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Rezension „Unbestreitbare Wahrheit“ von Mike Tyson

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Vor geraumer Zeit schon legte Mike Tyson seine Autobiografie vor als „Unbestreitbare Wahrheit“. Mit Autobiografien ist es für mich immer so eine Sache. Da präsentieren berühmte oder auch weniger berühmte, bedeutende oder weniger bedeutende Menschen ihre Lebensgeschichte oder sie schildern Abschnitte ihres Lebens aus dem Rückblick. Die Autoren, die gleichzeitig auch die Protagonisten ihres Buches sind, machen das alleine oder mit Hilfe von Co-Autoren, die genannt werden oder auch nicht. Manche bedienen sich auch eines Ghostwriters, also eines Auftragsschreibers, um ihn im eigenen Namen schreiben zu lassen. Tyson nahm sich für seine Autobiografie einen der renommiertesten, nämlich Larry „Ratso“ Sloman, der unter anderem schon die Autobiografien von Peter Criss, der Band KISS, Anthony Kiedis, von Red Hot Chili Peppers mit verfasst hat und auch noch diverse andere Bücher geschrieben hat, die zum Teil sehr erfolgreich waren. Das ist dem Tyson Buch anzumerken. Es ist gut und flüssig geschrieben.
Das Spannende an der literarischen Form der Autobiografie, das zugleich aber auch gerade das Schwierige daran ist, ergibt sich aus ihrer Besonderheit, nämlich der Übereinstimmung und Identität zwischen Autor/Erzähler und Protagonisten (Hauptdarsteller). Die Autobiografie ist explizit subjektiv, zugleich erhebt sie jedoch den Anspruch besonderen Insiderwissens, also auch von Objektivität, was bei Tyson durch den Titel „Unbestreitbare Wahrheit“ auch noch betont wird. In der Autobiografie versucht der Autor, die Deutungshoheit über sein Leben zu erlangen. Seine Sicht auf die Dinge soll als die alleingültige und „unbestreitbare Wahrheit“ akzeptiert und gegebenenfalls übernommen werden.
Um es vorweg zu sagen, die Autobiographie von Mike Tyson ist  lesenswert und gehört m.E. in jedes Buchregal eines Boxfans. Das sage ich, obwohl ich Tysons Wahrheit nicht übernehmen möchte. Dabei denke ich nicht daran, dass Tyson natürlich, laut Tyson, zu unrecht wegen Vergewaltigung verurteilt worden ist. Wer würde auch schon ernsthaft vermuten, Tyson würde nun gestehen?

