er immer noch verbunden – als Trainer im Northridge Athletic Club.
Pimentel ist mit seiner Jugendliebe Maria Elena verheiratet („Ich war in meinem ganzen Leben noch nie ein Playboy“). Er hat zwei Söhne, Jesus Jr. und Melville (benannt nach seinem Manager), sowie zwei Töchter Deborah und Esenia.
Obwohl es Jesus Pimentel nicht vergönnt war, einen Weltmeistergürtel zu erringen, so ist er aber doch ein wahrer Champion. In seinem Haus hat er einen Gürtel, der mehr aussagt als einer der protzigen Weltmeistergürtel, die heute so freigiebig verteilt werden. Auf diesem Gürtel steht „The Greatest Knockout Punching Bantamweight In Boxing History“. Er wurde ihm von Nat Fleischer, dem Gründer und Herausgeber des Ring Magazin, der wichtigsten Boxzeitschrift der Welt, überreicht.
© Uwe Betker

Notizen zu Willi Besmanoff (2.)

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Es gibt Kampfrekorde, die flößen mir schlicht Ehrfurcht ein. Eventuell liegt es daran, dass ich etwas altmodisch bin, aber es sind nur selten welche von heutigen Boxern. Das hat zum Teil damit zu tun, dass heute Boxer durch die Macht von einflussreichen Veranstaltern sehr viel mehr beschützt werden als Boxer es in früheren Zeiten wurden.
Einer von jenen Kampfrekorden, die mir Ehrfurcht einflößen, ist der von Willi Besmanoff. Der in München geborene (04.10.1932) Besmanoff wurde 1952 im Alter von 19 Jahren Profi. Seinen ersten Kampf (15.08.1952) verlor er direkt durch KO in Runde 4 gegen eine gewissen Heinz Schreiber. Die ersten vier Jahre seinen Karriere boxte er, abgesehen von Abstechern nach Luxemburg und Mailand, ausschließlich in Deutschland. Am Ende dieser ersten vier Jahre standen 48 Kämpfe, 35 Siege, 15 durch KO, 6 Niederlagen, 1 durch KO, und 7 Unentschieden sowie ein missglückter Versuch, gegen Willi Hoepner (25.11.1955) deutscher Meister im Halbschwergewicht zu werden, in seinem Kampfpass. Heute würden nicht wenige Boxer bei einem solchen Kampfrekord ihre Handschuhe an den Nagel hängen. Aber die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren anders.
Willi Besmanoffs Karriere fing jetzt erst richtig an. Er ging in die USA. Hier boxte er gegen alles, was Rang und Namen hatte zwischen Halbschwergewicht und Schwergewicht: Yvon Durelle (25.09.1957, L 10), Willie Pastrano (27.11.1957, L 10), Archie Moore (02.05.1958, L 10 und 25.05.1960, L TKO 10), Zora Folley (07.04.1959 L 10 und 16.09.1960, L 10), Eddie Machen (16.09.1959, L 10), Sonny Liston (09.12.1959, L TKO 7), Pete Rademacher (13.12.1960, L 10), George Chuvalo (27.06.1961, L TKO 4, 04.04.1973, L TKO 3 und 27.05.1967, L TKO 3), Muhammad Ali (29.11.1961, L TKO 7) und Bob Foster (11.12.1963, L KO 3), um nur die namhaftesten seiner Gegner zu nennen. Schaut man auf die oben aufgeführten Ergebnisse, so kann man sich vorstellen, dass es keine leichte Art war, sein Geld zu verdienen. Am 01.08.1967 bestritt er seinen letzten Kampf. Er stand 15 Jahre als Profi im Ring. Heute lebt er in einem Pflegeheim.

Willi Besmanoff:
93 Kämpfe
51 Siege davon 19 durch KO
34 Niederlagen davon 11 durch KO
8 Unentschieden
688 geboxte Runden

Ich würde gerne sehr viel mehr über ihn wissen.

© Uwe Betker