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Der Cologne Beatdown in Köln Nippes

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Der Cologne Beatdown in der Halle des ESV Olympia in Köln Nippes ist schon Tradition. Am 06. Juli 2019 hatte Bihes Barakat eine Veranstaltung mit vierzehn Kämpfen zusammengestellt. Zu sehen gab es sechs K1-Kämpfe, davon einer von Frauen, einen Frauen Kickbox- und sieben Boxkämpfe, von denen zwei Profiboxkämpfe waren, die jeweils auf sechs Runden angesetzt waren.
In dem ersten Profiboxkampf des Abends trafen Marc Dube (8 Kämpfe, 8 Siege, 6 durch KO) und Cankan Günyzülü (20 Kämpfe, 2 Siege, 1 durch KO, 18 Niederlagen, 16 durch KO) im Super Weltergewicht aufeinander. Der Rechtsausleger Dube machte den Kampf. Er umkreiste seinen Gegner, boxte an und verteilte gut. Seine rechten Körperhaken waren schön. Am Ende der ersten Runde stellte Dube Günyzülü an den Seilen. Kurze Zeit später kam er mit einer Linken zum Kopf durch, die Günyzülü zu Boden zwang. Nur wenige Sekunden später, war die Runde zu Ende. In der nächsten Runde wollte Dube es wissen. Er machte Druck und suchte den vorzeitigen Sieg, den er dann auch fand. Gleich zu Beginn der zweiten Runde ging Günyzülü schon wieder zu Boden, diesmal nach einem rechten Kopfhaken. Kurze Zeit später sackte er dann ein und ging erneut auf die Bretter. Zwar stellte er sich noch mal dem Kampf aber der souveräne GBA Ringrichter Ahmed Bencheikh nahm ihn raus.
Sieger durch TKO in Runde 2, nach 53 Sekunden: Marc Dube.

Im zweiten und letzten Profiboxkampf maßen im Halbschwergewicht Moritz Tristan Hütten (3 Kämpfe, 3 Siege, 3 durch KO) und Gordan Zoric (29 Kämpfe, 5 Siege, 3 durch KO, 24 Niederlagen, 24 durch KO) ihr Können. Die Rollen waren nach wenigen Sekunden verteilt. Hütten ging auf einen vorzeitigen Erfolg, während Zoric nur überleben wollte. Hütten trieb seinen Gegner systematisch vor sich her und versuchte, ihn zu stellen. Zoric versuchte, sich an den Seilen entlang bewegend, Hütten zu entkommen. Schon nach kurzer Zeit „verlor“ Zoric seinen Mundschutz – um Zeit zu schinden. Zoric war sichtlich überfordert. Er drehte zweimal ab, wofür er auch ermahnt wurde. In der zweiten Runde stellte sich Zoric dem Schlagabtausch, der von seiner Seite unkontrolliert und wild, von Hüttens Seite jedoch überlegt und ruhig geführt wurde. Es endete mit dem KO von Zoric.
Sieger durch KO Runde 2, nach 10 Sekunden: Moritz Tristan Hütten.
© Uwe Betker

Gastbeitrag: Ein heißer Abend in Köln

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Am Samstag, dem 29.06.2019, war es so weit. Ausgetragen wurden 4 Profiboxkämpfe und 4 Amateurkämpfe. Es gab 7 Boxkämpfe und 1 K1-Kampf im Panther Gym Köln bei heißen Temperaturen über 30C°. Die gefühlt ausverkaufte Veranstaltung „upKult – Profiboxen Köln“, veranstaltet von Cemal Gülsen, organisiert von Uwe Betker und begleitet von der GBA (German Boxing Association e.V.), bot für alle Beteiligten spannende und schweißtreibende Kämpfe. Die Zuschauer sorgten für eine riesige Atmosphäre.
Auch für künstlerische Inspiration war unter dem Motto „Sport meets Art“ gesorgt! In der Sporthalle wurde eine Ausstellung aufregender, interessanter Fotos lokaler Fotokünstler gezeigt. Drei der Künstler, Levin Lee, Dennis Wilhelms und Daniel Opoku, waren anwesend. Die ausgestellten Kunstwerke rundeten das Bild der Veranstaltung ab und wurden von Zuschauern wie Athleten neugierig bewundert.
19.30 Uhr startete der erste Profiboxkampf des Abends. Es kämpfte Kazim Petkow gegen Boris Deidenbach (Gewichtsklasse 69 Kg, 4 x 3 Minuten). Beide Kämpfer verhielten sich in der 1. Runde abwartend und boxten relativ verhalten. Boris Deidenbach nahm vom ersten Gong an die Ringmitte für sich ein und versuchte, mit vielen einzelnen Führhänden seinen Gegner unter Druck zu setzen. Der leichtfüßige Kazim Petkow antwortete mit Kombinationen aus Geraden der Führungs- und Schlaghand. Beide konnten die Angriffsversuche ihres Kontrahenten kontrollieren. In der zweiten Runde wurde die Temperatur von 30 C° im Gym zum Feind von Kazim Pethkow – er verlor an Kondition und ließ somit in der Konzentration nach. Boris Deidenbach wusste das zu nutzen und konfrontierte seinen Gegner mit massiven Schlagkombinationen am Körper. Die Folge: TKO – Die rote Ecke, Kazim Petkow, gab auf und schmiss das Handtuch. Sieger: Boris Deidenbach.
Im zweiten Profiboxkampf trafen Sabri Ulas Göcmen und Robert Vrdoljak (Gewichtsklasse: 69 Kg, 4 x 3 Minuten) aufeinander. In der ersten Runde verteidigte der Kämpfer Robert Vrdoljak erfolgreich die Ringmitte und zeigte sehr gute Schlagkombinationen aus Kopf- und Körperhaken in einem insgesamt konzentrierten Boxstil. Sein Kontrahent Sabri Ulas Göcmen antwortete hierauf mit Schlagserien aus 3-Händen, welche jedoch nicht durch die Doppeldeckung seines Gegners kamen. Nach der ersten Runde wurde von der roten Ecke das Handtuch geschmissen – TKO. Sieger: Robert Vrdoljak.