Was einen gleich anspringt, ist Tysons unglaubliche, mich manchmal schon etwas langweilende, Unbescheidenheit. „Ich war der jüngste Schwergewichtsweltmeister in der Geschichte des Boxens. Ich war ein Titan, die Reinkarnation Alexander des Großen. Ich war impulsiv, meine Abwehr war unüberwindbar, und ich war unbezähmbar.“ (S. 6) Immer wieder protzt er mit seinen Reichtümern. „Natürlich brauchte ich auch ein Landhaus an der Ostküste. Also kaufte ich das größte Haus im Bundesstaat Connecticut. Es hatte gut 4.500 Quadratmeter Wohnfläche, 13 Küchen und 19 Schlafzimmer. Ich wollte jedes Schlafzimmer mit einem anderen Mädel ausstaffieren.
Das Anwesen war gewaltig: 12 Hektar bewaldetes Land, je ein Schwimmbad drinnen und draußen, ein Leuchtturm, ein Spielfeld für Racquettball und ein richtiger Nachtclub, den ich Club TKO nannte.
In diesem Haus fühlte ich mich wie die Titelfigur des Spielfilms ,Scarface´. Mein Hauptschlafzimmer erstreckte sich über gut 460 Quadratmeter. Mein weitläufiger begehbarer Wandschrank war mit erlesenen Klamotten, Schuhen und Herrenparfums so voll gestopft, dass er an ein Geschäft von Versace erinnerte.“
Die Dutzenden, die Hunderte von Groupies, Huren, Frauen und Promis mit denen Tyson nach eigenem Bekunden im Bett war, waren etwas ermüdend, zumindest für mich als Leser.
Als guter Verlierer erscheint er auch nicht gerade. Evander Holyfield besiegte ihn durch Kopfstösse. Zu dem berühmt/berüchtigten Ohrbeißer schreibt er: „Gleich zu Beginn der Runde verpasste ich Holyfield mehrere harte Schläge. Das Publikum flippte aus. Es spürte, dass der Kampf eine echte Wende nahm. Und wieder rammte mich Holyfield mit dem Kopf. Mir wurde ein wenig schummrig, als hätte ich einen kleinen Blackout, aber Wut und Adrenalin holten mich wieder zurück. Jetzt wollte ich ihn nur noch umbringen. Jeder konnte sehen, dass seine Kopfstöße nicht versehentlich passierten. Ich war außer mir, vergaß alle Disziplin, verlor die Beherrschung – und biss ihm ins Ohr.
Angeblich soll ich dazu mein Mundstück ausgespuckt haben, was aber
nicht stimmt. Ich war so rasend, dass ich heute kaum noch weiß, was sich
abspielte. Auf dem Videoband sieht es so aus, als hätte ich das Stück seines
Ohrläppchens auf den Boden gespuckt, weil ich darauf deutete, wie um zu sagen: „Da hast du’s jetzt.“ […]
Holyfield machte vor Schmerz einen Satz in die Luft, drehte sich um und ging in seine Ecke. Ich lief ihm nach, hätte ihm am liebsten zwischen die Beine getreten, rempelte ihn aber nur von hinten an. Der Fight war zum Straßenkampf geworden. Der Ringarzt schaute sich Holyfield an und ließ ihn den Kampf fortsetzen. Mills Lane zog mir zwei Punkte ab. Aber das war mir jetzt egal. Als der Kampf weiterging, verpasste er mir wieder einen Kopfstoß, und der Ringrichter sah natürlich wieder darüber hinweg. Als wir klammerten, biss ich Holyfield in sein anderes Ohr. Trotzdem kämpften wir die Runde bis zu Ende.
Dann brach die Hölle los. Holyfields Ecke beschwerte sich bei Mills Lane, dass ich ihn wieder gebissen hätte. Lane brach den Kampf ab.“ (S. 359-360)
Mike Tysons Autografie ist für mich nicht „Unbestreitbare Wahrheit“. Es ist aber ein Zeugnis dafür, wie Tyson sich sieht und auch wie Tyson tickt. Es gibt nicht viele gute Autobiografien von Boxern, aber diese ist grandios. Sie ist voll von Maßlosigkeiten, Selbstmitleid, Ungerechtigkeiten und Aufschneiderei. Aber sie ist auch voll von tollen Anekdoten über Kämpfe, über Frank Warren und Don King und über Cus D’Amato und vieles mehr. Wenn Tyson über D’Amato schreibt, dann glaube ich ihm tatsächlich jedes Wort. Die „Unbestreitbare Wahrheit“ ist ein tolles Buch.
© Uwe Betker

Rezension: „The Proper Puglist“ von Roger Zotti

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Das Buch „The Proper Puglist“ von Roger Zotti bietet eine Sammlung von 23 „Essays“ übers Profiboxen. Es ist ein mit 77 Seiten kurzes und dabei auch kurzweiliges Buch. Aufgrund seiner Struktur vereint es Betrachtungen des Autors zu verschiedenen Aspekten des amerikanischen Profiboxens, wobei die verbindende Klammer gebildet wird durch Interessen und Vorlieben des Autors. Es finden sich Essays, Rezensionen, Erinnerungen und sogar ein Gedicht.
Roger Zotti kann schreiben, und er ist ein Boxexperte. Er schreibt regelmäßig für das „International Boxing Research Organization Journal“. Er ist auch der Autor des Büchleins „Friday Night World“, das an dieser Stelle bereits zu einem früheren Zeitpunkt besprochen wurde.
In dem Buch „The Proper Puglist“ erfahren wir u. a. etwas über Walter Cartier, Jack Dempsey, Artie Diamant, Jake LaMotta, Nathan Mann, Rocky Marciano, Gil Turner, Coley Wallace.
„The Proper Puglist“ von Roger Zotti ist, wie gesagt, ein kleines Buch. Es eignet sich dennoch nicht so sehr dazu, es in einem Zuge durchzulesen. Ich habe immer mal wieder ein oder zwei Abschnitte gelesen, es beiseite gelegt und später erneut zur Hand genommen. Das hat mir einfach Spaß gemacht.
(C) Uwe Betker

Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Jack London (1) „The Game“

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Biographischer Hintergrund
Jack London wurde am 12. Januar 1876 als uneheliches Kind geboren. Sein leiblicher Vater war vermutlich der Astrologe William Chaney, doch seine Mutter heiratete noch im selben Jahr John London, der den Jungen adoptierte. Sein zartes Äußeres war der Grund dafür, daß er in der Schule das Ziel von Attacken Älterer wurde. Allerdings verstand er es offensichtlich schon früh, sich seiner Haut zu wehren. Er schloß 1891 die Grammar School in Oakland ab und arbeitete anschließend in einer Fabrik. Mit 300 von seiner Amme geliehenen Dollars kaufte er das Boot Razzle-Dazzle und plündert damit Austernbänke. Anschließend wechselte er die Seiten und wurde Mitglied der California Fish Patrol. Mit 17 unternahm er eine siebenmonatige Reise auf dem Segelschoner Sophia Sunderland. Als bartloser junger Bursche mußte er sich gegen die rauhen Seeleute durchsetzen. Einem Schweden, der ihn schikanierte versetzte er zuerst einen Fausthieb und drückte ihm anschließend so lange die Kehle zu, bis er versprach ihn zufrieden zu lassen. [vgl. Russ Kingmann. A Pictorial Life of Jack London. New York: Crown, 1979. 44-45]
Zurück an Land gewann London bei einem Wettbewerb einer Zeitung aus San Francisco einen Preis für den besten beschreibenden Artikel. 1894 arbeitete er zunächst in einem Kraftwerk und begab sich dann auf Wanderschaft. Im folgenden Jahr nahm er seine Ausbildung wieder auf und ging auf die Oakland High School wo er auch Artikel für die Schülerzeitung verfaßte. Noch vor der Jahrhundertwende wurde er Mitglied in der Socialist Labor Party, studierte ein Semester an der Universität und nahm am Goldrausch in Klondike teil.
Er entschloß sich danach, Schriftsteller zu werden und veröffentlicht 1899 seine ersten Geschichten. Als Autor war er extrem produktiv, vielseitig und kommerziell erfolgreich:
„Virtually everything he wrote, he sold – and he wrote 1,000 words each day for 17 years. During the years from 1900 until his death in 1916, he produced more than 50 books with an astonishing range of subjects: agronomy, architecture, astral projection, boating, ecology, gold-hunting, hoboing, loving, penal reform, prizefighting, Socialism, warfare.“ [Earle Labor und Jeanne Campbell Reesman. Jack London. Überarb. Aufl. New York: Twayne, 1994. XIII]
Im November 1901 verfaßte er seine erste größere Boxreportage über den Kampf zwischen James Jeffries und Bob Fitzsimmons um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Er besuchte Boxkämpfe wann immer es ihm möglich war und verfaßte unzählige Zeitungsberichte.
1902 lebte er sechs Wochen im Londoner East End und verarbeitet die dort gewonnenen Eindrücke später in dem Roman The People of the Abyss.
1904 berichtete er vom Russisch-Japanischen Krieg. Im folgenden Jahr hielt London an verschiedenen Universitäten Vorträge und veröffentlichte den Roman The Game, der sich mit dem Boxen beschäftigt. Er gab den Bau eines Segelbootes, der Snark in Auftrag, mit der er ab 1907 ausgedehnte Seereisen unternahm. Auf diesem Boot führte er, wie zuhause Sparringsrunden mit seiner Frau Charmaine durch, die vor allem seine Verteidigung verbesserten, denn er konnte natürlich nicht hart zuschlagen, wenn er mit ihr trainierte. [vgi. pic. 224f] Auf einer seiner Reisen infizierte sich London mit verschiedenen Tropenkrankheiten und mußte in Sydney im Krankenhaus stationär behandelt werden.
1908 berichtete der Schriftsteller vom Kampf zwischen dem weißen Titelverteidiger Thomas Burns und dem schwarzen Jack Johnson. Nach der Niederlage Burns´ war er derjenige, der in Amerika die hysterische Suche nach der great white hope auslöste.
Australia took the defeat far more seriously than did America. Both white and black America seemed rather unmoved by the event until novelist Jack London sounded the call for Jim Jeffries to come back and „remove the golden smile from Jack Johnsons face.“ [Jeffrey T. Sammons. Beyond The Ring: The Role of Boxing in American Society. Urbana und Chicago: U of Illinois P, 1988. 37]
Ab 1910 widmete sich London dem Aufbau einer Musterranch.
Im Juni hatte er eine Schlägerei mit einem Kneipenwirt. Eine Anklage wegen Körperverletzung wurde aber später niedergeschlagen. Einige Wochen später berichtete London für die Zeitung The New York Herald vom Weltmeisterschaftskampf im Schwergewicht zwischen Jim Jeffries und dem Schwarzen Jack Johnson. Ein Zeitungsartikel aus dem folgenden Jahr gibt Londons Einstellung zum Boxen wieder:
„I would rather be heavyweight champion of the world – which I never can be – than King of England, or President of the United States, or Kaiser of Germany.
Of all the games it is the only one I really like.“ [Zitiert nach: Pic. 226]
Der zweite Boxroman The Abysmal Brute wurde zunächst im Popular Magazine und zwei Jahre später, 1913 als Buch veröffentlicht und wurde von den Lesern sehr positiv aufgenommen. [vgl. Pic 244]
London durchquerte das nördliche Kalifornien und Oregon mit einer Pferdekutsche und umsegelte 1912 Kap Horn. In seinen letzten Lebensjahren berichtete London von der Mexikanischen Revolution und trat aufgrund der dort gewonnenen Erfahrungen aus der Socialist Labor Party aus. Er bekam danach immer stärkere gesundheitliche Probleme. Am 22. November 1916 stirbt Jack London mit nur 40 Jahren vermutlich an den Folgen einer Nierenerkrankung.