Es folgte der dritte Profiboxkampf zwischen Monika Antonik und Verena Kaiser (Gewichtsklasse: 61 Kg, 6 x 2 Minuten). Monika Antonik wirkte im gesamten Kampfverlauf sehr verhalten und war augenscheinlich mit dem stabilen und konzentrierten Boxstil ihrer Kontrahentin Verena Kaiser überfordert. Die erfahrene Boxerin Verena Kaiser kontrollierte von Beginn an die Distanz zu ihrer Gegnerin und konterte die Angriffsversuche durch beeindruckende Meidbewegungen. In der zweiten Runde erhöhte Verena Kaiser den Druck auf die Polin, die diesem nicht standhalten konnte. Monika Antonik ging durch eine starke Schlagkombination von Verena Kaiser zu Boden. Ihr Kampfwille war jedoch stark und somit führte sie den Kampf weiter. Die dritte Runde war geprägt durch den verhaltenen Boxstil der jungen Polin einerseits und dem aktiven leichtfüßigen Boxstil von Verena Kaiser andererseits. In der vierten Runde konnte Verena Kaiser durch gut platzierte Kopf-/Körperhaken punkten und kam erfolgreich durch die Doppeldeckung von Monika Antonik. Auch die 5. Runde konnte Verena Kaiser für sich entscheiden. Die Treffer der Vorrunden waren Monika Antonik nun anzumerken: sie boxte unkonzentrierter und war auch in der Deckung offen. Verena Kaiser ließ sich weder in der 5. noch in der 6. Runde aus dem Konzept bringen. Sie blieb ihrer Linie treu und punktete sich stetig auf den Zetteln der Kampfrichter nach vorne. Dies führte zu folgendem Ergebnis: Sieg nach Punkten Team Kaiser – Punkte: 53 zu 60
Den Hauptkampf des Abends bestritten Lars Burry und René Offner (Gewichtsklasse: 76 Kg, 6×3 Minuten). Lars Burry eröffnete den Kampf in der ersten Runde mit einigen Schlagkombinationen – Kopf-Körperhaken – im Nahkampf. René Offner antwortete mit disziplinierten und kontrollierten Schlagserien. Beide Athleten konnten ihre Leistung in den ersten beiden Runden abrufen und das Tempo halten. Die hohen Temperaturen im Gym machten dem sehr aktiven Lars Burry mehr zu schaffen. Er verausgabte sich in den ersten beiden Runden und verlor in der 3. Runde an Konzentration. Gleichwohl wurde auf beiden Seiten versucht, das Tempo hoch zu halten. Oeffner befand sich in einer stetigen Vorwärtsbewegung und konnte in der 3. und 4. Runde insbesondere durch harte, gezielte Schläge mit der Schlaghand punkten. Die 5. Runde war gekennzeichnet durch das verhaltene Auftreten von Lars Burry, der nur einzelne Schlagkombinationen zeigte, welche nur selten durch die Deckung des stabilen Boxers René Oeffner ihren Weg fanden. In der 6. Runde hatte dann der gut ausgebildete Kölner Boxer, René Oeffner, die größeren Reserven und stets eine Hand mehr am Sieg. Trotz sehr ausgeprägten Kampfeswillens unterlag Lars Burry seinem Kontrahenten René Oeffner. Ergebnis: Sieg nach Punkten – Team Oeffner – Punkte.
© Annkathrin Tocaj

Kritisch ist noch anzumerken, dass es keine Nummerngirls gab.
© Uwe Betker

Tom Spring

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So schön auch das World Wide Web ist, die reale und analoge Welt ziehe ich ihm vor. Man kann zwar Bücher von überall auf der Welt beziehen. Und das ist ja auch schön, aber es ist doch ziemlich unsinnlich. Das Buch – und mit ihm der Boxer, den ich hier vorstellen möchte – kam nicht übers Internet, sondern in London zu mir. An einem sonnigen Sonntagnachmittag schlenderte ich auf einem Spaziergang an einem kleinen Antiquariat vorbei. Ich ging hinein, stöberte etwas herum und fand dort “Tom Spring” von John Hurley – ein sehr schönes und empfehlenswertes Buch. Mit meiner Neuerwerbung versehen, fand ich wenig später einen Platz auf einer Bank vor einem netten alten und altmodischen Pub, wo ich dann in der Nachmittagssonne, ein Real Ale vor mir auf dem Tisch, anfing, mich mit Tom Spring zu beschäftigen. So etwas passiert in der realen Welt, das World Wide Web kann einem das nicht bieten.
Tom Spring, geboren als Thomas Winter (22. Februar 1795 – 20. August 1851), war ein englischer Bare-Knuckle Boxer – einer der ganz Großen. Er war Schwergewichtschampion von England von 1821 bis 1824. Spring gilt als einer der „wissenschaftlichsten“ der frühen englischen Boxer. Es setzte sich mit der Technik des Boxens auseinander, was zu seiner Zeit unüblich war. Da er keinen harten Punch hatte, war er darauf angewiesen, dass seine Deckung hielt. Er hatte eine gute Beinarbeit. Er musste seine Gegner ermüden, um sie dann mit seinen relativ starken linken Haken eventuell doch zu fällen. Seine Hände waren sehr verletzungsanfällig.