The Game
Der Roman [Jack London. The Game. 1905. Oakland: Star Rover House, 1982. Diese Ausgabe ist zu empfehlen, da sie die Illustrationen der Originalausgabe enthält.] beginnt damit, daß der Held, Joe Fleming und seine Verlobte Genevieve Pritchard Teppiche für ihre zukünftige Wohnung aussuchen. Joe ist Berufsboxer [Nur ein geringer Teil der Berufsboxer war und ist hauptberuflich „Profi“. Der Berufsboxsport unterscheidet sich vom Amateursport im wesentlichen durch längere Kampfdauer und offizielle (!) Bezahlung.], hat jedoch seinen eigentlichen Beruf als Segelmacher nie aufgegeben. Seinen Siegprämien lieferte er stets zuhause ab und bezahlte das Haus seiner Mutter. Er will noch einen letzten Kampf machen, um der jungen Familie ein Startkapital zu geben und dann dem Ring für immer fern bleiben.
Die Liebesgeschichte, die im Mittelpunkt des zweiten Kapitels des Romans steht ist von der absoluten Unschuld Joes und Genevieves gekennzeichnet.
„Their love was all fire and dew. The physical scarcely entered into it, for such seemed profanation. The ultimate physical facts of their relation were something which they never considered.“ [London. The Game. 67]
Dennoch ist ihre Unschuld vom irrationalen Verlangen Joes getrübt seiner Verlobten wehzutun.
„Once, on parting, he threw his arms around her and swiftly drew her against him. Her gasping cry of surprise and pain brought him to his senses and left him there very much embarrassed and still trembling with a vague and nameless delight. And she, too, was trembling. In the hurt itself, which was the essence of the vigorous embrace, she had found delight; and again she knew sin, though she knew not ist nature nor why it should be sin.“ [London. The Game. 70]
Im vierten Kapitel begleitet Genevieve ihren zukünftigen Ehemann zu seinem letzten Kampf. Sie muß sich als Mann verkleiden, um eingelassen zu werden, da Frauen als Zuschauer nicht zugelassen sind. Joe läßt sie in einen der Umkleideräume bringen, von wo aus sie den Ring überblicken kann. Der Anblick des gutaussehenden, grazilem und wohlproportionierte Joes, den sie zum ersten Mal halbnackt sieht weckt in Genevieve sündige Gefühle. Der Kämpfer tritt gegen John Ponto an, der etwa fünf Kilogramm schwerer ist und dessen Körper eher an den eines Gorillas erinnert. Die Zuschauer stehen geschlossen hinter dem Favoriten Joe.
Im nächsten Kapitel wird der Kampf Runde für Runde aus der Sicht Genevieves detailliert beschrieben. Vier Runden lang greift Ponto stürmisch an aber in der fünften gelingt es Joe, die Oberhand zu gewinnen, nur um von einem Foulschlag des ersteren niedergeschlagen zu werden. Es gelingt Joe jedoch, sich zu erholen. Von der neunten Runde an geht der junge Held erneut in die Offensive, erzielt zahlreiche Niederschläge und sieht aus wie der sichere Sieger. In diesem Augenblick verliert Joe auf dem nassen Ringboden das Gleichgewicht und der völlig erschöpfte Ponta nutz diese Gelegenheit, sammelt seine letzten Kräfte und knockt Joe aus. Zunächst ist Genevieve unbesorgt, erst als nach einem Arzt gerufen wird und ihr Verlobter nicht zu sich kommt beunruhigt sie sich. Sie begleitet den Bewußtlosen, selbst wie in Trance, ins Krankenhaus, wo man nichts mehr für ihn tun kann, da sein gesamter Hinterkopf vom Aufprall auf den Ringboden zerschmettert wurde. So stirbt ihr zukünftiger Mann am Tag ihrer geplanten Hochzeit.

Dieser Roman ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. London war mit diesem Werk der erste, der „den Boxsport in Amerika zum Thema anspruchsvoller Literatur“ machte und The Game ist eine „der ersten ausführlichen Auseinandersetzungen eines bekannten amerikanischen Autors mit dem Sport überhaupt“. [Hans Lobmeyer. Die Darstellung des Sports in der amerikanischen Erzählliteratur des 20. Jahrhunderts. Diss. Uni Regensburg, 1982. 119] Außerdem liegt hier der kuriose Fall vor, daß nicht nur das Boxen die Literatur beeinflußte sondern anders herum. Gene Tunney, der Weltmeister im Schwergewicht von 1927 bis 1930 soll aufgrund der Lektüre diese Buches seine Karriere beendet haben und das Buch drei Jahrzehnte später an einen seiner Nachfolger, Rocky Marciano weitergegeben haben, der dann zurücktrat, bevor er eine Niederlage erlitt. [vgl. pic.225] Dies sagt einiges darüber aus wie realistisch der Roman ist. Die Frage nach der Authentizität des Buches beschäftigte die Kritiker nach dem Erscheinen für einige Zeit. Schließlich erklärte London, er habe selbst gesehen, wie das Vorbild für Joe Fleming in eben dem beschriebenen Club starb als er mit dem Kopf auf dem Ringboden aufschlug. Eine endgültige Bestätigung fand dieses Werk, als der Weltmeister im Leichtgewicht, Jimmy Brett in einem Zeitungsartikel schrieb, The Game sage so viel über das Verständnis Londons vom Boxen aus, daß er ihn in seinem bevorstehenden Kampf als Ringrichter akzeptieren würde. [pic.152]
Die unschuldige Liebesgeschichte zwischen Genevieve und Joe und dient als Kontrast zu dem brutalen Boxkampf. London führt jedoch auch das Element der Sünde ein. Das Verlangen Joes Genevieve weh zu tun und deren Lustgefühle beim Anblick des halbnackten Kämpfers dienen möglicherweise als eine Erklärung bzw. Begründung für das tragische Ende des Romans. Der Tod Joes wäre somit gleichsam eine göttliche Strafe.
Für Michael Oriard sind Genevieve und Joe typische Beispiele für sexuelle Stereotypen. [Zu den boy and girl -Stereotypen siehe auch: Oriard. Heroes. 176ff] Er ist der Meinung, daß Sport im 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle bei der Ausprägung der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau spielt. Sport ist der letzte Bereich im Leben, wo Männer typische männliche Tugenden. „speed, agility, endurance, perseverence, competitiveness, aggressiveness, quick thinking, self disciline“ beweisen können Dies hält er auch für die Ursache dafür, daß Männer Frauen beim Sport ausgrenzen und das Sport im Extremfall sogar zu einer Alternative für eine nicht immer unkomplizierte heterosexuelle Beziehung werden kann. [vgl. Michael Oriard. „Jack London: The Father of American Sports Fiction“. Jack London Newsletter 11.1 (1978): 6f] Man kann also das zentrale Thema von The Game im Konflikt zwischen Maskulinität und Femininität im Sport sehen. Folgende Sätze Genevieves am Ende des Romans in denen sie das Boxen als Konkurrenten um die Gunst des Mannes beschreibt machen diese Sichtweise plausibel:
„She was stunned by the awful facts of this game she did not understand – the grip it laid on men´s souls, its irony and faithlessness, its risks and hazzards and fierce insurgences of blood, making woman pitiful, not the be-all and end-all of man, but his toy and his pasttime; to woman his mothering and care-taking, his moods and his moments, but to the Game his days and nights of striving, the tribute of his head and hand, his most patient toil and wildest effort, all the strain and the stress of his being – to the Game, his heart´s desire.“ [London. Game. 179f]
Genevieve spielt aber auch insofern eine wichtige Rolle im Roman, als der Leser den Kampf durch ihre Augen erlebt. Dieser Kunstgriff ermöglichte er London die Aufmerksamkeit des Lesers auf jedes kleine Detail des Boxkampfes zu lenken, ohne dabei ermüdend zu wirken.
Der Gewichtsunterschied zwischen Joe Fleming und Ponta von etwa fünf Kilogramm ist für Laien zwar leicht zu übersehende aber dennoch bedeutend. Heute lägen zwischen den beiden zwei Gewichtsklassen, so daß der Kampf gar nicht zugelassen würde. Wenige Kilogramm Mehrgewicht wirken sich nämlich sowohl in der Härte der Schläge als auch in der Toleranz gegen Treffer dramatisch aus. Dieser Gewichtsunterschied macht läßt auch die Interpretation des Kampfes als Variation des biblischen Konfliktes zwischen David und Goliath, wie sie Robert Higgs macht als schlüssig erscheinen. [vgl. Robert Higgs. The Unheroic Hero: A Study of the Athlete in Twentieth-Century American Literature. Diss. U of Tennessee. Ann Arbor: University Microfilms International, 1961. 119]
(C) Martin Scheja