Geboren wurde Winter in Witchend in Fownhope, Herefordshire. Er kam aus einer Boxerfamilie; sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren Boxer. Wie sein Vater wurde auch er Metzger von Beruf. Der in der Nähe in Fownhope Court residierende elfte Duke of Norfolk veranstaltete für seine Gäste gerne Boxkämpfe mit den lokalen Boxern. Winter begeisterte den Adligen, der ihn von nun an unterstützte.
1811 verlor Winter seinen Trainer und Mentor, seinen Vater. Der wurde nämlich wegen seiner Schulden ins Gefängnis gesteckt. Im Frühjahr 1814 traf er dann auf den legendären und damals amtierenden Schwergewichtschampion Tom Cribb. (https://betker.wordpress.com/2011/11/19/tom-cribb-1/) Schon bald überzeugte er diesen von seinem Können. Winter ging mit Cribb (https://betker.wordpress.com/2011/11/20/tom-cribb-2/) nach London, der sein Trainer und Promoter wurde, und aus Winter wurde Spring.
1818 kämpfte Spring zweimal gegen den sehr erfahrenen Ned Painter. Der ersten Kampf, am 01. April 1818, wurde nach 31 Runden, einer Stunde und neunundzwanzig Minuten abgebrochen und Spring zum Sieger erklärt. Painter war vorher mehrfach ohne Schlagwirkung zu Boden gegangen. Mit diesem Sieg beanspruchte Spring den Titel des englischen Schwergewichtschampions.
Im Rückkampf, am 07. August 1818, unterlag er dann nach 42 Runden, einer Stunde und vier Minuten. Bereits in der ersten Runde war er nach einer sehr harten Rechten zum Kopf zu Boden gegangen. Von diesem Niederschlag erholte er sich nicht mehr. In Runde 42 gelang es ihm nicht mehr, auf die Beine zu kommen. Spring wollte unbedingt einen Rückkampf, aber Painter trat gegen ihn nie wieder an, woraufhin sich Spring wieder zum Titelhalter erklärte.
1822 hängte Springs Promoter, Mentor und Trainer Tom Cribb seine Handschuhe an den Nagel, wodurch der Britische Schwergewichtstitel vakant wurde. Cribb nominierte seinen Boxer Spring als seinen Nachfolger. Um diesen Titel zu verteidigen, bot Spring an, gegen jeden in England anzutreten. Aber niemand forderte ihn bis 1823 heraus.
Am 20 Mai 1823 trat er dann gegen Bill Neat an. Dieser hatte sich vorher über Springs Schlagstärke lustig gemacht und ihn als „Dienstmädchen der Dame“ bezeichnet. Der Kampf dauerte nur 37 Minuten. Spring schickte Neat bereits in der ersten Runde zu Boden. Danach verteidigte er (1824) zweimal erfolgreich seinen Titel gegen den Iren Jack Langan. Am 07. Januar brauchte er 77 Runden, zwei Stunden neunundzwanzig Minuten und am 08. Juni 76 Runden, eine Stunde und neunundvierzig Minuten.
Hiernach stieg er nicht mehr als Preisboxer in den Ring. Er erwarb das „Castle Inn“ in Holborn, das dem Boxer Bob Gregson gehört hatte. Hier traf sich nun das Boxen in England. Kämpfe wurden organisiert und Verträge unter seiner Aufsicht unterzeichnet. Spring suchte nach Kräften, der Korruption im englischen Boxen entgegenzutreten. Am 25. September 1828 wurde eine als „Fair Play Club“ bekannte Organisation gegründet, die sich zur Aufgabe setzte, das Boxen von kriminellen Machenschaften zu säubern. Spring wurde zum ersten Schatzmeister des Clubs gewählt.
Überschattet wurde seine Tätigkeit von zwei Kämpfen, die er für den irischen Champion im Schwergewicht, Simon Byrne, arrangierte. Im zweiten Kampf kämpfte Byrne am 30. Mai 1833 gegen James Burke um den Titel im Schwergewicht. Dieser Kampf wurde der zweitlängste Kampf der Boxgeschichte, nur der berühmte Kampf zwischen Andy Bowen und Jack Burke im Jahr 1893 dauerte länger. (https://betker.wordpress.com/2016/03/05/andy-bowen-vs-jack-burke-der-laengste-boxkampf-aller-zeiten/) Das Aufeinandertreffen der beiden gestaltete sich brutal und blutig. Und es wurden riesige Summen auf den Ausgang des Kampfes gesetzt. In der 99. Runde, Spring war Sekundant von Byrne, trug er seinen fast bewusstlosen Schützling in die Ringmitte. – Dazu muss man wissen, dass der Boxer in der Ringpause häufig auf dem Schoss seines Sekundanten saß. – Byrne wurde erneut niedergeschlagen und starb drei Tage später. Dazu ist allerdings anzumerken, dass derlei zu jener Zeit nicht selten vorkam.
Hatte Spring als Boxer schon gutes Geld verdient, so wurde er im Ruhestand reich. Dennoch galt er als großzügig und Boxern gegenüber, die weniger Glück gehabt hatten als er, als freigebig; er war hoch geachtet. Offensichtlich konnte er aber nicht mit Geld umgehen. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Später trennte er sich von seiner Frau. Sie starb mittellos im Holborn-Arbeitshaus. Spring starb am 20. August 1851 mit 56 Jahren. Er wurde unter seinem richtigen Namen Thomas Winter begraben.
Das Buch von Jon Hurley über Tom Spring ist ohne Einschränkung zu empfehlen. Es ist offensichtlich gut recherchiert und lässt sich gut herunter lesen. Seine besondere Stärke besteht darin, immer wieder ein anschauliches Bild von den Menschen dieser Zeit und ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu zeichnen.
Auch Sir Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes, schrieb eine Kurzgeschichte „Der Lord von Falconbridge“ mit Spring als Protagonisten. Hierzu aber später mehr.
(C) Uwe Betker

Ein Abend in Hof mit fünf Vierrundern

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An diesem Wochenende, am 22.09.2018, hat es mich nach Hof verschlagen. Dort, in dem schönen Festsaal der Freiheitshalle, gab es zehn Boxkämpfe zu sehen, von denen fünf von Profis bestritten wurden. Die Stimmung war schon bei den Amateurkämpfen sehr gut. Die Kämpfer wurden angefeuert. Etem Bayramoglu, der Lokalmatador, der auch den Hauptkampf des Abends bestritt, machte seinen ersten Profikampf. Der bereits 32 Jahre alte Profiboxer lernte das Boxen in Hof, startete aber später für Nürnberg. Bemerkenswert, dass er bei seinem Debüt bereits eine Halle füllt.