Rezension: „Friday Night World“ von Roger Zotti

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Das Buch „Friday Night World“ von Roger Zotti trägt den Untertitel „A Tribute to Fighters of the 1950s“. Es ist ein seltsames, nur 130 Seiten langes, kurzweiliges Buch. Es handelt von Helden aus der Kindheit des Autors, also von US-Boxern der 50er Jahre. Es handelt aber auch vom Aufwachsen in New Haven und der Auseinandersetzung und Identifikation mit Boxern. Und es handelt von den „Friday Night Fights“, TV-Übertragungen von Boxkämpfen. Diese „Freitagabendkämpfe“ waren Vorbild für alle TV-Übertragungen, die später kamen. Letztlich bilden sie immer noch den Maßstab, der heute nur sehr selten erreicht wird. – Vielen Boxfans sind noch heute Herausforderer aus den 50er Jahren geläufig. Viele der heutigen Weltmeister kennen die gleichen Fans aber nicht. Das hat nun keineswegs mit verklärender Nostalgie etwas zu tun, sondern einfach mit der Qualität der Kämpfe von damals.
Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten stellt Zotti seine Lieblinsboxer vor: Jake LaMotta, Gaspar „Indio“ Ortega, Carmen Basilio, Tony DeMarco, Joe Giradello, Wes Bascom, Sugar Ray Robinson, Irish Bob Murphy, Rex Layne, Bob Baker, Clarence Henty, Bob Satterfield, Rocky Castellani, Rocky Marciano, Kid Gavilan, Gil Turner, Chico Veja, Johnny Bratton, Gene Fullmer, Joey Maxim und Walter Cartier. Es werden Kämpfe beschrieben, Anekdoten erzählt, Biographien angerissen und es werden deren Einschätzungen durch Zottis Verwandte und Freunde wiedergegeben.
Im zweiten Teil geht Zotti auf zehn Autoren und ihre Bücher ein. Hierbei konzentriert er sich wieder auf die Boxer aus den 50er Jahren, deren Kämpfe und Geschichten.
Der dritte und letzte Teil ist sehr viel kürzer als die vorangehenden und könnte kurz zusammengefasst werden unter dem Begriff: Vermischtes.
„Friday Night World“ von Roger Zotti ist aufgrund seiner Struktur ein etwas seltsames Buch. Aber Roger Zotti kann schreiben, und er ist ein Boxexperte. Er schreibt regelmäßig für das „International Boxing Research Organization Journal“. Vor allem aber ist das Buch kurzweilig – und es macht Spaß.
(C) Uwe Betker

Rezension: „K.o. nach zwölf Runden“ von Christine Rocchigiani

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Christine Rocchigiani, zehn Jahre lang erst Partnerin, dann Ehefrau und Managerin von Graciano Rocchigiani, hat zusammen mit Claudia Weingärtner, einer Redakteurin bei der BILD Zeitung, ihre Autobiographie geschrieben. Sie erschien 2013. Irgendwie habe ich mir davon einige interessante Aufschlüsse versprochen. Christine Rocchigiani war schließlich eine Zeitlang in der deutschen Boxszene nicht zu übersehen. Allein die Tatsache, dass dort eine Frau für ihren boxenden Mann für alle sichtbar da war, machte sie zu einer interessanten Figur.
Um es aber gleich vorweg zu sagen: Ich wurde enttäuscht. Solche Aufschlüsse habe ich nicht bekommen. Das Buch hat mich eher überfordert.
Es fängt damit an, dass Christine Rocchigiani im Prolog erzählt, wie Graciano, offensichtlich betrunken, versucht, ins Ehebett zu pinkeln, weil er die Toilette nicht findet. Diese Szene ihrer Ehe bedeutet dann wohl auch ihr Ende. Alsdann springt sie in ihren Ausführungen zurück und erzählt, wie sie Graciano kennen gelernt hat. Und dann stoße ich, auf Seite 15f., auf Sätze, die ich einfach nicht verstehe. Da lese ich: „Ich bin selbstsicher, eigentlich. Immer schon. (…) Ich bin nicht zu klein, nicht zu groß, meine Taille ist etwas schlanker als das perfekte Modemaß von 90, mein Bauch flach. Na gut, meine Brüste könnten etwas größer sein, aber sie sind mal, wie sie sind. Es gibt Schlimmeres, als einen kleinen Busen zu haben – der besteht wenigstens länger den >>Bleistifttest<>Handvoll<< aussieht.“ – Und dann fragt sich auch, wieso erzählt sie mir das?
Es fällt auf, dass Christine Rocchigiani ihre Geschichte in Präsenz schreibt, also in der Gegenwartsform. Sie schreibt also, als würde ihr alles gerade jetzt passieren. Warum? Das stört ja auch den Erzählfluss. Und dann, besonders irritierend für mich, schreibt die jetzige Christine Rocchigiani am Ende ich glaube jedes Kapitels/Runde auch noch der jüngeren Christine Rocchigiani Briefe. Das überfordert mich nun vollends. Auf Seite 23 liest sich dann: „Liebe junge, unbedarfte Christine, hier schreibt Dein späteres Ich, und wenn ich mir diese Szenen aus dem Jahre 1989 durch den Kopf gehen lasse, kann ich nur an genau diesen fassen. Mein Gott, ist das alles schon ein Vierteljahrhundert her?! Es fühlt sich an, als wäre es gerade eben erst gewesen.“ – Ich bin einfach überfordert.
Viel weiter bin ich dann auch erst mal nicht gekommen. Im Weiteren habe ich das Buch nur noch quergelesen und nach Dingen gesucht, das Boxen betreffend, die mich interessieren oder die was Neues zum Vorschein bringen könnten. Da habe ich aber leider nichts finden können. Dabei war Christine Rocchigiani doch immerhin die Managerin von Graciano. Von Vertragsverhandlungen z.B. erfahre ich aber so gut wie gar nichts. Nichts verrät sie darüber – kann natürlich auch sein, dass ich es überlesen habe –, wie sie Kämpfe und Trainingslager organisiert und Verträge ausgehandelt hat. Ausgiebig breitet sie sich dagegen aus über ihr Eheleben. Aber will das denn einer wissen, ich zumindest sicher nicht. Ich persönlich hatte mir da doch was anderes erhofft. Am Ende Buches bekomme ich dann auch noch einen Zwölf-Punkte-Plan für ein leichteres und bereichertes Leben. Und wieder bin ich komplett überfordert.
Der Autobiographie „K.o. nach zwölf Runden“ von Christine Rocchigiani und Claudia Weingärtner fühle ich mich jedenfalls inhaltlich wie stilistisch nicht gewachsen. Daher kann ich auch nicht sagen, ob sie gut oder schlecht ist. Ich kann mit dem Buch schlicht nichts anfangen.
(C) Uwe Betker

Rezension: „Selbstverteidigung für Frauen“ von Jürgen Höller, Stefan Reinisch und Axel Maluschka – ein Muss

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Wenn ein Buch „Selbstverteidigung für Frauen“ heißt, dann werde ich erst mal skeptisch. Da komme ich gleich auf die Idee, dass sich ein Verlag die Vorkommnisse von Silvester in Köln zu nutze machen. Wie soll eine Frau auch nur durchs Lesen eines Buches Selbstverteidigung lernen?
Auch das erste schnelle Durchblättern verwirrte mich. Das erste Drittel des Buches besteht aus ganz viel Text. Man findet Statistiken und Beispiele von Übergriffen auf Mädchen und Frauen. Erst danach geht es konkret um Verteidigungstechniken, die auch mit Fotofolgen erklärt werden. Also die Skepsis war groß und umso größer war dann die positive Überraschung. Beim Lesen nämlich zeigte sich, wie wichtig und richtig der gewählte Aufbau tatsächlich ist.
Bereits das Vorwort nahm mich für das Buch ein. Dort steht: „Bei einem Angriff ist nicht der Sieg anzustreben, sondern die Möglichkeit, bestenfalls unbeschadet weglaufen zu können bzw. aus der Situation herauszukommen. In diesem Sinne hoffen wir [die Autoren des Buches, Anm. U.B.], dass dieses Buch Frauen hilft Selbstverteidigungssituationen zu meistern, d.h. einem Angriff unbeeinträchtigt entkommen zu können. Unserer Meinung nach genügt es zur Vorbereitung allerdings nicht, ein Buch zu lesen. Der Besuch eines Kurses oder besser eines längeren Trainings ist Pflicht. In diesem Sinne schrieben wir dieses Buch auch für Trainerinnen und Trainer, die diese Kurse planen und durchführen (möchten).“
9783840375002
Wie die Autoren sagen, das Buch richtet sich an Mädchen und Frauen und an Trainerinnen und Trainer. Das Buch bezweckt zunächst mal, dass weibliche Leser, die nicht Kampfsport betreiben, dahin geführt werden, sich mit dem Thema Gewalt und Selbstverteidigung gedanklich und theoretisch auseinanderzusetzen. Dann kommt die Erkenntnis: „Gegenwehr ist sinnvoll!“ Das veranschaulichen die Autoren auch anhand von Statistiken. Verschieden Formen der Gegenwehr werden anhand konkreter Fallbeispiele veranschaulicht.
Aber auch für Trainerinnen und Trainer ist dieser Teil von Interesse. Will man einen Selbstverteidigungskurs für Mädchen und Frauen anbieten, macht es nämlich gar keinen Sinn, einfach nur Kampfsporttraining anzubieten. Die Anforderungen an einen solchen Kurs sind andere und darüber sollte man sich vorher Gedanken machen.
Auch der Teil mit den Verteidigungstechniken in verschiedenen Angriffssituationen ist sehr informativ. Ich wünsche diesem sehr guten Buch viele Mädchen und Frauen, aber auch Trainerinnen und Trainer als Leser. Für die Frauen ist es ein guter Einstieg in die Selbstverteidigung und die Trainer werden konfrontiert mit einer realistischen Sicht der Ausgangssituation dieser Frauen, so dass sie einen guten Einstieg in Selbstverteidigungskurse an die Hand bekommen. „Selbstverteidigung für Frauen“ von Jürgen Höller, Stefan Reinisch und Axel Maluschka ist einfach ein Muss.
© Uwe Betker