Den Anfang bei den Profis machten Lars Burry (2 Kämpfe, 2 Siege, 1 durch KO) und Muhamed Thaqi (3 Kämpfe, 3 Niederlagen, 3 durch KO) im Super Mittelgewicht. Beide boxten verhalten. Thaqi bestimmte den Kampfrhythmus. Es gab aber nur wenige Aktionen. Aus einem unerfindlichen Grund stellte sich Thaqi mehrfach in eine Ecke und ließ sich eindecken. Das erste Mal schaffte er es noch, die Schläge von  Burry zu blocken. Bei den anderen beiden Malen ging er nach Körpertreffern zu Boden. Am Anfang der zweiten Runde wiederholte sich diese Situation, nur dass Thaqi nun ausgezählt wurde. Sieger durch KO in Runde 2 nach 44 Sekunden: Lars Burry.

Anschließend stiegen die beiden Debütanten Naqibullah Nazari und Mohamad Alhsayan für einen Kampf im Weltergewicht in den Ring. Der Kampf war munter. In der ersten Runde hatte Nazari aufgrund seiner längeren Arme Vorteile. Zu Anfang der zweiten Runde stellte  Nazari  Alhsayan in dessen eigener Ecke und kam mit einer harten Rechten zum Körper durch, die Alhsayan einknicken ließ. GBA Ringrichter Izzet Kurnaz winkte den Kampf ab. Sieger durch TKO in Runde 2, nach 37 Sekunden: Naqibullah Nazari.

Danach boxten Khaled Ghnaiem Tarokj (4 Kämpfe, 4 Niederlagen, 2 durch KO) und Yasir Malik (3 Kämpfe, 3 Siege, 3 durch KO) im Super Weltergewicht gegeneinander. Malik boxte schön an. Er verteilte gut. Schon die erste gute Rechte zum Kopf zwang Tarokj zu Boden. Für den Rest der Runde spielte Malik nur noch mit seinem Gegner. Bei der ersten Aktion am Anfang der zweiten Runde stellte Malik seinen Gegner in dessen Ecke und kam mit einer schönen Rechten zur Schläfe durch, die Tarokj fällte. Sieger durch KO in Runde 2, nach 22 Sekunden.

Ebenfalls im Super Weltergewicht boxten Sebastian Tamm (3 Kämpfe, 2 Siege, 1 Niederlage, 1 durch KO) und Diyab Simon Dabschah (6 Kämpfe, 6 Siege, 6 durch KO) gegeneinander. Dabschah boxte lang, gerade und explosiv, aber mit angezogener Handbremse. In der zweiten Runde erhöhte er dann den Druck und stellte Tamm in dessen Ecke, aus der er ihn  nicht mehr rausließ. Er kam mehrfach gut zu Körper und Kopf durch und zwang Tamm zu Boden. Dieser stellte sich zwar noch einmal zum Kampf, aber eine Rechte zur Schläfe gefolgt von einem linken Körperhaken, zwang ihn erneut zu Boden. Da ließ er sich dann auszählen. Sieger durch KO in Runde 2, nach 1:04 Minuten: Diyab Simon Dabschah

Zum Schluss boxte der Lokalmatador Etem Bayramoglu zweimal im Cruisergewicht. Zuerst absolvierte er einen Kampf gegen Khaled Alhsayan, der sehr kurzfristig eingesprungen war. Der gebuchte und sich bereits auf der Anreise befindliche Gegner hatte erfahren, dass sein Vater verstorben war; daher fuhr er nach Hause zurück. Der Ersatzgegner erkrankte. Um seinem Publikum dennoch etwas für sein Geld zu bieten, machte er noch nach seinem Kampf einen Sparringskampf.

Der Kampf als selbst war kurz und einseitig. Bayramoglu war körperlich und technisch haushoch überlegen. Bayramoglu spielte mit seinem Gegner, poseste und verzichtete darauf zu schlagen, obwohl er die Möglichkeit dazu hatte. Damit demonstrierte er seine Überlegenheit. In der zweiten Runde machte er dann ein wenig mehr und Alhsayan ging zu Boden. Sieger durch TKO in Runde 2, nach 39 Sekunden.

© Uwe Betker

Rezension: Szczepan Twardoch „Der Boxer“

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09.04.1988 fand einer der ganz großen Boxkämpfe im Cruisergewicht statt; es boxten Evander Holyfield und Carlos De León gegeneinander. Eine Beschreibung dieses Kampfes, der als brutal und doch als zugleich von einer großen Schönheit bestimmt wird, fungiert im Buch als Schlüsselszene, die man als Bild, das eine pointierte Zusammenfassung des Romangeschehens enthält, lesen kann: „Holyfield bearbeitete de Leóns Rumpf, drückte ihn die ganze Zeit in die Seile, dann verlegte er seine Drescharbeit auf de Leóns Kopf, de León versuchte ein paar Erwiderungen, doch schwach waren seine Schläge, ganz schwach. […]
Den Rest der Wiederholung haben sie gekürzt, gleich nach Tysons Kommentar kam die siebte Runde. Holyfield traf de León mehrmals am Kopf, sodass er sich nur noch mit Mühe auf den Beinen hielt. In der achten ein Massaker: de León nur deshalb noch aufrecht, weil er in den Seilen hing, Holyfield demolierte seinen Kopf, schließlich brach der Ringrichter den Kampf ab.
Ich bewunderte de Leóns Niederlage zutiefst. Solche Prügel einzustecken und weiter auf den Beinen zu bleiben … Das war schon was.“ [Twardoch „Der Boxer, Seite 148f]
Ebendiesen Kampf sieht der Erzähler, Mojzesz Bernstein, während er die/seine Geschichte niederschreibt bzw. sie in Rückblicken erzählt. Er erinnert sich an seine Jugend als armer Jude in Warschau, dem Warschau vor dem Einmarsch der Nazis. Das Zwischenkriegs-Polen des Jahres 1937 bildet den historischen Hintergrund, ein Polen, das nach dem Tod Jozef Pilsudskis (1935) politisch wie ethnisch zerriss. Rechte und Linke, Faschisten, Antisemiten, Juden, Gangster und korrupte Politiker standen sich in einem gnadenlosen Kampf gegenüber, in dem keine Seite auch vor den abscheulichsten Taten nicht zurückschreckte. Diese historische Situation, in der ein Putsch rechtsnationaler und rechtsradikaler Kräfte in der Luft lag, polnische Juden, rund 10 % der polnischen Bevölkerung, immer stärker diskriminiert wurden und es zu Boykotten und Pogromen kam, liefert die aufgeladene Atmosphäre für die Romanhandlung. Wir erfahren auch, dass an Universitäten so genannte „Hörsaal-Ghettos“ eingeführt wurden, d.h. für jüdische Studenten wurden ausgewiesene Bänke eingerichtet, auf denen sie zu sitzen hatten.

Der 17-Jährige Bernstein wird Zeuge, wie sein Vater von dem Titelhelden Jakub Shapiro auf bestialische Weise getötet, zerstückelt und entsorgt wird. Dennoch lässt er sich später von eben jenem Shapiro als Ziehsohn aufnehmen. Den Anfang der Beziehung markiert ein Amateurboxkampf, bei dem der Jude Shapiro auf den katholischen Polen Andrzej Ziembinski trifft, einen Faschisten, blond und groß, „wie die deutschen Sportler, arische Halbgötter auf den Fotos und Zeichnungen, die man manchmal in den Illustrierten fand.“ Shapiro strahlt eine andere Art von Schönheit aus, er ist „anders schön als Ziembinski, eine gleichsam finstere Art von Schönheit.“ Shapiro gewinnt durch KO und verschafft den unterdrückten Juden im Publikum dadurch eine kurzzeitige Genugtuung. Das gibt auch den Ausschlag dafür, dass Bernstein sich ihm anschließt. In der Folge wird er Shapiros Handlanger. Er lernt das Boxen und er begleitet Shapiro, auch zu dem (nicht-jüdischen) Unterwelt-Paten Jan Kaplica, in dessen Diensten der Boxer steht, dessen „rechte Hand“ er ist, sein Mann fürs „Grobe“. Shapiro treibt Schutzgelder ein, führt Straßenschlachten, begeht gelegentlich Morde und beseitigt Leichen. Im Warschau jener Zeit, das wird überdeutlich, geht es in erster Linie ums Überleben.
„Der Boxer“ ist kein Buch für Zartbesaitete. Es ist ein brutales Buch. Es ist sehr brutal. Gegen Ende des Buches meint man, der Brutalität nun endlich entronnen zu sein. Aber weit gefehlt! Die letzten eineinhalb Seiten stellen an Grausamkeit noch mal alles Vorangegangene in den Schatten. Der Autor zerstört hier noch seine letzten überlebenden Figuren. Wie schon gesagt: „Der Boxer“ ist nichts für Zartbesaitete.
„Der Boxer“ von Twardoch kommt daher als rasante, atmosphärisch dichte Gangsterballade, enthüllt dem genaueren Blick aber noch sehr viel mehr. Es geht nämlich hier um Schönheit, um eine Schönheit der Sprache und Schönheit auch im Schrecken.
Twardoch ist nicht nett zu seinen Figuren. Er drückt zwar schon eine gewisse Sympathie für sie aus, gleichwohl versetzt er sie mitleidlos in eine Hölle, in der es keine Zuneigung und kein Miteinander gibt. Alle auftretenden Personen sind mehr oder weniger böse und vor allem leben sie in einer brutalen Welt, die sie nur ihre schlechtesten Eigenschaften entwickeln lässt. Einigen wenigen Figuren gewährt Twardoch ein Überleben, aber damit noch lange kein „Happy End“. Unter dem Schatten des kommenden Holocaust gerät ein solches Überleben noch brutaler, grausamer und härter als der Tod.
Trotz aller Schmissigkeit und Rasanz haben wir es mit einer komplexen Geschichte zu tun. Das Buch bewegt sich auf verschiedenen Ebenen. Zunächst einmal haben wir verschiedene Zeitebenen, 1937 in Warschau und 1988 in Israel. Es hat auch eine metaphysische Ebene, die ihren Ausdruck findet in dem nur für wenige sichtbaren, durch die Luft schwebenden Pottwal, der sich von schwarzer Milch ernährt, womit dann schon gleich diversre literarische Bezüge angedeutet werden (Herman Melville, Thomas Hobbes und Paul Celan – ich höre schon auf). Schließlich verschwimmen die Grenzen der erzählten Realität immer mehr. Im Verlauf der Lektüre gerät man in wachsende Zweifel an der Identität des Erzählers. Ist es wirklich Bernstein, der sich jetzt Mojzesz Inbar nennt, ein ehemaliger Militär und ein alter, gebrochener Mann, der sich da erinnert, oder womöglich Shapiro?
„Der Boxer“ von Szczepan Twardoch ist schlicht ganz große Literatur. Seit ewigen Zeiten ist mir kein literarisches Werk untergekommen, das mit einer solchen sprachlichen Kraft und Intensität auf mich gewirkt hätte. Und ich finde auch, es ist ein Muss für jeden Boxfan, Boxer, Trainer, Leser und Nicht-Leser.
(C) Uwe Betker