Rezension: „Two Ton“ von Joseph Monninger

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Für jeden, der sich für Boxgeschichte interessiert und auch Humor hat, ist das Buch „Two Ton. One fight, one night“, das Buch von Joseph Monninger über den Kampf zwischen Tony Galento und Joe Louis, Pflichtlektüre. Außerdem ist das Buch noch kurzweilig und amüsant.
Tony Domenick Galento (112 Kämpfe, 80 Siege, 57 durch KO, 26 Niederlagen, 6 durch KO, 5 Unentschieden) war ein Unikum. Er machte Wrestling mit einen Oktopus. Er mimte den Bösewicht in dem Film Faust im Nacken, von Elia Kazan mit Marlon Brando. Er wettete, vor einem Schwergewichtskampf fünfzig Hot Dogs essen zu können und er unterhielt sein Publikum mit Tarzanschreie. Er schlug drei Gegner nacheinander, an einem Abend, KO; dabei trank er in den Ringpausen Bier. Überhaupt bestand sein Training zum Teil aus Biertrinken. Er hatte unzählige Manager, darunter den großen Jack Dempsey und bei dem Kampf gegen Louis den legendären Joe Jacobs. Er war Protagonist in dem wohl schmutzigsten Boxkampf des modernen Boxens. Und er boxte am 28.06.1939 im Yankee Stadion in New York, vor 40.000 Zuschauern. NBC übertrug den Kampf im Radio. Geschätzte 40 Millionen Menschen in den USA lauschten der Übertragung.
Gallento, ein haariger und übergewichtiger Barkeeper, dem die Haare auf dem Kopf ausgingen, trat gegen den besten Schwergewichtler seinen Generation, Joe Louis, an, der gleichzeitig auch einer der besten Boxer aller Zeiten ist. Aber dieser Mann, der so überhaupt nicht aussah wie ein Athlet, glaubte daran, dass er gewinnen könnte. Sein Credo: „I´ll moida da bum.“
In der ersten Runde des Titelkampfes klingelte Galento Louis an und in der dritten Runde hatte er ihn sogar am Boden. Der Ausgang ist bekannt.
Er war der krasse Außenseiter, aber die Hälfte der Zuschauer war für ihn. Er war der Mann, der sie zum Lachen brachte und er war der, mit dem sich viele identifizieren konnten. Er war die Verkörperung der Mehrheit: Nicht besonders hübsch, nicht besonders talentiert und nicht übermäßig intelligent, also ebenso durchschnittlich wie wir jeder – aber auch wie jeder von der Idee beseelt, der eigenen Durchschnittlichkeit zu entwachsen.
Gallento bekam seine Chance im Kampf gegen Louis und er versuchte diese Chance, die, realistisch betrachtet, nicht wirklich bestand, zu nutzten. Was in diesem Kampf und auch alles, was davor oder danach noch passiert ist, zeichnet das Buch minutiös nach. Dabei ist es sehr unterhaltsam. Die knapp über 200 Seiten habe ich mit großem Vergnügen und in einem Rutsch durchgelesen. Das Buch „Two Ton“ von Joseph Monninger ist ein sommerlich leichtes Buch und ideal für den Liegestuhl im Garten oder für den Strand. Es ist neu und gebraucht via Internet zu beziehen.
(C) Uwe Betker