Eine Bluttransfusion für das deutsche Profiboxen

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Dem Profiboxen in Deutschland geht es schlecht. Es wird nur noch wenig Boxen im Fernsehen gezeigt und die Einschaltquoten erreichen nur noch einen Bruchteil von denen vor zwanzig Jahren. Aber nun schickt sich jemand an, dem Profiboxen in Deutschland wieder etwas auf die Sprünge zu helfen.
Das Projekt von Jan Jungmayr ist schon seit langem bekannt (http://operation300.de/). Der erfolgreiche DDR Amateurboxer will nach einer über zwanzigjährigen Pause beweisen, dass Erfolg planbar ist. Er will gegen renommierte Schwergewichtler antreten. Hierfür gibt er sich 300 Tage Zeit. Offensichtlich hat Jungmayr einen TV-Sender gefunden, der seine Vorbereitung begleiten und seine Boxkämpfe übertragen will. Dann gibt es mehr Boxen im Fernsehen und einen weiteren Sender, der Boxen zeigt.
Jungmayr will gegen den deutschen Meister im Schwergewicht, Tom Schwarz (21 Kämpfe, 21 Siege, 13 durch KO), antreten. – Auf den ersten Blick erscheint eine solche Ansetzung absurd. Jungmayr ist schließlich 46 Jahre alt und seinen einzigen Profikampf hat er 1997 bestritten und verloren. – Vorher plant er noch mit einem Kampf, gegen einen entsprechend platzierten Boxer, unter Beweis zu stellen, dass er ein würdiger Herausforderer ist.
Interessant wird das ganze Vorhaben erstmal aber schon dadurch, dass Jungmayr so viel Geld eingesammelt hat, dass er seinem Gegner Tom Schwarz die beste Börse seiner Karriere garantieren und Dopingkontrollen nach NADA-Standards durchführten lassen kann.
Das Angebot von Jan Jungmayr an Tom Schwarz und Ulf Steinforth könnte wie eine Bluttransfusion für das deutsche Profiboxen wirken. Es will ihm nämlich zukommen lassen: einen TV-Sender, zwei gute Schwergewichtskämpfe mit deutscher Beteiligung, gute Börsen und ernstzunehmende Dopingkontrollen.
© Uwe Betker

Gastbeitrag: Boxen in der Literatur – Jack London (1) „The Game“

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Biographischer Hintergrund
Jack London wurde am 12. Januar 1876 als uneheliches Kind geboren. Sein leiblicher Vater war vermutlich der Astrologe William Chaney, doch seine Mutter heiratete noch im selben Jahr John London, der den Jungen adoptierte. Sein zartes Äußeres war der Grund dafür, daß er in der Schule das Ziel von Attacken Älterer wurde. Allerdings verstand er es offensichtlich schon früh, sich seiner Haut zu wehren. Er schloß 1891 die Grammar School in Oakland ab und arbeitete anschließend in einer Fabrik. Mit 300 von seiner Amme geliehenen Dollars kaufte er das Boot Razzle-Dazzle und plündert damit Austernbänke. Anschließend wechselte er die Seiten und wurde Mitglied der California Fish Patrol. Mit 17 unternahm er eine siebenmonatige Reise auf dem Segelschoner Sophia Sunderland. Als bartloser junger Bursche mußte er sich gegen die rauhen Seeleute durchsetzen. Einem Schweden, der ihn schikanierte versetzte er zuerst einen Fausthieb und drückte ihm anschließend so lange die Kehle zu, bis er versprach ihn zufrieden zu lassen. [vgl. Russ Kingmann. A Pictorial Life of Jack London. New York: Crown, 1979. 44-45]
Zurück an Land gewann London bei einem Wettbewerb einer Zeitung aus San Francisco einen Preis für den besten beschreibenden Artikel. 1894 arbeitete er zunächst in einem Kraftwerk und begab sich dann auf Wanderschaft. Im folgenden Jahr nahm er seine Ausbildung wieder auf und ging auf die Oakland High School wo er auch Artikel für die Schülerzeitung verfaßte. Noch vor der Jahrhundertwende wurde er Mitglied in der Socialist Labor Party, studierte ein Semester an der Universität und nahm am Goldrausch in Klondike teil.
Er entschloß sich danach, Schriftsteller zu werden und veröffentlicht 1899 seine ersten Geschichten. Als Autor war er extrem produktiv, vielseitig und kommerziell erfolgreich:
„Virtually everything he wrote, he sold – and he wrote 1,000 words each day for 17 years. During the years from 1900 until his death in 1916, he produced more than 50 books with an astonishing range of subjects: agronomy, architecture, astral projection, boating, ecology, gold-hunting, hoboing, loving, penal reform, prizefighting, Socialism, warfare.“ [Earle Labor und Jeanne Campbell Reesman. Jack London. Überarb. Aufl. New York: Twayne, 1994. XIII]
Im November 1901 verfaßte er seine erste größere Boxreportage über den Kampf zwischen James Jeffries und Bob Fitzsimmons um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Er besuchte Boxkämpfe wann immer es ihm möglich war und verfaßte unzählige Zeitungsberichte.
1902 lebte er sechs Wochen im Londoner East End und verarbeitet die dort gewonnenen Eindrücke später in dem Roman The People of the Abyss.
1904 berichtete er vom Russisch-Japanischen Krieg. Im folgenden Jahr hielt London an verschiedenen Universitäten Vorträge und veröffentlichte den Roman The Game, der sich mit dem Boxen beschäftigt. Er gab den Bau eines Segelbootes, der Snark in Auftrag, mit der er ab 1907 ausgedehnte Seereisen unternahm. Auf diesem Boot führte er, wie zuhause Sparringsrunden mit seiner Frau Charmaine durch, die vor allem seine Verteidigung verbesserten, denn er konnte natürlich nicht hart zuschlagen, wenn er mit ihr trainierte. [vgi. pic. 224f] Auf einer seiner Reisen infizierte sich London mit verschiedenen Tropenkrankheiten und mußte in Sydney im Krankenhaus stationär behandelt werden.
1908 berichtete der Schriftsteller vom Kampf zwischen dem weißen Titelverteidiger Thomas Burns und dem schwarzen Jack Johnson. Nach der Niederlage Burns´ war er derjenige, der in Amerika die hysterische Suche nach der great white hope auslöste.
Australia took the defeat far more seriously than did America. Both white and black America seemed rather unmoved by the event until novelist Jack London sounded the call for Jim Jeffries to come back and „remove the golden smile from Jack Johnsons face.“ [Jeffrey T. Sammons. Beyond The Ring: The Role of Boxing in American Society. Urbana und Chicago: U of Illinois P, 1988. 37]
Ab 1910 widmete sich London dem Aufbau einer Musterranch.
Im Juni hatte er eine Schlägerei mit einem Kneipenwirt. Eine Anklage wegen Körperverletzung wurde aber später niedergeschlagen. Einige Wochen später berichtete London für die Zeitung The New York Herald vom Weltmeisterschaftskampf im Schwergewicht zwischen Jim Jeffries und dem Schwarzen Jack Johnson. Ein Zeitungsartikel aus dem folgenden Jahr gibt Londons Einstellung zum Boxen wieder:
„I would rather be heavyweight champion of the world – which I never can be – than King of England, or President of the United States, or Kaiser of Germany.
Of all the games it is the only one I really like.“ [Zitiert nach: Pic. 226]
Der zweite Boxroman The Abysmal Brute wurde zunächst im Popular Magazine und zwei Jahre später, 1913 als Buch veröffentlicht und wurde von den Lesern sehr positiv aufgenommen. [vgl. Pic 244]
London durchquerte das nördliche Kalifornien und Oregon mit einer Pferdekutsche und umsegelte 1912 Kap Horn. In seinen letzten Lebensjahren berichtete London von der Mexikanischen Revolution und trat aufgrund der dort gewonnenen Erfahrungen aus der Socialist Labor Party aus. Er bekam danach immer stärkere gesundheitliche Probleme. Am 22. November 1916 stirbt Jack London mit nur 40 Jahren vermutlich an den Folgen einer Nierenerkrankung.

The Game
Der Roman [Jack London. The Game. 1905. Oakland: Star Rover House, 1982. Diese Ausgabe ist zu empfehlen, da sie die Illustrationen der Originalausgabe enthält.] beginnt damit, daß der Held, Joe Fleming und seine Verlobte Genevieve Pritchard Teppiche für ihre zukünftige Wohnung aussuchen. Joe ist Berufsboxer [Nur ein geringer Teil der Berufsboxer war und ist hauptberuflich „Profi“. Der Berufsboxsport unterscheidet sich vom Amateursport im wesentlichen durch längere Kampfdauer und offizielle (!) Bezahlung.], hat jedoch seinen eigentlichen Beruf als Segelmacher nie aufgegeben. Seinen Siegprämien lieferte er stets zuhause ab und bezahlte das Haus seiner Mutter. Er will noch einen letzten Kampf machen, um der jungen Familie ein Startkapital zu geben und dann dem Ring für immer fern bleiben.
Die Liebesgeschichte, die im Mittelpunkt des zweiten Kapitels des Romans steht ist von der absoluten Unschuld Joes und Genevieves gekennzeichnet.
„Their love was all fire and dew. The physical scarcely entered into it, for such seemed profanation. The ultimate physical facts of their relation were something which they never considered.“ [London. The Game. 67]
Dennoch ist ihre Unschuld vom irrationalen Verlangen Joes getrübt seiner Verlobten wehzutun.
„Once, on parting, he threw his arms around her and swiftly drew her against him. Her gasping cry of surprise and pain brought him to his senses and left him there very much embarrassed and still trembling with a vague and nameless delight. And she, too, was trembling. In the hurt itself, which was the essence of the vigorous embrace, she had found delight; and again she knew sin, though she knew not ist nature nor why it should be sin.“ [London. The Game. 70]
Im vierten Kapitel begleitet Genevieve ihren zukünftigen Ehemann zu seinem letzten Kampf. Sie muß sich als Mann verkleiden, um eingelassen zu werden, da Frauen als Zuschauer nicht zugelassen sind. Joe läßt sie in einen der Umkleideräume bringen, von wo aus sie den Ring überblicken kann. Der Anblick des gutaussehenden, grazilem und wohlproportionierte Joes, den sie zum ersten Mal halbnackt sieht weckt in Genevieve sündige Gefühle. Der Kämpfer tritt gegen John Ponto an, der etwa fünf Kilogramm schwerer ist und dessen Körper eher an den eines Gorillas erinnert. Die Zuschauer stehen geschlossen hinter dem Favoriten Joe.
Im nächsten Kapitel wird der Kampf Runde für Runde aus der Sicht Genevieves detailliert beschrieben. Vier Runden lang greift Ponto stürmisch an aber in der fünften gelingt es Joe, die Oberhand zu gewinnen, nur um von einem Foulschlag des ersteren niedergeschlagen zu werden. Es gelingt Joe jedoch, sich zu erholen. Von der neunten Runde an geht der junge Held erneut in die Offensive, erzielt zahlreiche Niederschläge und sieht aus wie der sichere Sieger. In diesem Augenblick verliert Joe auf dem nassen Ringboden das Gleichgewicht und der völlig erschöpfte Ponta nutz diese Gelegenheit, sammelt seine letzten Kräfte und knockt Joe aus. Zunächst ist Genevieve unbesorgt, erst als nach einem Arzt gerufen wird und ihr Verlobter nicht zu sich kommt beunruhigt sie sich. Sie begleitet den Bewußtlosen, selbst wie in Trance, ins Krankenhaus, wo man nichts mehr für ihn tun kann, da sein gesamter Hinterkopf vom Aufprall auf den Ringboden zerschmettert wurde. So stirbt ihr zukünftiger Mann am Tag ihrer geplanten Hochzeit.

Dieser Roman ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. London war mit diesem Werk der erste, der „den Boxsport in Amerika zum Thema anspruchsvoller Literatur“ machte und The Game ist eine „der ersten ausführlichen Auseinandersetzungen eines bekannten amerikanischen Autors mit dem Sport überhaupt“. [Hans Lobmeyer. Die Darstellung des Sports in der amerikanischen Erzählliteratur des 20. Jahrhunderts. Diss. Uni Regensburg, 1982. 119] Außerdem liegt hier der kuriose Fall vor, daß nicht nur das Boxen die Literatur beeinflußte sondern anders herum. Gene Tunney, der Weltmeister im Schwergewicht von 1927 bis 1930 soll aufgrund der Lektüre diese Buches seine Karriere beendet haben und das Buch drei Jahrzehnte später an einen seiner Nachfolger, Rocky Marciano weitergegeben haben, der dann zurücktrat, bevor er eine Niederlage erlitt. [vgl. pic.225] Dies sagt einiges darüber aus wie realistisch der Roman ist. Die Frage nach der Authentizität des Buches beschäftigte die Kritiker nach dem Erscheinen für einige Zeit. Schließlich erklärte London, er habe selbst gesehen, wie das Vorbild für Joe Fleming in eben dem beschriebenen Club starb als er mit dem Kopf auf dem Ringboden aufschlug. Eine endgültige Bestätigung fand dieses Werk, als der Weltmeister im Leichtgewicht, Jimmy Brett in einem Zeitungsartikel schrieb, The Game sage so viel über das Verständnis Londons vom Boxen aus, daß er ihn in seinem bevorstehenden Kampf als Ringrichter akzeptieren würde. [pic.152]
Die unschuldige Liebesgeschichte zwischen Genevieve und Joe und dient als Kontrast zu dem brutalen Boxkampf. London führt jedoch auch das Element der Sünde ein. Das Verlangen Joes Genevieve weh zu tun und deren Lustgefühle beim Anblick des halbnackten Kämpfers dienen möglicherweise als eine Erklärung bzw. Begründung für das tragische Ende des Romans. Der Tod Joes wäre somit gleichsam eine göttliche Strafe.
Für Michael Oriard sind Genevieve und Joe typische Beispiele für sexuelle Stereotypen. [Zu den boy and girl -Stereotypen siehe auch: Oriard. Heroes. 176ff] Er ist der Meinung, daß Sport im 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle bei der Ausprägung der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau spielt. Sport ist der letzte Bereich im Leben, wo Männer typische männliche Tugenden. „speed, agility, endurance, perseverence, competitiveness, aggressiveness, quick thinking, self disciline“ beweisen können Dies hält er auch für die Ursache dafür, daß Männer Frauen beim Sport ausgrenzen und das Sport im Extremfall sogar zu einer Alternative für eine nicht immer unkomplizierte heterosexuelle Beziehung werden kann. [vgl. Michael Oriard. „Jack London: The Father of American Sports Fiction“. Jack London Newsletter 11.1 (1978): 6f] Man kann also das zentrale Thema von The Game im Konflikt zwischen Maskulinität und Femininität im Sport sehen. Folgende Sätze Genevieves am Ende des Romans in denen sie das Boxen als Konkurrenten um die Gunst des Mannes beschreibt machen diese Sichtweise plausibel:
„She was stunned by the awful facts of this game she did not understand – the grip it laid on men´s souls, its irony and faithlessness, its risks and hazzards and fierce insurgences of blood, making woman pitiful, not the be-all and end-all of man, but his toy and his pasttime; to woman his mothering and care-taking, his moods and his moments, but to the Game his days and nights of striving, the tribute of his head and hand, his most patient toil and wildest effort, all the strain and the stress of his being – to the Game, his heart´s desire.“ [London. Game. 179f]
Genevieve spielt aber auch insofern eine wichtige Rolle im Roman, als der Leser den Kampf durch ihre Augen erlebt. Dieser Kunstgriff ermöglichte er London die Aufmerksamkeit des Lesers auf jedes kleine Detail des Boxkampfes zu lenken, ohne dabei ermüdend zu wirken.
Der Gewichtsunterschied zwischen Joe Fleming und Ponta von etwa fünf Kilogramm ist für Laien zwar leicht zu übersehende aber dennoch bedeutend. Heute lägen zwischen den beiden zwei Gewichtsklassen, so daß der Kampf gar nicht zugelassen würde. Wenige Kilogramm Mehrgewicht wirken sich nämlich sowohl in der Härte der Schläge als auch in der Toleranz gegen Treffer dramatisch aus. Dieser Gewichtsunterschied macht läßt auch die Interpretation des Kampfes als Variation des biblischen Konfliktes zwischen David und Goliath, wie sie Robert Higgs macht als schlüssig erscheinen. [vgl. Robert Higgs. The Unheroic Hero: A Study of the Athlete in Twentieth-Century American Literature. Diss. U of Tennessee. Ann Arbor: University Microfilms International, 1961. 119]
(C) Martin Scheja